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Nr. 08/2002 - 13. Februar 2002
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Gestrandet unter Palmen

Zweierlei Fremde haben die spanische Costa del Sol zu einer der wohlhabensten Gegenden des Landes gemacht. Die Touristen bringen ihr Geld und die illegalen Migranten ihre Arbeitskraft. von dominik bloedner, marbella

Es waren seltsame und ungebetene Gäste, die da in den frühen Morgenstunden eines herrlichen Sonnentages Ende Juni 2001 am Strand des Hotels Puente Romano auftauchten, einer der ersten Adressen der selbst ernannten Jet-Set-Metropole Marbella.

Anders als die Reichen und Schönen kamen sie nicht auf einer Luxusyacht oder mit dem Privatflugzeug, sondern in einer patera, einem dieser leichten Boote aus Holz oder Gummi, in dem 25 bis 40 Menschen Platz finden. Sie reisten auch nicht aus England, Deutschland oder Saudi-Arabien an, um an der Costa del Sol ihren Urlaub zu verbringen oder sich in ihrem Zweitwohnsitz und Altersdomizil zu erholen. Die 26 Flüchtlinge aus Marokko und anderen armen afrikanischen Staaten gaben ihr Schicksal und ihr letztes Geld vielmehr in die Hände mafiöser Schlepperbanden, in der Hoffnung, in Europa als Erntehelfer oder Bauarbeiter ein Auskommen zu finden.

An Spaniens Sonnenküste prallen gegensätzliche Welten aufeinander. Zum einen gibt es hier das Elend der Flüchtlinge, die tausendfach gescheiterten und oft tödlichen Versuche, Armut, Hunger und Krieg in den jeweiligen Herkunftsländern zu entfliehen. Zum anderen haben sowohl Luxus- wie Massentourismus als Hauptwirtschaftsfaktoren dem ehemals armen Andalusien zu beträchtlichem Wohlstand verholfen.

Die maurische Vergangenheit dient dabei als Werbemagnet. In den für den europäischen und US-amerikanischen Markt gedruckten Fremdenverkehrsprospekten über Andalusien wimmelt es nur so von Anspielungen auf den Mythos von »Tausend und einer Nacht«. Und seit langem ist die Alhambra in Granada das mit Abstand meist besuchte Touristenziel in ganz Spanien. Vor der maurischen Gegenwart verschließt die Tourismusbranche jedoch die Augen. Die Illegalen werden allenfalls als unsichtbare Arbeitskräfte in der Baubranche und der Agrarindustrie geduldet. Und natürlich auch gebraucht.

Doch auch wenn die illegalen ImmigrantInnen so gut wie gar nicht im Straßenbild der Tourismuszentren auftauchen, ist Afrika nicht nur als maurische Vergangenheit visuell im Alltag an der Costa del Sol präsent, sondern auch geografisch nah. Fast können die deutschen Ruheständler in ihren Hochhäusern einen Blick auf den Kontinent auf der anderen Seite des Mittelmeeres erhaschen. Eine bessere Sicht hat man freilich etwas weiter südwestlich, im Surferparadies Tarifa. Eine nur 14 Kilometer breite Meerenge trennt hier den südlichsten Zipfel Spaniens von Afrika.

Die einen kommen hierher, weil ihnen die starken Winde beste Bedingungen fürs Wellenreiten bieten und gleichzeitig dafür sorgen, dass dieser stürmische Küstenabschnitt bisher von den üblichen Betonburgen für Badegäste verschont geblieben ist. Die tätowierten Langhaarigen mit ihren VW-Bussen in den Dünen verbreiten einen Hauch von Kalifornien, viele von ihnen sind aus Deutschland gekommen und wirken wie lebendige Relikte aus den siebziger Jahren. In dieser Freak-Idylle stören allenfalls jene, die unter gänzlich anderen Bedingungen bei Dunkelheit die kurze gefährliche Überfahrt wagen: manchmal finden die Surfer auf ihrem Weg zum Strand die in der Nacht angeschwemmten Leichen derer, die die Bootsfahrt mit dem Leben bezahlt haben.

Dazwischen patrouilliert die technologisch hochgerüstete Guardia Civil, die Flüchtlinge an der illegalen Einreise hindern soll. Die südlichste Grenze Europas hat sich seit dem Schengener Abkommen zu einer Hochsicherheitszone entwickelt. Die Kontrollen zu Land, zu Wasser und in der Luft können indes nicht verhindern, dass in jeder Nacht zahlreiche Immigranten das spanische Festland erreichen und sich unerkannt nach Norden aufmachen. Inoffiziellen Schätzungen zufolge wird nur jedes vierte oder fünfte Boot von den Grenzschützern entdeckt.

Wer sich wie viele Flüchtlinge aus Westafrika der persönlichen Papiere entledigt hat und weit weg von der Küste in eine Polizeikontrolle gerät, ist dann zwar noch lange nicht legal, kann aber nicht mehr so einfach abgeschoben werden. Bei Marokkanern ist das anders, denn Spanien hat mit seinem Nachbarland ein Rückführungsabkommen geschlossen. Wie viele Illegale sich in Spanien aufhalten, darüber gibt es keine verlässlichen Angaben. Flüchtlingsunterstützer sprechen von etwa 130 000, die Hilfsorganisation Caritas International schätzt, dass es ungefähr 250 000 sind.

Die anderen Fremden haben es einfacher - die Urlauber. Rassistische Schikanen, ein Leben im Untergrund oder ihre Abschiebung haben sie nicht zu fürchten. Sie kommen auf den eigens für sie errichteten Autobahnen oder mit dem Flugzeug, nicht einmal einen Pass brauchen sie mehr. Allein im Juli 2001 waren es in ganz Andalusien rund zwei Millionen spanische, britische und deutsche Touristen, die der Branche in diesem Monat eine Rekordeinnahme von rund einer Milliarde Euro beschert haben.

Für viele Engländer, Deutsche, Skandinavier und wohlhabende Araber ist die Costa del Sol von der zweiten zur ersten Heimat geworden. Die so genannten Residenzialtouristen verbringen hier den Großteil ihres Lebens und verfügen über eigene Siedlungen, ihre eigenen Medien in der jeweiligen Sprache und eine auf ihre Bedürfnisse perfekt ausgerichtete Infrastruktur.

Da ist alles dabei, vom deutschen Friseur- und Kfz-Meister, vom »Schnitzelparadies«, der »Hundepension Beethoven« und dem Restaurant »Bavaria« über den finnischen Rechtsanwalt und den englischen Chiropraktiker bis zum französischen Immobilienmakler. Auch gibt es Niederlassungen der italienischen, russischen und marokkanischen Mafia, die an der Costa del Sol ihr Drogengeld in Bauprojekten oder Ferraris anlegen und sich immer stärker im mediterranen Menschenhandel engagieren.

Dieser Menschenschmuggel nach Europa ist ein äußerst einträgliches Geschäft. Zwischen 420 und 1 800 Euro werden für die kurze Überfahrt kassiert, vergleichsweise wenig, denkt man an das Schicksal von Flüchtlingen aus weiter entfernten Gebieten. Manche Schlepperorganisationen bieten ihren Kunden als besondere Dienstleistung sogar drei verschiedene Versuche an, statistisch gesehen also durchaus eine reelle Chance.

Ende Juli 2001 haben Spanien und Marokko zwar ein Abkommen über die Anwerbung von Arbeitskräften geschlossen. Je nach Bedarf sollen zwischen 12 000 und 20 000 Marokkaner pro Jahr eine offizielle Arbeitserlaubnis erhalten. Die Nachfrage aus dem Nachbarland ist damit jedoch bei weitem nicht gedeckt. Und mit anderen afrikanischen Staaten gibt es keine vergleichbaren Abkommen.

Allein im August 2001 sind an den Küsten von Algeciras und Tarifa 1 903 Menschen - in der Mehrzahl aus Marokko - bei dem Versuch verhaftet worden, illegal nach Spanien einzureisen. Von Januar bis September wurden an der Meerenge und in den beiden spanischen Enklaven auf dem afrikanischem Festland, Ceuta und Melilla, 13 624 illegale Einwanderer gezählt. Nach Angaben der Guardia Civil ein Anstieg von gut 2 000 Personen oder 17 Prozent gegenüber dem gleichem Zeitraum des Vorjahres.

Immer mehr Immigrantinnen und Immigranten sterben auf ihrer Reise in den Norden. Angeschwemmt wie Treibgut, werden sie von der Guardia Civil an den Stränden aufgebahrt, damit bereits in den Mittagsnachrichten die Leichen im Fernsehen zu betrachten sind. Nach Angaben von Atime (Asociación de Trabajadores Inmigrantes en España), einer Organisation vor allem marokkanischer Arbeitsimmigranten, sollen in den vergangenen fünf Jahren 3 924 Menschen in der Meerenge von Gibraltar bei Bootsunfällen ertrunken sein. 3 237 von ihnen noch in marokkanischen Hoheitsgewässern, der Rest vor Spaniens Küsten. Zum einen, weil die überladenen und altersschwachen pateras den starken Winden und Strömungen nicht gewachsen sind, zum anderen, weil einige dieser Boote von den Schleppern sich selbst überlassen werden und dann manövrierunfähig in der Meerenge umhertreiben.

Für die wenigsten der einmal gelandeten Flüchtlinge gibt es in Marbella, Fuengirola oder Nerja eine Beschäftigung. Die Touristikzentren an der Costa del Sol dienen meist nur als Durchgangsstationen. Arbeit versprechen vor allem die schier endlosen Olivenhaine in der Provinz Jaen, die ausgedehnten Erdbeerplantagen in der Provinz Huelva sowie die unzähligen Treibhäuser, die so genannten invernaderos, an der Küste von Almería.

Gerade in der Landwirtschaft offenbart sich das Problem mit moros - so die gebräuchliche abschätzige Bezeichnung für die illegalen Arbeitsimmigranten. Der spanische Staat will sie nicht, aber ohne ihre Arbeitskraft wäre der Agrarsektor auf dem europäischen Markt nicht mehr konkurrenzfähig. Im Frühling 2001, mitten in der Hauptsaison, standen die Erdbeerplantagen um Huelva kurz vor dem Ende, als die illegalen Erntehelfer wegen der Androhung schärferer Kontrollen von einem Tag auf den anderen nicht mehr zur Arbeit erschienen. Erst nach vehementen Protesten der betroffenen Landwirte begann sich die Situation wieder zu normalisieren.

Das neue Ausländergesetz droht Unternehmern, die Illegale beschäftigen, zwar mit hohen Geldbußen und einer befristeten Schließung des Betriebes. In der Praxis wird es jedoch nur selten angewandt.

In den invernaderos herrschen unmenschliche Arbeitsbedingungen. Draußen hat es im Sommer um die 40 Grad, drinnen noch einige Grad mehr. Zur Hitze kommen die hohen toxischen Belastungen einer industrialisierten Landwirtschaft. Ganze Bergrücken im Hinterland von Almería werden mittlerweile abgetragen, um Platz für neue Treibhäuser zu schaffen. Der Agro-Gigantismus hat die Region um Almería in kürzester Zeit reich gemacht, mehr noch als der Tourismus, der erst in den letzten Jahren und nur in einigen Gebieten so richtig in Fahrt gekommen ist. 80 Prozent des spanischen Gemüseexports sollen hier produziert werden. In den sechziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts war dieser Landstrich noch das Armenhaus in Europa.

Fast direkt neben Roquetas de Mar, einem boomenden Tourismuszentrum, in dem voraussichtlich in wenigen Jahren Deutsch als zweite Amtssprache eingeführt werden wird, in direkter Nachbarschaft also zu Sonne, Strand und Meer, liegt das Städtchen El Ejido. Im Februar 2000 gelangte der Ort zu einer zweifelhaften Berühmtheit, als 2 000 aufgebrachte Spanier Jagd auf Marokkaner und andere illegale Einwanderer machten.

Unmittelbarer Auslöser für den Konflikt war der Tod einer spanischen Frau, für den ein offensichtlich geistesgestörter Marokkaner verantwortlich gemacht wurde. Auch die angebliche sexuelle Belästigung einheimischer Frauen durch marokkanische Jugendliche hatten zu Konflikten geführt.

Ein wirkliches Zusammenleben gibt es auch zwei Jahre später nicht, denn die Immigranten wohnen zwar in und um El Ejido, sind aber durch den alltäglichen Rassismus der Behörden, Polizei, Arbeitgeber und vieler Einwohner vom sozialen Leben weitgehend ausgeschlossen. Zwei verschiedene Welten innerhalb einer Kleinstadt, die jenseits der Arbeit nicht miteinander in Berührung kommen.

Selbst der marokkanische Staat bleibt von rassistischen Ausschreitungen nicht verschont. Der Versuch, in der Provinzhauptstadt Almería ein neues Konsulat zu eröffnen, stieß auf heftige Bürgerproteste. Nachdem bereits zwei Versuche an unterschiedlichen Orten verhindert worden waren und im November 2001 am dritten die diplomatische Vertretung endlich eröffnet wurde, gingen rund 2 000 EinwohnerInnen des betreffenden Stadtteils auf die Straße. Ihr Argument war die »zunehmende Unsicherheit« im Stadtteil wegen der Konsulatsbesucher. Und ohnehin sei das Viertel schon jetzt viel zu dicht besiedelt. Grund genug, den marokkanischen Konsul, als er am Tag nach dem Massenprotest seine neue Arbeitsstätte besuchen wollte, zu beschimpfen, zu beleidigen und tätlich anzugreifen. Er musste unter Polizeischutz den Ort verlassen. Erst Ende Dezember konnte das Konsulat schließlich offiziell eröffnet werden, diesmal ohne den rassistischen Mob.

Natürlich ist das Zusammenleben von Einheimischen und Touristen auch nicht frei von Konflikten und beiderseitigen Ressentiments. Diese hängen jedoch eher mit Sprachschwierigkeiten und der fehlenden Bereitschaft der Touristen und Residenten zusammen, auf die gewohnten Standards aus ihren Heimatländern zu verzichten. Manchmal allerdings wird auch an der Costa del Sol der Begriff des Rassismus gebraucht. Dann etwa, wenn sich die deutsche Rentnerin auf dem Postamt benachteiligt fühlt oder der deutsche Ingenieur auf seiner Finca in den Bergen unverhältnismäßig lange auf seinen Internet-Anschluss warten muss.

In Marbella jedenfalls gibt es einen richtigen Rassisten, den Bürgermeister. Im Nebenjob macht er in Immobilien und ist Vizepräsident des Fußballvereins Atlético Madrid. Seit 1991 im Amt, hat Jesús Gil y Gil die Stadt gründlich umgekrempelt. Sauber ist es geworden. Drogensüchtige und Prostituierte wurden mit rabiaten Methoden aus dem Stadtbild entfernt. Dafür haben vermögende Kriminelle Einzug gehalten: die Mafia, die hier ihr Geld wäscht. Vorzugsweise in Luxus-Immobilien, die fast alle ohne Baugenehmigung, dafür aber dank stattlicher Schmiergelder errichtet worden sind.

Im Sommer 2001, als die verschiedenen konkurrierenden Mafia-Clans begannen, sich gegenseitig auf offener Straße umzubringen und ein Juweliergeschäft nach dem anderen ausgeplündert wurde, hatte Don Jesús sofort die richtigen Verbrecher ausgemacht. Die vielen illegalen Immigranten seien schuld, dass seine Stadt mit Kriminalität in Verbindung gebracht und in den Schmutz gezogen werde.

Eine Hetze, die davon ablenken sollte, dass Gil selbst wegen Veruntreuung öffentlicher Gelder und seiner illegalen Urbanisierungspolitik mehrjährige Haftstrafen und ein Berufsverbot als Bürgermeister drohen. Ende Juli sind nun 15 000 Akten aus Marbellas Gerichtsgebäude verschwunden, alles belastendes Material gegen den Bürgermeister. Kritik duldet der Pate von Marbella nicht. Staatsanwälte der Zentralregierung sind für ihn »dahergelaufene schwule Kommunisten«, kritische Journalisten bezeichnet er gerne als »Huren der Schreibfeder«. Oder er bedroht sie: »Ihr seid Dreck und Abschaum, ich werfe euch aus meiner Stadt.«

In diesem Marbella des Jesús Gil y Gil hat sich also die internationale Prominenz niedergelassen. Natürlich sind nicht alle Mafiosi, aber alle haben Geld. So viel Geld, dass sie im Sommer auf den traditionellen Benefizgalas, den so genannten saraos, gerne ein bisschen was davon abgeben, um die Not auf dieser Welt zu lindern. Bei so einem sarao kommt das Geld auf zweierlei Weise zusammen. Einmal über die sündhaft teuren Gedecke in den Luxushotels, dann über eine Versteigerung von Wertgegenständen, die die Prominenz gestiftet hat. Selbstgepinselte Ölgemälde von Alfonso de Hohenlohe, Juwelen von Soraya, Schuhe vom Frauenschwarm Julio Iglesias oder ein signiertes Buch von der Fürstin Gloria von Thurn und Taxis kommen da unter den Hammer.

Am 19. Juli 2001 fand der für die deutsche Community wohl wichtigste sarao statt, die Benefizgala des Tierschutzvereins Triple A unter der Schirmherrschaft von Prinzessin Katalin zu Windischgrätz und Sandra Gamzo von Hohenlohe. Stolze 60 000 Euro brachten die 250 geladenen Gäste dieses Großereignisses auf. Der gute Zweck: Ein neues Dach für das Tierheim, damit die rund 300 eingepferchten Hündchen und Kätzchen zur Regenzeit nicht nass werden. Der Ort der Veranstaltung: Der Garten des Hotels Puente Romano, einen Steinwurf von dem Strand entfernt, an dem genau drei Wochen zuvor die 26 illegalen Immigranten gelandet waren.


Der Autor ist Redakteur der Costa del Sol Nachrichten. Der Text ist ein Vorabdruck aus: FernWeh (Hrsg.): Im Handgepäck Rassismus. Beiträge zu Tourismus und Kultur. iz3w, Freiburg 2002. 14,80 Euro. Das Buch wird Ende März erscheinen.



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