Der letzte linke Student XVI
Irrt nicht!
Der letzte linke Student liest gern. Besonders gern liest er: in dicken Büchern. Denn: Man hat viel vor sich. Und: Später hat man viel hinter sich. Und: Ein dickes Buch macht sich gut im Regal. Der letzte linke Student weiß außerdem: Lesen bildet. Und er weiß auch: Bildung ist die Grundausstattung des Revolutionärs. Alles in allem also: Am Lesen ist nichts zu kritteln.
Jetzt liest der letzte linke Student etwas von Thomas Mann. Er liest: den Roman »Zauberberg«. Weil: er gerade aktuell ist. Aber auch: Weil er zeitlos ist. Und vor allem: Mit Hans Castorp kann man sich gut identifizieren. Außerdem: fördert es den Lebensstil. Denn: Beim »Zauberberg« raucht der letzte linke Student gern eine Zigarre. Und das tut er, obwohl er sonst gar nicht raucht. Aber beim »Zauberberg«, da genießt er eine Zigarre. Und er genießt auch immer gern: ein gutes Glas Wein. Und manchmal: noch eins. Da lächelt der letzte linke Student sanft: Ach ja, ein Kulturmensch, das ist er schon.
Allerdings weiß der letzte linke Student: Die Lektüre von Primärwerken reicht oft nicht aus. »Erst im Kontext wird der Text reif.« Dieser Satz steht in seinem goldenen Notizbuch. Und er ist wie immer: richtig. Darum hat sich der letzte linke Student von seiner Mutter zu Weihnachten ein weiteres Buch schenken lassen. Und dieses Buch ist: ein Buch über Thomas Mann.
Darin liest der letzte linke Student im Moment. Doch: In dem Buch steht, dass Thomas Mann nicht nett zu seiner Familie war. Er war auch nicht nett zu anderen Menschen. Im Gegenteil: Oft war Thomas Mann zynisch und menschenverachtend. Schließlich hat er ein Pamphlet für den Krieg geschrieben. Und: Klaus Mann ist tot. Und: Heinrich Mann musste leiden. Und: Erika Mann auch. Und: Katia Mann auch. Und: viele andere.
Daher: erschrickt der letzte linke Student. Denn: Er, also der letzte linke Student, hat bereits insgesamt drei Bücher von Thomas Mann gelesen. Und hat: die alle nett gefunden. Weil: er es nicht besser wusste.
Aber: Jetzt weiß er es besser. Und er weiß: Der, der die Bücher geschrieben hat, war nicht nett. Der war nämlich zynisch und menschenverachtend. Und das obwohl: der letzte linke Student seine Bücher gut fand. Und mehr noch: man den Büchern nicht anmerken konnte, was für ein Mensch Thomas Mann gewesen ist. Dennoch: Das ist ein Konflikt. Denn: Der letzte linke Student hat in sein Notizbuch geschrieben: »Ein schlechter Mensch kann keine guten Bücher schreiben.« Das wiederum ist: einleuchtend. Weil: Schlechte Menschen haben auch keine Lieder. Und Lieder sind: Poesie. Literatur aber ist auch: Poesie. Folglich können schlechte Menschen keine guten Bücher schreiben. Siehe: Theweleit.
Jetzt denkt der letzte linke Student also wieder mal: nach. Warum hat er die Bücher nett finden können? Ist er nicht immer auf der Hut? Nicht immer. Und nicht genug. Denn: Man muss immer aufpassen. Aber: Kann man das, wenn's spannend wird? »Ich bin noch sehr jung«, sagt sich der letzte linke Student. Doch: die Entschuldigung: beruhigt ihn nicht. Nein. Nein. Denn: Schlimm ist schon: wie oft er noch mit Rückschlägen leben muss. Er ist traurig. Und wir, wir sind es auch immer öfter.
jörg sundermeier