Das utopische Moment der Vernetzung
Die Napsterisierung der Welt | Richard Barbrook
Napster, die Internetplattform zum Musiktausch, gilt als Musterfall, wie es der old school von Buchclubs und Musikindustrie gelingt, das Netz zu kommerzialisieren und zu kontrollieren. Richard Barbrook, bekannt für seine Kritik an der »kalifornischen Ideologie« der Dotcoms, hält dagegen, dass man Napster zwar gekippt habe, nicht aber die Subkultur rund um den Austausch cooler Tracks.
»Die peilen's eben nicht«, war zu Zeiten des Dotcom-Fiebers Ende der neunziger Jahre ein gern verwendetes Pauschalurteil, um alle, die nur den leisesten Zweifel an der weltweiten Revolution durch das Internet anmeldeten, abzukanzeln. Wie konnte man nur so weltfremd sein, die umwälzenden Folgen dieser neuen Technologie für Leben, Arbeit, Politik und zwischenmenschliche Beziehungen nicht zu erkennen? Ein paar Jahre später klingt diese optimistische Einschätzung der Wirkungsmacht des Netzes recht angestaubt. Nachdem die Nasdaq-Aktienblase geplatzt ist und unzählige Dotcom-Firmen zusammengebrochen sind, glaubt niemand mehr so richtig an die verändernde Kraft dieser Technologie. Vermutlich waren die anarchischen Jahre des Internet auch bloß eine kurzfristige Erscheinung, und nachdem Microsoft, AOL-Time-Warner und ein paar andere Großkonzerne den Cyberspace annektiert haben, kann man wieder zur Tagesordnung übergehen. Unnötig, noch etwas zu peilen.
Das Netz wird die Welt (nicht) verändern
John Aldermans Buch Sonic Boom - Napster, MP3, and the New Pioneers of Music steuert jener neuerdings weit verbreiteten Einschätzung entgegen. So wichtig es einst war, den Dotcom-Predigern den Wind aus den Segeln zu nehmen, so unerlässlich ist es heute, den grassierenden Netzpessimismus einzudämmen. Alderman erzählt die Parabel von der großen, mächtigen und kapitalkräftigen Musikindustrie, die damals fest entschlossen war, »nichts zu peilen« - und beschreibt die misslichen Folgen dieser Verweigerung.
Während des großen Dotcom-Hypes in der zweiten Hälfte der Neunziger wehrte sich die Musikindustrie äußerst störrisch gegen die neuen Möglichkeiten der Netztechnologie, und ihre Konzernchefs nutzten sämtliche politischen und juristischen Kanäle, um die Neuerungen des Internet zu blockieren und zu diskreditieren. Sie behinderten die Weiterentwicklung bestimmter Software, sorgten dafür, dass ihnen nicht genehme Webseiten gesperrt wurden, und betrieben so lange Lobbypolitik, bis das Urheberrecht verschärft wurde. Sie klagten erfolgreich gegen Napster, die damals wohl populärste Internettauschbörse, und erwirkten deren Einverleibung durch einen kommerziellen Medienkonzern. Doch ihrem Triumphgeheul zum Trotz konnten sie das Unausweichliche nur hinauszögern. Denn während viele sich noch in der Gewissheit wähnen, dass das Netz die Welt nicht verändern wird, stellt die Musikindustrie nun mit Entsetzen fest, dass das Internet bereits alles verändert hat.
Sonic Boom beschreibt diese Umbruchphase in der Geschichte der Medien mit journalistischer Prägnanz. In einer im besten Sinne rasant erzählten Reportage werden die wichtigsten Protagonisten und Eckdaten vorgestellt und kenntnisreich kommentiert. Vor allem zeigt John Alderman die Gründe auf, weshalb sich die Musikindustrie so hartnäckig gegen die Möglichkeiten des Internet gesträubt hat.
Die neue Kommunikationstechnologie Internet war von Anfang an ein Instrument, um den wechselseitigen, freien Informationsfluss zu garantieren, und die Ökonomie des Schenkens von Information ist, aller Kommerzialisierung zum Trotz, das Kernstück des Systems. Man bastelt an den eigenen Webseiten, postet Beiträge in Diskussionsforen, schickt sich elektronische Nachrichten und tauscht sich in Chatrooms aus. Immer findet sich jemand, der oder die freundlich, prompt und unentgeltlich Auskunft gibt. So lange die Ressourcen nur von einer Handvoll Enthusiasten genutzt wurden, konnte es sich die Musikindustrie leisten, die Praxis des Verschenkens von Information im Cyberspace zu ignorieren. Als jedoch die technische Weiterentwicklung von Hard- und Software plötzlich einen massenhaften Tausch von Musikdateien im Netz ermöglichte, wurde die Musikindustrie aus ihrer Lethargie gerissen. Schlagartig wurde ihr klar, dass Netzdienste wie Napster den Online-NutzerInnen ermöglichten, kostenlos und selbstbestimmt nach Titeln zu suchen und ihrerseits munter Tracks aus der eigenen Sammlung ins Netz zu stellen.
Music for Free. Für Musikfans wurde durch das Filesharing ein Traum wahr. Von längst vergessen geglaubten Raritäten bis zu den aktuellsten Veröffentlichungen gibt es im Netz alles zum Preis einer Telefonverbindung. Irgendwer hat garantiert den heiß ersehnten Track von einer CD oder Vinylscheibe kopiert und ins Netz geladen, und höchstwahrscheinlich haben etliche andere NutzerInnen bereits Kopien dieser Kopie auf ihren Computern zum Herunterladen bereitliegen. Doch die Konzernbosse werden seither von den schrecklichsten Alpträumen seit Erfindung der bespielbaren Musikkassette in den frühen Siebzigern heimgesucht. Denn wiewohl der Zugang zum Netz noch Geld kostet, ist das Herunterladen der Dateien umsonst. Und das Schlimmste ist, dass diese Hitech-Ökonomie des Verschenkens kein vorübergehendes Phänomen darstellt, sondern untrennbar mit der Erfindung des Netzes zusammenhängt. Der Grund, warum das Netz überhaupt entwickelt wurde, war der, dass man mit jedem Computer der Welt ungehindert Daten austauschen konnte. Nun, fast 30 Jahre später, bildet diese Idee erneut den Kern eines technologischen Erneuerungsschubs - des Peer-to-Peer (P2P) Computing. Die aktuellen Entwicklungen auf dem Soft- und Hardwaresektor laufen nämlich alle darauf hinaus, PCs, Macs, Mobiltelefone, Spielkonsolen und andere Geräte weltweit für den Datentausch miteinander kompatibel zu machen. Alles soll in Zukunft mit allem verbunden werden. Alle sollen ihr Datenmaterial mit allen anderen teilen können.
Es war dieses utopische Moment der allumfassenden P2P-Vernetzung, das in den späten Neunzigern die Entstehung einer neuen Subkultur vorangetrieben hat. Mit dem Entwickler von Napster als Vorbild machten sich findige Jugendliche daran, selbst erste P2P-Programme zu erstellen. Ihre Altersgenossen erkannten sofort die Möglichkeiten der neuen Codes und machten P2P-Computing rasch zu einer globalen Praxis. Napster war die Ikone dieser neuen Generation von NetzbenutzerInnen.
Bis dahin konnte die Musikindustrie für sich reklamieren, die neuesten Trends im Bereich der Jugend- und Subkultur aufzuspüren, marktgerecht aufzubereiten und für ihre Verbreitung zu sorgen. In den sechziger Jahren wollten die Hippies die Welt revolutionieren. Verglichen mit diesen Vorgängern, muten die Forderungen der Napster-Generation geradezu bescheiden an: Sie wollen einfach nur coole Tracks untereinander tauschen. Absurderweise war es nun aber gerade diese scheinbar unpolitische Subkultur, die die jugendkulturhätschelnde Musikindustrie zum ersten Mal mit einer Forderung konfrontierte, der nachzukommen sie partout nicht bereit war. Denn in der wunderbaren Welt der Popmusik ist alles erlaubt, nur eines nicht: music for free.
Geschenkökonomie
Im Unterschied zu früheren Formen jugendlichen Aufbegehrens stellt die P2P-Vernetzung eine Bedrohung für die Musikindustrie dar. Trotz immer rascher wechselnder Trends und Hypes, blieben die grundlegenden Strukturen der Musikindustrie in den letzten 40 Jahren unangetastet. Man nahm MusikerInnen unter Vertrag, schickte sie ins Studio, um eine Platte oder CD einzuspielen, ritzte die Aufnahmen in Plastikscheiben und verkaufte sie sodann an die Konsumenten. Urheberrechte stellten sicher, dass die Aufnahmen nicht kopiert wurden, ohne die rechtmäßigen Eigentümer dafür zu entschädigen.
Die P2P-Technologie stellte nun die Regeln in der Musikindustrie in Frage. Wenn an bestimmten Punkten anders entschieden worden wäre, so eine zentrale These von Sonic Boom, hätten sich Copyrights auch im Cyberspace durchgesetzt. Ein solcher neuralgischer Punkt wurde Mitte der neunziger Jahre erreicht. Damals galt es unter Dotcoms als ausgemachte Sache, dass sich die Musikindustrie gierig auf das Internet stürzen würde. Die besten Geschäfte wurden bis dato nämlich immer mit den allerneuesten technologischen Errungenschaften gemacht. Die E-Gitarre hatte der Rockmusik einen wahren Boom beschert und die neue CD-Technologie hatte uralten Stücken neues Leben eingehaucht. Die Netztechnologie wurde als neue Möglichkeit betrachtet, die alten Produktions- und Distributionsstrukturen zu verbessern. Im äußersten Fall würde man Musik fortan als digitalisierte Dateien im Netz handeln, anstatt sie auf materiellen Tonträgern in Plattenläden feilzubieten. Verschlüsselungstechniken würden dafür sorgen, dass nicht autorisierte Kopiervorgänge dieser Musikdateien unterblieben.
Aus John Aldermans Bericht geht hervor, wie überrascht die Start-Up-UnternehmerInnen waren, als die Musikindustrie sich vehement gegen diese Pläne wehrte. Netzhype hin oder her, die Manager der Musikindustrie sahen die digitale Zukunft bestenfalls darin, an ihren Plastikteilchen herumzufeilen und sie in elaborierter Form als CD-Roms oder DVDs auf den Markt zu bringen. Sie befürchteten nämlich, dass ihre nicht unerheblichen Investitionen in CD-Produktionsbetriebe sich nicht amortisierten, wenn sie auf Online-Vermarktung setzten. Großlabels äußerten die Sorge, dass ein virtueller Marktplatz zu einer »Disintermediatisierung« des Marktes führen könnte. Das Internet könnte MusikerInnen gestatten, ihre Produkte direkt und ohne Umwege über einen Plattenvertrag an die Fans zu bringen. In jedem Fall klangen die Zukunftsplanungen der Dotcom-Unternehmen sehr bedrohlich. Die beste Lösung schien ihnen, das Netz komplett zu ignorieren und zu hoffen, dass es von selbst wieder verschwinden würde. Die Musikindustrie war fest entschlossen, »nichts zu peilen«.
Generation Napster. Diese Verweigerung erwies sich als größte Fehlentscheidung der Musikindustrie. Da die Netz-NutzerInnen nun nicht auf legalem Weg an Musik kommen konnten, fingen sie an, digitalisierte Kopien ihrer eigenen CD- und Vinylsammlungen einzuspeisen. Das mp3-Format bot sich dafür an, da es ein open standard war und keinem Urheberrecht unterlag. Wie viele andere Netzleidenschaften entwickelte sich der Austausch von Musikdateien schnell zu einer kurzweiligen Möglichkeit, übers Netz Kontakt zu Gleichgesinnten zu knüpfen. Musikadepten konnten sich stundenlang ihre Lieblingsstücke zuspielen und sich über ihre Vorlieben austauschen. Diese Underground-Gemeinde im Netz erhielt massiven Aufwind durch die Entwicklung von Napster. Das Programm wurde von einem hingebungsvollen mp3-Sammler geschrieben und schuf einen virtuellen Treffpunkt für Musikinteressierte, die ihre Schätze miteinander teilen wollten. Sobald Napster ins Netz gestellt wurde, war er auch schon der beliebteste Netzdienst mit einer exponentiell nach oben weisenden Popularitätskurve. Die ersten NutzerInnen empfahlen es ihren Bekannten, und die gute Nachricht verbreitete sich wie ein Lauffeuer. Was als Kult begonnen hatte, entwickelte sich binnen kürzester Zeit zu einer Mainstreampraxis. Zum ersten Mal in der Geschichte der Popmusik identifizierten sich rebellierende Jugendliche nicht mit einer ganz neuen Band oder Musik, sondern mit einem ganz neuen Musikdistributionssystem - mit Napster.
In den Sechzigern rauchten die Hippies Dope, Ende der Neunziger brach die Napster-Community Urheberrechte. Wie andere Generationen zuvor, fühlten sich die Jugendlichen in ihrer Coolheit erst bestätigt, wenn die Alten, die sowieso keine Ahnung hatten, versuchten, sie an weiterem Fehlverhalten zu hindern. Neu war, dass es die Vertreter der Musikindustrie waren, die die subkulturellen Umtriebe strafrechtlich verfolgen ließen. Aus Empörung darüber, wie Jugendliche es wagen konnten, sich ihre Musik umsonst zu beschaffen, mutierten gealterte Ex-Rebellen, die im Musikbusiness ein Auskommen gefunden hatten und sich aufgrund ihrer rebellischen Vergangenheit zugute hielten, ihr Ohr noch heute dicht am Sound der Garagen und Clubs zu haben, schlagartig zu erzkonservativen Konzern-Klemmern, die listenweise Namen von Musikfans zu den staatlichen Behörden trugen, um sie von weiteren Tauschaktionen abzuhalten. Rock'n'Roll erklärte dem Internet den Krieg.
Sonic Boom beschreibt die Drehungen und Wendungen, die das berüchtigte Gerichtsverfahren gegen Napster nahm. Nachdem man beim politischen Establishment eine Verschärfung der Urheberrechte durchgesetzt hatte, ging die Musikindustrie gerichtlich gegen Napster vor und setzte so die Schließung der Tauschbörse durch. Napster bekam die Auflage, den Tausch von Musikdateien zu unterbinden, sofern die geistigen Eigentümer nicht dafür entschädigt wurden.
Napster war bloß ein Anfang
Eine Schlacht erfolgreich zu schlagen, bedeutet keineswegs, den Krieg zu gewinnen. Napster war nämlich eine unterentwickelte Vorstufe des P2P-Computing, und als der Internetdienst eingestellt wurde, mussten sich die Leute zwangsläufig auf andere, avanciertere P2P-Programme verlassen: Gnutella, Aimster, Morpheus und Freenet. Es ist eine Ironie der Mediengeschichte, dass das Gerichtsverfahren dazu beitrug, die technologischen und juristischen Fallstricke des freien Tauschs im Netz zu eliminieren. Das an Eigentümerrechte gebundene Programm Napster, das noch auf eine zentrale, wenngleich virtuelle Location im Netz angewiesen war, wurde durch open source- Programme ersetzt, die die Hardware der NutzerInnen direkt und ohne zentrale Sammelstellen miteinander vernetzten. Ein Gerichtsverfahren kann die Ökonomie des Verschenkens von Daten nicht aufheben.
Mitte der Neunziger hatte ein Konzernchef aus der Musikindustrie tatsächlich die sofortige Schließung des gesamten Internets gefordert. Der Schutz der Urheberrechte sollte Vorrang vor technologischer Innovation haben. Im Unterschied zu jenem Manager hat der Autor von Sonic Boom - damals wie heute - sehr genau kapiert, wo's langgeht. Er weiß, dass die Musikindustrie kein Veto gegen die Zukunft einlegen kann. Deren Lobbyisten und Juristen können die Ausweitung der P2P-Technologie vielleicht bremsen, verhindern werden sie sie nicht. Eher früher als später wird der freie Fluss von Daten über Breitbandkabel so alltäglich sein wie das Telefonieren, Fernsehgucken oder die Benutzung eines Computers. Die Utopie der Napster-Gemeinde - jeden Track, der je produziert wurde, umsonst zu bekommen - ist technisch längst machbar. Darum fragt Alderman zu Recht nach den Konsequenzen für all jene, die mit Musik Geld verdienen wollen. Während nämlich die einen von einer P2P-Vernetzung profitieren, kommt den anderen, namentlich der Musikindustrie, die Haupteinnahmequelle abhanden: der Verkauf von kleinen Plastikscheiben. Wer bezahlt denn nun den Rattenfänger?
Kaum überraschend, dass Herbie Hancock, der die Einleitung zu Sonic Boom geschrieben hat, ebenfalls auf diesen Punkt abhebt. Wie alle großen Stars kann auch er ein Lied davon singen, wie die Musikindustrie Künstler und Konsumenten zugleich abzockt. Dennoch äußert er Bedenken, dass die jüngsten Heilsversuche schlimmere Folgen haben könnten als die alten Krankheiten, weil die großen Verlierer am Ende die MusikerInnen sind. Alderman versucht einen Ausweg aus diesem Dilemma zu skizzieren. Die Chance, den Verkauf von Musik auf Plastikteilchen auf einen virtuellen Marktplatz zu verlegen, wurde Mitte der Neunziger definitiv vertan. Webseiten, auf denen man verschlüsselte Musikdateien an passiv konsumierende Fans verscherbelt, sind Science Fiction aus grauen fordistischen Vorzeiten.
Die Musikindustrie muss neue Wege finden, aus P2P-Tauschaktionen Profit abzuschöpfen. Als die Bertelsmann-Gruppe bereits vor dem endgültigen Urteilsspruch große Anteile an Napster erwarb, erregte sie den Zorn der anderen großen Musikkonzerne, weil sie Napster-BenutzerInnen künftig gegen ein geringes monatliches Entgelt den Bruch von Urheberrechten gestatten wollte. Kurz darauf arbeiteten die anderen Konzerne ebenfalls fieberhaft an eigenen Kommerzialisierungskonzepten. Doch die Kompromissbereitschaft kam zu spät. Mittlerweile war es niemandem mehr einsichtig, warum man auf bestimmten Websites für Musik bezahlen sollte, die anderswo kostenlos herunterzuladen war. Die älteren Titel liegen noch in einem Format ohne Kopierschutz bereit, doch selbst die Schutzvorrichtungen der neuen Formate können mit Leichtigkeit umgangen werden. Wer einmal das digitale Füllhorn des Netzes schätzen gelernt hat, wird sich auf die künstlich erzeugte Verknappung aus analogen Tagen nicht mehr einlassen.
Kein Business as usual. Alderman sieht einfallsreiche Alternativen, um am Online-Markt aus Musik Profit zu schlagen. Wie viele andere kalifornische NetzkritikerInnen verfolgt er die Geschichte zurück entlang der US-amerikanischen Westküste bis zu den Hippies, um Modelle für die Zukunft zu entwickeln. Als Beispiel gelten ihm Grateful Dead, die psychedelische Rockcombo der späten Sechziger, denen es gelang, ein alternatives Tauschverhältnis mit ihrem Publikum zu etablieren. Denn obschon sie bei einem Major Label unter Vertrag waren, forderten sie ihre Fans öffentlich auf, Live-Konzerte auf Kassetten aufzunehmen und Kopien davon anderen Fans zur Verfügung zu stellen. Diese altruistische Praxis erwies sich ökonomisch durchaus als Erfolg. Während nämlich die meisten der damaligen Bands schnell in Vergessenheit gerieten, werden Grateful Dead heute noch, also Jahre nach dem Ableben ihres charismatischen Frontmanns, von einer begeisterten Fangemeinde verehrt. Alles, was je durch Bootlegs verschenkt wurde, kam durch ausverkaufte Konzerthallen und hohe, bis heute anhaltende Nachfrage nach den kommerziell produzierten Platten wieder herein. Grateful Dead haben es vorgemacht, wie man vom Verschenken von Musik gut leben kann, und Alderman schlägt vor, sich an bewährte Vorlagen wie diese zu halten und den Tausch von mp3-Dateien als zeitgemäße Variante der Konzert-Bootlegs zu betrachten. Statt diese Praxis zu ahnden, müssen die Chefs im Musikbusiness nur peilen, dass das Verschenken von Musik eine neue Form des Geldverdienens darstellt.
Ein im Netz frei erhältlicher Track kann HörerInnen durchaus dazu verleiten, sich Karten fürs nächste Konzert zu kaufen oder, solange die Qualität der kommerziellen Produkte nachweislich besser ist, im Anschluss daran auch die CD oder DVD zu erwerben. Die Musikindustrie könnte ihren Schwerpunkt verlagern, weg vom massenhaften Absatz einzelner Songs und hin zur Dienstleistung am Kunden. Auch wenn junge Menschen nicht dazu neigen, für einzelne Tracks aus dem Netz zu bezahlen, haben sie doch immer wieder bewiesen, dass sie bereit sind, Geld auszugeben, um ihren Stars nahe zu sein und intimere Kenntnisse über sie zu erlangen. Informationen zu Neuveröffentlichungen, Konzertkarten, Prominententratsch, Chatrooms und eine Menge anderer von den Fans nachgefragte Leistungen könnten ohne weiteres online gehandelt werden. Fanclubs, ein Mediengenre, das bisher von der Musikindustrie als Nebensache eingestuft wurde, könnten in Zukunft zu einem wichtigen Faktor werden.
Tief gehende theoretische Analysen der Netzökonomie fehlen in Sonic Boom. Dennoch ist Aldermans journalistische Recherche mehr auf der Höhe der Zeit als so manch andere Publikation zum Thema. Der Autor hat ihnen nämlich eins voraus: Er hat kapiert, dass weder die Verschärfung der Urheberrechte noch Verschlüsselungstechniken das informelle Tauschen von Musikdateien rückgängig machen können. Es gibt kein Zurück zum business as usual. Die alten Zeiten sind vorbei, Ende, aus. Doch sieht Alderman genug Möglichkeiten, auch innerhalb der Ökonomie des freien Tauschs von Daten neue Einnahmequellen zu entdecken. Frei erhältliche Tracks werden weder den Lebensunterhalt der MusikerInnen noch die Profitmaximierung ihrer Brötchengeber künftig gefährden. Durch den Datentausch werden die kapitalistischen Strukturen nur auf eine andere Stufe überführt.
Für Alderman, der in Kalifornien lebt, stehen die wirtschaftlichen Konsequenzen der P2P-Vernetzung im Vordergrund. Hollywood registriert bereits die ersten tektonischen Beben. Mit der Breitbandverkabelung ist das Tauschen von ganzen Filmdateien so einfach wie der Tausch einzelner Songs.
Leider geht Alderman einer kulturellen Analyse des Phänomens aus dem Weg. Er interessiert sich einzig für die ökonomischen Implikationen. Doch seit es Popmusik gibt, haben MusikerInnen die neuesten Technologien stets eingesetzt, um das Spektrum von Musik zu erweitern. Lange bevor man sich gegenseitig mp3s zuspielte, haben Sampling, Remixing und Tüfteleien in Wohnzimmerstudios den Sound der Clubs und Radiostationen verändert. Diese neuen Produktionsbedingungen haben eine Veränderung der ökonomischen Bedingungen durch P2P-Computing längst vorweggenommen. House beispielsweise hat vor langer Zeit das fertige Endprodukt abgeschafft und die einzelnen Tracks einem unabschließbaren Mutationsprozess unterworfen. Obwohl Alderman in unmittelbarer Nachbarschaft zu San Franciscos berühmter Rave-Szene lebt, erwähnt er deren soziokulturell bahnbrechende Neuerungen im musikalischen Bereich mit keiner Silbe. Auch wenn Grateful Dead als Pioniere gelten dürfen, wie Künstler zu ihrem Geld kommen - die Revolution ihrer künstlerischen Ästhetik beschränkte sich auf den Einsatz von E-Gitarren. Aber radikale Veränderungen grundlegender ökonomischer Strukturen hängen mit veränderten soziokulturellen Praktiken zusammen. Indem die P2P-Vernetzung die herkömmlichen Verfahren der Distribution von Musik verändert, wird sie neue Formen von Musik hervorbringen.
Aus dem Englischen von Bettina Seifried
John Alderman, Sonic Boom - Napster, MP3, and the New Pioneers of Music. London: Fourth Estate, 2001. 225 S., Taschenbuchausgabe ca. 13,50 Euro (erscheint im Mai 2002).
Richard Barbrook arbeitet am Hypermedia Research Centre (www.hrc.wmin.ac.uk) an der Westminster-Universität in London.