Das Rädchen überprüft, ob das Rad sich noch dreht
Über Empire | Shuddhabrata Sengupta
Empire oder Imperialismus? Für viele linke Intellektuelle im Trikont ist der aus dem antikolonialen Befreiungskampf hervorgegangene Staat weiter eine Bastion, um der Diktatur des transnationalen Kapitals entgegenzutreten. Den traditionellen Antiimperialismus kritisiert Shuddhabrata Sengupta. Gegen die nationale Dekoration jener Position liest er Empire, das Buch von Michael Hardt und Toni Negri, als Aufruf, sich den brand identities von Volk, Nation und Kultur zu entziehen.
»Die Unbeständigkeit des Glücks schont nicht die Menschen noch die stolzesten ihrer Werke, und die Imperien und die Städte senkt sie in ein bescheidenes Grab.«
Edward Gibbon, The History of the Decline and Fall of the Roman Empire (1776-1788)
Während meiner täglichen Fahrt zur Arbeit durch die Straßen von New Delhi kommt mir immer wieder ein Bild in den Sinn, aufgenommen am 11. September unmittelbar nach der Zerstörung des World Trade Center. Ein Mann, allein auf einer Parkbank, mitten in dem wie Konfetti wirkenden Niederschlag des Alptraums, schaut, von Asche bedeckt, auf den geöffneten Bildschirm seines Laptop: auf der Suche nach Daten, die den Einsturz der Türme überlebt haben könnten. Dieser Mann, in den Fabriken der immateriellen Arbeit ein Helot, der Überlebende inmitten der Asche und sein Laptop sind für mich zum Bild für das alltägliche Zusammenbrechen der uns umgebenden Wirklichkeit geworden. Während um ihn das Leben in Stücke fällt, überprüft er noch, ob seine Maschine auch ordentlich bootet.
Akkumulation der Unterwerfung
Wäre ich an der Stelle jenes Mannes gewesen, in einem vermeintlich unbeobachteten Moment während eines Luftangriffs, der sich in dem Krieg, den die Regierenden uns in ihrer Weisheit schenkten, als Episode herausstellen könnte, ich hätte vielleicht das gleiche getan. Die Maschine und der Mann hängen an jenem Dispositiv, über das die Macht und die Produktion koordiniert und aufrechterhalten werden. Das Rädchen überprüft, ob das Rad sich noch dreht, auch wenn Türme einstürzen oder Bomben und Lebensmittelpakete vom Himmel fallen. So war es nur eine Woche nach dem 11. September, als ein Wirtschaftsmagazin im Fernsehen aufgeregte Lokalmatadoren indischer Dotcoms präsentierte, die sich in Erwartung des Konjunkturaufschwungs im Datensicherungsgeschäft sonnten, nun, da transnationale Konzerne einen größeren Teil ihrer Finanzabwicklung in die virtuellen Sweatshops »unserer« Vorstädte verlagerten. Krieg, Kapitalismus, Business as usual.
Das Empire findet in der Akkumulation solch winziger Momente Aufschub vor der Unbeständigkeit des Glücks. Seine Energien zieht das Empire gleichwohl aus der Biomacht, aus der lebendigen Arbeitskraft des globalen Arbeitstags. In unseren Köpfen finden sich die Fabriksirenen, die Stechuhren und die Werksausweise, das Empire lässt uns auf der Stelle treten, weist uns unseren Platz zu und richtet unsere Ansprüche aus, alles im Dienst des Kapitals.
Wichtiger als die Schicksale von Staaten, die vergehen und neu entstehen, und erst recht wichtiger als die von allen Seiten drängende Rhetorik des Krieges bleibt die Verfügungsgewalt über die Bedingungen des Lebens in Zeiten permanenter Krise. Jeder Tag schwächt den Widerstand gegen die Unterstellung, der Terror, der Kapitalismus heißt, sei der ewig währende Stand der Dinge. Das Alltagsleben findet sich verschoben, es spielt sich auf der Bühne des Fronttheaters ab, und da scheint es wenige Aufrufe zur Desertion zu geben. Das unaufhaltsame Empire, Triumph des Empire?
Aufruf zur Unruhe. Das Ende des römischen Imperiums kennzeichnete ein ähnliches Vertrauen auf den Fortbestand der Macht. Es war Edward Gibbon, der viele Jahrhunderte später die Verletzlichkeit dieser dem Anschein nach absoluten Macht beschrieb, ihre Verwundbarkeit durch die Unzufriedenheit der Menge wie durch innere Widersprüche. Gibbon schrieb in einer Zeit, als die Macht einmal mehr in ihren Grundfesten erschüttert war.
In der heutigen Welt sieht es beinahe danach aus, als ob das, was als sicher gelten kann, einzig das Zusammenwirken von staatlichem Terror und terroristischen Freischärlern wäre, so sicher wie die anhaltende Unterdrückung oder wie die befohlene Austerität und die aufgenötigten Opfer, die die Ökonomie des globalen Kriegs mit sich bringen. In diesen Zeiten bedarf es der Kombination projektiver Phantasie mit der Bereitschaft und dem Willen, den Teufel beim Schwanz zu packen und die Macht im Empire heute in ihrer Zusammensetzung zu zeigen. Nur so lässt sich skeptisch und weitsichtig zugleich zur Desertion aufrufen.
Empire (nicht die Wirklichkeit oder die metaphorische Rede, sondern das Buch von Michael Hardt und Antonio Negri, das diese Wirklichkeit beschreibt und diese Metapher aufnimmt) ist ein solcher Aufruf zur Desertion. Wir sollten dem Aufruf zur Unruhe folgen und uns von dem Text, von seinen verschiedenen Lektüren überall auf der Welt provozieren lassen, Verbindungen und Verknüpfungen materiellen Widerstands herzustellen. Das könnte die Akkumulation der Unterwerfung brechen, die es dem Empire erlaubt, gegen die Unbeständigkeit des Glücks zu bestehen.
Imperialismus und Identität
Wenn Hardt und Negri den Ausdruck Empire verwenden, um die heutige globale Realität zu beschreiben, dann um den begrifflichen Ladenhüter »Imperialismus« loszuwerden, den selbstgewisse Linke im Trikont zur Schau stellen: Denn wo wären die Befreier der unterdrückten Völker und die Gründer all unserer Nationen ohne Imperialismus? Was würde Fraktionen des globalisierten Kapitals in die Lage versetzen, sich mit lokalen Eliten zu verständigen, könnten sie im Weltmaßstab nicht ganz diskret eine Fiktion nationaler Identität gegen die andere ausspielen? Wie anders würde das Regime der Firmen, Märkte und Kartelle funktionieren? Wie anders könnte das mobile Kapital Profite erzielen als dadurch, gegen die Produzentinnen und Produzenten seinen Schnitt zu machen, gegen Multitudes, die in Schach gehalten werden von Passkontrollen, Armeen, Grenzposten und Migrationsgesetzen? Wie könnte das Kapital herrschen, wenn nicht dadurch, dass es spaltet und diese Spaltungen durch Flaggen dekoriert, durch die Insignien der nationalen Identität, selbst wenn diese Identität antiimperialistisch, trikontinental, als eine der nationalen Befreiung auftritt?
Während das Kapital global agiert, beschränken nationalstaatliche Grenzen die Mobilität der lebendigen Arbeit. Der Fundamentalismus und andere Formen militanter Identität verstärken den Zwangsapparat bestehender Nationalstaaten oder schaffen ihm neue Formen. Der Staat ist, wie Hardt und Negri prägnant schreiben, »das vergiftete Geschenk der nationalen Befreiung«. Er ist die Voraussetzung lokaler Kontroll- und Disziplinarregimes weltweit, die das Verhalten der Arbeiterinnen und Arbeiter mit dem nationalen Interesse vereinbar machen. Den globalen Interessen des Kapitals dient nichts besser als der Staat, der innerhalb seines umgrenzten Territoriums die Opferbereitschaft seiner Bürgerinnen und Bürger mobilisieren kann. Mit jeder Nationalhymne singen wir der toten Arbeit ein Loblied.
Das Empire ist der Apparat der globalen Herrschaft, in ihm wird Biomacht ausgeübt, die über den Nationalstaat hinausgeht und sich zugleich in Disziplinarregimes durchsetzt, die den gleichen nationalen oder protonationalen Einheiten angehören, die das Empire überflüssig werden lassen. Sein Treibstoff ist die flüssige und immaterielle Arbeit der Menge, der Multitudes, kanalisiert in den weitläufigen Netzwerken der Informations- und Kommunikationsmedien. So angetrieben ist die kapitalistische Akkumulation in der Lage, flexibel und intensiv nicht nur die Welt, sondern alle Verhältnisse nach ihrem Bild zu formen. Das ist der Alp, der die Welt heute drückt, der Kapitalismus, das Schreckgespenst der toten Arbeit, die schwer auf dem Gehirn der Lebenden lastet.
Das Glück, Kommunist zu sein. Die Überwindung nationaler Einteilungen durch das globale Kapital ist jedoch zugleich die Grundlage des Widerstands. Es gibt, wie Hardt und Negri schreiben, im Empire »kein Außen«. Die Bedingungen des Widerstands sind selbst global, das Globale ist im Empire der einzige Schauplatz. So können sich wirksame transnationale Solidaritäten der Menge, der Produzentinnen und Produzenten, entwickeln, welche die einzige Grundlage des Empire bilden. Die Maschinen der neuen Weltökonomie laufen mit dem Treibstoff der immateriellen Arbeit. Sie produziert die Informationsinfrastruktur, die Kommunikationsressourcen und den affektiven Kitt, der den globalen Kapitalismus aufrechterhält. Zu diesem Netzwerk gehören die Dienstleistungen, die Informationstechnologien, die Medien und die Unterhaltungsindustrien. Von ihnen hängen die weitläufigen Produktionsapparate und ihre Reproduzierbarkeit tagtäglich ab.
Die im globalen, zerstreuten und digitalisierten Produktionsprozess schuftende Arbeitskraft ist international vernetzt. Wenn es ihr gelingt, ihren Widerstand entlang der Linien zu organisieren, denen sie heute international produzierend folgen muss, so kann sie das Empire mitten ins Herz treffen. Aus diesem Grund kann es keine ausschließlich lokalen Kämpfe mehr geben. Jede Forderung sich anzueignen, was einem genommen wurde, lässt sich letztlich nur noch im globalen Maßstab artikulieren.
Die permanent bedrohte Solidarität der Multitudes entdeckt sich in einer nomadischen, einer mestizischen Ethik, die die Produktion der Brand Identities von Kultur und Zivilisation unterläuft. Sie braucht und duldet keine Repräsentation, keine politischen Führer, die im Namen eines Volkes handelten, keine Nation, in der ein Volk sich fände, kein Militär und keine Miliz, ein Volk zu verteidigen, keine Parteien, ein Volk zu mobilisieren, keine Kultur, die als Ausdruck der geistigen Kräfte eines Volkes gälte. Die Menge steht gegen das Volk, sie setzt den Akten der Repräsentation Momente der Produktion und Konstitution neuer Formen der Macht entgegen. Die späte Anerkennung dieser Tatsache mag im Lager der Anhänger des Multikulturalismus ein wenig Herzstechen verursachen. Multikulturalismus gilt ihnen als Möglichkeit des Widerstands in der Postmoderne, obwohl er doch nichts weiter ist als Repräsentation unter den Bedingungen des Spektakels im kapitalistisch gefesselten Alltagsleben. Doch geht es für die Menge darum, die schlichten Bedingungen ihrer Existenz zu entdecken.
Indem sie die Netzwerke der Unterwerfung, der Herrschaft der toten Arbeit über die lebendige identifizieren, kommen Negri und Hardt zu zwei Forderungen, die ebenso einfach wie radikal sind. Wenn das Kapital von seiner globalen Expansion profitiert, ist es nur legitim, wenn die lebendige Arbeit sich weltweit frei bewegt; und es muss für jede Einzelne und jeden Einzelnen global ein gesellschaftliches Einkommen geben, als Voraussetzung der Erhaltung der Biomacht. Diese Forderungen sind nicht utopisch, sie beziehen sich nicht auf unerreichbare Bedingungen, sondern reflektieren nüchtern die unmittelbaren Existenzbedingungen, die Wirklichkeit der Arbeit in der heutigen Welt. Die Forderungen zielen nicht auf eine reaktionäre Rücknahme der Globalisierung, die einen Großteil der linken Rhetorik zu dieser Frage bisher beherrscht, ein Echo des Flirts der Linken mit den Tragödien nationaler Befreiung. Sondern mit diesen Forderungen wird darauf insistiert, dass die Globalisierung auf die Multitude zurückgeht und nicht auf das Diktat transnationaler Konzerne und des militärisch-industriellen Komplexes.
Erkennt man das Hier und Jetzt, die Bedeutung der Globalisierung, so lässt sich ein Schritt weiter gehen. Dann lassen sich die Vorschläge, die Marx und Engels an die internationale Arbeiterbewegung des 19. Jahrhunderts richteten, in die materielle Wirklichkeit des 21. Jahrhunderts übersetzen. In dieser Erkenntnis, die in sich die Anlage trägt, das Empire zu aufzulösen, liegt, was Negri und Hardt »die nicht zu unterdrückende Leichtigkeit und das Glück, Kommunist zu sein« nennen.
Wir, die Überlebenden inmitten der Asche, die der Zusammenbruch der uns umgebenden Wirklichkeit hinterlässt, brauchen heute mehr denn je diese Leichtigkeit und dieses Glück. Dann könnten wir aufhören, das Rädchen zu sein, das überprüft, ob das Rad sich noch dreht. Dann könnten wir erleben, wie die Unbeständigkeit des Glücks sich zu unseren Gunsten wendet, und das Empire sich in ein bescheidenes Grab senkt.
Aus dem Englischen von Thomas Atzert.
Shuddhabrata Sengupta lebt in Delhi und
ist Mitarbeiter der Initiative Sarai (www.sarai.net) am Centre for the Study of Developing Societies.
»On Empire« erschien in Biblio - A Review of Books, New Delhi, Februar 2002, Sonderheft »Cosmopolitanism and the Nation State«. Veröffentlichung mit freundlicher Genehmigung des Autors.