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Nr. 03/2002 - 09. Januar 2002
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Euro oder Zent oder was?

Es gibt sie also doch noch, die Deutschen, die ein ideologisches Problem mit der Einführung des Euro haben. Fast sah es so aus, als ob alle Welt völlig kritiklos in die Läden rennt, den Euro ausgibt, als habe es nie eine so hehre Marke wie die Deutsche Mark gegeben. Aber nein, nicht alle nehmen dieses Treiben einfach so hin. Walter Krämer, der Vorsitzende des Vereins Deutsche Sprache, versucht zu retten, was an deutscher Identität noch zu retten ist: »Wenn wir schon auf eine eigene Währung verzichten müssen, sollten wir den neuen Namen wenigstens deutsch aussprechen«, forderte Krämer. Der Anlass ist eine Direktive des ZDF, das seine Sprecher angewiesen hatte, den Cent »Cent« auszusprechen und nicht »Zent«. »Eine würdelose Anbiederung an eine fremde Sprache und Kultur«, findet Krämer.

Das wäre aber noch nicht wirklich meldungsrelevant, wenn nicht von neutralem Schweizer Boden via Neue Zürcher Zeitung folgende Überlegungen zu uns gedrungen wären: »Die kleine Münze des Euro, sollte sie als integraler Anglizismus in die deutsche Sprache einwandern, hätte es in sich. Die reguläre Phonetik des Deutschen kennt das scharfe s nur in der Mitte von Worten und am Schluss. Der Cent, amerikanisch ausgesprochen, würde es - regelwidrig - im Anlaut verlangen. Nun belegen zwar Beispiele wie 'Sex', 'Single' oder 'Center', dass dieser regelwidrige Anlaut ohne größere Intonationsprobleme auch von deutschen Sprechern bewältigt werden kann. Aber sein Vorkommen bleibt eine Systemwidrigkeit und gilt unter Linguisten als Hinweis dafür, dass die betreffenden Wörter ihre angelsächsische Herkunft nach wie vor ausstellen, also nicht vollendet integriert sind. Für den 'Cent', der nicht zum 'Zent' würde, wäre das Nämliche festzustellen. (...)

Die Etablierung von Verstößen gegen die deutsche Phonetik ist freilich nur das eine. Schwerer wiegen grammatische Irregularitäten. Eine davon liegt mit dem Einzug der englischen Pluralbildung, der s-Endung, ins Deutsche vor. (...) Der deutsche Plural wird prosodisch gebildet: Silbenzahl, Sprachmelodie und Rhythmus markieren, dass es sich um ein Wort in der Mehrzahl handelt. Jeder reguläre Plural im Deutschen endet auf einem Trochäus. Ganz anders das Englische, das den einsilbigen Plural zulässt.«

Schöner hätten wir das auch nicht sagen können.



Bin Unbeliebt

Ein überwältigendes Votum dafür, dass im 21. Jahrhundert umgedacht wird, lieferten in der vergangenen Woche die Besucher von Madame Tussaud's Wachsfigurenkabinett in London. Bei einer Umfrage unter 1 500 Besuchern kam heraus, dass Ussama bin Laden mit sofortiger Wirkung Adolf Hitler als meistgehasste Person aller Zeiten abgelöst hat. Auf Platz drei landete der Irre von Bagdad, Saddam Hussein. Auch im Umgang mit anderen Prominenten deutete sich unter den Besuchern die Bereitschaft zum Umdenken an. Zum ersten Mal seit 15 Jahren gilt nicht mehr Lady Diana als schönste Frau, sondern die Schauspielerin Jennifer Aniston, gefolgt von der Sängerin Kylie Minogue.



Solidarität mit Peymann

Theater ignorieren wir auf diesen Seiten nach Kräften. Zwar hätten wir gerne die »Warten auf Godot«-Inszenierung in Bochum gesehen. Mit Theater hat das aber recht wenig zu tun. Wir hätten das Stück gerne gesehen, weil wir lieber Fernsehen schauen, als ins Theater zu gehen, und unser Fernsehgott Harald Schmidt die Rolle des Lucky spielt (und weil wir am Ende des Tages natürlich gottverdammte Post-Bildungsbürger sind und aus Anlass solch einer Inszenierung prima herumstehen und darüber dozieren könnten, ob Schmidt nicht doch lieber den Pozzo hätte spielen sollen).

Wie gesagt, Theater interessiert uns hier nicht so, das überlassen wir anderen. Wie zum Beispiel dem Kollegen Holger Mehlig von Associated Press. Der fand für eine Inszenierung von Lessings »Nathan der Weise« unter der Überschrift »Ein Stück gegen den Wahnsinn« die goldenen Sätze: »'Nathan der Weise' ist ein 'Stück gegen den Wahnsinn' und ein 'Plädoyer für die Vernunft'. So empfindet das zumindest Claus Peymann, Intendant des Berliner Ensembles. Und da nach den Terroranschlägen in den USA auch die Theater irgendwie in der Pflicht waren zu reagieren, hatte er eine nahe liegende Idee. Er beschloss, das weit über 200 Jahre alte Toleranzdrama von Gotthold Ephraim Lessing (1729-1781) kurzfristig in den Spielplan aufzunehmen und selbst zu inszenieren. Am Samstag war in seinem Haus Premiere.

Am Ende der knapp dreieinhalb Stunden freute sich der Intendant zusammen mit den acht Schauspielern über eine größtenteils gelungene Aufführung. Auch die Besucher, unter ihnen Bundesaußenminister Joschka Fischer, zeigten mit langanhaltendem Beifall 'uneingeschränkte Solidarität'.«

Also: »Irgendwie« ist das Theater »in der Pflicht« zu »reagieren«, nimmt dieses »Toleranzdrama« ins Programm und das Publikum, insbesondere der Außenminister, freut sich über die »größtenteils gelungene Aufführung« und zeigt »uneingeschränkte Solidarität«.



Was wird aus Ground Zero?

Die New Yorker sind auf dem besten Weg, sich ihre Schlossplatzdebatte einzuhandeln: Was tun mit dem Platz, wo einmal das World Trade Center stand? Die einen - wie der Immobilienmogul Donald Trump - wollen die Twin Towers wieder aufbauen, nur noch höher, die anderen - wie der ehemalige Bürgermeister Rudolph Giuliani - wollen eine Gedenkstätte haben und gar kein Haus. Noch andere - wie der neue Bügermeister Michael Bloomberg - wollen eine Kombilösung. Eine kleine Gedenkstätte und dazu Bürohäuser, aber nicht so hoch, nur 40 bis 60 Stockwerke. Am besten, Bloomberg beruft erst mal ein Expertenkommission.



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