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Nr. 16/2002 - 10. April 2002
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Israelische Militäroffensive

Schwarze Fahne über Sharon

von jörn schulz

»Die Trainingslager sind von heute, Samstag, an bereit, freiwillige Kämpfer zu empfangen«, verkündete der sudanesische Generalmajor Ahmed Abbas, Kommandant der Popular Defense Forces (PDF). Alle Sudanesen, die in der Lage sind, eine Waffe zu tragen, seien nun aufgefordert, sich am Jihad gegen Israel zu beteiligen. Die Anweisung zur Errichtung der Lager gab General Omar al-Bashir, der Führer des islamistischen Militärregimes.

Die PDF wurden 1989 gegründet, um die Armee im Kampf der arabischen Oligarchie des Nordsudan gegen die Rebellen der südsudanesischen SPLA zu unterstützen. Mehr als zwei Millionen Menschen starben im sudanesischen Bürgerkrieg. Doch dieser Konflikt war nie das Thema eines arabischen Gipfeltreffens. Die arabische Linke hat die Verbrechen des sudanesischen Militärregimes ignoriert. Auch EU-Beobachter und Friedensaktivisten wurden in der Region nicht gesichtet.

Dass die Menschen im Südsudan, wo keine Fernsehkameras das Vorgehen der Armee dokumentieren, ungleich weniger Schutz und internationale Unterstützung haben, mag für die Angehörigen getöteter palästinensischer Zivilisten bedeutungslos erscheinen. Doch nur eine Gesellschaft, in der auch im Kriegsfall der nationale Konsens gebrochen wird, ist in der Lage, eine politische Lösung zu finden. Diese Fähigkeit ist keine statische Größe. In der Regel gehen der Einsicht, dass ein Kompromiss notwendig ist, schmerzhafte Verluste an Menschenleben voraus. Der entscheidende Faktor allerdings ist die Einsicht, dass das Vorgehen der eigenen Armee jene moralischen Grenzen überschreitet, die zumindest die ideelle Grundlage des gesellschaftlichen Zusammenlebens sind. Wohl gerade weil Israel extrem militarisiert ist und jeder Erwachsene als Reservist jederzeit für den Kriegsdienst bereitstehen muss, scheint diese Fähigkeit dort stärker entwickelt zu sein als in Deutschland, den USA oder der arabischen Welt.

Bereits 1958 prägte ein israelisches Gericht die Metapher der »schwarzen Fahne«. Sie symbolisiert die Grenze ungesetzlicher Befehle für Soldaten. Dass Israel sich kurz nach dem militärisch erfolgreichen Libanon-Kieg 1982 aus dem größten Teil des Landes wieder zurückzog, lag an den relativ hohen Verlusten der israelische Armee, aber auch an der Ansicht großer Teile der Bevölkerung, dass in diesem Krieg moralische Grenzen überschritten wurden. Deshalb musste Sharon, der diesen Krieg eigenmächtig vorangetrieben hatte, 1983 von seinem Amt als Verteidigungsminister zurücktreten.

Der Einmarsch in die palästinensischen Gebiete war eine gemeinsame Entscheidung der israelischen Koalitionsregierung, dennoch könnte die Offensive für Sharon ähnliche Folgen haben. Bis Sonntag starben mehr als 200 Palästinenser, die israelische Armee verlor nach Angaben ihres Spreches Ron Kitrey dreizehn Soldaten. Die Militäraktion stieß anfangs auf wenig Widerstand, in Jenin und Nablus wurde jedoch erbittert gekämpft. Einen Guerillakrieg, der unweigerlich mit Brutalitäten gegen die palästinensische Zivilbevölkerung und hohen eigenen Verlusten verbunden wäre, könnte die israelische Regierung auch dann nicht lange durchhalten, wenn sie nicht unter dem Druck der USA stünde.

Trotz der Traumatisierung der israelischen Gesellschaft durch die Selbstmordanschläge der vergangenen Wochen demonstrierten am Samstag in Tel Aviv 15 000 Menschen für einen Rückzug aus den palästinensischen Gebieten. »Die schwarze Fahne offenkundiger Illegalität und Immoralität weht über der Regierung Sharon«, erklärte einer der Redner. Noch allerdings fehlt es an Palästinensern und Arabern, die bereit wären, ihre »schwarze Fahne« über den Selbstmordattentätern und Despoten zu hissen, die bislang jede friedliche Verständigung konsequent hintertrieben haben.



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