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Nr. 10/2002 - 27. Februar 2002
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Meine Zeit in der Hölle XIV

Arzneiwüste

Ich war letztens mal wieder mit dem Taxi unterwegs, und da hört man ja schon mal die eine oder andere Geschichte vom Fahrer. Neulich hatte ich einen Mann aus Izmir, Türkei, im Auto, der aber schon lange hier lebt. Wie es denn so mit dem Fahren gehe, frage ich, und da antwortet er: »Mit dem Fahren habe ich keine Probleme. Aber zum Beispiel mit Krankenhäusern.« Kürzlich sei seine hochschwangere Frau in ein Klinikum - »ich sag dir: so ein Riesenkasten« - gegangen, um ihr Kind zu bekommen. Was für ein Schauspiel!

»Erst hieß es, gibt kein Bett, dann wieder, gibt doch eins, dann wieder nicht. Ich dachte, das kann ja wohl nicht wahr sein, so eine Riesenbude mit Tausenden von Betten, und dann wissen die nicht, ob sie eins frei haben oder nicht. Am Schluss ging's dann doch.«

Das Kind kam. »Meine Frau brauchte eine Milchpumpe, um die Milch aus ihren Brüsten abzupumpen. Wir hatten das Rezept und alles. Es war Wochenende, wir hatten den Kleinen dabei. In keiner von den Scheißapotheken hatten die so ein Ding, überall nur die mechanische Variante. Die taugt aber nichts, wir brauchten die elektrische. Endlich, in Reinickendorf, fanden wir eine Apotheke, wo es die Pumpe gab - perfekt! Aber sie passte nicht durch die Durchreiche in der Tür. Am Wochenende machen die ja nie ihre Türen auf, sondern benutzen immer nur die Luke.

Ich sag also: 'Na, dann machen Sie doch mal kurz die Tür auf'. Aber die Verkäuferin meinte: 'Das geht nicht.' Ich: 'Wieso denn nicht?' Sie: 'Aus Sicherheitsgründen.' Ich: 'Na, ist mir doch so was von egal, meinetwegen gehe ich jetzt 30 Meter weg.' Sie: 'Geht trotzdem nicht.' Ich: 'Sie wollen mir doch wohl nicht sagen, wir können die Pumpe nicht mitnehmen, weil sie nicht durchs Fenster passt?' Sie: 'Genau das.' Ich: 'Ich möchte dann doch mal den Geschäftsführer sprechen.' Sie: 'Das bin ich selbst.'

Ich war so sauer, vielleicht wäre ich jetzt bald doch ein Sicherheitsrisiko gewesen. Na, jedenfalls hat sie uns dann auch nur eine manuelle Pumpe gegeben, meine Frau kam nicht zurecht damit, war alles eine Quälerei. Ich sag dir: So was würde dir in der Türkei nicht passieren! Wie sind die Leute hier eigentlich drauf? Wir haben es in Deutschland echt schwer. Unter dieser bürokratischen Art haben wir zu leiden.«

Ja. Und nicht nur ihr. Wir Deutschen auch.

jürgen kiontke



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