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Subtropen #10/02 - Februar 2002
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Eisbären sind vor allem nicht weiß

Eine Biographie des dänischen Künstlers Asger Jorn | Fletcher Christian

Die Schwierigkeit beim Schreiben einer Künstlerbiographie besteht seit Vasari darin, Wirken und Werden einer Person auf ein übersichtliches Arbeitsfeld zu beschränken - eingeklemmt zwischen zufälligem Geburtstag und dem Moment, in dem der Tod den Menschen vom Spielen abholt. Diese Schwierigkeit der Begrenzung des Darstellbaren wird allerdings zur Faszination, wenn Unübersichtlichkeit als Methode der Schilderung des gesuchten Unbekannten die zu findende Person unablässig einkreist, ohne sie am Ende in einem Käfig oder Buch fangen zu wollen. Die Latte liegt zwar olympisch hoch, unmöglich ist es aber nicht, wie John Richardson in seiner auf vier Bände angelegten Picasso-Biographie souverän gezeigt hat. Eine Gelegenheit dazu bietet fast prototypisch das unstete Leben von Asger Jorn, einem Maler und Essayisten von prometheischer Kraft. Die Forschung, Antrieb und Beginn einer Leidenschaft, muss jedoch alles wissen wollen, und dabei Totem, Tabu, Witz und Waffen offen legen.

Dachfenster gehören wohl immer noch zu Künstlerateliers wie Pinsel zwischen die Zähne abstrakter Expressionisten. - Und so scheint es denn kaum verwunderlich, dass der Veluxfonds in Kopenhagen Forschungsgelder bereitstellte, um ein Vorhaben zu befördern, das die erste, die umfangreichste, die bis dato maximal vorstellbare Biographie des Künstlers Asger Jorn zum Ziel hatte - zweifellos des wichtigsten dänischen Künstlers im 20. Jahrhundert und einer der herausragenden Persönlichkeiten der modernen europäischen Kulturgeschichte.

Zwischen Märchen und Wissenschaft. Das Vorhaben begann wohl in den frühen achtziger Jahren, wenige Jahre nach Jorns Tod. Gerade hatte die viel bejubelte Ausstellung »Westkunst« und der good old »new spirit in painting« gezeigt, welch entscheidenden Anteil dem virtuos malerischen Werk von Asger Jorn und nicht nur seiner Person als Stratege oder originäre Triebfeder von Cobra im europäischen Kontext der Nachkriegsmoderne zukommt. Inzwischen haben relativ breit angelegte Ausstellungen, Bücher und Kataloge das Gesamtschaffen in aller Virulenz zwischen Décollage und Archäologie einem breiteren Publikum zugänglich gemacht. Nun - vingt ans après - liegt in deutscher Übersetzung vor, was Troels Andersen, Direktor des Kunstmuseums Silkeborg und als solcher Hauptbeteiligter am Rezeptionsgeschehen um Asger Jorn, in dänischer Originalfassung und zweibändig bereits Mitte der neunziger Jahre ins Off der nordeuropäischen Rezeption geschickt hatte. Dem Chef des Kunstbuchimperiums Walther König muss es ein persönliches Anliegen gewesen sein, dieses 506 Seiten starke Opus reich illustriert zu verlegen, und er mag damit die Hoffnung verbunden haben, dem deutschsprachigen Fachpublikum die freudvolle Lektüre jenes sagenumwobenen Lebens zu ermöglichen.

Dafür gebührt Dank sowohl dem fleißigen Autor als auch dem mutigen Verleger, der ohne Ansicht einer potenziellen Zielgruppe ein fettes Volume produziert hat, das zumindest dem Thema nach von »alleine« steht und ob seiner physischen Präsenz als Druckerzeugnis ohne Wind nicht umfällt. Ein Wälzer, ein Nachschlagewerk, keine Gutenachtlektüre und auch kein Gutachterthema. Das Buch ist in rotes Leinen gebunden und zeigt auf dem Frontcover einen jungen Jorn in Regencape und mit obligatorischer Zigarette, das Gesicht in ruhelosem Dreiviertelprofil zuversichtlich auf eine nicht allzu ferne Zukunft gerichtet. Der gleiche Blick, mit dem Erik der Rote am Bug seines Schiffes Vinland entdeckte, und auch jener Blick, mit dem James Dean 15 Jahre nach Jorn für ein Foto die Mitte einer regennassen New Yorker Straße spurte. Die Hände in den Taschen.

Aber hinter dem Cover? Welche Geschichte erzählt dieses Buch? Es ist nicht jene legendäre Geschichte über »Asger Jorn, die Situationistische Internationale und der Geschichte der modernen Kunst«, deren extended version wir uns schon lange gewünscht haben. Auch nicht die Story der »Lippenstiftspuren, von Silkeborg aus gesehen«, ihre Kopenhagener Interpretation gewissermaßen, denn die vielen wichtigen, streitbaren Frauen in Jorns Leben erhalten hier leider nur in Nebensätzen Zutritt; von den Kindern erfahren wir wenigstens die Namen.

Es ist auch nicht »A Brief History of the Institute for Comparative Vandalism and the Life of its Founder« in nordamerikanischer Machart und schon gar nicht »Sieben Leben - Jorn und die Anderen«, das verschollene Romanfragment zum gleichnamigen Film, den ein kanadischer Topregisseur mit Sean Connery in der Hauptrolle zu drehen sich vorgenommen hatte (und Dennis Hopper, dieses Mal aber in der Nebenrolle des Münchener Galeristen Otto van de Loo). Es ist die Geschichte eines 1914 geborenen Lehrersohns aus Jütland, der zunächst »glücklos« den Traum von einer lebensbestimmenden modernen Kunst träumt (zur Not auch mit Kandinsky), den Traum von einer besseren Welt (zur Not auch mit Marx) und dessen Traum von einem jungen Mann (zur Not auch mit Regencape und Jadeflöte), der auszog mit Malerei das Gesicht der Welt zu verändern - was zumindest für ein Jahrzehnt europäischer Nachkriegsmalerei in Erfüllung gegangen zu sein scheint. Ähnlich der Überlieferung eines anderen Andersen aus Dänemark ist er mit den Wildgänsen oder »im Flügelschlag der Schwäne« davongeritten und leider zu früh verstorben, hat aber voller Elan, Schaffenskraft und Zuversicht bis zu seinem Tod im Jahr 1974 die »Tiefe gefrorenen Wassers« ausgelotet, mitsamt skulpturalem Finale und unvermeidlicher Vollendung in Carrara, dem Steinbruch Michelangelos. Ein wirkliches Märchen, auf der richtigen Seite im falschen Leben? Eine wahre Legende?

Das Klischee frisst seine Kinder und so begleitet den euphorischen Leser jene permanente Vorfreude auf den Clou der nächsten Seite, jene Auflösung der Rätsel, die Fragen zu den Antworten, die dann doch zögerlich, wohl aber mit objektiv messbarem Abstand gestellt werden. Zu wenig Soße und zu viel Fleisch am Wildragout? Jorns Leben war alles andere als geradlinig, und er musste die von ihm angerichteten Katastrophen selbst auslöffeln. Es war sicher kein Sonntagsessen mit Stoffservietten auf dem Tisch. Und trotzdem: Es muss konsequent gewesen sein in seiner umherschweifenden Ziellosigkeit. Das berichten zumindest die Überlebenden. Der Weg war das Ziel und der Weg war lang und das Ziel wusste dieser Asger sich stets in einer interessanten Entfernung zu halten - für sich und die anderen. Er stellte selbst klar, dass er zwischendurch in seinen umfangreichen Schriften, den mehr als 15 Büchern, hunderten von Artikeln und noch mehr unveröffentlichten Manuskripten, nie genau sagen konnte, ob er sich noch im Haus oder schon draußen oder auf dem Gerüst befinde (labyrinthisch gedacht). Das war auch nicht so wichtig, solange irgendwie gebaut wurde.

Herz einer unendlichen Reise. Es ist die erste Biographie und, bis es eine zweite gibt, auf jeden Fall die beste. Troels Andersens Bau hat jedoch ein Problem. Zwar wird eine Unmenge von »harten Fakten« ausgebreitet, aber jenes Feuerwerk, das dieser Asger Oluf Jorgensen alias Jorn zu fast jeder Sekunde seines Lebens abzufackeln bereit war, wird nur in seltenen Passagen spürbar: jener Mut zur unablässigen Modifikation im Spiel des Lebens zwischen Unsicherheit, gesuchter Unzufriedenheit und der Gewissheit der Möglichkeiten des noch und gegen alle Widrigkeiten zu Schaffenden.

Der Schiffbrüchige im Künstlerabenteuer, der bereit ist, aus den letzten Streichhölzern das Floß der Medusa zu rekonstruieren, und beim Winken mit dem roten Schal anerkennt, dass die Ästhetik das Spiel und dass der Stoff, aus dem die Tränen sind, mit dem Menschen spielt und dass die zweckfreieste Kraftvergeudung das tiefe Wesen der Kunst ausmacht und das Leben immer weitergeht - über und unter Wasser. Ein Künstler, Dichter, Magier, dessen Engagement totaler war als alles, was ihm eine auf »Keine Experimente« versessene Nachkriegsgesellschaft bieten konnte. »Es ist nicht die Frage, ob wir nötig sind - wir sind möglich - hier in Europa«, war sein hörbar verzweifeltes Statement zum Status quo. Das chaotische Prinzip, das Jorn in allem natürlichen Leben sah, das er in »Luxury Paintings« und »modernen Defigurationen« feierte, wird von Troels Andersen in ein zu enges evolutionsartiges Schema gepresst, und so kann vor lauter Geradlinigkeit keine Adaption des Glücks im Fokus der Begierde aufkommen - eben gerade die Unüberschaubarkeit des als Arbeitsfeld aufgefassten »Spiels des Lebens«, in dem sich Jorn unentwegt tummelte. Reisen, unterwegs sein, abertausende Kilometer fressen, vor allem quer durch Europa, zwischen Paris und anderswo, auf der Suche nach Arkadien auch in Tunesien, Ägypten, Kuba und im fernen Osten. Stets dem Aufbruch verpflichtet, mitten heraus aus der Arbeit jenes ungestüme Beschwingtsein, das man so gern der Jugend attestiert, der zutiefst menschliche Drang, die Illusion zur Wirklichkeit zu machen.

Das bedeutete unablässige Aktivität, das bedeutete Kunst ist gleich Leben, und Jorn erzählt nebenbei die Geschichte von den Bären, die in einer Höhle vor Jahrtausenden eine Rutschbahn zu einem unterirdischen See bauten. Plumps, Platsch ins eiskalte Wasser um jenen Schauer zu erleben, der das Extreme der Sensation oder - mit anderen Worten - der Ästhetik ist. Jorn glaubte an die Botschaft der Bären, die stumme Mythe, und daran, dass sie auch gerne ohne Ketten und Vorführtermin tanzen. Stets ging es ums »unbekannte Ufer«, und nur deshalb wirkt die Aufzählung der Fakten in all ihrer schlagenden Kontingenz doch reichlich hilflos, vor allem im Angesicht der Bilder. Aus Silkeborg derzeit nichts Neues - leider. So werden bei Gelegenheit andere wieder selbst hinfahren und nachschauen müssen, welcher Schatz bei Alarich noch zu heben ist.

Der Autor verstrickt sich in jenem von Jorn selbst in »Heil und Zufall« beschriebenen Phänomen, wonach Veränderungen in einem sehr begrenzten Beobachtungsbereich in Raum und Zeit so klein sind, dass man sie nicht unmittelbar bemerkt. Man muss sie dann notgedrungen als »statische« Zustände auffassen und damit missverstehen. »Es sind diese scheinbar statischen Zustände, die wir Objekte nennen und als Formen auffassen«, nur dass Jorn als »Objekt der Begierde« fortfährt: »Wir fassen sie als Form auf, weil sie gegen eine willkürliche Veränderung Widerstand leisten.« Aber von diesem Widerstand in einer »Gesellschaft des Spektakels« spricht dieses Buch in keiner Zeile.

Asger Jorn ist auf Gotland in Schweden begraben. Das Buch enthält ein Foto, aufgenommen vor einer Kirche auf Gotland: Asger Jorn mit Jacqueline de Jong vor einem Citroën, auf dessen Dach ein Fotograf (sicher auch im Auftrag des »Komitees für die Verbreitung von dänischer Schönheit in fremden Ländern« unterwegs) einer jahrhundertealten Chimäre per Objektiv auf den Pelz rückt, um die Geschichte von den Bären noch einmal zu erzählen. Noch einmal die gleiche Geschichte wie immer, nur eben anders. Das gibt Hoffnung.


Troels Andersen, Asger Jorn - eine Biographie, Köln: Verlag der Buchhandlung Walther König, 2001, 98 Euro.



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