Besuch bei Klaus
peter o. chotjewitz erzählt von einem Freund, der letzte Woche gestorben ist
Es war ein unvergesslicher Tag im Frühjahr 2001, und das Foto des Tages zeigt mich in einem Anzug, auf dem sich die Wasserflecken abzeichneten. Den Mantel hatte ich kurz abgelegt, um mich als Naturbursche zu präsentieren, und ich grinste unverschämt durch den Wolkenbruch, um gute Laune zu demonstrieren. Kurz:
Es nieselte, als ich morgens vom Quartier zur S-Bahn ging, es schiffte, als ich von der U-Bahn zu dem kleinen Bistro am Winterfeldtplatz lief, und es schüttete geradezu, als ich vom Museum Kreuzberg zu Ellis Bierbar hastete. Das Wasser stürzte vom Himmel, als ich durch die Kantstraße irrte und auf jedes Klingelschild spuckte, es regnete Hunde und Katzen, als ich am Innsbrucker Platz durch lange Vorstadtstraßen rannte, vorbei an sterbenslangweiligen Kleinbürgervillen, und ein Wasservorhang empfing mich abends vor dem S-Bahnhof Griebnitzsee, als ich wieder ins Quartier eilte.
Es war der Tag der nassen Socken. Mein Hut tropfte, mein Mantel wog das Zehnfache, und die nächste Erkältung war absehbar. Mir war kalt, aber es war vor allem die Nässe, die den Tag so unvergleichlich machte, ein Meilenstein auf dem barbarischen deutschen Sonderweg. Sogar die Currywurst, die ich mir unter freiem Himmel am Amtsgerichtsplatz gönnte, war nass, und auch meine Zettel waren unlesbar geworden vor Nässe.
Das Wetter entsprach meinem Programm, das von der gnadenlosen Kälte des Lebens handeln sollte, aber das wusste ich noch nicht. Am Winterfeldtplatz wollte ich meinem Freund Ripplinger zeigen, wo ich ab 1940 die Volksschule besucht hatte, wo unser Haus stand, das 1943 bei einem Fliegerangriff in Flammen aufging, und vor Ellis Bierbar sollte ich fotografiert werden. Die Schule sah völlig anders aus als in meiner Kindheit, mein Elternhaus war noch immer eine Baulücke, und die legendäre Kneipe der alten Elli war seit langem geschlossen. Dreck lag auf den Stufen, alles irgendwie abbruchreif, und keine Spur vom hedonistischen Zauber durchzechter Nächte vor vierzig Jahren.
Ich fragte mich, was wir damals an dem Schuppen gefunden haben mochten, denn das einzige Bild, das mir jemand an die äußere Rinde gepinnt hatte, zeigte zwei keuchende Männer an der Wand neben dem Handwaschbecken im Klo. Alle sonstigen Erinnerungen getilgt.
*
Mein Cousin in der Kantstraße, dessen Wohnung ich schließlich doch noch fand, heißt Lennart, hat die multiple Sklerose, und jedes Mal, wenn ich in Berlin bin, suche ich seine Hausnummer und wundere mich, wie sich der Zustand eines völlig gelähmten Menschen, der nicht mal mehr die Hände bewegen kann, immer noch verschlechtern kann. Ich begnüge mich deshalb mit einigen Andeutungen. Eine Pflegerin schob ihm zuweilen einen Löffel Brei ins starre Schiefmaul, und nach dem Essen durfte er einen Joint rauchen.
»Hello, fellow«, sagte ich zur Begrüßung, »ist das nicht langweilig, den ganzen Tag lang im Rolli zu sitzen, nur damit sie dich nicht zu tragen brauchen?«
Ein Lächeln glitt über seine sabbrigen Lippen, und seine leuchtenden Augen verrieten eine große Freude über meinen Besuch. Er war drauf und dran, etwas zu sagen, das war unverkennbar, aber das hieß auch, dass er inzwischen sogar das Sprechen verlernt hatte.
Die Pflegerin begann zu buchstabieren, »A, B, C, D«. Beim Buchstaben »M« schloss er die Augen. Offensichtlich bildete er die Wörter, indem er jeden Buchstaben einzeln bestätigte. Beim »A« blinzelte er abermals. »Mach«, sagte die Pflegerin fragend. In meinem durchnässten Gehirn formten sich Sätze, die mit »mach« anfingen, also »mach die Mücke, Pit, mach keine Witze, mach den Fernseher an!« Aber Lennart blinzelte zweimal, ohne sonst irgendetwas zu bewegen. »Nicht mach?« fragte die Pflegerin. Er blinzelte einmal.
»Aha«, sagte ich, »einmal blinzeln heißt ja, zweimal blinzeln nein.« Er senkte ergriffen die Augenlider. Mein Cousin Lennart war früher ein berüchtigter Schwätzer gewesen, und es freute mich, dass er wenigstens noch nein und ja sagen konnte. »Das freut mich für dich«, sagte ich ehrlich, »du bist ja heute richtig gesprächig. Und wie ist das jetzt mit der Langeweile?«
Nach etwa fünf Minuten hatte ich seine Antwort: »Manchmal wäre ich lieber tot, aber wenn ich dann ein altes Arschloch sehe wie dich, ist das Leben wieder lebenswert.« Das Raten ging vor allem deshalb so schnell, weil die Pflegerin nach den ersten zwei Buchstaben meistens schon das ganze Wort wusste. Nur für das Wort »lebenswert« musste er drei Mal blinzeln.
Ich zog die Schuhe aus, stopfte sie voll Zeitungspapier, wrang die Socken aus, schlürfte einen heißen Tee, rauchte ihm etwas Shit weg und überlegte mir ein paar Fragen, die er nicht einfach mit ja oder nein beantworten konnte. Nachdem wir etwa fünf Mal die Worte gewechselt hatten, verabschiedete ich mich höflich mit der üblichen Beteuerung, bald wieder einmal vorbeizuschauen.
»Ich will noch auf einen Sprung zu Klaus«, sagte ich. Er blinzelte träge, und ich erstarrte im Sprung. Nach weniger als einer Minute war es raus: »Wer ist Klaus?« Ich antwortete großspurig: »Wer er momentan ist, weiß ich nicht. Früher haben wir viel miteinander gemacht.« Die Pflegerin buchstabierte bis W, dann sagte sie: »Was?« Mein Cousin blinzelte einmal. »Na, was wohl«, sagte ich. »Was man so macht, um sich nicht zu langweilen. Bombenleger unterstützen, Flugzeuge kapern, falsche Pässe besorgen, Bonzen entführen.« Die Pflegerin sagte »A«. Mein Cousin blinzelte zweimal. Sie sagte: »Ach so.« Ich sagte: »Das haben Sie jetzt aber falsch übersetzt.« Draußen der schon erwähnte Regen, und ich beschloss, demnächst einen Roman zu schreiben, der nur aus den vielen Millionen verschiedenfacher Möglichkeiten des Regnens besteht, oder mit Hilfe eines Augenblinzelns den Roman von Marcel Proust vorzulesen.
*
Klaus, der letzte Woche starb, wohnte in einem Eigenheim der gehobenen Einkommensklasse in einer, wie gesagt, ruhigen Villengegend, aber das überraschte mich so wenig wie sein Tod letzte Woche.
Ich hatte angerufen, die Anschrift notiert, die wegen des Regens nicht mehr leserlich war, wie gesagt, sodass ich auch in dieser langen Straße sämtliche Briefkästen abklappern musste. »Kommen Sie einfach gegen fünf, wenn ich von der Arbeit zurück bin«, hatte die freundliche Frauenstimme gesagt und »nein, nein« hinzugefügt, »er ist immer da und hat Zeit« und »nein, nein, das wäre sinnlos«, als ich gefragt hatte, ob sie ihm nicht wenigstens sagen wolle, wer ich sei, oder ob ich etwas mitbringen solle, eine Flasche Medoc zum Beispiel. Klaus war Zeit seines Lebens ein frankophiler Anhänger französischer Lebensart gewesen und hatte ja auch eine Zeit lang im französischen Exil gesessen, aber sie antwortete mit Bestimmtheit:
»Er weiß bestimmt nicht, wer Sie sind, aber kommen Sie ruhig. Vielleicht erkennt er Sie ja, wenn er Sie sieht«, und das klang so, wie sie es sagte, also irgendwie heiter. Nichts besonderes und vor allem: kein Grund, sich Sorgen zu machen.
Sie öffnete die Tür, als ich das Haus endlich gefunden hatte, vor dem allerlei Dinge herumstanden, die Leute mit einem Garten meistens vor der Tür stehen haben, schaute zu, wie ich das Wasser aus meinen Schuhen laufen ließ, holte alte Zeitungen, um sie auszustopfen, stellte meinen Schirm unter das Vordach, half mir, meinen Mantel und das Jackett zum Trocknen aufzuhängen, brachte Wollsocken und Filzlatschen, eilte ins Haus, als ich versorgt war, »na, dann wollen wir mal« sagte und »wo steckt er denn« hinzufügte und rief, schon in einiger Entfernung, vermutlich beim Betreten des Wohnzimmers: »Schau mal, wer da ist. Du hast Besuch, Klaus.«
Ich hinterher. Es war angenehm warm in der guten Stube, und ich war fürs erste in Sicherheit.
Klaus saß in einem Sessel an einem Esstisch in einem Wohnzimmer, das irgendwie nicht zu ihm passte. Es sah so aus, als sei seine Frau früher mit einem anderen verheiratet gewesen, oder als sei er nur zu Besuch und die Frau, die mich eingelassen und so freundlich versorgt hatte, eine freundliche Frau, die ihn bei sich aufgenommen hatte. Nie in den alten Zeiten hatte ich ihn jemals in einem solchen Wohnzimmer sitzen gesehen, und die Frauen damals hatten auch völlig anders ausgesehen, aber das war, wie gesagt, 15, 20 oder 25 Jahre her, und wir waren nicht mehr die Jüngsten.
Er saß da, als hätte man ihn irgendwie festgeklemmt, damit er nicht umfalle, und er stand nicht auf und wandte mir nicht den Körper zu, nur das Gesicht, und die Frau sagte noch einmal: »Schau, Klaus, wer da ist.« Aber er schien mich wirklich nicht zu erkennen, was mich weiter nicht störte. Ich begegne oft Leuten, mit denen ich früher intim war oder eng zusammengearbeitet habe, die ich einfach nicht gleich wieder erkenne, einfach weil sie sich mit dem Alter derart verändert haben, dass ich erst eine Weile in ihr Gesicht blicken und ein paar Worte mit ihnen wechseln muss, um zu ihrem Wesen vorzudringen, das unter all dem Schutt und Schmodder verschüttet liegt, den das Leben im Laufe der Jahrzehnte auf uns nieder rieseln lässt.
Ich nahm also instinktiv seine linke Hand, denn irgendwie spürte ich wegen der Art, wie er die rechte Hand hielt und wie er da saß, dass er die rechte Hand nicht ordentlich bewegen konnte, und sagte: »Ich bin's, Pit Chotjewitz, erinnerst du dich? Ich wollte nur mal nach dir schauen. Arbeitest du immer noch bei der Stasi? Die ganzen Jahre wollte ich dir immer sagen, dass du von all den Sachen, die du geleistet hast, dir mit dieser Sache den größten Respekt erworben hast, bei mir jedenfalls. Ich hätte damals für mein Leben gern für die DDR gearbeitet, aber sie haben nie bei mir angeklopft.«
Die Freundlichkeit und das Lächeln in seinem fast jung gebliebenen Gesicht verstärkten sich nun etwas, und er sagte weise »ja, ja«, aber so, wie er »ja, ja« sagte und mich anlächelte, war immer noch ungewiss, ob er mich wirklich schon wieder erkannt hatte, also redete ich weiter, hastig, und mit einer gewissen Erregung.
»Wir haben damals in Stuttgart, weißt du noch«, sagte ich, »wie die Schweine dein Büro in die Luft gesprengt haben? Wir sind immer in die Tiefgarage gegangen bei der Neuen Brücke, wenn wir was zu besprechen hatten und nicht abgehört werden wollten, oder in einen der Sexschuppen am Hans-im-Glück-Brunnen. Wir setzten uns direkt unter die Lautsprecher, wo das Stöhnen der Paare auf der Leinwand über der Bar so laut war, dass man uns unmöglich abhören konnte.«
Er sah mich unbeirrt lächelnd an und sagte: »Ja, ja.« Er sah so aus, wie er immer ausgesehen hatte. Freundlich, interessiert, wohlwollend, gutmütig und nachdenklich, wie ein Mensch, der sich über die Welt eigentlich nur noch wundern kann, und er sagte »ja, ja«, wie einer, der sagen will, »ja, ja, so ist das eben«, sich dadurch aber nicht davon abhalten lassen möchte, die Welt zu verändern, und das mit eben den Mitteln, die dafür erforderlich sind.
Ich überlegte, dass in seinem Kopf dieselben toten Genossen wohnen mussten wie in meinem, abgesehen von den paar Überlebenden, und dass er mir einmal erzählt hatte, eines seiner Kinder habe er mit Sicherheit im Gästebett meines Hauses in der Hügellandschaft zwischen Knüll und Rhön gezeugt, und wollte weiter reden, eine Episode unserer gemeinsamen Zeit nach der anderen abhaspeln, doch bevor ich noch weiterreden konnte, erinnerte ich mich schon daran, dass ich ihm einmal auf dem Autobahnrastplatz Pfungstadt erzählt hatte, dass Andreas mir erzählt habe, dass es einen Grünen gebe, der ihnen Waffen beschaffe und bereit wäre, ihnen notfalls ein großes Geschütz zu besorgen, und dass ich ihn immer schon hatte fragen wollen, warum diese Nachricht ihn damals im Frühsommer 1977, als die Kacke langsam hochkochte, eigentlich so erregt hatte.
Aber er schien bereits zu wissen, was mir plötzlich so alles durch den Kopf schoss, sodass die Erinnerungen sich in meinem Kopf förmlich überschlugen und sagte nachsichtig: »Ja, ja.« Ich schwieg, betroffen. Mein Blick fiel auf das großformatige Buch, das vor ihm auf dem Esstisch lag. Es lag so da, als würde es immer dort liegen und als wäre es das einzige Buch, in dem er las. Es bestand überwiegend aus Abbildungen, die ich wegen meiner Kurzsichtigkeit nicht erkennen konnte.
»Was liest du da?« sagte ich. »Ist das Buch interessant?« Er hob die linke Hand, deutete mit dem Zeigefinger auf eines der Bilder und sagte wieder: »Ja, ja.« Seine Frau, die neben mir Platz genommen hatte, sagte: »Es ist ein Kochbuch. Am liebsten liest er Kochbücher.« Ich beugte mich weit vor, schaute in das großformatige Buch, richtete mich wieder auf und sagte: »O, ja, ich besitze auch eine Menge Kochbücher, wenn ich das nächste Mal komme, bringe ich dir eins davon mit.«
Wir saßen dann noch eine Weile zusammen, eine Stunde mindestens. Seine Frau brachte den Tee, und ich redete und redete. Er lächelte freundlich und schien alles zu verstehen und wie zur Bestätigung dessen sagte er in nahezu regelmäßigen Abständen »ja, ja«. Er sagte »ja, ja«, wenn ich redete, und er sagte es, wenn ich stumm da saß, ihn aufmerksam ansah und aus seinen Gesichtszügen, die mir seit dreißig Jahren so vertraut waren, herauszulesen versuchte, ob er inzwischen wusste, wer ich war, ob er meine Worte begriff und ob er irgendwelche Erinnerungen besaß.
Später, als wir uns schon verabschiedet hatten, und ich schon in der Küche saß, um meine nicht mehr ganz so nassen Sachen wieder anzuziehen, unterhielt ich mich noch etwas mit seiner Frau. Sie wusste nicht viel über ihn, wie es schien, und sie besaß keinerlei Aufzeichnungen darüber, wer er gewesen war, bevor sie ihn geheiratet hatte, kurz bevor ihn der Tannnewetzel umwarf. Sie wusste auch nicht, was in seinem Kopf vorging. Nicht einmal die Ärzte wussten es so genau. Vielleicht, so meinten sie, seien nur ein paar Segmente erhalten geblieben, die für die affektiven Regungen zuständig seien. Seine große Freundlichkeit etwa.
Immerhin wusste sie, was passiert war. Eines Tages, vor etwa sechs Jahren, als er das Schlimmste hinter sich zu haben schien, die Nachstellungen wegen der RAF-Prozesse, die Vernichtung seiner Existenz, seines Büros, den Spionageprozess, die Berufsverbote, verursachte er auf einer breiten Berliner Straße einen Auffahrunfall. Der Fahrer des anderen Fahrzeugs stieg aus, besah sich den Blechschaden, aber er war aus irgendeinem Grund ein etwas unüblicher Autofahrer. Er brüllte nicht rum »wo haben Sie denn den Führerschein gemacht?«, er versuchte nicht, meinen Freund Klaus aus dem Wagen zu zerren und zur Rechenschaft zu ziehen. Er sah mit einem Blick, dass er einen Schlaganfall erlitten hatte. Er eilte zu seinem eigenen Wagen, öffnete sein Köfferchen, gab Klaus eine Spritze und rief dann über sein Mobiltelefon das Klinomobil. Der Mann war zufällig Kardiologe. Ich will hoffen, dass er 25 Jahre zuvor das Gleiche getan hätte. Sicher ist es nicht.