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Nr. 02/2002 - 02. Januar 2002
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Der Krieg ist nicht vorbei

Jahrzehntelang hofften ehemalige NS-Zwangsarbeiter in Lettland vergeblich auf Entschädigung. Jetzt soll die Auszahlung beginnen. von wolfgang reinke mit fotos von christoph schröder, daugavpils

Rund 1 200 Kilometer sind es von Berlin bis zur lettischen Grenze. Als wir am Grenzposten Medumi ankommen, fühlen wir uns aber eher wie Zeitreisende. In wenigen Tagen feiert Lettland den zehnten Jahrestag seiner Unabhängigkeit von der Sowjetunion, doch hier scheint die Zeit stehen geblieben zu sein.

»Zurück ins Auto!« Der schlecht gelaunte Grenzbeamte verschwindet in seinem Häuschen und lässt uns warten. Unser Ziel ist die ehemalige Festungsstadt Daugavpils, 20 Kilometer hinter der Grenze. Gerade als wir ankommen, erlebt die Stadt einen ihrer größten Skandale. In einem vom Bildungsministerium in Riga abgesegneten Lehrbuch für Landeskunde markiert nur ein Verkehrsknotenpunkt den Ort. Die mit 112 000 Einwohnern zweitgrößte Stadt des Landes fehlt. Ein Versehen oder Absicht?

Nach dem Zweiten Weltkrieg kamen viele russische Spezialisten in die lettische Sowjetrepublik, um hier zu arbeiten. In den Augen vieler Letten sind sie nach 56 Jahren immer noch Okkupanten, obwohl auch die in Lettland lebenden Russen beim Unabhängigkeitsreferendum 1991 mehrheitlich für die Loslösung von der Sowjetunion stimmten. In Daugavpils und der umliegenden Region Latgale, die schon immer das Armenhaus Lettlands war, stellen die Russen die Bevölkerungsmehrheit. Nur 20 Prozent sind lettischer Herkunft, neben Ukrainern, Polen, Litauern und einer kleinen jüdischen Gemeinde.

Nach einer schlaflosen Nacht im unbeheizten Bungalow eines ehemaligen Ferienlagers beginnen wir unsere Recherche im Büro des Vereins für die Opfer des Faschismus. 20 Vereinsmitglieder sind gekommen. Jeder hat etwas zu erzählen, von der Zwangsarbeit damals und den schwierigen Lebensbedingungen heute, von den vielen leeren Versprechungen aus Deutschland.

Wir verabreden uns am Nachmittag mit dem Vereinsvorsitzenden, Wassili Pawlow, und seiner Stellvertreterin, Stanislawa Baumane. Die ehemalige Krankenschwester, die Speedwayübertragungen und die peruanische Daily-Soap »Lus Maria« liebt, strahlt enorme Energie aus. Sie ist heute 77 Jahre alt. Als 15jährige wurde sie nach Neustetten in Pommern deportiert. »Ich arbeitete bei einer Bäuerin und schlief in einem Raum, in dem es außer Zementwänden nur eine Matratze gab. Nach einem Jahr habe ich mich bei der Polizei beschwert.« Sie hatte Glück, dass sie nicht in einem Arbeitserziehungslager landete, sondern zu einer anderen Familie kam.

In den vergangenen Wochen hat sie über 200 Anträge auf Entschädigung bearbeitet. »Heute konnte ich 'Lus Maria' nicht sehen, weil jemand mit seinem Antrag bei mir war.« Dass das Geld tatsächlich einmal ausgezahlt wird, glaubt sie kaum noch. »Ehrlich gesagt, habe ich keine Hoffnung mehr. So oft hat man uns etwas versprochen.«

Wassili Pawlow reicht mir das dicke Mitgliederverzeichnis. Hinter viele Namen ist mit Kugelschreiber ein kleines Kreuz gekritzelt. Von den ehemals 650 Mitgliedern, die der Verein 1988 allein in Daugavpils hatte, lebt heute vielleicht noch die Hälfte. Den genauen Überblick über die Zahl der Verstorbenen hat Wassili verloren. Vier Jahre war er alt, als er mit seiner Mutter in das Konzentrationslager Salaspils bei Riga und später zur Zwangsarbeit im thüringischen Gipsabbau deportiert wurde. Erst mit neun Jahren kam er in die Schule, arbeitete dann als Elektriker: »Ich habe sehr oft meine Arbeitsplätze gewechselt. Es gefiel mir nicht, der Sowjetmacht zu dienen.«

Umgekehrt standen auch die Behörden Heimkehrern aus der Zwangsarbeit, selbst Kindern und Jugendlichen, misstrauisch gegenüber. Tausende wurden nach Sibirien deportiert. »Noch 1949 haben sich meine Mutter und ich vor dem Schlafengehen nicht ausgezogen. Und im Flur stand immer eine Tasche mit Kleidung und Lebensmitteln. Jede Minute haben wir darauf gewartet, dass das schwarze Auto kommt und uns nach Sibirien bringt«, erinnert sich Stanislawa. Heute hat sie den Status einer politisch Verfolgten und kann Vergünstigungen wie Medikamentengutscheine in Anspruch nehmen.

Die meisten der noch lebenden NS-Opfer in Daugavpils wohnen bereits seit 40 oder 50 Jahren hier, aber sie werden immer noch als Menschen zweiter Klasse behandelt. Wegen ihrer russischen Herkunft besitzen sie keinen lettischen Pass. Und seit zwei Jahren wird der Verfolgtenausweis nur noch an Staatsbürger ausgegeben. Bei der Staatsbürgerschaftsprüfung müssen sie gute Kenntnisse des Lettischen, der einzigen Amtssprache, vorweisen, doch viele können diese Hürde nicht nehmen.

Nur 36 Prozent, etwa 40 000 Daugavpilser, waren bis zum Frühjahr 2001 eingebürgert. Die Mehrheit der EinwohnerInnen sind im juristischen Sinne Staatenlose. Nur wegen verhaltener Proteste aus der EU musste die lettische Regierung in den vergangenen Jahren den im Land lebenden Russen Zugeständnisse machen, sie hat im ganzen Land kostenlose Lettischkurse eingeführt. Grundlegend geändert hat sich besonders für die älteren Russen im Land nicht viel.

Jewgenij Obolenski lebt seit 1950 in Daugavpils. 38 Jahre hat er als Elektroingenieur bei der lettischen Energiefirma Latenergo gearbeitet. »Ich habe mitgeholfen, das Stromnetz aufzubauen. Viele Dörfer waren noch nicht elektrifiziert. Aber ich bin kein Staatsbürger.«

Zur Begrüßung zeigt er uns seine Ölbilder, die er als junger Mann gemalt hat. »Mein Traum war es immer, Künstler zu werden. Nach dem Krieg musste man sich jedoch einen Beruf suchen, der die Familie ernähren konnte.« Die Märchenszenen der Bilder verraten nichts davon, dass Jewgenij drei Konzentrationslager und zwei Todesmärsche überlebt hat. Jewgenij, der im vergangenen Jahr zum Gefangenentreffen nach Flossenbürg reiste, bewundert den Wohlstand in Deutschland. Ich erwidere, dass dieser auch auf Kosten der zehn Millionen NS-ZwangsarbeiterInnen erworben wurde. »Schon möglich«, sagt er ohne Groll.

Bekäme er eine Entschädigung, würde er sich umgehend einer dringenden Behandlung im Krankenhaus unterziehen. »Nach dem Krieg war ich froh, dass ich überlebt hatte. Als ich älter wurde, bin ich krank geworden. Ich habe jeden Tag Schwindelanfälle und Herzprobleme. Kein Wunder, bei dem Sanatorium, das ich in Deutschland besucht habe ...«

Krank werden dürfte er eigentlich nicht. Seine Rente ist guter Durchschnitt, reicht aber nicht einmal für die Wohnungsmiete. Er ist verheiratet und kann mit seiner Frau zusammenlegen. So kommen sie gerade über den Monat, für Medizin oder Behandlungen bleibt aber nichts übrig. »Der Krieg ist für mich noch nicht vorbei. Noch heute habe ich Angst vor Hunger und Kälte.«

Während seine Hoffnung auf Entschädigung schwindet, lässt man sich in Lettland Zeit für die Klärung von Verfahrensfragen. Ein wichtiger Grund für die weitere Verzögerung ist sicherlich der umstrittene Umgang mit der eigenen Geschichte in Lettland.

Nach nur 20 Jahren der ersten lettischen Republik besetzten 1940 sowjetische Truppen als Folge des deutsch-sowjetischen Nichtangriffspaktes das Baltikum. Bis 1953 wurden 120 000 Letten nach Sibirien verschleppt, fast jeder zehnte. 1941, nach dem Überfall der Wehrmacht auf die Sowjetunion, wurden die deutschen Soldaten als Befreier gefeiert. 140 000 lettische Freiwillige meldeten sich zur Waffen-SS. Noch heute marschieren in jedem Jahr am 16. März die ehemaligen Legionäre, die eine erhebliche Mitschuld an der Ermordung der baltischen Juden tragen, durch die großen Städte des Landes.

Auch Viktoria und Joseph Girdjuk sehen die deutschen Truppen als Befreier von Kommunismus und Partisanenterror. Von Gräueltaten der Wehrmacht und der SS wissen sie nichts. Wenn ich von meinen Interviews erzähle, sagen sie: »Es war eben Krieg.« Ihre eigene Rolle im Sowjetsystem reflektieren sie nur ungern.

Joseph, der als Chef eines Wachkommandos die Eisenbahnbrücke über die Daugava bewacht hat, möchte sich nicht vor der Brücke fotografieren lassen. Er hat Angst, Ärger zu bekommen, und erzählt von einem jungen Mann, der einmal die Brücke fotografierte. »Ich habe ihn natürlich festgenommen und dem KGB übergeben.«

Unsere Meinungsverschiedenheiten haben keinen Einfluss auf die Gastfreundlichkeit von Viktoria und Joseph. Jeden Tag bereiten sie uns köstliche Mahlzeiten. Zuerst haben wir ein schlechtes Gewissen, aber Viktoria nimmt mich zur Seite: »Wenn du mir auch nur einen Santimu geben willst, setz ich euch vor die Tür.« Sie lacht.

Viktoria hat bis 1994 als Feuerwehrinspektorin 149 Fabriken und Einrichtungen betreut. Jetzt ist sie erwerbslos. Nur von der Rente ihres Mannes, 90 Euro im Monat, leben die beiden. Und trotzdem sind Gäste jederzeit willkommen. Sie hofft, dass der neue Bürgermeister und seine Partei »Licht für Latgale« den Aufschwung bringen.

Tatsächlich hat sich seit meinem letzten Besuch im Oktober des vergangenen Jahres viel in der Stadt verändert. Straßen und Fassaden sind sauberer, überall entstehen kleine Parks. Die Menschen, die wir auf dem Markt treffen, haben kein Verständnis für solche kosmetischen Veränderungen. Eine Frau, die ihren Unterhalt mit dem nicht genehmigten Verkauf von Plastiktüten verdient, fordert eine Lösung der tatsächlichen Probleme. »Ich erhalte kein Arbeitslosengeld, weil mein letzter Betrieb die Sozialsteuer nicht gezahlt hat. 100 Lat (175 Euro) bräuchte ich für mich und meine Kinder. Aber ich erhalte vom Staat nur 6,80 Lat Kindergeld. Das sind alles Faschisten, die erschossen werden müssen.« Ihre Stimme ist träge vom Alkohol.

Die Gemüseverkäuferin Tatjana fordert die wirtschaftliche Hilfe des Westens. »Es müsste Investitionen aus Europa geben, damit neue Firmen gegründet werden können.« Sie beklagt, dass vor allem die jungen Menschen nach der Schule aus der Stadt weg wollen, um in Deutschland oder den USA arbeiten zu können. Die Rahmenbedingungen für einen wirtschaftlichen Aufschwung sind jedenfalls denkbar schlecht. Eigenes Kapital fehlt, ausländische Investitionen gibt es nur vereinzelt. Mit den EU-Assoziationsverträgen musste Lettland seine Märkte bedingungslos für den Absatz von EU-Produkten öffnen. Seitdem sind die Läden voll mit überteuerten Lebensmitteln aus Deutschland und Skandinavien. Erst vor einem Monat, im Oktober, musste die hiesige Molkerei Konkurs anmelden.

Für Richards Eigims, 38 Jahre alt und seit acht Monaten Stadtoberhaupt, sind die EinwohnerInnen der Stadt selbst schuld an der prekären wirtschaftlichen Situation. Viele wollten überhaupt nicht arbeiten. Auch für die Diskriminierung der in Lettland lebenden Russen hat Eigims eine Erklärung: »Wir haben uns selbst in diese Situation gebracht. Aber die nächste Generation wird schon lettisch statt russisch sprechen.« Er selbst hat noch große Probleme mit der lettischen Sprache, wie er zugibt, betont aber: »Die Menschen hier müssen begreifen, dass in Lettland lettisch gesprochen wird, wie man in Deutschland deutsch spricht.«

Anastasia Kovalkova, Abiturientin an der 6. Schule, benennt ohne Umschweife den Nationalismus als größtes Problem Lettlands. In Daugavpils lebten zwar alle Menschen friedlich zusammen. »Wenn wir aber nach Liepaja oder Riga fahren, merke ich schon, dass wir Russen nicht respektiert werden.«

Überall in der Stadt begegnen wir Menschen, deren Angehörige während des Krieges Zwangsarbeit in Deutschland verrichten mussten. So lernen wir auch Ljudmila Timoschenko kennen. Die Professorin für Pädagogik leitet seit 13 Jahren den Verein der minderjährigen NS-Opfer. Auch sie war während des Krieges mit der ganzen Familie in Deutschland. Obwohl sie vor zwei Monaten einen schweren Schlaganfall hatte, sitzt sie fast jede Nacht, um die Fragebögen für 200 Entschädigungsanträge des Vereines für die Stiftung auszufüllen. Sie klagt über absichtliche Behinderungen durch die Regierung. »Ein Grund für den Schlaganfall war, dass wir dreimal neue Antragsformulare erhalten haben. Geändert war jedes Mal nur ein Wort. Aber wir mussten alle zweihundert Anträge neu schreiben.«

Viele der ehemaligen ZwangsarbeiterInnen, die ich treffe, sprechen zum ersten Mal offen über ihre Erlebnisse, die bis Ende der achtziger Jahre tabu waren. Vera Fomina weint während des ganzen Interviews. Unter Tränen erzählt sie von den Aufseherinnen in einer Hamburger Waschmittelfabrik, die sich einen Spaß daraus machten, die Zwangsarbeiterinnen im Winter mit kaltem Wasser zu übergießen. Wie wichtig wäre für sie eine Gemeinschaft, die sie im Verein von Ljudmila Timoschenko finden könnte. Ich gebe ihr Ljudmilas Telefonnummer, dann geht sie nach Hause und nimmt ihre Erinnerungen mit.

Am vorletzten Tag unseres Aufenthalts herrscht aufgeregte Stimmung im Verein der Opfer des Faschismus. Gestern hat Stanislawa erfahren, dass am 29. November die Entschädigungszahlungen in Lettland beginnen sollen. Sie warnt vor allzu großer Hoffnung, zu oft gab es ähnliche Ankündigungen. Die Parex-Bank will die Schecks zuerst medienwirksam an 145 ehemalige ZwangsarbeiterInnen aus Riga überreichen.

Erst Mitte Januar sollen dann weitere 2 000 Menschen Geld erhalten. Schätzungen gehen von 12 000 Anspruchsberechtigten in Lettland aus. »Wie viele Leute einen Antrag gestellt haben, wissen wir erst nach dem 31. Dezember, wenn die Antragsfrist endgültig ausläuft. Und warum zahlen sie uns nur einen Teil des Geldes aus?« Stanislawa schimpft. »Den Rest sollen wir erst in zwei, drei Jahren erhalten. Aber wir können nicht mehr warten.«

Nur wer bis zum Ende des Jahres überhaupt Dokumente in der Hand hat, die einen Aufenthalt in Deutschland belegen können, gehört zum Kreis der Anspruchsberechtigten. Die Archive, die einen Nachweis erbringen könnten, sind überlastet. In der Regel vergehen sechs Jahre, bis der Internationale Suchdienst des Roten Kreuzes in Bad Arolsen eine Anfrage beantwortet. Und das lettische Nationalarchiv schickt gelegentlich Antwortschreiben, in denen die Existenz des Konzentrationslagers Salaspils negiert wird. 100 000 Menschen fanden dort während des Krieges den Tod.

Wenigstens eine gute Nachricht gibt es. Ab Januar werden alle Rentner in Daugavpils unabhängig von der Staatsbürgerschaft kostenlos medizinisch versorgt und können umsonst mit der Straßenbahn fahren.

Auf dem Weg zur Grenze machen wir noch einmal bei Vera Fomina Halt. Wir haben uns nicht angekündigt. Um so mehr freut sie sich über die Blumen, die wir mitgebracht haben. In Rekordzeit stehen Tee und Gebäck auf dem Tisch, damit wir uns vor der langen Reise noch einmal stärken können. Zum Abschied sagt sie: »Das ist das erste Mal, dass sich jemand für unsere Geschichte wirklich interessiert.«



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