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Nr. 12/2002 - 13. März 2002
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Working Class Hero XI

Ideen hab' ich schon

Ich hab's auch mal als Drehbuchautor versucht. Drehbuch schreiben? Kann ich auch! »Die vergammeln doch zu Hunderten in der Filmförderung oder in den Fernsehredaktionen. Hab' ich keine Lust mehr zu«, sagt mir Klaus, ein durchaus erfahrener Autor.

»Da herrschen sowieso komische Gepflogenheiten«, meint Ingeborg Siebenstädt. Sie sitzt im Initiativteam der Tatort-Redaktion. Das heißt, sie darf zwar Ideen entwickeln. »Aber die Drehbücher schreiben dann andere.« Dabei ist Frau Siebenstädt nicht irgendwer: Unter dem Pseudonym »Tom Wittgen« war sie die auflagenstärkste Krimiautorin der DDR. Wenigstens ist sie im Inner Circle.

Die vergammelnden Skripte wurden zuweilen unverlangt eingesandt. Kontakte, Kontakte, Kontakte - man muss die richtigen Leute kennen. Wir sitzen in meiner Wohnung, der Herr gegenüber erzählt einen Plot nach dem anderen. Von einer TV-Produktionsgesellschaft hat er den Auftrag bekommen, ein Skript zu entwickeln und zu schreiben. Große Krimi-Produktion, abendfüllender Spielfilm und dann Serien-Spin-off. Ein Buch hat er auch schon geschrieben, deswegen ist man auf ihn aufmerksam geworden. Titel: »Mein Leben als Dagobert«. Arno Funke, ehemaliger Karstadt-Erpresser, weiß aber nicht so richtig, wie Drehbuch schreiben geht. Ich bin Autor beim Satiremagazin Eulenspiegel, er ist dort Zeichner - und wir wissen ja, dass Robert Gernhardt und der andere Titanic-Typ schließlich die Otto-Filme gemacht haben. Drehbuch? Kann ich auch!

Denkste, ich komme ja mehr vom Printbereich. Da habe ich zwar auch viel mit Fotoreportagen zu tun, aber beim Film muss man doch noch mehr vom Bild her denken. Ich kann Dagobert leider nicht helfen. Er erzählt zwar viele schöne Geschichten, aber von Dialogen hab' ich wohl keine Ahnung.

Meine beste Leistung in dem Bereich war bisher ein nicht zu Ende gebrachtes Theaterstück über Safwan Eid und den Prozess um das abgebrannte Haus in Lübeck. Da gab es einen Hauptzeugen, einen Sanitäter. Der will gehört haben, dass Safwan Eid nach dem Brandanschlag gesagt haben soll: »Wir warns.« (»Wir waren es.«) Also: Ich hab' das Haus angezündet. Eid sagte aber später aus, er habe gesagt: »Die warns.« »Die« waren Neonazis aus dem Osten. In meinem Theaterstück gibt's nun zwei Kumpels namens »Die warns« und »Wir warns.« Das haben sie auch auf den T-Shirts stehen. Wenn sie sich mit anderen unterhalten, gibt's jedes Mal ein heilloses Durcheinander:

Die warns: Wir warns, komm her!
Wir warns: Ich wars nicht, die warns.
Die warns: Die warns, die warns?
Wir warns: Iss mir doch scheißegal, wir warns
oder die warns.

Und so weiter. Kein Wunder, dass ich den Kram nicht zu Ende krieg'. Dabei kenne ich sogar die Amelie Fried, und ihr Mann ist auch Drehbuchautor. Die haben sich aufs Land verkrümelt, irgendwo in Bayern, Frau Fried stellt Sonntagmorgens ihr Tonband an, lässt es zwei Stunden laufen, dann hat sie ihr neues Buch fertig. Kinder, die mit dem Kopf gegen den Wohnzimmertisch stoßen, Krankenhaus, die Milch brennt an, das andere Kind fliegt mit dem Fahrrad auf die Fresse. Zehn Millionen deutschen Müttern geht es genauso, fertig ist der Bestseller.

Aber ich kriege mein Buch über Beknacktes aus der Arbeitswelt nicht fertig, das der Verbrecher Verlag drucken will. Dabei wäre es nur noch eine Woche Denkerei. Aber die Maschine läuft immer nur, wenn's direkt Kohle gibt. Der Abdruck dieses Artikels ist übrigens beinahe honorarfrei - warum das hier klappt, ist mir ein Rätsel.

Eine andere Film- und Skript-Erfahrung. Erotikkanal, ein Privatsender von Leo Kirch. »Schreib' mal 50 Folgen erotisches Biowetter«, meint Sylvia. Ja, das sind jedesmal anderthalb Seiten, und es dauert nicht lange, da geht's mit mir durch. Was schreib' ich nur? Plötzlich überfällt es mich in der U-Bahn, ich muss mir auf der Stelle einen Stift leihen. An dem Job hab' ich vielleicht zwei Wochen gesessen. Die Nachwirkungen waren aber erheblich. Ein Beispiel:

»In der Mitte Bayerns stehen derzeit anregende Einflüsse des Wetters im Vordergrund. Beste Bedingungen für die Ostereiersuche! Hoch Vollhorst vertreibe nun wirklich alle Winterschlafallüren. Verwenden Sie fürs Osternest nur Eier aus Hodenhaltung!«

Und so weiter. Man ahnt, es wimmelt nur so von Hodenfrost in den feuchten Niederungen, ausgedehnten Tiefdruckgebieten und dicken Dingern in der Luft. Schade, dass die meisten Wortspielereien vor der Kamera nicht klappen wollten. Teils weil die Moderatorin nicht wollte, teils weil die Wetterkarte nicht passte. »Wenn wir dachten, die Stimmung ist gut, haben wir einen Kiontke reingeschoben.« (Sylvia) »Leider mussten wir alles umschreiben, die Texte waren zu lang und kompliziert!« (Auch Sylvia) Die Länge hatten wir am Telefon abgemacht, das war fahrlässig. Ich hatte ungefähr doppelt so viel geschrieben, wie ich sollte. »Wir können gern mal wieder was machen, aber vielleicht nicht gleich so viel.« (Nochmal Sylvia)

Eva ist TV-Produzentin. Vor Jahren, als ich noch bei einer Tageszeitung Reporterchef und Filmfritze war, war sie bei mir Praktikantin. Sie hat es geschafft und schuftet sich kaputt. Ihr neuestes Werk ist »Bolten & Sommer«, die Arztsendung. Der Name des Oberarztes, Dr. Bolten, stammt übrigens von unserem Freund Enno, Bolten ist sein Nachname.

Früher hat Eva »Fieber« gemacht, klar, auch eine Krankenhaussendung. »70 Prozent Privates, 30 Prozent Beruf«, sagt Eva. Und drückt mir ein »Fieber«-Skript plus Video in die Hand. Ich soll ihr als Co-Autor für eine Folge dienen. Eine Idee hab' ich schon: Ein Sonntag im Krankenhaus. Morgens sitzen überall die Schlägereiopfer aus der letzten Nacht 'rum, nebst Tussis. Im Verlauf des Tages kommen dann die Fußballopfer. Und Amelie Fried mit ihren kaputt gegangenen Kindern. Und wer weiß was noch. Tolle Dialoge, Action, Herzschmerz. Leider kommt mir ein Job bei einem verdammt coolen Internetunternehmen dazwischen. Da wird richtig geschuftet, Parties, im Flugzeug fliegen, Laptop unterm Arm blablabla. Na also, jetzt bin ich in meinem eigenen Film. Wenigstens ein halbes Jahr lang. Abspann: Dann ist Schluss, Pleite, Kündigung. Der Arbeitsprozess läuft ein Jahr später noch. Die schönsten Plots schreibt das Leben.

Amelie Fried las übrigens am 4. Oktober bei mir um die Ecke im Karstadt am Herrmannplatz. So schließen sich die Kreise. Ich sollte mal ein Drehbuch schreiben. Ne Idee hab' ich schon: Irgendwas mit Karstadt. Und Dagobert und Amelie Fried in der Hauptrolle. Die verlieben sich, am Schluss stehen sie wie in »Gone with the Wind« im Abendrot. Auf dem Dach von Karstadt natürlich. Den Soundtrack schreibt Xavier Naidoo, weiß ich jetzt schon. Aber irgendwie glaube ich: Das Drehbuch vergammelt nicht erst in der Filmförderung, sondern schon wieder mal vorher bei mir im Kopf.

jürgen kiontke



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