Sparen und Proteste
Wir haben es ja in der vergangenen Woche bereits gemeldet. Unser kommunistischer Kultursenator muss sparen, und er hat den Rotstift bei drei Institutionen angesetzt, die nun protestieren: das Podewil, die Kunstwerke und das Kunsthaus Bethanien. Doch so berechtigt die Proteste sind: Wer Thomas Flierl »vorsätzliche Geistesabwesenheit« vorwirft - wie Christoph Tannert, der Leiter des Kunsthauses Bethanien - oder wer sagt, »die Kleinen« würden gerupft und »die Großen« in Ruhe gelassen - wie Wilhelm Großmann vom Podewil -, und wer auf seiner eigenen Fähigkeit zur künstlerischen Innovation in Abgrenzung zu konservativeren Häusern besteht, der sollte sich gut überlegen, was er da tut.
Es liegt auf der Hand, dass der Grad der Verheerung, den diese Sparbeschlüsse bedeuten, in keinem Verhältnis zu dem tatsächlich eingesparten Geld steht. Aber ist es wirklich eine sinnvolle Strategie, darauf zu verweisen, es sei besser, eine Oper zu schließen? Begibt man sich dadurch nicht in eine fatale Logik? Wäre es nicht angebracht, sich mit allen anderen Institutionen zu verständigen, anstatt einer Szene-Logik zu folgen und zu rufen: Spar' mal bei den anderen, wir sind doch so ein toller, innovativer Standortfaktor für die Kunstmetropole Berlin?
Wenn man seinen Kulturbetrieb vom Staat subventionieren lässt, sollte man vorsichtig sein, wenn man sich gegen die vermeintlich nicht innovative Subventionskunst abgrenzt. Anders gesagt: Wer sich keinen politischen Begriff davon macht, was es überhaupt heißt, Subventionen zu bekommen, der sollte etwas vorsichtiger sein, wenn er sich beschwert, dass sie ihm gestrichen werden. Was nichts an dem Umstand ändert, dass es natürlich hirnrissig ist, dass Podewil zu schließen, um damit Kleckerbeträge zu sparen.
Billy Wilder gestorben
»Langweile dich nicht und langweile andere nicht«, so lautete Billy Wilders Wahlspruch, und statt einen Nachruf zu schreiben, möchte man diesen Satz lieber sämtlichen Kulturschaffenden auf die Stirn tätowieren, auf dass sie jeden Morgen vor dem Spiegel daran erinnert werden, was das Wichtigste ist, wenn man Filme, Musik, Literatur, Kunst, Theater oder Theorien macht. Es muss nicht notwenig komisch, tragisch oder weise sein: Es sollte nur nicht langweilen.
1906 wurde Wilder geboren, er wuchs in Wien auf, um dann nach Berlin zu gehen und dort als Polizeireporter zu arbeiten. 1933 emigrierte er und ging nach Hollywood, wo er zunächst begann, Drehbücher zu schreiben, um bald auch Regie zu führen. Für »Das Appartement« bekam er 1960 drei Oscars, für den besten Film, das beste Drehbuch und die beste Regie. Und »Manche mögen's heiß«, »Eins, zwei, drei« und »Das verflixte siebte Jahr« sind drei der komischsten Filme, die je das Licht eines Projektors erblickten. Es heißt, Wilder habe seinem Co-Autor I. A. L. Diamond alle Dialoge diktiert und seit dessen Tod im Jahr 1981 keine weiteren Filme mehr gedreht, weil er seine Gags nicht alleine schreiben wollte.
Billy Wilder starb am vergangenen Mittwoch im Alter von 95 Jahren in Los Angeles.
Matthias Beltz gestorben
Kabarettisten sind mehr als andere Künstler Kinder ihres Milieus. Je tiefer sie drin stecken, desto besser sind sie. Schließlich handelt Kabarett genau davon, Abziehbilder von denen zu verkörpern, die im Publikum sitzen.
Es ist kaum vorstellbar, dass jemand tiefer im Resonanzraum seines Witzes verwurzelt war als Matthias Beltz. Er war in den späten Sechzigern im SDS, schloss sich dann der Frankfurter Sponti-Gruppe Revolutionärer Kampf an und ging für mehrere Jahre bei Opel in Rüsselsheim arbeiten. Mitte der Siebziger wurde er Mitglied von Karl Napp's Chaostheater, um schließlich das Vorläufige Frankfurter Fronttheater zu begründen. Spätestens dies dürfte der Augenblick gewesen sein, wo die Linken zu ehemaligen Linken wurden und sich somit als Objekt des Spotts geradezu anboten. Eigentlich eine Idealvoraussetzung für politisches Kabarett: Eine ganze Generation von ehemaligen Hausbesetzern und Steineschmeißern fängt an, ihr Leben und ihre Karriere voranzubringen, in dem vollen Wissen, dass damit die besten Tage vorbei sind - die Tage als man noch jung, sexy, gutaussehend und militant war.
Matthias Beltz starb am vergangenen Mittwoch im Alter von 57 Jahren in Frankfurt.
Queen Mum gestorben
Und noch einen Abgang gilt es zu melden: Queen Mum ist tot, sie starb am Samstag im Alter von 101 Jahren.
Wenn sie vor ihren Schöpfer tritt, dürfte auf ihrer Haben-Liste stehen: Hat London während des Bombardements durch die deutsche Luftwaffe nicht verlassen, anders als der Rest ihrer Familie. Traute den Deutschen auch später nicht über den Weg, hielt sie für »Hunnen«. Trank die ganze Zeit Gin. Engagierte sich nie für irgendwelchen humanitären Unfug. Gab keine Interviews. War putzig.
Auf der Soll-Liste steht: Mochte die Politik Margaret Thatchers. Unterstützte das südafrikanische Apartheidregime. Fand Juden merkwürdig und hielt schwarze Regierungschefs prinzipiell für »Idioten«.
Alles in allem: eine gute Bilanz.