Der Fluch des Beige
Bislang hat jede Frau einen großen Bogen um fleischfarbene Kleidung gemacht. In diesem Jahr muss man auswandern, wenn man um das Zeug herumkommen will. von elke wittich
Über die genaue Bezeichnung des Farbtones, in dem modebewusste Frauen nach Meinung der führenden Designer sofort ihre Dessous zu kaufen haben, herrscht einige Verwirrung. Ist die Couleur, die BHs und Slips ab sofort so ungemein sexy machen soll, nun beige zu nennen? Oder vielleicht doch fleischfarben?
Dabei gehört das Adjektiv »fleischfarben« zu den größten Irreführungen auf dem Gebiet der Modesprache, die es je gab. Fleischfarben wie was? Rosaquallig wie Schweinefleisch aus der Massentierhaltung, dunkelbraun wie gut abgehangenes Bambi, hellrot wie Mastochse? Fleischfarben ist nämlich gar nicht fleischfarben, das Wort umschreibt bestenfalls die Hauttönung des durchschnittlichen Mitteleuropäers ohne Sonnenbank-Abo im Winter. Ein bisschen beige-rosa eben.
Sucht man in gängigen Katalogen nach Unterwäsche in Beige, wird man allerdings nicht unbedingt auf Anhieb fündig werden, was nicht daran liegt, dass man dort meint, dass Frauen grundsätzlich weiße, schwarze oder rote Dessous tragen sollten, sondern daran, dass die Couleur dort »Haut« heißt, was die Sache nicht wesentlich besser macht.
Denn die Modemacher scheinen durchaus zu verkennen, dass Beige auch historisch betrachtet keine angemessene Farbe für Slips und Co. sein kann. Angefangen hat das Ganze schließlich einmal in Weiß. Erst später wurde es untendrunter farbig und leichter, in den zwanziger Jahren tauchten dann erstmals auch fleischfarbene Mieder, Büstenhalter und Höschen auf.
Allerdings nur an Frauen, denn kein Modeschöpfer hat in den letzten 100 Jahren jemals gewagt, Männern fleischfarben-beige Wäsche aufzuschwatzen. Was eigentlich verwunderlich ist, tragen diese erwiesenermaßen doch wirklich alles, was ihnen angeboten wird, angefangen bei Boxershorts mit kleinen Schweinchen drauf über bleu-farbenes Feinripp bis hin zu Slips mit Ferrari-Logo.
Vielleicht haben Männer jedoch auch einfach nur die besseren Instinkte und ahnen daher genau, dass Beige unter allen seinen Bezeichnungen und in allen seinen Zustandsformen keine tragbare Farbe ist. Wissen Männer am Ende gar mehr? Droht der nichts ahnenden Beige-Userin möglicherweise Unheil? Derartiges männliches Geheimwissen dürfte auf gar keinen Fall geheim bleiben. Zumal es möglicherweise im Internet auch noch eine Frauen unbekannte Homepage namens »Wie wir die doofen Tussen dazu bekommen, aber wirklich jede bescheuerte Farbe so wie Beige zu tragen« geben könnte, auf deren Forumseiten sich Männer gegenseitig die neuesten Beige-Nutzerinnen-Witze erzählen, über dumme Frauen in Haut-Miedern lachen oder Modeschöpfer-Jokes über ihre Kundinnen (»Und dann hab ich ihr gesagt, Madam, ihre Figur schreit ja geradezu nach einem Bustier in Fleischfarbe«) zum Besten geben.
Aber um es kurz zu machen: Es gibt sie nicht, diese Webseite. Jedenfalls nicht offiziell und nicht in diesem Universum.
Aber vielleicht gibt es irgendwo da draußen im WWW auch noch andere Frauen, die möglicherweise irgendwie negative Gefühle gegenüber Beige hegen könnten? So hilfreich, wie allseits angenommen, ist die Internet-Suchmaschine Google in diesem Fall jedoch auch wieder nicht.
Sucht man bei ihr nach den Worten »Beige« und »Hass«, erhält man zwar viele Treffer, aber bedauerlich wenig Hass auf Beige. Denn meistens handeln die aufgelisteten Webpages vom verachtenswerten »Beigeschmack«.
Das ist nicht schön, deswegen muss nun anders gesucht werden. Zum Beispiel nach »Die Farbe Beige«, unter diesen Stichworten gibt es ganz sicher Enthüllungen satt. Gefunden werden jedoch ausschließlich hunderte kackfarbene Artikel, die man zumindest in dieser Kolorierung auf keinen Fall besitzen möchte: Kratzbäume für Katzen, Hundekörbchen, Gasheizautomaten, den Porsche-Dachhimmel, Kabelbrücken, Christbaumschmuck aus Plauener Spitze, das T-Shirt »Atomkraft - So sicher wie unsere Rente« von der bundjugend.de (nur noch in Größe L und Beige vorhanden), Spachtelmasse, den Tachoüberzug für den New Beetle, den integrierten Papierschneider von Hugin Sweda und den Steingutbecher der Universität-Gesamthochschule Paderborn. Sowie etwas namens »Satin Crested«, was bei genauer Betrachtung jedoch nur eine sehr unvorteilhaft getönte Meerschweinchenart ist.
»Die Farbe Beige ist eine Verdünnung von der Farbe Schokolade«, heißt es dazu unter http://home.t-online.de/home/gorall, einer Fanpage für die kleinen Nager, »die Haut soll pigmentlos sein, die Augen sind rot. Babys haben einen etwas dunkleren Beigeton, hellen aber später auf.«
So kommt man bei der Erforschung des Beigen nicht wirklich weiter. Vielleicht mit Traumdeutung? »Manche Menschen träumen auch von und in Farbe, im Gegensatz zu den Schwarzweißträumen hat dies in der Traumdeutung eine tiefere Bedeutung, die sich aus dem Traum selbst ergibt. Farben erklären physische Erlebnisse, die wesentliche Aussagen über den seelischen Zustand des Träumers machen können«, weiß eine Homepage, die sich damit beschäftigt, dass »ein Traumbewusstsein mittels der Farben eine Botschaft ausdrücken will« oder so.
Zunächst geht die Farbdeuterei auch ganz munter los. Wer blau träumt, »wird hier auf den Rückzug und die Innenschau verwiesen. Blau deutet den Träumer auf eine introvertierte und kalte Verhaltensweise hin. Der negative Aspekt dieser Farbe zeigt sich im getrübten Blau, das Trauer, Ängste und Verwirrung ausdrücken kann.« In Rot gehaltene Träume haben dagegen, fast hätte man's geahnt, mit Lastern zu tun, aber »Scharlachrot: ist eine Warnung vor Streit. Purpurrot: bedeutet angenehme Neuigkeiten von unerwarteter Seite«.
Generell lässt sich bereits nach kurzem Überfliegen der Analysen sagen, dass geträumte Farben jede Menge aufregendes Zeugs versprechen, nur vor beigen Bildern sollte sich der Schläfer hüten, denn »Beige ist ein unauffälliger und mitunter langweiliger Farbton. Er symbolisiert im Traum häufig die Konvention, jedoch auch den Alltag.« Na super, und in solchermaßen kolorierte Unterwäsche soll frau sich also dieses Jahr werfen. Gut, die in den gängigen Zeitschriften geschalteten entsprechenden Anzeigen der Unterwäsche-Designer lassen die beige-hautfarbenen Dessous eigentlich gar nicht so schlimm aussehen, super-sexy fotografiert, zeigen sie schöne Frauen in schönen BHs und Slips, die halt zufällig hautfarben sind.
Trotzdem gilt es, hart zu bleiben und sich vor Augen zu führen, was für modische Scheußlichkeiten für alle Zeiten untrennbar mit der Farbe verbunden sind. Blickdichte hautfarbene Nylonstrümpfe etwa, die niemals sexy aussehen, sondern immer so, als habe frau ihr letztes Paar in Schwarz und mit Naht am Abend zuvor an einem hervorstehenden Splitter irgendeines Barhockers ruiniert und in ihrer Not Omas Vorräte geplündert. Schließlich fällt das Date auf den verkaufsfreien Sonntag, und weil alle Lieblingshosen in der Wäsche sind, muss Rock getragen werden, zudem ist es kalt, und irgendetwas muss schließlich die Beine im einsetzenden Eisregen wenigstens ein kleines bisschen vor der scheußlichen Witterung schützen.
Nur die Kombination aller dieser Gründe kann das Tragen beiger Nylons in Ausnahmefällen entschuldigen. Denn die Dinger sind normalerweise nur dazu da, schlimme kosmetische Mängel wie Besenreiser, Krampfadern, zentimeterlange schwarze Haare auf den Schienbeinen oder blaue Flecke zu kaschieren, was den blickdichten Ungeheuern zwar mühelos gelingt, andererseits beim Betrachter unweigerlich den Eindruck hervorruft, dass die Trägerin schlimme kosmetische Mängel wie Besenreiser, Krampfadern, zentimeterlange schwarze Haare auf den Schienbeinen oder blaue Flecke zu kaschieren sucht.
Ähnlich verhält es sich übrigens mit den jetzt gerade gewaltig angesagten beigen Lacktäschchen. Sie sehen meist eher nach poliertem totem Schwein als nach der angestrebten unnachahmlichen Eleganz aus, was daran liegen könnte, dass vor der massenhaften Verbreitung der Plastiktüte ältere Frauen vorzugsweise mit beigefarbenen Einkaufsbeuteln über die Wochenmärkte der Bundesrepublik schlenderten, hier ein Schwätzchen hielten, da den neuesten Tratsch austauschten und en passant das schlammfarbene Behältnis mit ekligen Nahrungsmitteln wie Sülze, Rüben oder Leber füllten. Zum Bezahlen wurde meist ein der Tragetasche ähnliches Portemonnaie gezückt, das durch den jahrelangen Gebrauch nicht mehr glänzte, sondern wie faltiges altes Schwein aussah. Perfekt gemacht wurde der Aufzug der Einkäuferinnen durch einen Kamelhaarmantel und ein beiges Nerzhütchen.
Niemals, aber auch wirklich niemals, sah irgendeine Frau damit sexy aus, auch wenn sie, wie zu vermuten ist, darunter beige Nylons und BHs trug. Und fleischfarbene rüstungsähnliche Gummihosen, die euphemistisch mit dem Attribut »figurformend« belegt wurden. Zu erkennen waren die Trägerinnen solcher Vorrichtungen daran, dass Bauch und Po relativ flach waren, sich darüber und darunter jedoch das weggedrängte Fett nach Herzenslust knubbelte. Selbst der solide gearbeitete Kamelhaarmantel konnte dies nur unzureichend kaschieren.
Aber auch nach Einführung der bunten Plastiktüten war mit dem bundesrepublikanischen Beige-Terror noch lange nicht Schluss. Denn es gab ja schließlich Branchen wie die Autoindustrie und das Eiskunstlaufen. Die Automobilhersteller sorgten in der BRD aus unerfindlichen Gründen jahrezehntelang dafür, dass Wagen in Farben wie »Sand« oder »Sahara« durch die Straßen fuhren. Das waren allesamt euphemistische Umschreibungen der widerlichsten aller Farben, die wahrscheinlich bis Ende der siebziger Jahre für viele Verkehrstote sorgte. Auf ein beigefarbenes Fahrzeug zuzusteuern und nicht sofort in eine ausgewachsene Ekelstarre zu verfallen, die jeglichen Bremsversuch unmöglich macht, ist nämlich absolut unmöglich. Dass sich später Signalfarben wie Gelb und Orange durchsetzten, mag daran gelegen haben, dass viele der ursprünglichen Liebhaber der Farbe einfach im Straßengraben endeten.
Bleibt das Eiskunstlaufen. Namentlich Katarina Witt sorgte trotz einer extremen Attacke auf das Farbempfinden für die zumindest im Sport fortdauernde Akzeptanz der bösen Farbe. Warum sie es tat, ist leider nicht bekannt, jedenfalls trug sie bei ihrer Weltmeisterschaftskür als erste Läuferin fleischfarbene Schlittschuhe zur passend getönten Strumpfhose, was vielleicht den Eindruck extrem langer Beine hervorrufen sollte, aber eigentlich nur Fragen nach dem Modeverständnis des für sie möglicherweise zuständigen DDR-Kombinats Plaste und Elaste aufwarf. Deren Beantwortung im freien Westen jedoch niemanden weiter interessierte, denn was die in der Zone so trieben, konnte einem ja schließlich herzlich egal sein. Solange sie mit diesen hässlichen beigen Trabbis weg blieben von den schönen West-Autobahnen und nicht auf die Idee kamen, uns im Rahmen irgendeines Deals mit dem Ministerium für Innerdeutsche Beziehungen ihre scheußlichen Strumpfhosen für harte Westmark verkaufen zu wollen.
Was kurze Zeit später noch alles aus dem Land der beigefarbenen Couch-Garnituren und braunen Plastikfurnier-Schrankwände auf uns zukommen würde, ahnte zu diesem Zeitpunkt freilich niemand. Und auch nicht, dass die eigentlich so ästhetische Sportart Eiskunstlaufen zumindest in der Frauenversion für alle Zeiten von Katarina Witts Farbvorstellungen geprägt bleiben würde.
Bei den Olympischen Winterspielen von Salt Lake City feierte das Beige on Ice fröhliche Urständ. Fleischfarbene Nylons werden auch weiterhin über Schlittschuhe gestülpt, was immer noch nicht zu Punktabzügen in der Stilnote führt, aber nichts ist gegen die neueste Errungenschaft: hautfarbene Plastik-BH-Träger, die den Kampfrichtern und dem Publikum vorgaukeln sollen, hier hätte es eine nicht nötig, einen Büstenhalter zu tragen. Was nicht stimmt, denn der vorherrschende Eindruck ist der, dass die Läuferin zu arm oder zu dumm ist, sich einen ordentlichen BH in einer schicken Farbe und mit sexy Riemchen dran zu kaufen.
Zumal man dunkel ahnt, in welcher Farbe das Drunter gehalten ist: fleischfarben. Oder Haut. Oder beige. Wie es eben gerade in der Dessous-Werbung der großen Modelabels so ausgiebig angepriesen wird.
Dabei sieht keine Frau, nicht einmal ein hoch bezahltes Mannequin, in derart getönten Büstenhaltern auch nur im entferntesten erotisch aus, unabhängig von der Zahl der durch die Weißnäherinnen großzügig angebrachten Spitzen und Rüschen und gestickten Blümchen.
Jedenfalls dann nicht, wenn man der Fleischfarbe und ihren Auswüchsen auf die Schliche gekommen ist. »Krankenkassen-BH« assoziiert man dann mit dem beigen Kleidungsstück fast automatisch, da kann die Trägerin in der Reklame noch so sexy dreinschauen und versuchen, mit dem uralten Model-Trick (Zunge an den Gaumen pressen und gleichzeitig den Mund halb öffnen) wildes Verlangen, hemmungslose Ekstase oder erotische Träume vorzugaukeln. Man sieht ihn nämlich buchstäblich vor sich, den langen Leidensweg, den die arme Frau bei der Beschaffung ihres Büstenhalters durch alle AOK-Instanzen hindurch absolvieren musste. Es wird schon spät gewesen sein, schätzungsweise viertel nach Vier, als ein mitleidiger Angestellter dann doch half und nach dem Ausfüllen eines entsprechenden Antrages ein Exemplar der Größe 90 C aus dem alten verstaubten Rollschrank auf dem nur unzureichend beleuchteten Flur hervorzauberte. Wobei ein bisschen geschummelt wurde mit der Beteuerung absoluter Bedürftigkeit.
Wahrscheinlich ist auch den Models klar, dass immer weniger Frauen sich durch das gemeine Modeschöpfertum in punkto Beige hinters Licht führen lassen; heute weiß man nämlich, dass Dessous in Haut- und Fleischfarben absolut indiskutabel sind. Und nun stehen die Models damit in der prallen Sonne an irgendeinem Strand herum und wünschen sich verzweifelt, damals doch nicht in der neunten Klasse abgegangen zu sein. Während der Assistent des Modefotografen im Schatten fröhlich kichernd ein paar interessante Details über die aktuelle Produktion ins Forum der supergeheimen Webpage »Wie wir die doofen Tussen dazu bekommen, aber wirklich jede bescheuerte Farbe so wie Beige zu tragen« stellt.