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Nr. 02/2002 - 02. Januar 2002
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Theorie & Praxis II

Taktische Weihnachten

Wie in jedem Jahr gab es auch diesmal wieder eine gelungene Weihnachtsfeier der mittlerweile zu Presseruhm gelangten TU-Fußballtruppe die Taktiker. Zum Presseruhm: Vor allem die Wochenzeitung Jungle World bringt immer wieder Berichte über das bunte Treiben dieser traditionsreichen Mannschaft. Der letzte, eine Reportage über die Mannschaftsfahrt nach Enschede (Jungle World, 34/01), sorgte allerdings bei einigen für Verstimmung. Zum ersten Mal hatte der Autor die Klarnamen der Spieler benutzt, und so fanden es einige gar nicht nett, dass sie als saufende und kotzende Nacktduscher geoutet worden waren. Verteidiger Dirk versicherte aber gegenüber der Zeitung: »Ich war zwar nicht dabei, konnte mir aber anhand des Textes vorstellen, wie das abgelaufen ist. So was hab ich mir nämlich gedacht, ich bleibe doch nicht umsonst zu Hause!«

Die Weihnachtsfeier fand bei Linksaußen-Dribbel-As Jürgen statt - mittlerweile ein Mann für Standardsituationen wie etwa Ecken, von denen der sympathische Schönling sagt: »Ich mach immer die Ecken von rechts, weil ich schieße ja mit Links. Allerdings brauche ich dann immer eine halbe Stunde, um auf meine Position zurückzukommen.«

Jürgen hat für den Abend Kartoffelsalat und Würstchen bei Aldi besorgt und fünf Kisten Bier in den dritten Stock geschleppt. Ente Bolten, Abwehrstratege, kocht Chili con Carne. Andree bringt zwei Dosen Fisch mit. So, dann kann es ja losgehen. Um ungefähr neun Uhr entspinnt sich eine lebhafte Diskussion in der Küche (»Jürgen, komm mal hier rein«). Thema der Debatte: Wer wird »Spieler der Saison 2000/2001?« Die Jury besteht aus Preisträgern vorangegangener Jahre.

Soll es Ente werden, der sich für das Jubiläumsturnier der Mannschaft im Sommer so den Arsch aufgerissen hat? Und dann von den anderen schmählich am Würstchenstand vergessen wurde? Soll es Albert werden, der endgültig von Langer Atem Abschied genommen hat und mit seinem VW-Bus Heim und Herd für die Mannschaft ist? Und der eine atemberaubende Leistungssteigerung (mit dem Geradeausschießen klappt noch nicht so ganz) hingelegt hat?

Doch es kommt ganz anders. Schlachtross Stefan steht bei den meisten hoch im Kurs. Er hat zwar nur zwei Einsätze gehabt, war aber 16 mal bei den Spielen! Außerdem telefoniert er rum und organisiert alle Termine. So was weiß natürlich Statistiker Dirk, der im Übrigen verkündet, dass Andree 46 Tore schoss, und in sieben Jahren schon 203 Dinger für Taktiker eingelocht hat! Nun, Dirk wusste um die schwierige Entscheidung. Deshalb hat er zwei Urkunden für den Spieler des Jahres mitgebracht - eine für Stefan, eine für Albert!

Die Stefan-Fraktion setzt sich aber durch, wenn auch knapp. Der härteste Einwand: Stefan kommt immer zu spät. Was aber irgendwie egal ist, wenn er doch immer nur an der Linie steht (Kommentar aus dem Plenum: »Dafür hat er aber immer Tabak in der Halbzeitpause!«). Glückwunsch, Stefan!

Zwischen Kartoffelsalat und Schnittchen wird aber auch noch anderes diskutiert. Zu spät waren nämlich einige. Seit zwei Jahren steht die falsche Hausnummer von Jürgen in der Spielerliste. »Du hättest besser gesagt, es ist das Haus gegenüber vom Sex-Shop«, meint Redo. »Ich hab's gleich gefunden«, meint Albert, »weil du wohnst ja gegenüber vom Sex-Shop, das hab ich mir gemerkt.« »Na«, werden die Eintrudelnden begrüßt, »habt ihr im Sex-Shop keine Karten mehr gekriegt?«

Aber das soll noch nicht das letzte Thema des Abends sein. Gewichtige Stimmen melden sich zu Wort - die Spielerfrauen. »Es wäre langsam an der Zeit«, meint Jürgens Spielerfrau Beate, »dass ihr mal nicht den Spieler, sondern die Spielerfrau des Jahres wählt.« Die Antwort von Jürgen ist nicht wirklich überzeugend. »Zum 20. Jubiläum der Mannschaft. Vielleicht.« Also in neun Jahren - vielleicht!

Der Abend hat aber jetzt noch ein echtes Highlight. Neben einer Sternstunde der Rhetorik - Spielertrainer Felix hält die Laudatio auf Stefan, und überhaupt: Letztes Jahr haben sie die Saison des Jahrhunderts hingelegt mit 100 Toren in der ersten Liga. Das 100. schoss Albert, es war zugleich sein erstes Tor! Und außerdem: Der AC Tiergarten ist wirklich ein fieser Haufen.

Felix, im bürgerlichen Leben Fernsehsportreporter, hat ein echtes Avantgardeprojekt zu bieten. Beim Turnier hat er einen Film über die Taktiker gedreht. Und zwar als Spieler auf dem Platz! Der Film soll jetzt gezeigt werden, und zwar auf der Großbildleinwand von Peters Kulturcafé, das ein paar Häuser weiter liegt. Der Film ist der Hammer! Ein Meisterwerk! »Der muss aufs Kurzfilmfest nach Oberhausen«, meint Jürgen, der da schon mal war - fünf Tage à 16 Stunden Abschlussfilme von Filmstudentinnen. Da hat Felix eine echte Chance, that hier ist real life. Die Zeitlupen. Die kämpfenden Männer. Die rumtollende Helene, Felix' vierjährige Tochter. Die Sechs-Ämter-Tropfen-Flasche. Und und und. Und der Schluss: Clemente nackt unter der Dusche. Endlich erfährt die Welt den Videobeweis, wovon die Fußballer bisher nur raunen konnten. Clemente hat das dickste Rohr in der Truppe. Verträumt verharrt Felix' Kameraauge auf dem Mordsinstrument, während sich Clemente versonnen seine Spaghetti-Haare wäscht.

Beeindruckt gaben sich auch die ungefähr 1 200 Zuschauer unter Anwesenheit diverser Persönlichkeiten aus der Welt der Prominenz und der Medien an diesem Abend in Peters Kulturclub. Das war wieder eine schöne Weihnachtsfeier mit den Taktikern.

jürgen kiontke



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