Jungle World Banner
Nr. 06/2002 - 30. Januar 2002
Im Archiv suchen:
Inhalt
Interview
Disko
Inland
Antifa
Euro
Dossier
International
Feuilleton
Heim & Welt
Medien
Sport
Rubriken
Nachrichten
Inland
Nachrichten
Euro
Nachrichten
International
Nachrichten
Feuilleton
Deutsches
Haus
action
Alternative Lebensformen
Sonstiges
Archiv
Jungle Abos
Impressum
Jungle World in Österreich
Neu: Kleinanzeigen
Ausgewählte
Texte und Vorträge
E-Mail
Redaktion
Webmaster

Zuckerrübe Rümeling

Wir hören gerne Deutschlandfunk, nicht nur, weil in dessen Sportsendungen noch die Original-Heimorgel-Muzak aus den frühen Fünfzigern läuft, die uns an manchen Samstagnachmittag unserer Kindheit erinnert. Auch die abgeklärte Art, in der der Sender über die Bundespolitik handelt, besticht. »Wir schalten nach Berlin, zu Axel Brouwer-Rabinowitsch«, der mit seiner unverwechselbaren Reibeisenstimme über den aktuellen Reformstau aufklärt, als wär's ein später Western von John Ford. Wenn gerade kein anderer Reporter zur Hand ist, bedient dieser Tausendsassa auch das Kulturressort. So letzte Woche, als er von einer Pressekonferenz des Kulturstaatsministers berichtete und den Mann ein ums andere Mal Julian Nida-Rümeling nannte. Subtile Schmähung oder poetische Veredelung? Das bleibt des Reporters Geheimnis. In unseren Ohren klingt Nida-Rümeling nach einer genetisch aufgebesserten Zuckerrübensorte, Nida-Rümeling könnte aber auch eine in Scharen auftretende Motte, den gemeinen Nida-Rümeling, oder eine bizarre Felsformation im Tal der Nida vorstellen. Nicht zuletzt reimt sich der Name in der Brouwer-Rabinowitschschen Fassung viel besser: Weißt du noch, als die Kultur unterging? / Es war die Ära Nida-Rümeling. / Als keiner mehr sagte, das ist ja ein Ding, / alle nur noch: Das ist Julian Nida-Rümeling. / Hast du den Blues, dann sing / das Lied von Prof. Julian Nida-Rümeling. Deutschlandfunk macht Spaß.



Bundeskulturstiftung gegründet

Julian Nida-Rümelin sieht das natürlich ganz anders: Von wegen die Kultur geht unter! Im Gegenteil, hier wird sie gestiftet! Bei der Bundeskulturstiftung! Die ist nämlich seit der vergangenen Woche unter Dach und Fach. Genauer: Unter Dach wird sie in Halle sein, und sie wird ins Fach der privatrechtlich verfassten Stiftung einsortiert. Niemand weiß so genau, wie Nida-Rümelin ausgerechnet auf Halle gekommen ist, eigentlich hätte sie doch nach Berlin gehört (wegen Hauptstadt und so). Aber vielleicht sollte der Eindruck vermieden werden, mit der Stiftung werde das Prinzip der föderalen Kulturpolitik hintertrieben - die Kulturstiftung der Länder residiert ja schließlich schon in Berlin. Irgendwann in ferner Zukunft sollen die beiden Stiftungen ohnehin fusionieren, aber das kann noch dauern. Es hat schließlich auch fast 30 Jahre gedauert, die Bundeskulturstiftung zu gründen, die Idee hatten Willy Brandt und Günter Grass schon 1973 entwickelt.

»Und«, werden Sie nun fragen, »gibt's schon so etwas wie ein Programm?« Oh ja! Künstlerische Leiterin soll Hortensia Völckers werden, die ankündigte, sie wolle die Vorstellungen einer »entgrenzten« Kunst als »polyzentrisches und multivalentes System« fördern. Von wegen, hier geht die Kultur unter: Das ist doch Kuratoren-Talk erster Güte.



Wer zahlt für Preußischen Kulturbesitz?

Julian Nida-Rümelin und kein Ende: Gerade hat er die Bundeskulturstiftung gegründet, und schon droht an anderen Fronten Ungemach. Nicht nur, dass die Stadt Berlin immer mehr Geld haben will, um ihre Hauptstadtkultur zu finanzieren, jetzt wollen sich auch noch die Bundesländer aus der Finanzierung der Stiftung Preußischer Kulturbesitz zurückziehen. Zwar dementierten die Ministerpräsidenten eine gleich lautende Meldung umgehend, um aber gleich hinzufügen, dass es ihnen natürlich trotzdem am liebsten wäre, wenn der Bund die Finanzierung der Stiftung »grundsätzlich« selbst tragen würde. Die Stiftung Preußischer Kulturbesitz hat im Moment Betriebskosten in Höhe von 133 Millionen Euro, von denen 100 Millionen vom Bund übernommen werden. Den Rest zahlen die Länder. An Baukosten - etwa die der Berliner Museumsinsel - beteiligen sich die Länder aber nicht.



Chagall-Bild wieder da

Jetzt aber mal was ganz anderes. Im Juni des vergangenen Jahres war Marc Chagalls Studie »Über Witebsk« aus dem Jüdischen Museum in New York entwendet worden. Eine Gruppe, die sich »Komitee für Kunst und Frieden« nannte, hatte sich später zu der Kunstentführung bekannt und erklärt, das Bild werde erst zurückgegeben, wenn Israelis und Palästinenser Frieden schlössen. Nun ist das Bild wieder aufgetaucht: in einer Posteinrichtung im US-Staat Kansas, unzustellbar adressiert. Was schließen wir daraus? Dass das nichts mehr wird mit dem Weltfrieden? Weil er unbekannt verzogen ist? Oder wurde Chagall wieder einmal überschätzt?



Urheber ohne Recht

Der Deutsche Journalistenverband DJV und die Dienstleistungsgewerkschaft Verdi bewerten das vom Bundestag verabschiedete Urhebervertragsrecht als einen Rückschritt gegenüber der ursprünglichen Fassung von Justizministerin Herta Däubler-Gmelin. »Gemeinsame Vergütungsregeln« sollten vereinbart werden, und bei Nichtgelingen sollte es zu einem verbindlichen Schlichtungsverfahren kommen. Jetzt beruht die Regelung auf »Freiwilligkeit« und sieht vor, dass dem Einigungsvorschlag widersprochen werden kann.

Gestrichen wurde auch die Formulierung, dass Übersetzern, freien Journalisten und Fotografen eine »angemessene Vergütung« zusteht. »Nach redlicher Branchenübung« soll jetzt gezahlt werden. »Das ist das Aus für die lange überfällige angemessene Vergütung für die Kreativen«, moniert Verdi-Chef Frank Bsirske.

Mit Zeitungsanzeigen hatte die Medienwirtschaft über Monate hinweg Stimmung gegen das Gesetz gemacht. Es entstehe der Eindruck, dass Entscheidungen des Bundestags von Medienunternehmen »ferngesteuert werden können«, heißt es in einer gemeinsamen Erklärung von Verdi und DJV.



Jungle World, Bergmannstraße 68, 10961 Berlin, Germany
Fax ++ 49-30-61 8 20 55
E-Mail: redaktion@jungle-world.com