Jungle World Banner
Nr. 09/2002 - 20. Februar 2002
Im Archiv suchen:
Inhalt
Interview
Disko
Inland
Antifa
Euro
Dossier
International
Feuilleton
Heim & Welt
Medien
Sport
Junk Word
Rubriken
Nachrichten
Inland
Nachrichten
Euro
Nachrichten
International
Nachrichten
Feuilleton
Deutsches
Haus
action
Alternative Lebensformen
Sonstiges
Archiv
Jungle Abos
Impressum
Jungle World in Österreich
Neu: Kleinanzeigen
Ausgewählte
Texte und Vorträge
E-Mail
Redaktion
Webmaster

Sitten & Gebräuche XV

Wer im Glashaus sitzt

Die Grundwerte sind angegriffen. Nicht nur dass Lesben und Schwule heiraten dürfen, als seien sie normale Menschen, nicht nur dass der hellrote Kanzler so oft heiraten darf, wie er will, nein, jetzt geht es auch den bereits geschlossenen, es geht den guten, alten, schönen und wahren christlichen Ehen an den Kragen.

Obwohl Edmund Stoiber noch am Aschermittwoch in Passau prahlte, er sei »stolz darauf, 34 Jahre mit derselben Frau verheiratet zu sein«, was heißen sollte, dass andere zwar vielleicht viele Ehen haben mögen, er aber dafür die längste hat, obwohl er also noch prahlte, war bereits in der Vorwoche anderenorts eine Bombe geplatzt: Die Ehe von Uschi Glas ist gefährdet. Akut. Ihr Mann betrüge sie mit einer »Brezelverkäuferin«, wusste Bild, und die Gattin Glas gab Interviews in Gala und Bunte und hat die gemeinsame Wohnung in Richtung Kitzbühel verlassen.

Nun ist Frau Glas ja nicht nur eine Gattin, eine unbekannte Frau Glas oder eine einfache Prominente. Nein, die 57jährige Uschi Glas ist eine Symbolfigur der wertkonservativen Vaterländer, seitdem sie im Film »Zur Sache, Schätzchen« Werner Enke disziplinieren wollte, als Squaw bei »Winnetou« kreuzbrav blieb und starb und später von Sat.1 zur neuen Inge Meysel aufgebaut wurde. Stets bekannte und bekennt sie sich zu Deutschland, zu traditionellen Werten und zur Mutterrolle, und dennoch sieht sie nicht verhärmt, verbittert oder verknöchert aus, sondern glänzt und lächelt immer so apart wie die Kochfee vom Maggi-Kochstudio.

Die Krise bei Glasens ist sogar eine forcierte, denn finale Fragen tauchen auf. »Ehe zu dritt? Das kommt für mich nicht in Frage!« sagt sie. »Denkt sie schon über ein Leben als Single nach?« fragt Bild. »Wer kriegt die Villa in Grünwald?« fragt die B.Z. Die interessanteste Frage allerdings stellt Uschi Glas selbst: »Das ist doch komisch. Da treffen sich zwei Leute auf einem Parkplatz in Grünwald und in den Bäumen soll ein Paparazzo hängen.« Ja, tatsächlich, das ist komisch. Glas selbst mutmaßt, da wollte eines der beiden Paparazzo-Opfer fotografiert werden, doch das ist reine Spekulation.

Vielmehr muss man sich doch fragen, wer denn die Ehe der ewig jungen Mutter der Nation und der Nationalen ausgerechnet im Wahljahr zu zerrütten gedenkt. Denn es geht nicht um Betrug und Verletzung, auch Franz Josef Strauß ging ja mal fremd, es geht darum, dass das, was in besten Familien vorkommt, plötzlich an die Öffentlichkeit gezogen wird. Immerhin kennt Glasens Gatte die fremde Buhle schon seit neun Jahren. Doch gerade in dieser pikanten Stunde kommt die Affäre ans Licht. Nun sind aber Bild, B.Z., Gala und Bunte allesamt in der Hand von konservativen Verlegern, folglich muss jemand anderes den Skandal lanciert haben.

»Ich will nicht, dass unser Land sowjioniert wird«, rief Edmund Stoiber, der dann ja bald ganz allein gut verheiratet ist, ebenfalls am Aschermittwoch aus. Und gab damit ein warnendes Zeichen: Ganz offensichtlich arbeiten die Sowjets noch. Wie? Untergründig natürlich. In Bäumen sitzen bekanntlich selten Paparazzi zur rechten Zeit, immer jedoch sitzen dann Geheimdienstler dort. Welcher Dienst aber, außer dem KGB, ist gerade in diesen Tagen nicht ein befreundeter? Na? Und war es nicht eine Methode der fiesen Rotrussen, denjenigen, die sie nicht mochten, das Privatleben zur Hölle zu machen? Und tritt nicht Uschi Glas nun, wo ihre noch minderjährige Tochter wieder zur Schule muss, eine »bittere Heimkehr« (B.Z.) an, just so wie jene Deutschen, die in den Vierzigern aus der Sowjetunion zurück nach Hause mussten? Und ist nicht in Berlin bereits jene Partei am Ruder, die es auch gern bundesweit wäre? Und kennt die nicht die Sowjets, sagen wir mal, »gut«? Kann das alles Zufall sein? Denken Sie mal darüber nach.

jörg sundermeier



Jungle World, Bergmannstraße 68, 10961 Berlin, Germany
Fax ++ 49-30-61 8 20 55
E-Mail: redaktion@jungle-world.com