Die Simpsons in Not
Normalerweise findet sich auch in Springfield stets genug Wahnsinn, um damit eine weitere Folge der »Simpsons« voll zu bekommen. Doch gelegentlich finden es die Macher der Serie ganz sinnvoll, klar zu machen, dass die ganz normale amerikanische Durchschnittsfamilie auch außerhalb der USA mit so mancher Alltagsgroteske konfrontiert werden kann. Also steigen die Simpsons hin und wieder mal in den Flieger. Als dann vor zwei Wochen in der Folge »Blame it on Lisa« ihre Erlebnisse in Rio de Janeiro geschildert wurden, fand das die dortige städtische Tourismusbehörde jedoch gar nicht gut. Vielleicht weil zu wenig Karneval und Samba zu sehen war und stattdessen ein Waisenhaus, das von Affen angegriffen wurde. Außerdem wurde Bart auf dem Zuckerhut von einer Boa verschlungen, Marge auf einer Polizeiwache belästigt und Homer von einem Taxifahrer entführt.
Vielleicht hätte sich an diesen Szenarien allein niemand groß gestört, doch endgültig zu weit ging dann wohl, dass Mäuse und Ratten gezeigt wurden, die Fußgänger am Überqueren einer Straße hinderten. Die Stadt Rio möchte nun die Firma Fox Cable International auf die Höhe der Einnahmen aus dieser »Simpsons«-Folge verklagen. Selbst Staatspräsident Fernando Henrique Cardoso scheint übrigens ein »Simpsons«-Glotzer zu sein, er zeigte sich ebenfalls empört.
Neuer Luderskandal
Bislang sorgten der Schweizer Botschafter in Berlin, Thomas Borer, samt Gemahlin Shawne Fielding als Glamourpärchen ganz allein für genügend Stoff, um die Spalten der Klatschpresse aufzufüllen. Sie schmissen regelmäßig die besten Parties für Politprominenz und aufstrebende Sternchen, und das Dekolleté von Shawne galt als das am weistesten ausgeschnittene der Hauptstadt. Das ist doch auch was.
Von der Schweiz aus beobachtete man das Treiben des offiziellen Repräsentanten in Deutschland dagegen schon seit längerem mit Skepsis. Champagner trinken statt Akten wälzen, dieses Arbeitsethos war vielen Eidgenossen leicht suspekt. Dabei vermittelten der Botschafter und seine Gattin ein Bild der Schweiz, das so gar nicht zu den herkömmlichen Klischees des Landes passen wollte. Ein lässiges, weltoffenes, sexy Helvetia, das war neu, und es gab immer mehr Schweizer, die diese neue öffentliche Wahrnehmung ihres Landes ganz gut fanden.
Doch jetzt ist Borer über eine Luderaffäre gestolpert, die ihn prompt seinen Job gekostet hat. Mit einer 34jährigen Parfümerie-Verkäuferin soll er sich zu wilden Fesselspielen und »reinem, puren Sex« - so das Botschafterluder selbst - getroffen haben. Die Schweizer Boulevardzeitung Blick skandalisierte den Ehebruch so vehement, dass Bern sich gezwungen sah, den liebestollen Botschafter sofort abzuziehen. Schluss also mit lässig. Dass der nächste Schweizer Botschafter extrem langweilig und garantiert unanfällig für Eskapaden sein wird, das dürfte jetzt schon klar sein
Grass vor Walser
Jetzt geht's erst richtig los. Die Debatte, die Günter Grass mit seiner letzten Novelle »Im Krebsgang« ausgelöst hat, scheint nur die Vorhut für eine breiter angelegte Diskussionsschlacht zur Vertriebenen-Problematik im Feuilleton gewesen zu sein. Vielleicht will sich der Spiegel aber auch bloß seine aktuelle Serie »Vertreibung« nicht von ein paar Buchkritikern diskreditieren lassen. Jedenfalls wirft das Magazin in dem Artikel »Unter Generalverdacht« allen Kritikern eine Art Gesinnungsstalinismus vor, die bei Autoren wie Günter Grass, Peter Schneider, Bernard Schlink oder Dieter Forte revanchistische und revisionistische Tendenzen konstatierten. Vor allem die Kritiker der Süddeutschen Zeitung haben sich nach Meinung des Spiegel schuldig gemacht. Nicht gut gefunden wird, dass in der SZ Schlinks Roman »Der Vorleser« als »Holo-Kitsch«, »treudeutsch« und »abscheulich« abgebürstet wurde und bei Schneiders Werk »Und wenn wir nur eine Stunde gewinnen ...« der Versuch einer »Entlastung der Deutschen von ihrer Schuld« entdeckt wurde. Für den Spiegel ist der Fall klar: Hier soll verdienten Autoren ans Bein gepinkelt werden, denn »die Bücher von Grass und Schlink verkaufen sich bestens. Und literarischer Erfolg macht in Deutschland skeptisch.«
Die Literaturzeitschrift Literaturen stellt in ihrer aktuellen Ausgabe dagegen fest, dass Grass und Co. etwas losgetreten hätten, was wahrscheinlich nicht einmal Martin Walser gelungen wäre. Bevor sich dieser nun aber doch noch dazuschaltet, geben wir guten Gewissens einem Leserbriefschreiber im Spiegel das Wort und beenden damit die Debatte vorzeitig. Dieser meint: »Als Sieger hätte ich dieses Land eingeebnet, auch wenn viele Deutsche Opfer waren ... wer Wind sät, erntet Sturm.«