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Nr. 11/2002 - 06. März 2002
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Michel Serres sagt, wie es ist

Auch in der Frankfurter Rundschau stehen mitunter Dinge, die das Herz erfreuen. So etwa am Mittwoch der vergangenen Woche, als der französische Philosoph Michel Serres der FR ein Interview gab: »Der heutige Mensch hat einen neuen Körper, einen neuen Tod, eine neue Welt, eine neue Vorstellung von Nähe - er ist nicht mehr derjenige Mensch, von dem die Philosophie früher sprach. Und daher sind die traditionellen Konzepte der Philosophie allesamt nicht mehr gültig. Zu verstehen, was wirklich neu ist, ist sehr schwierig. Meinen Zeitgenossen werfe ich vor, dass sie sich nicht genügend damit auseinander setzen. Eines Tages wird man vielleicht feststellen, dass all das, was wir heute diskutieren, das Klonen zum Beispiel, überhaupt keine Neuheiten sind, sondern nur heiße Luft. Eine tatsächliche Neuheit war es, als die Frauen sich an den Mittelmeerstränden ausgezogen haben. Das war etwas wirklich Neues, und zwar auf vielen Ebenen, medizinisch, körperlich etc. - die vermeintlichen Neuheiten, die ein Jean-Paul Sartre zu dieser Zeit gefeiert hat, sind dagegen heute längst veraltet.«



Künstlicher Tod

Aus unserer Sicht handelte es sich um ein Jahrtausendereignis, als Lolo Ferrari vor zwei Jahren starb. Der Unfalltod von Lady Di war nichts dagegen, ein Frauenroman aus dem vorletzten Jahrhundert vielleicht. Als dann aber die 22fach operierte pornografische Kunstfigur Lolo Ferrari im Alter von nur 30 Jahren starb, war das eine Tragödie aus der Zukunft des dritten Jahrtausends. Und jetzt gibt es einen zweiten Teil, in dem Ferraris ziemlich dubioser Mann und Manager abermals eine tragende Rolle spielt. Er heißt Eric Vigne, hat ein Gesicht wie ein weiblicher Dracula und scheint gleich seiner Frau von tragischer Gestalt.

Damals - im März 2000 - vermutete die Presse einen Selbstmord, Vigne widersprach, und die französische Staatsanwaltschaft nahm ihre Ermittlungen auf. Wenige Tage bevor sich Lolo Ferraris Tod zum zweiten Mal jährt, präsentierten die Ermittler ihre Ergebnisse. Danach ist sie erstickt worden, der Hauptverdächtige ist ihr inzwischen in U-Haft sitzender Ehemann. Ferrari soll die Trennung von Vigne geplant haben. Der Mann, der für die letzte und extremste Brustvergrößerung seiner Frau einen Flugzeugingenieur engagiert hatte, um die Konstruktion des Implantats zu besprechen, soll den Bedeutungsverlust sowie den finanziellen Ruin nach der Scheidung gefürchtet haben.

»Ich will, dass man mich ansieht, sonst glaube ich nicht, dass es mich gibt«, ist ein Satz, der Lolo Ferrari zugeschrieben wird. So ein bedeutsames Statement ist von Lady Di natürlich nicht überliefert worden.



»Big Brother« jetzt noch geiler

Es geht weiter mit »Big Brother«. Die kontroverseste Fernsehshow aller Zeiten wird in ihre vierte Runde gehen. Wer nun gähnt und denkt, ham wa allet schon jehabt, is doch durch, der merke auf: Nach Informationen des Branchendienstes kress soll alles noch viel kranker werden. Endemol-Chef Borris Brandt soll unter dem Titel »Big Brother - The Battle« eine Staffel planen, in der die Kandidaten in zwei Gruppen aufgeteilt werden. Ein Team lebt im kompletten Luxus, das andere muss sich mit den nötigsten Lebensmitteln und einer Einrichtung ohne jeglichen Komfort zufrieden geben. Durch regelmäßig ausgetragene Spielchen können die Kandidaten von einer auf die andere Seite wechseln.

Endemol soll außerdem eine Real-People-Show namens »The People's Club« planen. Eine Fußballmannschaft soll hier rund um die Uhr von Kameras begleitet werden. Und das ist noch nicht alles: Statt einfach nur rein- und rauswählen zu dürfen, sollen die Zuschauer die Rolle des Managements übernehmen können. Ist das nicht unser aller Traum? Schaut man nicht dafür überhaupt Fußball? Wäre das nicht ein adäquater, nicht zu übertreffender Ersatz für diese hochkomplexen Bundesliga-Computerspiele, bei denen man der Präsident verschiedener Vereine sein darf?



Oskar Sala gestorben

Jedes Musikgenre, und sei es noch so sehr der Zukunft zugewandt, braucht eine Vergangenheit und Künstler, die diese verkörpern. Oskar Sala schien es nicht sonderlich zu erstaunen, dass er ausgerechnet auf seine alten Tage, wenn er sein Mixturtrautonium vorführte, ein Publikum hatte, dass sich vor allem aus Leuten zusammensetzte, die elektronische Musik machen, und sich erzählen lassen wollten, wie es denn damals war, als begonnen wurde, die ersten Synthesizer zu bauen.

1910 wurde Sala in Greiz in Thüringen geboren. Als Schüler von Friedrich Trautwein war er dann verantwortlich für die Weiterentwicklung des ersten elektronischen Musikinstruments der Welt, des so genannten Trautoniums. Sala entwickelte das Instrument weiter, konstruierte das Mixtur-Trautonium und komponierte Stücke dafür. Außerdem studierte er an der Musikhochschule Berlin bei Paul Hindemith. In den vierziger und fünfziger Jahren gab es kaum einen Werbefilm in Deutschland, der nicht durch Salas Klangkonstruktionen seinen eigenen Charakter erhielt, beispielsweise das legendäre HB-Männchen.

Berühmt wurde Sala mit dem Soundscape für Alfred Hitchcocks Thriller »Die Vögel«, deren bedrohliche Schreie eben keine Vogelschreie waren, sondern aus dem Mixtur-Trautonium kamen. Nach seiner Zusammenarbeit mit Hitchcock 1960 erhielt Sala von vielen Filmemachern aus Europa und Amerika Vertonungsaufträge. Das Mixtur-Trautonium übergab Sala 1995 dem Deutschen Museum für zeitgenössische Technik in Bonn.

Oskar Sala starb am Dienstag vergangener Woche im Alter von 91 Jahren in Berlin.



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