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Nr. 08/2002 - 13. Februar 2002
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Dichte Denker I

Lichte Momente

Das ein oder andere Mal schon hatte der Schriftsteller Peter Handke einen lichten Moment. Vor einigen Jahren beispielsweise sagte er in einem Interview den denkwürdigen Satz: »Ganz Deutschland ist dunkel.« Man weiß zwar nicht genau, wie er das gemeint hat, aber irgendwie hatte er Recht. Und das konnte einen beinahe dazu verleiten, ihn zunächst mal sympathischer zu finden als den Hobbygeschichtsrevisionisten Martin Walser oder Günter Grass, die Wurststulle unter den deutschsprachigen Schriftstellern.

Seither aber hat sich einiges geändert: Peter Handke schreibt keine schmalen, überschätzten Prosabändchen mehr mit seinem Schmarren voll, sondern dickleibige, überschätzte Wälzer, in denen das, was der Ausfluss des Handkeschen Schaffens ist, die Langeweile nämlich, nicht mehr in komprimierter Form dargeboten, sondern zelebriert wird. Wer meint, das Verschwiemelte und Seifenblasige seines Stils beschränke sich auf sein eierschaumwölkchenhaftes Schreiben, sieht sich getäuscht, denn mit der seit vielen Jahren gepflegten Gewohnheit, kein Interview zu seinem Werk zu geben, hat der Autor jüngst »gebrochen« (Süddeutsche Zeitung).

Eine mutige Tat, mit der der Hohepriester vor seiner Gemeinde Zeugnis ablegt, dass auch sein Sprechen aus einem Paralleluniversum zu uns herüberweht. »Geld ist nicht nur ein Kommunikationsmittel, sondern auch ein Freundlichkeitsmittel«, raunt es uns entgegen, und da wissen wir endgültig: Auf Handke ist Verlass. Die Schraube sitzt noch immer locker.

So z.B., wenn er uns von seiner Arbeit am neuen Roman (»Der Bildverlust«) berichtet: »Ich habe die heutige Welt umkurvt - und es ist mir dabei nicht um eine Gegenwelt gegangen, sondern um ein Nachziehen der vorhandenen Welt, um eine Art Ränderverstärkung, um heute. Jeder Verästelung bin ich begeistert nachgegangen, mit warmem Herzen, mit nicht ganz unleuchtender Stirn.«

Herr Handke! Beim heimischen Weltumkurven in der Dichterklause nicht die ganze Flasche auf einmal, dann hört das mit dem warmen Herzen und der nicht ganz unleuchtenden Stirn von ganz allein auf, und dann gehen Sie auch nicht gleich begeistert jeder Verästelung nach, glauben Sie mir. Im Übrigen hätte es doch sicherlich, zumindest was die Ränderverstärkung angeht, auch ein Päckchen Wäschesteif getan. Das kriegt man übrigens für ein bisschen vom Freundlichkeitsmittel nebenan im Supermarkt.

Weil nun aber dem Interviewer das alles noch zu langweilig und nicht zackig genug ist, fährt er größere Geschütze auf: »Im 'Bildverlust' ist oft von 'Volk' die Rede, damit ist nicht nur Abstammung gemeint, sondern Zugehörigkeit. Einmal heißt es gar, ohne ein 'Volk' sei der Einzelne verloren. Was ist 'Volk'?« Das waren die Signalworte. Jetzt ist der Handke angefixt, und kein Gedanke hemmt mehr den Fluss der Rede: »Ein schönes Wort, wie 'Heil'. (...) Warum soll man diese Wörter wie 'Volk' oder 'Heil' in einem anderen Zusammenhang nicht wieder verwenden?«

Genau! So sieht's doch aus. Warum soll man Wörter wie »Herrenrasse« oder »Blutopfer« in einem anderen Zusammenhang nicht wieder verwenden? »Ein Wort wechselt wie ein Blatt, das welkt und vom Wind verweht wird, und es fällt irgendwo hin und wird zur Form. So kann das Wort 'Volk' von einem verwelkten Zeug zur Form werden.« Und so kann das verwelkte Zeug im Kopf von Peter Handke zu Blähungen im Hirn führen, die als Wind aus dem Dichtermund geweht werden, und der fällt dann in die Süddeutsche Zeitung hinein und wird zur Form.

Einmal jedoch sagt der große Dichterfürst Handke in dem Gespräch etwas sehr Wahres. Er sagt: »Es ist sehr gut, wenn Leute schreiben, das, was ich machte, grenze an Kitsch. Diese Leute haben völlig Recht, auch wenn sie es negativ meinen.« Wie gesagt: Bisweilen hat Herr Handke lichte Momente.

thomas blum



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