Nur Ludwig lachte
Kanzlerkandidaten der CSU haben es schwer. 1980 hatte die Linke mit ihrer »Stoppt Strauß«-Kampagne die Nase vorn. von jan süselbeck
Berlin sei schon einmal »so gut wie in bayerischer Hand« gewesen, verkündete Edmund Stoiber auf dem traditionellen Neujahrspresseempfang in der Münchener Residenz. Dabei meinte er jedoch nicht die Kanzlerkandidatur seines Ziehvaters Franz Josef Strauß im Jahre 1980. Damals war der Regierungssitz bekanntlich ja noch in Bonn. Stoiber spielte auf eine etwas ältere Geschichte an. Der bayerische König Ludwig V., der 1323 von seinem Vater Ludwig dem Bayern die Mark Brandenburg entlehnt hatte, läutete im tiefsten Mittelalter eine über 50jährige bayerische Ägide in Berlin ein. Zu den Ländereien Ludwigs des V. habe damals, so Stoiber stolz, auch das Grundstück des jetzigen Bundeskanzleramtes gehört.
Die Botschaft dieser Parabel heißt schlicht: Edmund ante portas. Steht uns tatsächlich wieder eine tiefschwarze Rittergeschichte ins Haus? Ist die Zeit für eine Wiedergeburt urbayerischer Reichsromantik gekommen? Und wie stehen die Chancen für eine Regierung von wahren Mannsbildern, wie sie eben nur ein katholischer Landesvater zu bilden vermag, der bei aller zur Schau getragenen Kenntnis der Gesetzesblätter finanztechnisch auch gerne mal fünfe gerade sein lässt, wenn es um den Aufstieg der nationalen Wirtschaft geht?
Vor 22 Jahren drohte ein solches Szenario schon einmal. Der aus den Stahlbädern diverser Finanzskandale unbeschadet aufgestiegene Franz Josef Strauß war trotz anders lautender Vorschläge des damaligen CDU-Vorsitzenden Helmut Kohl, der den CDU-Politiker Ernst Albrecht favorisiert hatte, endlich Kanzlerkandidat der Union geworden. Er trat mit Lederhose und Gamsbarthut gegen den seinerzeit amtierenden Bundeskanzler und kühlen Norddeutschen Helmut Schmidt (SPD) an. Und scheiterte.
Ein Trauma, das Stoiber bis heute verfolgt. Über seinem Schreibtisch in der bayerischen Staatskanzlei hängt das Foto seines großen Vorbildes Franz Josef Strauß. Für den Musterschüler Stoiber ist der kontrollierende Blick des ehemaligen NS-Offiziers immer noch Mahnung und Ansporn zugleich.
Es wird kolportiert, dass Stoiber 1979 - damals war er CSU-Generalsekretär - seinen Ziehvater Strauß in das ehrgeizige Experiment der Kanzlerkandidatur drängte. Doch große Teile der CDU distanzierten sich schon sehr bald von Strauß und verweigerten die Unterstützung, bevor der Wahlkampf überhaupt begonnen hatte.
Und damit nicht genug. Plötzlich war auch noch ganz Deutschland mit »Stoppt Strauß«-Plaketten und -Aufklebern gepflastert. Es handelte sich dabei um rote Stoppschildmotive, die man an der Kleidung spazieren trug, um damit Farbe zu bekennen. »Stoppt Strauß« war Mode. Stoiber aber verglich die Stimmungsmache gegen Strauß mit »der Hetze gegen die Juden im Dritten Reich«.
Die »Stoppt Strauß«-Kampagne, bei der sich vor allem der Arbeiterbund für den Wiederaufbau der KPD hervortat und dafür eigens Anti-Strauß-Komitees gründete, wurde zum Politikum. Die Schülerin Christin Schanderl tauchte mitten im Bundestagswahlkampf 1980 in ihrer Schule im erzkonservativen oberpfälzischen Regensburg mit einem »Stoppt Strauß«-Button auf. Das Direktorium der Schule forderte sie auf, die Plakette abzunehmen, Schanderl weigerte sich und flog von der Schule.
Erst zwei Jahre später gab ihr der Bayerische Verwaltungsgerichtshof Recht. Die freie Meinungsäußerung zähle auch im Freistaat immer noch mehr als der so genannte Schulfrieden. Für Christin Schanderl, die heute Roth heißt, aber begann ein lebenslanger Kampf mit dem Freistaat Bayern. So torpedierte man später ihre Anwaltszulassung und verweigerte ihr den Beamtenstatus.
Schanderl hatte mit ihrem Button einiges in Gang gesetzt. Unter linken Intellektuellen entbrannte eine wahre Strauß-Hysterie. Mit der Kandidatur des verdienten Ostfrontkämpfers der Wehrmacht sah man das Abendland im braunen Sumpf versinken. Der Plakatkünstler Klaus Staeck veröffentlichte eine Warnschrift mit dem Titel »Einschlägige Worte des Kandidaten Strauß«, die für fünf Mark im Buchhandel angeboten wurde und acht Auflagen innerhalb von fünf Monaten mit zusammen 155 000 Exemplaren erlebte.
Verdrängt wurde in dieser Hysterie jedoch geflissentlich, dass es niemand anderes als der damals amtierende Bundeskanzler Helmut Schmidt (SPD) war, der im »Deutschen Herbst« einen politischen Rechtsruck sondergleichen vollzogen hatte. Zwar hatte Strauß im Krisenstab angesichts der Entführung der Lufthansamaschine »Landshut« durch arabische Terroristen im Oktober 1977 gefordert, stündlich einen RAF-Gefangenen in Stuttgart-Stammheim zu erschießen. Doch es war die SPD-Regierung, die den Polizeistaat mit Sondergesetzen voranbrachte.
Der hysterische Wahlkampf gegen Strauß war zweifelsohne eine willkommene Ablenkung. Aus heutiger Sicht wirkt die »Stoppt Strauß«-Kampagne wie ein Symptom einer sozialdemokratisch regierten Gesellschaft, die nicht wahr haben wollte, dass der bedrohliche Rechtsruck, den sie mit dem Feindbild Strauß zu bekämpfen glaubte, schon längst von der SPD-Regierung verwirklicht worden war.
Gewisse Parallelen zur aktuellen innenpolitischen Situation sind dabei nicht von der Hand zu weisen. Die vom Spiegel kolportierten Pläne der Jusos, eine »Stoppt Stoiber«-Kampagne nach dem Vorbild von 1980 anzukurbeln, dürften aber diesmal nur wenig bewirken. Musste doch selbst die Frankfurter Allgemeine Zeitung betrübt feststellen, dass zwischen der von Stoiber entworfenen Bundespolitik und der Praxis der amtierenden Regierung so große Unterschiede nicht bestünden. Mehr Kriege mit deutscher Beteiligung, als sie Rot-Grün in den letzten vier Jahren geführt hat, wird auch Stoiber nicht zustande bringen. Ob der Atomausstieg nun auf die nächsten 30 Jahre verschoben oder von Stoiber auf dem Gesetzesblatt gleich wieder durchgestrichen wird, dürfte ebenfalls keinen allzu großen Unterschied machen. Und beim Thema Innere Sicherheit ist Otto Schily nur schwer zu übertrumpfen.
Was also tun, wenn diesmal eine Kampagne gegen den Kandidaten nicht ausreichen sollte? Soll man auf einen deftigen Spendenskandal warten? Die Verstrickung der CSU in die Leuna-Affäre hat Stoiber bisher nicht geschadet. Das freiheitlich-bayerische Finanzgeflecht konnte nie vollständig enthüllt werden, weil man bei der CSU auf katholisch-konservative Kameradschaftstugenden zählen kann.
Bliebe noch das Veto des Herrgotts. Stoibers großes Vorbild Franz Josef Strauß fiel ja bekanntlich auf der Jagd in der Nähe von Regensburg dem so genannten plötzlichen Herzstillstand zum Opfer. Da war er dann endgültig gestoppt.