Sans Papier statt Au Pair
Antirassistische Politik und bezahlte Hausarbeit | Respect-Initiative Berlin
Wenn aus unbezahlter Reproduktionstätigkeit entlohnte Dienstleistungen werden, sind es meist Migrantinnen, die diese Jobs übernehmen. Es entstehen neue gesellschaftliche Konfliktlinien. Die hier vorgestellten Thesen der Respect-Initiative aus Berlin konfrontieren die aktuellen antirassistischen Debatten über dieses Thema mit Positionen feministischer Ökonomiekritik. Sie richten ihr Augenmerk auf die Alltagssituation von Migrantinnen, die in Privathaushalten als Haushaltshilfen arbeiten.
Putzen, was sonst? Die meisten Migrantinnen, die in Deutschland ohne Papiere leben, haben keine andere Möglichkeit zum Gelderwerb, als in Privathaushalten zu arbeiten - sei es, um zu putzen, zu bügeln, Blumen zu gießen, Katzen zu versorgen, auf Kinder aufzupassen oder alte Leute zu pflegen.
Nachdem die antirassistische Öffentlichkeit dieses Thema jahrelang mehr oder weniger ignoriert hatte, war im Jahr 2001 eine gesteigerte Aufmerksamkeit spürbar; als Beispiele seien Veranstaltungen und Veröffentlichungen anlässlich des Grenzcamps in Frankfurt genannt, die Novemberausgabe der ila mit dem Themenschwerpunkt »Ohne Papiere« oder auch die Thematisierung in den Subtropen.
Wir von der Respect-Initiative Berlin freuen uns über diese Entwicklung, möchten aber hier ein paar Thesen zur Diskussion stellen, um auf zweierlei aufmerksam zu machen: Wir möchten auf politische Ambivalenzen einer Politik zu bezahlter Hausarbeit hinweisen und betonen, dass es notwendig ist, die Debatte auf der Grundlage einer feministischen Ökonomiekritik zu führen.
Respect ist ein europäisches Netzwerk von MigrantInnenorganisationen und Unterstützungs-NGO, das sich seit 1998 für die Belange von MigrantInnen in der bezahlten Hausarbeit einsetzt. Im letzten Jahr haben sich auch in Deutschland Gruppen getroffen, um sich Respect anzuschließen und sich zu Putz- und Haushaltsjobs politisch zu äußern. Ein nächstes Meeting steht im Februar 2002 in Berlin bevor.
Respect setzt darauf, dass sich Selbsthilfe- und Unterstützungsgruppen über alltägliche Formen des Widerstands austauschen. Forderungen nach besseren Aufenthalts- und Arbeitsrechten für die Hausarbeiterinnen stehen im Zentrum. Eine Charta, die die Rechte der »migrant domestic workers« formuliert, liegt bereits vor.
Ambivalenzen einer Politik zu bezahlter Hausarbeit
1. Arbeits- und Aufenthaltsrechte - aber wie? Arbeits- und Aufenthaltsrechte für Hausarbeiterinnen sind klare Forderungen des Respect-Netzwerkes. Wie aber sollen diese angesichts der Debatte um das Zuwanderungsgesetz formuliert werden? Realpolitisch wäre es naheliegend, Aufenthaltsrechte für Hausarbeiterinnen mit der enormen Nachfrage nach ihrer Arbeit auf dem deutschen Markt zu begründen und den Aufenthaltstitel an ein bestehendes Arbeitsverhältnis zu koppeln. Sicherlich werden wir ausloten müssen, welche individuellen Spielräume ein neues Zuwanderungsgesetz für Arbeitsmigrantinnen in Privathaushalten bietet. Wir haben aber Bedenken, daraus eine politische Forderung zu machen. Zum einen trägt eine solche Strategie die zur Zeit hegemoniale Unterscheidung von nützlichen und unnützen MigrantInnen mit. Es gibt aber auch pragmatische Probleme, die mit der Spezifik von bezahlter Hausarbeit zu tun haben. Der für einen Aufenthaltstitel dann erforderliche Arbeitsvertrag ist ein äußerst knappes Gut: Nur 38 000 Personen haben in Deutschland eine vertraglich geregelte, sozialversicherte Beschäftigung in einem Privathaushalt. Dagegen ermittelte das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung 4,3 Millionen Haushalte, die Haushaltshilfen anstellen.
Das Respect-Netzwerk diskutiert deshalb in eine andere Richtung. Legalisierungen sollen möglichst unabhängig vom Arbeitsverhältnis gefordert werden. Umgekehrt ist es uns auch wichtig, Arbeitsrechte unabhängig vom Aufenthaltstitel geltend zu machen. Den internationalen Bezugspunkt bildet die »UN-Konvention für die Rechte aller Wanderarbeiter und ihrer Familienangehörigen«. Dieses noch nicht ratifizierte Dokument sieht arbeitsrechtliche Mindeststandards unabhängig vom legalen Status vor. Schon heute gibt es Möglichkeiten, wie Migrantinnen ohne Papiere nicht gezahlten Lohn einklagen können, ohne von der Ausländerbehörde gefährdet zu werden.
2. Organisierung der Hausarbeiterinnen? Eine Politik der Selbstorganisation von Hausarbeiterinnen ist nicht nur deswegen schwierig, weil sie isoliert voneinander arbeiten und jeweils individuell mit anderen ArbeitgeberInnen konfrontiert sind. Es geht auch um Fragen der Identitätspolitik. Viele Migrantinnen haben andere berufliche Erfahrungen und Ambitionen und wollen weder als Hausarbeiterinnen identifiziert werden noch sich als solche organisieren. Eine Politik zu bezahlter Hausarbeit muss also die Assoziation Migrantin gleich Putzfrau abweisen. Es gilt, eine Kritik an der rassistisch-sexistischen Segregation des Arbeitsmarktes zu formulieren und zum Beispiel etwas gegen die restriktive Praxis bei der Anerkennung beziehungsweise Nichtanerkennung von Berufs- und Universitätsabschlüssen zu unternehmen.
3. Deregulierung als Chance? Forderungen, die darauf ausgerichtet sind, diesen Sektor arbeitsrechtlich und sozialpolitisch zu regulieren, können leicht zu Lasten der Arbeiterinnen ohne Papiere gehen. Dass Privathaushalte auch für die deutschen Putzarbeiterinnen deregulierte Arbeitsplätze sind und dass dies als selbstverständlich gilt, bedeutet für Frauen ohne Papiere die Chance, dort relativ sicher vor den Ausländerbehörden arbeiten zu können. Pilotprojekte, die heute versuchen, etwa über Dienstleistungsagenturen sozialversicherte Beschäftigungen zu schaffen, gehen an dieser Realität des Arbeitsmarktes vorbei.
Bezahlte Hausarbeit im Rahmen einer feministischen Ökonomiekritik
Organisieren sich Hausarbeiterinnen, scheint dies im Sinne einer gewerkschaftlichen Logik darauf hinauszulaufen, diese Arbeit als Beruf zu definieren und zu etablieren. Wie verhält sich die Forderung zu dem Anliegen, an einer feministischen Diskussion über die gesellschaftliche Verteilung von Hausarbeit und Kinderbetreuung festzuhalten? Die Forderung löst Irritationen und Fragen aus, die nur über eine feministische Ökonomiekritik verständlich werden.
1. Systemimmanente Grenzen. Forderungen nach guter Bezahlung und guten Arbeitsverhältnissen stoßen an eine ökonomische Grenze, an der sie aber, indem sie sie offenlegen, politisch intervenieren können. Bezahlte Hausarbeit ist notwendigerweise Niedriglohnarbeit und nur bei starken Lohndifferenzen innerhalb einer hierarchischen Klassengesellschaft allgemein zu etablieren. Die Logik bleibt, dass eine Hausangestellte für ihr Zuhause nicht selbst eine Hausangestellte finanzieren kann. Insofern die Forderung nach guter Bezahlung nicht systemimmanent funktionieren kann, kann sie auch als Angriff verstanden werden - als Angriff darauf, wie Produktions- und Reproduktionsweisen in kapitalistisch-patriarchalen Gesellschaften zusammenhängen.
2. Formalisierung als Strategie. Hausarbeit als qualifizierte Arbeit darzustellen, greift die als quasi natürlich vorausgesetzte Sozialisation von Mädchen zu Hausarbeiterinnen an. Auch diese Irritation verweist darauf, dass bezahlte Hausarbeit nicht mit anderen Lohnarbeiten gleichzusetzen ist, sondern nur in ihrem Verhältnis zur unbezahlten Arbeit verständlich wird. Ebenso wie diese ist sie gesellschaftlich extrem abgewertet, unsichtbar und isoliert; sowohl bei der Arbeitszeit wie beim Inhalt der Arbeit wird oft höchste Flexibilität erwartet. Emotionale Bindungen an betreute Kinder oder ArbeitgeberInnen, die Freundschaft beanspruchen, machen es Hausarbeiterinnen oft schwer, sich formal abzugrenzen.
3. Soziale Hierarchien. Die feministische Parole von Hausarbeit als qualifizierter und gesellschaftlich notwendiger Tätigkeit hat auch ihre Grenzen. Bridget Anderson, eine Gründerin des Respect-Netzwerkes, gibt zu bedenken, dass die Funktion der Arbeit von Hausangestellten auch in der Bestätigung sozialer Hierarchien bestehe. So seien hohe Sauberkeitsstandards in kompliziert zu putzenden Wohnungen keine objektive Notwendigkeit, sondern eher ein Vehikel, um den Lebensstil der einen und die Abwertung der anderen permanent als soziales Verhältnis zu reproduzieren.
Hausarbeit ist in diesem Sinne keine rein quantitative Tätigkeit, sondern es muss hinterfragt werden, welche Lebensstile mit ihr produziert und welche Hierarchien durch sie aufrechterhalten werden.
4. Internationale Arbeitsteilung - zwischen wem? Hausarbeit muss als Frauenarbeit in Frage gestellt werden. Das geht manchmal auch in feministischen Ansätzen unter. Die in Debatten über das Thema viel verwendete Formulierung von der »neuen internationalen Arbeitsteilung zwischen Frauen« betont beispielsweise zu Recht Klassendifferenzen und rassistische Hierarchien; der Begriff schreibt jedoch implizit Hausarbeit als Zuständigkeitsbereich von Frauen fest. In der politischen Konsequenz kann es bei einem solchen Blick leicht dazu kommen, Hausarbeit nur als Verhältnis zwischen Hausherrin und Hausarbeiterin unter moralischen Gesichtspunkten zu verhandeln und so zu individualisieren.
5. Neoliberale Irrtümer. Wenn linke und antirassistische Annäherungen an das Thema diese Fragen nicht stellen und Haushaltsjobs als ein beliebiges Beispiel für Billiglohnjobs von MigrantInnen aufzählen, umgehen sie die Debatten um die politischen Konsequenzen dieser Thesen und um eine andere Politik zur Hausarbeit. Bereinigt von feministischen Irritationen und unter geschlechtsneutralen Vorzeichen läuft eine Thematisierung der »Hausarbeiterin als Expertin« zudem Gefahr, einen neoliberalen Diskurs zu bestärken, der noch in der marginalisiertesten sozialen Position humane Ressourcen ausfindig zu machen versteht.
Infos zum europäischen Netzwerk Respect: www.solidar.org - Stichwort: migrant workers; Respect-Initiative Berlin, c/o ZAPO, Oranienstr. 34, 10999 Berlin; Website der deutschen Respect-Koordination: www.respect-netz.de