Die Buchpreisbindung wird Gesetz
Die Lesekultur ist für uns Deutsche ja so etwas Ähnliches wie der Film für die Franzosen, also der wichtigste Beleg dafür, dass man eine Kulturnation ist. Sollen die anderen Länder dieser Welt sich doch der Globalisierung unterwerfen, wir spielen da nicht mit, unser Kulturgut darf nicht geopfert werden, dafür ist Goethe nicht gestorben. Seit Jahren geht es hin und her, mal will die EU die Buchpreisbindung aufheben, weil sie gegen die Regeln des freien Wettbewerbs verstoße, dann wird von deutscher Seite dagegen argumentiert, die Literatur dürfe nicht auf den freien Markt geschleudert werden, die Buchpreisbindung sei deshalb völlig vernünftig, es gehe schließlich nicht um profane Waren, sondern um geistige Güter.
Nun hat Julian Nida-Rümelin, Staatsminister für Kultur, pünktlich zur Leipziger Buchmesse angekündigt, das rot-grüne Bundeskabinett habe einen Gesetzentwurf beschlossen, der den festen Ladenpreis für Bücher in Deutschland sichern werde. Im Sommer soll das Gesetz verabschiedet werden. Möglich wurde das, weil die EU den deutschen Alleingang am Ende doch noch akzeptiert hat. Es wurde also gemauschelt und so lange am Wortlaut des Vertrags gefeilt, bis er mit dem Europarecht irgendwie vereinbar war. Man sieht: Die Deutschen gelten nicht umsonst als Meister der feinstziselierten Wortkunst, sie tragen den Titel einer Literaturnation völlig zu Recht.
Unser kommunistischer Kultursenator
Oje! Jetzt geht's ans Eingemachte. Während alle Welt noch schaute, welches Theater daran glauben muss, trifft es nun vor allem andere Kultureinrichtungen. Um fünf Millionen Euro zu sparen, hat der Berliner Kultursenator Thomas Flierl angekündigt, im so genannten konsumtiven Bereich des Kulturhaushalts zu sparen. Der konsumtive Bereich ist der, wo die ungebundenen Mittel ausgegeben werden, das heißt dort, wo es am einfachsten ist, zu sparen, wo man aber, wenn man spart, am meisten kaputtspart, weil dort auf einem ökonomisch niedrigeren Level gearbeitet wird als anderswo. Die Kultur-Pro-Kopf-Leistung ist in diesem Bereich nämlich recht hoch. Lange Rede, kurzer Sinn: Dem Podewil, dem Künstlerhaus Bethanien und den Kunstwerken soll es an den Kragen gehen.
Der Berliner Kulturveranstaltungs-GmbH, die als Trägerin des Kunstzentrums Podewil und des Puppentheaters Schaubude fungiert, sollen die Mittel um ein Drittel oder 715 000 Euro bis 2003 gekürzt werden. Das entspricht ziemlich genau den Programm- und Personalkosten. Im Einzelnen stellt sich Flierl das so vor: Das Gebäude, das ohnehin gerade renoviert wird und als Spielstätte nicht zur Verfügung steht, wird vom Museumspädagogischen Dienst übernommen. Die Macher des Podewil sollen dann als »Kulturdienstleister« andere Häuser bespielen.
Dem Künstlerhaus Bethanien sollen in diesem Jahr 50 000 Euro und 2003 noch mal 48 000 Euro entzogen werden. Da die Senatsgelder ohnehin nur für Personal- und Betriebskosten bestimmt sind, sind hier Entlassungen wohl unumgänglich. Die Kunstwerke schließlich werden 20 Prozent oder 100 000 Euro weniger bekommen, was auch hier ernsthafte Schwierigkeiten bereiten dürfte, da das gesamte Ausstellungsprogramm bereits durch Drittmittel finanziert wird.
Moritz de Hadeln nun in Venedig
Filmkritiker scheinen sich dadurch auszuzeichnen, dass sie immer meckern müssen. Da gab es einmal Moritz de Hadeln, den Chef der Berlinale. Alles Mögliche wurde ihm vorgeworfen, er sei zu grummelig etwa, oder er möge das deutsche Kino nicht. Als er dann weg war, waren alle froh. Als sein Nachfolger die erste Berlinale organisierte, wollten auf einmal viele de Hadeln zurück. Und was macht de Hadeln? Er geht nach Venedig. Und dort geht es genauso weiter.
Auch dort will ihn eigentlich keiner haben. Das behaupten zumindest die »Berliner Seiten« der FAZ, die zwar keine Belege anführen, dafür aber darauf bestehen, de Hadeln sei allein schon deshalb nicht wirklich willkommen in Venedig, weil er nicht Martin Scorsese ist - der war für den Job nämlich auch im Gespräch. De Hadeln sei von der konservativen Kulturbürokratie geholt worden, die vorher den linken Festivalleiter Alberto Barbera vergrault habe. Und als sei es damit noch nicht genug, wurde de Hadeln auch noch als »zu konservativ« abgekanzelt, und das von einem Staatssekretär, den die FAZ selbst für »stockkonservativ« hält.
In fünf Monaten beginnen die Filmfestspiele von Venedig. Mal schauen, was es dann wieder zu meckern gibt.
Die grauen Seiten
Fast hätten wir's vergessen. Die Berliner Zitty wird 25. Es ist das - hinter dem Berliner Tip - zweitgrößte Stadtmagazin Deutschlands, also auf seine Art wichtig und deshalb ein Blatt, das auch von uns bezogen wird. Dabei fällt auf: Während man sich auf der Suche nach all den ausgewiesenen Feindblättern, die diese Redaktion massenweise abonniert hat, regelmäßig die Hacken abläuft, bis man sie in irgendeinem Ressort zerlesen und zerfleddert findet, liegt die Zitty immer druckfrisch an ihrem Platz, genau dort, wo sie der Postbote abgelegt hat.
Was sagt uns das? Wir mögen die Zitty nicht, wir brauchen keine Stadtführer, wir wissen nach 25jähriger Dauerschau längst, wie Hans-Joachim Neumann und die anderen ZK-Nasen aus Kreuzberg aussehen und müssen das nicht jedes Mal wieder vorgeführt bekommen? Oder hat es damit zu tun, dass wir selbst genug graue Seiten, linksdrehend kieznahe Hauptstadt-Themen und düstere Alles-wird-schlechter-Kommentare haben?
Um zwei Dinge beneiden wir die Zitty allerdings aufrichtig, das sind die wunderbaren »Didi & Stulle«-Comics und das gigantische Kleinanzeigengrab.