Working Class Hero X
Geschichtsarbeit
Vergangenheitsbewältigung als ABM. Zugegeben: Ich glaube auch, dass das kein schöner Satz ist. Aber ist er auch falsch?
Nicht unbedingt, zumindest wenn man der Broschüre »Fit für Leben und Arbeit - Praxismodell zur sozialen und beruflichen Integration von Jugendlichen«, herausgegeben vom Deutschen Jugendinstitut, glauben darf. Auf Seite 186 stellt die Autorin Kerstin Schreier das Projekt »Shalom: Suche nach den Spuren jüdischer Geschichte in der sächsisch-böhmischen Grenzregion« vor - wobei ich gegen das Projekt selbst gar nicht unbedingt etwas einzuwenden habe, eher gegen Frau Schreiers Beschreibung.
»Aufgabe der beteiligten jungen Erwachsenen«, steht da, »ist die Dokumentation der Leistungen, aber auch der Leiden der Juden in der Freiberger Region. Dokumentationen, Veröffentlichungen und Öffentlichkeitsarbeit über jüdische Kultur, Religion und Geschichte sollen die Auseinandersetzung mit der eigenen deutschen Geschichte dienen und einem latenten Rassismus und Antisemitismus entgegen gesetzt werden.« Damit's funktioniert, haben andere die Voraussetzungen geschaffen. Schreier: »Das besondere Interesse der jungen Leute gilt der Dokumentation der Geschehnisse in den Lagern 'Freia' in Freiberg und 'Kabis' in Oederan, in denen jüdische Frauen für die Rüstungsindustrie arbeiten mussten.«
In der Praxis bedeutet das: »Üben und Anwenden vermittelter Kenntnisse und handwerklicher Fertigkeiten.« Und das 40 Stunden wöchentlich, jeweils täglich von 7 bis 15.30 Uhr. Auf dem Stundenplan stehen u.a. »Bürowirtschaft und Statistik, Archivwesen«. Im Übrigen haben diese Fertigkeiten dazu geführt, dass die Juden aus Freiberg, sofern sie das Handwerk überlebt haben, heute in den USA und in Israel wohnen - der Arbeitsamtston der Aus- und Weiterbildung wird sich seines speziellen Zynismus auch dort nicht bewusst, wo es um Leben und Tod geht. »Ein Treffen mit der israelischen Schriftstellerin Ester Golan trug viel dazu bei, Verständnis für das Lebensgefühl der Juden während des Zweiten Weltkriegs zu entwickeln.« Lebensgefühl, das klingt nach Woodstock, freier Liebe oder DDR - aber Todesgefühl mochte Schreier wohl auch nicht schreiben.
Bei »Shalom« handelt sich um ein »qualifizierendes Beschäftigungsprojekt für jugendliche SozialhilfeempfängerInnen gegen Rassismus und Antisemitismus«. Ziel: Den einstigen Stützis »neue Möglichkeiten zu zeigen, wie sie den Weg in das Berufsleben finden und sich damit erfolgreich in den ersten Arbeitsmarkt integrieren«. Und: »Junge Leute tragen dabei eine Dokumentation zur Geschichte, Kultur und Tradition von Juden im sächsisch-böhmischen Grenzraum zusammen; wodurch nicht nur wirtschaftliche Vorteile entstehen, sondern auch ideelle und kulturelle Werte durch grenzüberschreitende Kooperationen vermittelt werden.« Das liegt nahe, Deutschland ist zwar arm an Produktionsstätten von Arbeitsplätzen, aber reich an denen für Massengräber.
Das Gelände um die Stadt Freiberg: »Es ist eine reizvolle Region des Erzgebirges, die dieses Gebiet auch touristisch interessant macht: Freiberg bemüht sich heute erfolgreich um den Aufbau zukunftsfähiger Wirtschafts- und Dienstleistungsstrukturen.« Trotzdem: 20 Prozent Arbeitslose. Das drückt schließlich aufs Gemüt.
Nach Ansicht des Philosophen Nicolai Hartmann, der in »Fit für Leben und Arbeit« nicht vorkommt, besteht Arbeit in Einsatz, Aufwand, Drangeben: Die Person setzt sich ein, wendet Kraft auf, gibt ihre Energie dran. »Die Arbeit will vollbracht, 'geschafft' sein. Sie stößt nicht nur auf den Widerstand der Sache, sie ringt ihm auch das Erstrebte ab, ringt es ihm auf. Die Tendenz des Menschen geht dahin, über die Arbeit hinauszuwachsen.« Wer wollte dieses Lebensgefühl missen?
Zurück zum Text. »Das Projekt 'Shalom Sachsen-Böhmen' baut auf das bereits zusammengetragene Wissen auf und setzt somit die Aufarbeitung verdrängter Geschichte fort. Gleichzeitig soll jungen SozialhilfeempfängerInnen aus der Freiberger Region, die bis dato nur wenig über das jüdische Volk und seine Kultur wussten, über die Vollzeitbeschäftigung in diesem Projekt die Möglichkeit geboten werden, ein mögliches neues Berufsfeld zu erschließen.« Geschichtsaufarbeitung ist auch Arbeit. So funktioniert der Laden nun mal. »Eine große Herausforderung für die jungen Leute war die Zubereitung jüdischer Speisen für die Gäste der 'Shalom-Tage'«, meint Schreier. Abtransport, Arbeitslager, Feldküche - alles dabei.
Denn: »Die frühzeitige Ausgrenzung aus dem Erwerbsleben birgt Risiken für Persönlichkeitsentwicklung dieser jungen Leute. Intoleranz, Fremdenhass, Rassismus und Antisemitismus sind daher verbreitet.« Klartext: Wer keine Arbeit hat, wird Nazi. Und dem kann man getrost die jüdische Geschichte überlassen, das macht man schließlich überall so. Im Projekt »Shalom« erwartet die gefährdeten Jugendlichen deshalb »24 Monate tariflich bezahlte Arbeit und eine neue Chance auf dem freien Arbeitsmarkt«.
Mit angenehmen Nebenwirkungen, wie es scheint, denn anfangs dominierte Zurückhaltung. »Über jüdische Kultur und Traditionen wusste kaum einer etwas. Die jungen Leute standen dem Inhalt ihrer zukünftigen Arbeit eher gleichgültig, zum Teil sogar ablehnend gegenüber. Jedoch die Vorstellung für zwei Jahre Arbeit - und eine Entlohnung von 1 950 Mark - zu bekommen, war für die meisten der Auslöser für die Mitwirkung an diesem ungewöhnlichen Projekt.« Für Arbeit & Geld, so die kluge Schlussfolgerung, tut der Deutsche alles, sogar die eigene Geschichte aufarbeiten.
Und deshalb schreibt Bundesjugendministerin Christine Bergmann ins Vorwort von »Fit für Leben und Arbeit«: »Methodisch hat eine Pädagogik an Gewicht gewonnen, die an den Stärken der Jugendlichen ansetzt und sie aktiviert, das eigene Leben selbst zu gestalten.« Am besten da, wo es anderen versagt war.
»Die heterogene Zusammensetzung der Gemeinschaft (das Wort steht da wirklich) trug zu einer positiven Gruppendynamik (steht da auch) bei.« Arbeit darf Spaß machen. »Fazit: Dieses Projekt leistet einen maßgeblichen Beitrag zur 'Vermarktung' der Region und trägt damit potenziell auch zur Schaffung von Arbeitsplätzen, etwa im Tourismusbereich bei.«
Ohne eine bestimmte Person wäre das nicht möglich gewesen. Tut man Adolf Hitler Unrecht? Knapp 70 Jahre nach seinem Amtsantritt schafft er immer noch Arbeitsplätze. Und sogar ganz modern im Dienstleistungssektor.
jürgen kiontke