»Es gab kaum Kritik«
Interview mit Ina und Louis vom Institut für urbane Sicherheit
Ihr seid als »Überwachungsdienstleister« aufgetreten, hat man euch das abgenommen?
Ina: Erschreckenderweise ja. Es gab aber ein paar Leute, die gesagt haben: Das ist doch nicht echt. Aber auch von denen haben sich manche noch überzeugen lassen.
War es sinnvoll, einfach auf die Videoüberwachung aufmerksam zu machen?
Ina: Wir wollten zweierlei. Wir wollten auf die Überwachung aufmerksam machen, die es schon gibt. Da waren viele überrascht. Wobei wir uns selbst gefragt haben, ob das Aufzeigen reicht, weil es die Ohnmacht nur steigert, wenn nichts anderes getan wird. Und was auch nicht so gelungen ist: Wir wollten in der Aktion auch darauf hinweisen, dass manche Personengruppen besonders von der Überwachung betroffen sind.
Louis: Die meisten haben sich aufgeregt, dass wir diese Frau zeigen, die popelt, und haben gefragt, ob sie davon wüsste, dass sie abgebildet wird. Nur einige haben sich über den sexistischen Blick einer Frauenbeobachtung aufgeregt und eigentlich niemand hat sich über eine Fotoserie aufgeregt, bei der jemand, der eine ausländische Zeitung liest, offensichtlich deshalb gefilmt wurde.
Wie waren die Argumente der Leute?
Ina: Die BefürworterInnen haben es geschluckt, dass die Aktion ihrer Sicherheit dient, speziell die Frauen.
Louis: Die GegnerInnen haben eher liberal oder mit dem Grundgesetz argumentiert. Die waren skeptisch, was die Videoüberwachung bringen wird, aber auch, ob sie wirklich effektiv ist. Sie haben zum Beispiel gefragt, ob die Kameras im Dunkeln aufnehmen können. Eine kritische Argumentation war ganz selten.
Welche Schlussfolgerungen zieht ihr aus der Aktion?
Ina: Es ist auf jeden Fall ein Reizthema. Aber wir hätten die Gegenposition zur Videoüberwachung stärker in Szene setzen müssen, damit die Auseinandersetzung ein besseres Niveau kriegt.
Wie würdet Ihr nach der Aktion zur Überwachung die Grenzen des Möglichen definieren?
Louis: Ich fürchte, es gibt keine.
Ina: Die Grenzen der Leute sind bei ihren eigenen vier Wänden.
Ist das Thema jetzt in der Bevölkerung umstritten?
Ina: Ich glaube, viele waren noch unentschieden. Es ist ein guter Moment, um Tatsachen zu schaffen. Aber viele wollen nicht persönlich gefilmt werden. Und gleichzeitig überlegen sie, ob es vielleicht ihrer Sicherheit dient. Die totalitären Möglichkeiten von Überwachungssystemen werden nicht sehr genau betrachtet.
Louis: Ein bisschen so: Wenn es rechtmäßig benutzt wird, wird schon nichts passieren. Und auch: Ich profitiere davon, negativ trifft es nur andere.
Gut zwei Monate nach eurer Aktion erschienen die Jungen Liberalen in der Fußgängerzone, hielten in Polizeikostümen Videokameras in die Gegend und verteilten Handzettel gegen die Videoüberwachung. War das ein erster Erfolg?
Ina: (Lacht) Wahrscheinlich war's Zufall, auf jeden Fall wollten sie etwas anderes als wir, nämlich weniger Kameras und dafür mehr Polizei. Überwachungskameras in Geschäften finden sie in Ordnung. Gut, daran wird deutlich, dass man nicht nur auf die Technologien sehen sollte, sondern darauf, welche Normen existieren. Die Jungen Liberalen hinterfragen nichts in der Gesellschaft, zum Beispiel warum bestimmte Bevölkerungsgruppen von Überwachung besonders betroffen sind. Wenn ich Kameras durch Polizisten ersetze, habe ich am Überwachungssystem doch nichts geändert.