Meine Zeit in der Hölle XII
Mit Rilke durchs Jahr
Okay. Noch mal von vorn. Wieder ist das Jahr rum. Wie jedes Jahr bin ich auch diesmal zu Silvester an einen einsamen Ort gereist, um Rilke zu lesen, und wie jedes Jahr bin ich auch diesmal wieder im Sonett »Archaischer Torso Apollos« hängen geblieben bei der Zeile: »Du musst dein Leben ändern.« Das ist, wie in jedem Jahr, zweifellos richtig, und wie in jedem Jahr frage ich mich, welche Richtung die anempfohlene Änderung ungefähr nehmen müsste.
Das Beunruhigende an Rilkes Satz ist der Punkt, es steht kein Ausrufungszeichen. Es handelt sich also nicht um einen Appell, sondern um eine Feststellung: »Du musst dein Leben ändern.« Diskutiert wird nicht. Die Frage, ob das überhaupt möglich sei, sein Leben zu ändern, und was ein geändertes Leben überhaupt bringe, bleibt offen. Welches Leben Rilke meint, ist ebenfalls unklar. Seins, meins, mehr die Psyche oder mehr die Außenwirtschaft - alles fragil, beliebig, man kann's sich aussuchen. Auch was »ändern« meinen soll, einen einmaligen Akt, ein permanentes Hin und Her oder ein sich stetig steigerndes Hinan, es liegt nicht ohne Weiteres auf der Hand. Selbst das an sich unverfängliche »du musst« erweist sich plötzlich als »Eigentlich willst du nicht« oder »Klappt ja sowieso nicht« - wobei das »Du«, mit Betonung versehen, auch besagen könnte: »Ich, Rilke, krieg's eh nicht hin, du musst das machen.«
Wie jedes Jahr beschleicht mich an dieser Stelle der Verdacht, dass Rilke ein Opfer des Reimschemas geworden sein könnte, als er »ändern« schrieb, doch womöglich etwas ganz anderes sagen wollte. Das Gedicht beschreibt bekanntlich einen Götter-Torso, er »glüht«, er »glänzt«, er »blendet«, ja er »flimmert« sogar »wie Raubtierfelle«. Würde er das nicht tun, schreibt Rilke die Betrachtung schließend, er »bräche nicht aus allen seinen Rändern / aus wie ein Stern: denn da ist keine Stelle, / die dich nicht sieht. Du musst dein Leben ändern.« Das Reimwort lautet also »Rändern«, und Rilke, wenn er mit »Bruchbändern« und »Ständern« nicht hantieren wollte, musste (vgl. auch das »du musst« in der Zeile) wohl oder übel mit »ändern« vorlieb nehmen. Hätte er statt »Rändern« etwa »Grenzen« gewählt, er hätte »Du musst die Schule schwänzen« schreiben können und ihm wäre eine Karriere im Deutschkurs erspart geblieben. Rilke hätte auch »Seiten« nehmen können, und als Schlusssatz wäre dann »Hör bloß auf zu arbeiten« in Betracht gekommen, womöglich diesmal mit Ausrufungszeichen.
Hätte, wäre, könnte - jedes Jahr das gleiche Spiel. Ein Leben im Konjunktiv. Real ist nichts von dem, was real sein müsste - das ist die Realität. Was würde Rilke, wenn er könnte, dazu sagen? Vermutlich würde er dich mit seinen großen traurigen, silvestergeübten Augen ansehen, nicken und murmeln: »Du musst dein Leben ändern.« Okay. Noch mal von vorn ...
rayk wieland