Wer denkt sich so was aus?
Wenn gar nichts mehr geht, dann her mit den spinnerten Ideen! Also, nur noch einmal zur Erinnerung: Berlin ist pleite und Brandenburg pfeift auch höchstens anderthalb Löcher weiter oben. Die beiden Länder haben es in den vergangenen Jahren nicht einmal auf die Reihe bekommen, ihre beiden Rundfunkanstalten zu fusionieren. Berlin ist im Übrigen so pleite, dass wahrscheinlich nicht einmal das Stadtschloss wieder aufgebaut wird, und der bekennende Preuße, ehemalige Berliner Innensenator und heutige brandenburgische Innenminister Jörg Schönbohm hat unlängst noch verkündet, eine Länderfusion könnten die Berliner getrost vergessen.
Doch was kümmert es die unselige Gegenwart, wenn es eine große Vergangenheit gab, wird sich der brandenburgische Sozialminister Alwin Ziel (SPD) gedacht haben, als er in der vergangenen Woche verkündete, die beiden Länder sollten sich doch unter dem altehrwürdigen Namen Preußen wieder zusammenschließen.
Doch es gibt keine irre Idee, die nicht durch gesteigerten Irrsinn noch überboten werden könnte: Die FAZ ließ prompt unter »Deutschen und Alliierten« nachfragen, was sie denn von Ziels Vorschlag halten. Hier eine Auswahl der Antworten: Hans Magnus Enzensberger findet die Idee »auf Anhieb nachvollziehbar«. Eberhard Diepgen glaubt: »eine Schuhnummer zu groß«. Prinz Ferfried von Hohenzollern: »Ein fabelhafter Vorschlag!« Susan Sontag: »Das scheint mir keine gute Idee zu sein.« Andrej Bitow: »Der Name ist uns aus der Geschichte vertraut.« Michel Tournier: »Er (der preußische Staat) brachte den uneigennützig dienenden Beamten hervor.« Klaus Lehmann: »Ich bin der Auffassung, dass sich die Region mit einem Bindestrich-Namen zu begnügen hat. Alles andere wäre ahistorisch.« Julian Nida-Rümelin: »Der Name Preußen (könnte) falsche Assoziationen in Deutschland und im Ausland wecken.« Martin Walser: »Das wird unseren Föderalismus stärken. Deshalb gratuliere ich zu dieser Idee.«
Greenaway droht neuen Film an
Abgesehen von einem Bundesland Preußen war das allerletzte, was uns in den vergangenen Jahren gefehlt hat, ein neuer Film von Peter Greenaway. Fast hatten wir vergessen, dass es den britischen Filmemacher überhaupt noch gibt, so lange ist es her, dass wir das letzte Mal von seiner Bedeutungshuberei belästigt wurden. Doch zu früh gefreut, auf der Berlinale kündigte Greenaway nun an, einen neuen Film drehen zu wollen.
Aber was heißt hier neuer Film? Ein Projekt, eine Trilogie! »The Tulse Luper Suitcase« soll das Werk heißen, und die Geschichte eines geheimnisvollen Gefangenen und Originalgenies erzählen, der im Laufe seines Lebens in 16 Gefängnissen in aller Welt einsitzt. Wem das noch nicht reicht: Die Geschichte soll durch Artefakte aus 92 Koffern führen, denn 92 ist die Atomzahl des Urans, deshalb hat das Ganze auch den Untertitel »Eine fiktive Geschichte des Urans«. Und weil es ein Projekt Greenaways ist, soll es Kinofilm, Fernsehserie (mindestens 16 Folgen), interaktive Spezial-DVD, Buch und Webpage werden. Gespielt von 92 Schauspielern, neben anderen Don Johnson und Franka Potente.
Puh, denkt man sich. Ein Glück, dass daraus nichts werden wird. Dafür dürfte nicht einmal die deutsche Filmförderung Geld ausgeben.
Kultur statt Kugeln
Es ist immer einfach, sich über kulturpolitische Initiativen lustig zu machen. Das wollen wir aber nicht. Schließlich haben wir alles, was wir wollen, und deshalb legen wir auch niemanden um, der in die falsche Richtung betet. Auch die Zeugnisse der Vergangenheit, nehmen wir einmal die Siegssäule, wollen wir nicht mehr sprengen, sondern wir freuen uns, wenn dort bei der Love Parade getanzt wird.
Deshalb wird es hier in der Bergmannstraße auch begrüßt, wenn Koichira Matsuura, der Generalsekretär der Unesco für Bildung, Wissenschaft und Kultur, ankündigt, er habe sich die Wiederherstellung und Bewahrung der afghanischen Kultur und ihrer Kunstwerke zum Ziel gesetzt. Um den Erhalt vieler Schätze sichern zu können, will die Unesco zunächst den Bestand erfassen und einzelne historische Stätten wieder aufbauen. Das ist löblich, denn die besondere geografische Lage hat in Afghanistan eine Vielheit kultureller Begegnungen hervorgebracht. Die griechische und die persische Kultur sowie die buddhistische, jüdische, christliche und islamische Religion waren in Afghanistan zu Hause, teilte die Unesco in der vergangenen Woche mit.
Besonders gut finden wir in diesem Zusammenhang, dass die Unesco in einem zweiten Schritt die Bevölkerung - auch ehemalige Soldaten - anleiten will, wieder handwerkliche Fertigkeiten zu erlernen.
Intellektuelle für den Krieg
Langsam gehen sie uns mit ihrem Trara ja wirklich auf die Nerven, die Amerikaner. Elfter September hier, Fahne da - ja, liebe Freunde, bei aller Solidarität: Wir haben den Schuss gehört. Ein paar besonders penetrante Nervensägen haben in der vergangenen Woche zum »gerechten Krieg« gegen den Terrorismus aufgerufen. »Organisierte Killer mit globaler Reichweite bedrohen uns alle«, heißt es in dem Appell, den u. a. Francis Fukuyama, Samuel P. Huntington und Amitai Etzioni unterzeichneten. »Im Namen der universalen menschlichen Moral und im vollen Bewusstsein der Begrenzungen und Anforderungen eines gerechten Krieges unterstützen wir die Entscheidung unserer Regierung und unserer Gesellschaft, Waffengewalt gegen sie einzusetzen. (...) Gleichzeitig erklären wir feierlich mit einer Stimme, dass es für unsere Nation und ihre Verbündeten darauf ankommt, diesen Krieg zu gewinnen.«