Jungle World Banner
Nr. 08/2002 - 13. Februar 2002
Im Archiv suchen:
Inhalt
Interview
Disko
Inland
Antifa
Euro
Dossier
International
Feuilleton
Heim & Welt
Medien
Sport
Junk Word
Rubriken
Nachrichten
Inland
Nachrichten
Euro
Nachrichten
International
Nachrichten
Feuilleton
Deutsches
Haus
action
Alternative Lebensformen
Sonstiges
Archiv
Jungle Abos
Impressum
Jungle World in Österreich
Neu: Kleinanzeigen
Ausgewählte
Texte und Vorträge
E-Mail
Redaktion
Webmaster

Brasilien: PT-Politiker ermordet

Kopflose Partei

Der Überfall sah aus wie eine der üblichen Entführungen. Als Celso Daniel, ein prominentes Mitglied der Arbeiterpartei (PT) und Bürgermeister der südbrasilianischen Industriestadt Santo André, am 18. Januar nach einem Abendessen mit einem befreundeten Unternehmer nach Hause fahren wollte, versperrten ihm Unbekannte den Weg. Sie eröffneten das Feuer, zerrten Daniel aus dem Wagen und verschleppten ihn.

Zu Entführungen kommt es in Brasilien fast täglich, doch in diesem Falle war alles anders. Eine Lösegeldforderung blieb aus, stattdessen wurde der Bürgermeister bestialisch gefoltert und anschließend umgebracht. Wenig später bekannte sich eine ominöse Frente de Acão Revolucionária Brasileira (Farb) zu dem Mord. In einem Manifest gegen die »Verräter der Linken«, das auch auf den Seiten von indymedia-Brasilien veröffentlicht wurde, rechtfertigte die Gruppe die Tat.

Bereits im September des vergangenen Jahres wurde Antônio da Costa Santos, der PT-Bürgermeister von Campinas, einer Millionenstadt in der Nähe von São Paulo, umgebracht. In ganz Brasilien erhielten alle 37 Bürgermeister der PT in den vergangenen Wochen und Monaten Morddrohungen. Nach Angaben von amnesty international wurden in den letzten zwei Jahren 16 Aktivisten der Partei ermordet.

Mit Celso Daniel wählten die Täter ihr bislang bekanntestes Opfer. Der Bürgermeister galt als intellektueller Kopf der PT und als eine »ihrer wichtigsten Führungskräfte«, wie José Dirceu, der Vorsitzende der PT, erklärte.

An eine Auseinandersetzung innerhalb der brasilianischen Linken glaubt indes niemand. Sie ist zwar zerstritten, und auch innerhalb der PT gibt es heftige Flügelkämpfe. Doch Gewalt oder gar Mord gilt als völlig unakzeptables Mittel.

Es sei offensichtlich, dass die Kriminalität in Brasilien, und insbesondere in dem wichtigen Bundesstaat São Paulo, »einen politischen Charakter« annehme, erklärte daher Dirceu. Das organisierte Verbrechen habe einen »politischen Arm und infiltriert die Polizei und die Justiz, kauft Politiker und Richter und bedroht Journalisten«.

Tatsächlich haben sich in den vergangenen Jahren die Morde an Gewerkschaftern, Mitgliedern der Landlosenbewegung und Politikern gehäuft. Die Verbrechen werden meist von privaten Killerkommandos ausgeführt. Häufig sind Polizisten daran beteiligt, die nach Feierabend ihr Gehalt noch aufbessern wollen. Menschenrechtsorganisationen wie Human Rights Watch gehen davon aus, dass jährlich mehr als 40 000 Menschen in Brasilien ermordet werden. Gelegentlich werden zwar einige Killer festgenommen, über die eigentlichen Auftraggeber erfährt man hingegen wenig.

Gut möglich, dass es im Fall Celso Daniel ähnlich ist. Am vergangenen Freitag hat die Polizei von São Paulo den ersten Verdächtigen festgenommen, einen 17jährigen.

Gefahndet wird auch nach zwei Mitgliedern einer Gruppe, die erst am Tag vor dem Mord an Daniel mit einer spektakulären Flucht aus dem Gefängnis von São Paulo entkam.

anton landgraf



Jungle World, Bergmannstraße 68, 10961 Berlin, Germany
Fax ++ 49-30-61 8 20 55
E-Mail: redaktion@jungle-world.com