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Nr. 04/2002 - 16. Januar 2002
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Das Salz der Erde

»Ich will denen danken, die meine Kleider trugen, den berühmten und den unbekannten Frauen, die mir treu blieben und soviel Freude bereiteten. Mich erfüllt die Gewissheit, dass ich während all dieser langen Jahre meine Arbeit mit Strenge und Anspruch vollbracht habe. Ohne Zugeständnisse. Ich habe stets den Respekt vor diesem Handwerk ganz obenan gestellt, das keine Kunst ist, aber doch, um zu bestehen, einen Künstler fordert. Ich glaube nicht den Jüngling verraten zu haben, der, unerschütterlich in Glauben und Überzeugung, Christian Dior seine ersten Entwürfe zeigte. Dieser Glaube und diese Überzeugung haben mich niemals verlassen. Jeder Mensch bedarf doch, um zu leben, der ästhetischen Phantome. Ich folgte ihnen, ich suchte, ich jagte sie. Wohl musste ich Qualen, wohl musste ich Höllen durchstehen. Ich habe die Angst gekannt und die erschreckende Einsamkeit. Die falschen Freunde, die die beruhigenden und die betäubenden sind. Das Gefängnis der Depression und das der Sanatorien.

Eines Tages bin ich all dem entkommen, staunend, aber auch ernüchtert. Marcel Proust hat mich gelehrt, dass 'die prächtige und bejammernswerte Familie der Nervösen das Salz der Erde ist'. Ich war, ohne es zu wissen, Teil dieser Familie. Es ist die meine. Ich habe mir dieses verworfene Geschlecht nicht ausgesucht, und doch bin ich dank seiner erhoben worden in den Himmel des Schaffens, habe ich die Nähe jener Hüter des Feuers gekannt, von denen Rimbaud spricht, habe ich mich gefunden, habe ich verstanden, dass die wichtigste Begegnung im Leben die mit sich selbst ist. Die schönsten Paradiese sind diejenigen, die einer verloren hat.«

Aus der Abschiedsrede von Yves Saint Laurent



Neues von Ground Zero

So schnell lassen wir uns von der Wirklichkeit nicht unsere Thesen widerlegen. In der letzten Woche sah es noch so aus, als würde nun eine große Debatte losgehen, was denn nun mit Ground Zero passieren würde, dem Gelände, wo bis zum 11. September das World Trade Center stand, und nun scheint der neue New Yorker Bürgermeister Michael Bloomberg es zur Chefsache erklärt zu haben, möglichst schnell zur Tagesordnung überzugehen - er will Ground Zero mit Bürohäusern bebauen lassen, vier Türme zu je 50 Stock.

Das kennen wir hier in Berlin. Die große Geste, die die Debatte scheinbar beendet, in Wirklichkeit aber erst das große Nachdenken in Gang setzt. Wir prognostizieren für die kommenden Wochen, Monate und Jahre: Gedanken, Gespräche, Texte, Bilder, Zeichnungen, Podiumsdiskussionen, Expertenkommissionstagungen, Ausschreibungen zu Wettbewerben, Jurysitzungen, Neu-Ausschreibungen, noch mehr Sitzungen, Kompromissvorschläge. Nur an einem wird die Realisierung dessen, was am Ende beschlossen wird, garantiert nicht scheitern, und das markiert den entscheidenden Unterschied zur Debatte um das Stadtschloss: Es wird nicht am Geldmangel scheitern.



Noch mal Glück gehabt

Vielleicht hat der Anschlag auf das World Trade Center ja auch sein Gutes gehabt. Vielleicht, wenn man an das Schicksal und die Ikonografie von Hollywood-Katastrophenfilmen glaubt. Ein riesiger Asteroid ist nämlich in der vergangenen Woche nur knapp an der Erde vorbeigeflogen. 300 Meter war der Kleinplanet namens YB5 groß, und er näherte sich der Erde bis auf eine Entfernung von 600 000 Kilometern, in astronomischen Kategorien eine minimale Entfernung.

Nach Berechnungen des Astronomen David Jewitt von der Universität Hawaii liegt die Wahrscheinlichkeit, dass die Erde im kommenden Jahrhundert von einem Asteroiden dieses Ausmaßes getroffen wird, bei einem Prozent. Als 1906 ein 60 Meter breiter Asteroid in Sibirien niederging, wurden riesige Landstriche verwüstet. Aber wer weiß, vielleicht hatte der Felsbrocken das Gefühl, ohne das World Trade Center fehle ein spektakuläres Ziel und drehte deshalb bei.



Propaganda-Offensive läuft an

So ist das in offenen Gesellschaften: Groß angelegte Propaganda-Aktionen werden erst angekündigt, dann vorbereitet, dann durchgeführt, und am Ende weiß man gar nicht so genau, ob es nicht vielleicht doch große Kunst ist. Also: Bald nach dem 11. September kündigten die großen Hollywood-Studios an, sie würden den Krieg gegen den Terror auf ihrem ureigenen Terrain unterstützen, mit Propagandafilmen nämlich. Und nun segelt die Meldung herein, Hollywood wolle »die Amerikaner über die Hintergründe der Anschläge auf die USA im vergangenen Herbst aufklären«.

Wie muss man sich das vorstellen? Etwa so wie in Lubitschs großartigem Anti-Nazi-Film »Sein oder Nichtsein« oder so wie in dem ebenfalls großartigen »Three Kings«, einem Film über den Golfkrieg, der gleichzeitig die vollkommene Sinnlosigkeit des Einsatzes herausstellte und trotzdem amerikanische G.I.s am Ende einen Haufen Regimegegner retten ließ? Oder werden es B-Filme, an denen man gerade ihre offensive Verlogenheit und Vermurkstheit zu schätzen wissen wird?

Zwei Filme sind im Moment geplant: Der eine wird die Wahrheit über das erzählen, was sich tatsächlich in der entführten United-Airlines-Maschine abspielte, die über Pittsburgh abstürzte. Der Emmy-Preisträger Lawrence Schiller und der US-Sender CBS sollen beauftragt worden sein, die Ereignisse als »The Real Story Of Flight 93« auf die Leinwand zu bringen. Der andere Film soll die Geschichte der Hamburger Terroristenzelle um Mohammed Atta zum Thema haben.



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