Der letzte linke Student XVII
Durchkreuzt ihre Pläne!
Der letzte linke Student hat gut lachen. Denn: Er hat ein Problem gelöst. Und zwar: ein zentrales. Nämlich das: mit der Zensur.
Doch: der Reihe nach. Der letzte linke Student hat in dem Magazin, das er manchmal liest, einen Artikel gefunden, dem er nicht zustimmt. Was nicht schlimm wäre: Denn wenn einem was nicht passt, dann kann man einen Leserbrief schreiben. Das ist konstruktiv. Und wenn einem später wieder was nicht passt: Dann kann man aufhören, das Magazin zu lesen. So hat er es schon öfter gehalten. Und: Es hat ihm gut getan. Nun aber: Dieser Text ist besonders falsch. Denn: Er diskreditiert das, wofür wir stehen. »Wir« ist hier: wir. Und »stehen«: das ist das Linke. Der Text aber ist nicht links, merkt der letzte linke Student. Weil: der alles diskreditiert und damit kaputt macht und damit zerstört und damit den Nazis zuspielt. Demzufolge ist der Text eigentlich sogar einer von rechts! Und die Rechten wiederum: Das sind die anderen.
Wenn aber etwas schlecht ist in der Welt, dann muss man etwas tun. Doch: Allein machen sie dich ein. Folglich geht der letzte linke Student sich organisieren. Zunächst geht er zu dem, der sich noch immer Kommunist nennt. Doch der, der sich noch immer Kommunist nennt, sagt: »Wenn einer schreibt, dass ein Teil der Linken antisemitisch ist, dann hat er Recht.« Da schüttelt der letzte linke Student nur den Kopf. Auch die Vorsitzende des ASTA will ihm nicht helfen. Sie findet: »Das kann man so machen.« Selbst die schönste Studentin hilft ihm nicht. Weil: keine Zeit. Niemand aber sieht ein, dass all das, was die Linke spaltet, der Rechten zuspielt. Und niemand sieht ein, dass das schlimmer ist als Antisemitismus.
Jetzt verzweifelt der letzte linke Student. Er fürchtet, heim gehen zu müssen. Ja, er fürchtet: Wein trinken zu müssen. Und was fürchtet der letzte linke Student noch? Kopfschmerzen fürchtet er.
Mehr noch als Kopfschmerzen aber fürchtet er: die Rechten. Und deshalb geht er nicht heim. Nein, er sucht Genossen. Und findet: die, die in dem Artikel angegriffen werden. Die kennen den Artikel schon. Und die kennen auch: die Autorin. »Die ist ganz reich«, sagt der eine. Und ein anderer sagt: »und schön«. Ein dritter weiß: »Die fährt immer Sportwagen!« Da muss ihm niemand mehr sagen: Die verachtet die Armen. Und auch nicht: Die verachtet die Linken. Und das heißt: Die ist eine Rechte.
Folglich: Sie hat das Magazin geentert. Und will: die Linke vernichten. Just so, wie der letzte linke Student es geahnt hat. Darum schmiedet er mit den neuen Freunden einen Plan. Er zeigt ihnen sein Notizbuch. Darin steht: »Pass auf!« Und darin steht auch: »Sie versuchen, eure Pläne zu durchkreuzen!« Schließlich aber steht da: »Durchkreuzen wir doch einfach ihre Pläne!« Das ist gewissermaßen ein Dreisatz. Und es ist: ein - nein! Es ist DER Dreisatz für den Revolutionär! Das finden die neuen Freunde auch.
Darum geht der letzte linke Student mit den neuen Freunden auf die nächste Redaktionskonferenz. Sie wissen: Das ist eine offene Redaktionskonferenz. Und sie wissen auch: Es gibt keine Führung. Sondern nur: die einfache Mehrheit. Das ist demokratisch. Und der letzte linke Student und seine Freunde sind heute auch demokratisch. Und sind vor allem: mehr.
Und siehe: Die rechte Schlange ist da. Und sie ist: wirklich schön. Das zeigt dem letzten linken Studenten: Seine Freunde haben nicht gelogen. Und siehe: Sie hat schon wieder einen neuen Text geschrieben. Aber der: darf nicht diskutiert werden. Warum? Weil sie eine Schlange ist! Und ein U-Boot! Und eine Rechte! Das sagt: die Mehrheit. Und beschließt: ihren Ausschluss.
»Das ist Zensur«, sagt die Schlange. »Na und?« fragen die Freunde des letzten linken Studenten. Und der letzte linke Student? Der zuckt. Weil: Zensur ist ein Mittel der Rechten. Doch womit sie uns strafen: Nun strafen wir sie damit. Darum sagt der letzte linke Student: »Nur wer links ist, kann zensiert werden. Denn Zensur ist ein Mittel der Macht. Wenn aber die Linke mächtig ist, dann wird sie zensieren. Denn nur so bleibt sie mächtig. Und wer von Linken zensiert wird: Der muss rechts sein. Die Linke ist immer das Gegenteil von der Rechten!« Das ruft der letzte linke Student in die Redaktion. Und fühlt sich: wie ein Schauspieler in einem Brecht-Stück. Das heißt aber auch: Dann redet er, wie Brecht schreibt. Folglich: ist das gut, was er gesagt hat. Darum: muss der letzte linke Student jetzt schnell heim. Und aufschreiben, was er gesagt hat. Weil es wie von Brecht ist. Und darum ist er jetzt gut drauf.
jörg sundermeier