Meine finstre Mine
In den Zinnminen des bolivianischen Dorfes Llalluga gibt es keinen Strom, Säure tropft von den Felsen, Arsenik vergiftet die Luft. paolo gelmo hat die Bergleute begleitet
Fidel hat 20 Minuten Verspätung. Schon von weitem ruft er mir zu und lacht: »Vamos?« Seit sieben Uhr früh friere ich hier auf der Straße, verfluchte Pünktlichkeit! Wir gehen zu den Büros der Kooperative Siglo XX, wo wir Grubenlampen und Batterien bekommen. Draußen ist eine Menge heruntergekommener Geländewagen geparkt, Gruppen von Bergleuten stehen herum. Das Dorf Llalluga liegt am Fuß des gleichnamigen Gebirgszugs, die Zinnmine befindet sich am oberen Ortsrand in 4 000 Metern Höhe. Die Jeeps werden uns einen Aufstieg von mehr als 40 Minuten ersparen.
Wenig später brechen wir auf. Kaum sind wir ein paar Meter gefahren, geht plötzlich ein Riesenlärm los. Ich zucke zusammen. Erschrocken schaue ich mich um. Sechs oder sieben Bergleute sind auf die mächtigen Stoßstangen und Trittbretter gesprungen, ihre Ausrüstung donnert gegen das Blech. Niemand beachtet sie.
Ich muss lachen, wahrscheinlich haben sie einfach keine Lust, sich so zusammenquetschen zu lassen wie wir. Als die Geländewagen auf den Vorplatz der Mine fahren, springen alle rasch ab, unser Fahrer stürzt ihnen nach und versucht, ein paar festzuhalten. Während ich noch zu verstehen versuche, was hier abläuft, kommt Fidel zu mir und sagt: »Ein Boliviano fünfzig pro Kopf.« Jetzt begreife ich - das waren Schwarzfahrer!
Die Tour mit den Jeeps der Kooperative ist kostenpflichtig, und für die Arbeiter hier sind umgerechnet 25 Cent viel Geld. Nach Gewerkschaftsangaben liegt das Durchschnittseinkommen bei monatlich 700 Boliviano, etwa 110 Euro. Die Suche nach der Ader ist jedoch dem einzelnen Bergmann überlassen, und so können Wochen vergehen, in denen er gar nichts verdient.
Zwanzig Ebenen ohne Strom
Auf dem Vorplatz wimmelt es von Bergleuten. Ringsherum ist ein Markt entstanden, Händler verkaufen und reparieren Ausrüstungsteile, Frauen bieten Fruchtsäfte an. Besonders gefragt ist der Stand mit den Kokablättern.
Schließlich kommt Antonio. Er ist der Funktionär des Verbands der Kooperativen, der mir die Erlaubnis erteilt hat, die Minen zu besichtigen. Die »Eintrittskarte« kostet zehn Dollar. Antonio bringt uns in eine Baracke, wo wir Stiefel und Helme bekommen und noch einmal unsere Lampen und Batterien überprüfen. Fidel ist fröhlich, er muss nicht mehr als Bergmann einfahren, er arbeitet inzwischen für eine NGO. Für mich ist es das erste Mal. Ich glaube nicht, dass ich an Platzangst leide, aber woher soll ich das wissen, ich war noch nie in einer Mine.
Wir befestigen die Batterie am Gurt und setzen die Helme auf. Dann machen wir uns auf zum Eingang der Mine, unter den gleichgültigen Blicken der herumstehenden Bergarbeiter. Drinnen gehen wir im Eingangstunnel an den Gleisen für die Förderwagen entlang, vorbei an mit weißlichem Wasser gefüllten Gruben. Die Lampe auf dem Helm vermittelt mir ein Gefühl von Sicherheit. »Es gibt ungefähr 20 Ebenen«, erklärt Antonio, »aber nicht auf allen wird gearbeitet. Der Aufzug funktioniert nicht, der Versorger hat uns den Strom abgedreht, weil wir im Rückstand sind mit den Zahlungen. Es gibt überhaupt keinen Strom, alles wird mit der Hand abgebaut. Willst du den Aufzug sehen?« - »Klar«, antworte ich.
Nach einer guten halben Stunde kommen wir hin. Der Aufzug sieht schäbig aus. Daneben öffnet sich ein Schacht, vor dem sich die nach und nach eintrudelnden Bergleute anstellen, um auf einer Holztreppe in den Berg zu steigen. Ich mache ein paar Fotos, und Antonio fragt mich, ob ich die Mine bis zur anderen Seite des Berges durchqueren will, wo das Dorf Uncia liegt. Dort kann man den Palast von Simon Patino besichtigen, dem König der Zinnbarone vor der Verstaatlichung.
Uncia wäre bestimmt interessant, aber ich finde, dass mein Besuch in der Mine überhaupt noch nicht abgeschlossen ist. »Ich möchte dahin, wo die Bergleute arbeiten.« Antonio und Fidel tauschen Blicke. »Bis zur Ader zu kommen, ist sehr schwierig. Die Tunnel werden immer enger, manchmal muss man kriechen«, sagt schließlich Fidel. »Gut«, sage ich, »aber ich möchte trotzdem die Leute bei der Arbeit sehen, es wird schon eine Stelle geben, zu der man leichter hinkommt.« Es sieht so aus, als hätte ich meine beiden Begleiter überzeugt. Wir kehren um und biegen nach zehn Minuten in einen Seitengang ein.
Säure auf dem Felsen, Arsenik in der Luft
Ab jetzt müssen wir den Kopf einziehen, um voranzukommen. Der Temperaturwechsel erfolgt atemberaubend schnell. Nach der Kälte im Eingangstunnel ist die Hitze zunächst angenehm, ich taue auf. Antonio geht voran, mich immer auf die niedrigen Stellen hinweisend, wo ich mir den Kopf anschlagen könnte. Fidel zeigt auf die Geröllhalden am Rand des Gangs: »Niemand bringt mehr den Schutt raus. Die Bergleute machen es nicht, und die Kooperative hat kein Geld, um Leute anzustellen. Sogar die Luftschächte haben sie zugestopft.«
Nach zehn Minuten kommen wir an eine Stelle, wo sich der Gang weitet. Bergleute, die meisten mit nacktem Oberkörper, sitzen am Rand und ruhen sich aus. Sie kauen Koka, ziehen Blatt um Blatt aus kleinen Plastiktüten. Es ist sehr heiß. Wir sagen hallo, und Antonio unterhält sich mit ihnen. Sie hören gar nicht mehr auf zu reden, und ich mache deutlich, dass ich weitergehen will.
Wieder tauschen Antonio und Fidel Blicke. Fidel kommt zu mir und zeigt auf eine Bresche zur Linken: »Hier lang geht's zur Ader. Sie liegt etwa 50 Meter höher. Es gibt gefährliche Treppen und Steige. Da oben ist es noch heißer, Säure tropft von den Felsen, und man atmet Arsenik ein.« Arsenik ist eine giftige Arsen-Sauerstoff-Verbindung, die auch als Schädlingsbekämpfungsmittel benutzt wird. Ich bin ziemlich perplex und schaue mich um; alle sehen mich an. Antonio macht ein Gesicht, als wollte er sagen: »Ende des Ausflugs«.
Natürlich bin ich ein bisschen beunruhigt von dem, was Fidel erzählt hat, aber ich möchte weitergehen. Ich muss mich entscheiden und so platze ich heraus: »Gehen wir's uns anschauen!« Zu meiner Überraschung werden meine Begleiter ganz lebendig und lachen. Wir machen uns fertig, lassen ein paar Kleidungsstücke zurück. Ich verstaue meine Kamera und hoffe, dass ich das Richtige tue.
Wir gehen in die Bresche hinein, der Gang biegt gleich scharf nach links oben ab. Wir klettern etwa zehn Meter, helfen uns mit den Händen. Dann kommen wir in einen offenen Raum, in der gegenüberliegenden Wand zieht sich eine Spalte mehr als 20 Meter in die Höhe. Aus einem seitlichen Riss ragen große Balken hervor, die durch Treppen verbundene Plattformen tragen. Es gibt keine Sicherung, kein Geländer, nichts. Um das erste Stockwerk zu erreichen, muss man sich an einem ausgefaserten Seil hochziehen.
Über uns blinken die Lampen zweier Bergleute. Antonio ruft ihnen etwas zu, packt das Seil und beginnt sich hochzuziehen. Ich schaue ihm hinterher, da fällt mir ein Wassertropfen genau ins linke Auge. Es beginnt sofort zu brennen. »Was ist das? Was soll ich tun?« - »Das ist Wasser mit Säure, da kann man nichts machen«, erklärt mir Fidel, »fass nicht rein und lass es einfach rauslaufen.« Ich setze mich auf einen Felsen, lege den Kopf zur Seite, um die Tränen besser abfließen zu lassen. Nach ein paar Minuten lässt das Brennen nach, aber ich sehe alles wie durch eine Milchglasscheibe.
Antonio kommt zurück, er ist völlig verschwitzt und sieht mich fragend an. »Weiter«, sage ich. Sie lassen mich voranklettern. Ich klammere mich an das Seil, ziehe mich hoch und komme zur ersten Plattform. Zwischen den einzelnen Planken sind große Lücken. »Das ist hier wie beim Bergsteigen«, denke ich. »Ich darf immer nur eine Hand oder einen Fuß bewegen, die anderen müssen sichern. Eine Unaufmerksamkeit, und ich bin weg.«
Klaustrophobie im Tunnel
Die Treppen sind steil, aber das Holz wirkt ganz stabil. Auch Antonio und Fidel sind sehr vorsichtig. Schließlich kommen wir durch eine Falltür in eine Höhle. Zwei Bergleute in Badehosen erwarten uns, sie kauen Koka. Es wird immer heißer, und wir alle triefen vor Schweiß. Das Atmen fällt schwer, ein beißender Geruch liegt in der Luft. »Arsenik«, sagt Fidel. Zu meiner Überraschung ist die Reise noch nicht vorbei. »Die Ader liegt noch 20 Meter höher«, sagt Antonio. »Willst du weiter?« Einer der Bergleute geht los, ich hinterher, dann folgen Antonio und Fidel. Wir müssen den Rücken im rechten Winkel beugen, um voranzukommen.
Der Bergmann bewegt sich wie eine Katze, ich kann sein Tempo nicht halten, und plötzlich ist er weg. Ich biege vorsichtig um eine 90-Grad-Kurve, aber es ist gar keine Kurve, es ist eine Spalte. Wir springen und sind im nächsten, noch niedrigeren Tunnel. Jetzt müssen wir auf allen Vieren voran, so lange, bis mich nur noch eine Frage beherrscht: »Wo ist das Ende, verdammt, wo ist hier das Ende?«
Auf einmal rücken die Wände etwas auseinander, die Decke dagegen wird noch niedriger. Sie ist höchstens vierzig Zentimeter hoch. Ich kann kein Ende erkennen, denn der Gang senkt sich und steigt dann wieder an. »Ende der Straße«, denke ich und halte an und fluche laut auf Italienisch. Ich habe jetzt wirklich Platzangst, mir ist heiß, ich bekomme keine Luft. »Wir dürfen hier nicht anhalten«, ruft Antonio. »Hier klappt man schnell zusammen.« - »Aber wie geht's da hinten weiter? Wie lange dauert's denn noch bis zur Ader?«
Fidel nimmt die Sache in die Hand: »Ich geh' nachschauen!« Fünf lange Minuten vergehen, ich weiß, bald werde ich ohnmächtig. Endlich höre ich Fidels Stimme: »Komm! Hier wird's offener, und die Ader ist ganz nah!« Ich krieche weiter, die Ellenbogen scheuern an den Seiten, die Batterie kratzt an der Decke entlang.
Ohne Koka geht gar nichts
Zum Glück sind es nur noch ein paar Meter, dann sehe ich Fidel aufrecht stehen, aber er zwängt sich gleich wieder in einen neuen Gang, kreisrund wie eine Wasserleitung. Mit Mühe rutsche ich ihm hinterher, der Boden ist voller Splitt. Obwohl die Höhle zwischen vier und fünf Metern hoch ist, kann man nicht länger als ein paar Sekunden auf den Beinen bleiben, die Luft ist gasverseucht. Nur hier am Eingang des Tunnels können wir an den Boden gekauert atmen.
Der Bergmann, der vorangegangen ist, hat sich auf einer kleinen Plattform aus Brettern eingerichtet, die zwei Meter über uns aus dem Fels ragt. Er kümmert sich nicht um das Gas, das er einatmet. Mein Fotoapparat ist schlammverkrustet und beschlagen. Ich putze schnell die Linse, stehe auf, um zu fotografieren. Es ist, als würden meine Lungen platzen.
Der Bergman schlägt mit Hammer und Meißel in die Ader. Jetzt hängt auch noch Staub in der Luft, Kiesel fallen auf uns herab. Der Blitz funktioniert schlecht, nach ein paar Fotos blockiert der Auslöser. Ich verfluche den Apparat, ich weiß nicht einmal, ob ich überhaupt Bilder habe, aber mein einziger Gedanke ist jetzt, hier rauszukommen.
Wir machen uns schnell auf den Rückweg, und nach ein paar Minuten sind wir wieder in der großen Höhle. Ich setzte mich auf einen Felsen, schüttle den Kopf und stelle die dümmste Frage des Tages: »Wie schafft ihr es, unter diesen Bedingungen zu arbeiten?« Fidel weiß die Antwort: »Es gibt keine andere Arbeit, und wir müssen nun mal unsere Familien ernähren.«
Wir kommen zu der Stelle, wo wir unsere Kleider gelassen haben. Ein paar Bergleute sitzen noch immer herum, ruhen sich aus und kauen Koka. Sie beachten uns nicht, aber Antonio ist ganz begeistert. Er wiederholt immerzu, dass er noch nie einen Fremden bis zur Ader gebracht hat. Ich kaue ein paar Kokablätter, die ich mir habe geben lassen.
Eine halbe Stunde später sind wir draußen und bringen Helme und Stiefel in die Baracke. Beim Hineingehen sehe ich, dass Antonio ein purpurfarbenes Auge hat. »Säure«, sagt er mir auf meine Frage, »in der Mine kann man nichts machen, es gibt ja nicht mal Wasser.«
Wir verabschieden uns, und mit Fidel gehe ich die Straße nach Llallagua hinunter. Ein alter Bergmann kommt uns entgegen. »Seid ihr in der Mine gewesen?« fragt er und wendet sich dann an Fidel: »Wie weit hast du ihn hineingeführt?« - »Bis zur Ader«, anwortet Fidel lächelnd. Der Bergmann sieht mich einen Augenblick lang ruhig an und sagt dann: »Hast du gesehen, wie wir leiden?« Pause. »Du hast Koka genommen.«
Zurück im Hotel stelle ich mich sofort unter die Dusche, um mich aufzuwärmen und den durchdringenden Geruch der Mine loszuwerden. Er wird mir mir trotzdem noch tagelang in der Nase hängen. Ich überprüfe mein Auge im Spiegel, zum Glück sieht es normal aus. Dann werfe ich mich erschöpft aufs Bett, kann mich aber nicht entspannen. Vielleicht liegt es am Koka, vielleicht sind es einfach die Anstrengungen des Tages.
Die Reportage erschien zuerst in Carta, Nr. 20/01. Übersetzung aus dem Italienischen: Ambros Weibel