Das Gewicht der 'jungen Welt'
Was ist eigentlich in Jugoslawien passiert, Herr Handke? »Genau das, was Herr Milosevic in seiner Eröffnungsrede detailliert und auf brillante Weise beschrieben hat. Ich bin beeindruckt von seiner Rede, seine Worte waren wundervoll. (...) Eigentlich müssten doch alle Menschen Serbien und Slobodan Milosevic unterstützen.« So wenig die Antwort des Kärntner Dichters auf die Frage von Cathrin Schütz erstaunt, so wenig erstaunt es, dass er sogleich via Suhrkamp Verlag bestritt, sie jemals gegeben zu haben. Denn Peter Handke befand sich im Auftrag des Magazins der Süddeutschen Zeitung in Den Haag und ist wohl kaum befugt, Milosevic schon vorab in der jungen Welt zuzujubeln. Dieser Zeitung spielte die Milosevic-Unterstützerin Schütz sein Geplänkel aber zu.
Nun sah sich Handke zur Verlautbarung bemüßigt: »Es hat kein Interview in Den Haag mit mir stattgefunden. Niemand darf und kann so reden wie der fiktive P. H. da, und schon gar nicht kann so reden der wirkliche P. H.« Soll heißen: »Wirklich« gibt es P. H. demnächst im SZ-Magazin, »fiktiv« war die von Schütz aufgeschnappte und von dem zuständigen jW-Redakteur zurechtgehauene Fassung. Nun sah sich aber auch Gustav Seibt bemüßigt, im Auftrag der SZ ziemlich genau das Gegenteil dessen zu schreiben, was er vor einigen Jahren im Auftrag der FAZ schrieb. Damals erkannte er in Handkes Serbien-Reportage »oft kitschnahe Dingpoesie und -metaphysik«, »ideologische und poetologische Affekte«, ja »Wahn«, heute schwärmt er von der »Kraft seines poetischen Augenzeugnisses«, nennt »Unter Tränen fragend« ein »Stück Landschaftspoesie, das unter literarischen Gesichtspunkten zum besten gehört, was Handke geschrieben hat«, und hält die »Szenerie, die Handkes Text entwirft«, für »absolut glaubwürdig«.
»Tempora mutantur«, denn hätten wir - oder sagen wir, einige von uns - es uns noch vor ein paar Jahren träumen lassen, dass wir ausgerechnet einen Kommentar der Berliner Morgenpost für stark untertrieben halten könnten, die auf die Ähnlichkeit der politischen Auffassungen von P. H. und jW hinweist und schließt: »Die sonderbare Berührung zwischen ziemlich weit rechts und ziemlich weit links sollte zu denken geben, der einen wie der anderen Seite«?
Unser kommunistischer Kultursenator
Wäre dieser Text ein Comic, er würde ungefähr so aussehen: Erstes Bild. Unser kommunistischer Kultursenator sitzt an seinem Schreibtisch, Stalin hängt an der Wand, und er blickt aus der Zeichnung mit einem Gesichtsausdruck, der so viel bedeutet wie: Mir geht es darum, alles zu zersetzen, was den Berliner Bürgern lieb und teuer ist. Einem devoten Berater zugeneigt, sagt er: »Soso, wir sollen also sparen!«
Nächstes Bild. Er hat den Finger gehoben und doziert mit einem Menschen verachtenden Politkommissarsgesichtsausdruck: »Genosse, so kann man sich Dialektik vorstellen: Das kapitalistische System und die Korruptheit der herrschenden Klasse scheinen uns keine andere Wahl zu lassen, als ausgerechnet an den Kulturausgaben zu sparen.«
Nächstes Bild. Unser kommunistischer Kultursenator steht neben dem Stalin-Porträt und schaut teuflisch: »Dabei ist das alles nur eine List der Vernunft. Wir müssten eigentlich überhaupt nicht sparen. Aber wir können diese Vorgaben des kapitalistischen Systems für unsere Zersetzungsarbeit benutzen und sofort anfangen, der bürgerlichen Theaterkunst den Garaus zu machen. Notieren Sie: Das Berliner Ensemble, die Schaubühne und das Hebbel-Theater sollen weniger Geld bekommen. Das Schlosspark- und das Hansatheater bekommen gar kein Geld mehr. Das Ballett der Deutschen Oper wird abgeschafft. Das Theater des Westens wird verkauft (hähä, nichts ist schöner, als wenn wir den Kapitalisten ihren Schrott auch noch verkaufen können). Und das Maxim Gorki Theater - lassen Sie streuen, wir würden es am liebsten schließen. Dann wird es einen Proteststurm geben und wir können es vielleicht retten.«
Letztes Bild. Unser kommunistischer Kultursenator flüstert: »Der Volksbühne geschieht selbstverständlich nichts.«
Chuck Jones gestorben
Die Filmkunst, die auf Deutsch so schön Zeichentrick genannt wird, ist die vielleicht schönste und modernste. Dafür gibt es viele Gründe. Einer ist, dass sich in ihr die Bilder am weitesten von der Abbildung dessen, was man gemeinhin für Realität hält, entfernt haben, und dieser Realität so einfach eine neue Ebene hinzugefügt wird. Ein anderer ist, dass hier stärker als sonst die Künstler hinter ihren Erfindungen verschwinden.
Jeder kennt die Figuren, die Chuck Jones in die Welt hinausschickte: Bugs Bunny, Schweinchen Dick, Daffy Duck und Bip Bip Roadrunner. Aber die wenigsten kannten Chuck Jones. Geboren wurde er 1912 in Spokane im Bundesstaat Washington. Als junger Mann ging er nach Hollywood, schlug sich zunächst als Porträtmaler durch, bis er einen Job in den Disney-Studios bekam. Er arbeitete für diverse Filmstudios und wirkte an über 300 Filmen mit. 1995 bekam er einen Oscar für sein Lebenswerk.
Am vergangenen Freitag starb Chuck Jones im Alter von 89 Jahren an Herzversagen.