Welt der Warenformen Special XX
Frohe Weihnacht, der Krieg ist vorbei
Mit »Shaved Fish« veröffentlichte John Lennon im Oktober 1975 seine einzige Querschnitts-LP. Diese Verfahrensweise war für ihn ungewöhnlich und insofern paradox, da er bisher, getreu der Beatlestradition, größere geschlossene Themenkreise grundsätzlich auf einer Langspielplatte zu einer Art Zyklus zusammenfasste, bzw. für ihn wichtige aktuelle Songs durch die schneller zu produzierende Single rasch verbreitet wissen wollte oder Konzertmitschnitte herausgab.
Insofern stellt diese Platte ein Kuriosum dar. Doch wer akzeptiert, dass Lennon stets die Einheit von Form und Inhalt anstrebte und jede Platte von Anfang bis Ende durchplante bis hin zur Covergestaltung, der wird auch in dem »Querschnitt« einen Sinn suchen und Anhaltspunkte dafür in seiner Biographie finden.
Im Oktober 1975 wurde das Ausweisungsverfahren gegen ihn von einem Berufungsgericht abgelehnt. Damit scheiterte der jahrelange Versuch der Nixon-Administration, den unbequemen Sänger und Agitator gegen den Vietnamkrieg, gegen Rassendiskriminierung und gegen die Verfolgung fortschrittlicher Gruppen und Personen (z.B. John Sinclair, Angela Davis) loszuwerden. Im gleichen Jahr söhnte sich Lennon wieder mit seiner Frau Yoko Ono aus, von der er sich über ein Jahr getrennt hatte, und ebenfalls im Oktober wurde sein zweiter Sohn Sean geboren.
John Lennon beschloss zu dieser Zeit, fortan nichts mehr zu produzieren, um sich ganz dem Haushalt und der Erziehung seines Kindes widmen zu können. Erst 1980, kurz vor seinem gewaltsamen Tode, gab er wieder ein Album heraus (»Double Fantasy«). So gesehen war die Querschnitts-LP »Shaved Fish« Ausdruck für seinen konsequenten Rückzug in die private familiäre Sphäre.
John Lennon war auch im Detail konsequent. Statt des sonst üblichen Großporträts auf der Plattenhülle bei vielen »Best of«-LPs, zeigte er mit den kleinen Bildchen auf dem Cover an, dass Songs aus verschiedenen Perioden seines Schaffens zusammengestellt wurden.
Die Platte beginnt mit dem bekanntesten Song »Give Peace a Chance« (Im Unterschied zur Originalplatte hier die vollständige Fassung), ein Lied, welches nicht unwesentlich zur moralischen Stärkung der Antivietnamkriegsbewegung beigetragen hat. Nach der Warnung vor den schädlichen Folgen von Rauschgiften (»Cold Turkey«) fordert er seine Zuhörer unmissverständlich zu Aktionen auf (»Instant Karma!«). Nach der zornigen Feststellung, dass er weder Vater noch Mutter für längere Zeit hatte (»Mother«), beklagt er in dem nächsten Song die mangelnde Gleichberechtigung der Frau als eine Ursache zerrütteter Ehen (»Woman is the Nigger of the World«).
Die Seite zwei ist ganz von Zukunftsvisionen geprägt bzw. führt vor, was Aktionen und der Kampf um Frieden bewirken könnten (»Imagine«/»Whatever Gets You Thru the Night«/ »Mind Games«/ »# 9 Dream«). War der im Jahr 1971 komponierte Song »Fröhliche Weihnacht, der Krieg ist vorbei« noch eine Utopie, so konnte ihn Lennon 1975 mit Genugtuung an den Schluss der Platte stellen; der damalige Wunsch war Realität geworden - der letzte amerikanische Soldat hatte Vietnam verlassen (»Happy X-Mas - War Is Over«).
»Shaved Fish« zeigt, mit welcher Konsequenz Lennon Melodien und Klänge den jeweiligen Inhalten anpasste: mal knapp und leicht einprägsam, zum sofortigen Mitsingen und Marschieren auffordernd (»Instant Karma!«; »Power to the People«), mal schwärmerisch mit schönen Melodien und schwelgenden Klängen, mal aggressiv und verzweifelt (»Mother«; »Cold Turkey«).
Nicht Rockmusik war in erster Linie sein Ziel, das beweist uns diese LP, sondern die überzeugende Gestaltung aufrüttelnder aktivierender Songs, persönlicher Nöte und Ängste und das kollektive und optimitische Träumen über die Zukunft der Menschheit.
Ingolf Haedicke in seinen Linernotes zu John Lennons »Shaved Fish«, VEB Deutsche Schallplatten, Berlin DDR, 1983