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Nr. 10/2002 - 27. Februar 2002
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Steh auf und sag nein!

Deutscher Discobump für Europa. Corinna May gewann die deutsche Grand-Prix-Vorausscheidung. von martin krauss

Auf einem Plakat in der Kieler Ostseehalle stand: »Nino nach Tallinn!« Was wahrscheinlich als sympathisierende Forderung gemeint war, könnte in einem anderen Kontext auch als »Spaghettifresser nach drüben!« zu verstehen sein. Tallinn liegt schließlich in Estland, also im Osten. Und der als Nino de Angelo auftretende Domenico Gerhard Gorgoglione ist ja der Sohn eines italienischen Pizzeriabetreibers.

De Angelo darf aber hier bleiben. Die deutsche Vorausscheidung für den Grand Prix hat am Freitagabend in Kiel nämlich Corinna May aus Kiel gewonnen, über deren Leben es nur zwei Informationen gibt, die vermutlich ausreichen sollen, die Frau zu charakterisieren: Sie ist erstens blind und wird zweitens von Ralph Siegel produziert.

»I can't live without music«, sang sie auf eine Discobump-Melodie, die klingt, wie 85 Prozent aller Kompositionen Siegels klingen. Und dafür, dass es ein so reichlich überholter Diskostampfer ist, bewegte sich May bemerkenswert eckig, scheinbar (und vermutlich unnötig und Mitleid heischend) ihre Blindheit betonend. »Mädel, das musst du so machen«, wird Ralph Siegel gesagt haben.

Ein Discobump ist also der zentrale deutsche Beitrag zur kulturellen Integration Europas. Das kann beruhigen, denn nach den Gesetzen des Grand Prix, wird so ein Lied garantiert nicht gewinnen. Der deutsche Erfolg wird darin bestehen, nicht völlig durchzufallen.

Der deutsche Schlager der letzten Jahrzehnte zeichnete sich stets durch eine selbstbezogene Heimeligkeit aus. Wer auf dem Weltmarkt etwas zu sagen hatte, produzierte Weltstars. Deutschlands Kulturindustrie hingegen brachte einerseits ambitionierte Liedermacher hervor, die jeden stern-Titel in ein sich wirklich reimendes Protestlied transformierten, oder einen verlogenen Glamour, der von Rex Gildo und Roy Black repräsentiert wurde. Schwerer zu ertragen wurde diese Konstellation zu Beginn der achtziger Jahre, als sich die hiesigen kulturellen Fähigkeiten zwar nicht verbesserten, der Anspruch jedoch nach oben getrieben wurde. Dank der deutschen Friedensbewegung gewann Nicole 1982 mit »Ein bisschen Frieden« den Grand Prix. Zur gleichen Zeit war Nena mit »99 Luftballons« in den US-Charts.

Bis dahin war die Vorstellung, die man in Deutschland vom Weltmarkt hatte, noch nett und gemütlich, und vor allem schadete sie niemandem. Roberto Blanco, in Tunesien geborener Sänger kubanischer Herkunft, der im Libanon und in Spanien aufgewachsen war, sang vom »Puppenspieler in Mexico«. So sah die weite Welt aus.

Und vor allem sprach sie deutsch. Der Grieche Costa Cordalis sang in »Anita« von Mexiko, während die Litauerin Lena Valaitis von »Johnny Blue« und vom »Rio Bravo« berichtete. Bill Ramsey aus Cincinnati besang die Pariser Mausefalle »Pigalle« und den »Maskenball bei Scotland Yard«. Ja, und die Kroatin Dunja Rajter sang den arabischen Gruß »Salem Aleikum«, während die Israelin Daliah Lavi Versöhnungsgrüße überbrachte: »Willst du mit mir gehen«, »Meine Art, Liebe zu zeigen«, »Nichts haut mich um - aber du«. Aber nach Nicoles 1982er Erfolg war alles anders. Da dachten die Deutschen, man finde sie und ihre Kultur in der weiten Welt ganz gut.

So geht das also schon seit 20 Jahren. Am Freitagabend gab es außer Nino de Angelo (»Und wenn du lachst / geht für mich der Himmel auf / und wenn du schläfst / seh' ich dir dabei zu«) nur noch ein Duo, das den harmlosen deutschen Schlager früherer Jahrzehnte verkörperte: Ireen Sheer und Bernhard Brink. Die Engländerin Sheer, die schon mit Albert Hammond auftrat, gehört seit 1973 zum Inventar des deutschen Schlagers.

Brink, ein früherer Jura-Student mit dem IQ der Taschenbuchausgabe des Strafgesetzbuchs, hält sich seit Jahren mit Mischfinanzierungen über Wasser. Einen ganz großen Hit hatte er in seinen 30 Jahren Singerei nie, aber er moderiert beim MDR, der bekanntlich jeden nimmt, der kein IM war, Schlagersendungen. Dort tritt er als sein eigener Stargast auf, erheitert das Publikum mit Boris-Becker-Imitationen und hat sich als »Brinki« seinen eigenen Spitznamen erfunden.

Brink hatte das gemeinsame Lied, eine Hymne namens »Es ist niemals zu spät«, den Opfern des 11. September gewidmet, während seine Kollegin Sheer, gerade selbst von ihrem Ehemann verlassen, es lieber Uschi Glas widmete. Der Text jedenfalls ließ WTC- und Glas-Solidarität in gleichem Umfang zu: »Soll uralter Hass / das einzige Maß / unseres Glaubens sein? / Dann schreit es in mir / Steh auf, steh auf / und sag: Nein!«

Nein, Brink & Sheer kamen, obwohl die Musik deutlich besser als der Text war, auch nicht unter die besten drei, die vom Sponsor Telekom im ersten Wahlgang ermittelt wurden. Angeblich, damit es gerechter zuging. Den Sprung unter die besten drei verpasste auch die mit Pfiffen empfangene Kelly Family, deren Beitrag »I wanna be loved« einer Mischung aus tibetanischen Gesängen und einer Ballade von Celine Dion glich, aber immerhin ließ der schlechte Geschmack in Kleiderfragen den alten Kelly-Charme aufblitzen. Malte Kelly trat mit freien Schultern und Spaghettiträgern auf, das hätte sich nicht mal Guildo Horn getraut.

Sogar eine 18jährige Isabel, die von der Bild-Zeitung und ihrem Schlagerredakteur Mark Pittelkau ins Rennen geschickt und von Dieter Bohlen produziert worden war, blieb im Hauptfeld stecken. Ebenso die von Moses Pelham produzierte Linda Carriere und die Cottbuser Tote-Hosen-und-Prinzen-auf-einmal-Imitatoren SPN-X (»Ich will in die Bravo«).

Außer Corinna May und der überflüssigen und von der Evangelischen Kirche für Deutschland gesponserten Gruppe Normal Generation (schon der Name sagt alles) wurde noch Joy Fleming gewählt, die Vorjahreszweite, die 1975 (!) mit »Ein Lied kann eine Brücke sein« schon mal beim Grand Prix dabei war. »Joy to the World« hieß ihr Lied, intelligent mit ihrem Künstlernamen spielend (mit ihrem bürgerlichen Namen Erna Strube wär's nicht so gut gegangen), und mit ihrer Begleitgruppe Jambalaya brachte sie die sowohl musikalisch, tänzerisch als auch optisch anspruchsvollste Combo auf die Bühne.

Nachdem die drei Finalisten feststanden, nötigte der Moderator Axel Bulthaupt alle Künstler, aus Gründen der zeitlichen Überbrückung die estnische Nationalhymne zu singen, denn schließlich findet ja der zu beschickende Grand Prix in Tallinn statt. Während die Teilnehmer »Estonia, Estonia« vortrugen, wurde wieder angerufen und gewählt.

32,5 Prozent der Stimmen gingen letztlich an Joy Fleming, wobei man nicht vergessen sollte zu bemerken, dass bei der Telekom-Schaltung, wenn nicht gerade besetzt war, »Dieser Anruf ist vorübergehend nicht zu erreichen« zu hören war. Corinna May erreichte letztlich 41,1 Prozent, was aus Ralph Siegels Telefonrechnung die Bilanz eines kleinen Vermögens gemacht haben dürfte. Herausgekommen ist also: »May nach Tallinn«. Und das kann ja auch »Blinde nach drüben« heißen.



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