'Welt' fusioniert mit 'Morgenpost'
Wenn es noch eines Beweises bedürfte, dass auf der höchsten Ebene des industriell-politisch-medialen Komplexes ein hohes Maß an Irrationalität die Entscheidungen diktiert: Die Vorgänge im Axel-Springer-Verlag würden ihn liefern. Wenn es dort ein profitables Blatt gibt, dann ist es die Berliner Morgenpost. Kennt zwar außerhalb der Hauptstadt niemand, wird aber gelesen, hat einen riesigen Anzeigenteil und berichtet über jeden Müllsack, der in Lichtenrade umfällt. Wenn es ein defizitäres Blatt gibt, dann die Welt. Zwar hat sie in den vergangenen Jahren etwas zugelegt, aber nur weil gigantische Investitionen getätigt wurden. Der Verlust für das laufende Jahr beträgt 120 Millionen Mark, heißt es im Manager-Magazin.
Was tut man in einer solchen Situation? Hier in der Bergmannstraße würde man sich von den unrentablen Unternehmensteilen trennen, ein bisschen hin- und herschieben, Entlassungen vermeiden und die rentablen Abteilungen stärken. Nicht so beim Axel-Springer-Verlag. Hier hat Mathias Döpfner das Sagen, im Februar wird er Vorstandsvorsitzender. Döpfner beherrscht die seltene Kunst, die Auflage der ihm anvertrauten Zeitungen zu senken, um dafür die Karriereleiter hinaufzupurzeln. »Döpfnerkurve« nannte die taz dieses Phänomen. So hat er es als Chefredakteur der Wochenpost gehalten, bei der Hamburger Morgenpost war es nicht anders, und bei der Welt stieg zwar die Auflage, das Defizit jedoch blieb.
Döpfner lässt nun die Welt und die Berliner Morgenpost verschmelzen. Die Titel bleiben zwar erhalten, de facto wird die Morgenpost aber nur noch die Regionalberichterstattung übernehmen, den Rest liefert die Welt.
Nicht dass wir hier die Pressefreiheit in Gefahr sehen würden. Noch gibt es sechs Tageszeitungen, die in Berlin erscheinen - zählt man die junge Welt mit, sogar sieben. Im Gegenteil. Wenn Döpfner so weitermacht, können wir im Jahr 2005 mit dem Ableben des Springerkonzerns rechnen. Das sind doch prima Aussichten. Wahrscheinlich wird irgendein noch größerer Konzern den Verlag kaufen. Mathias Döpfner dürfte auch dann in den Vorstand aufrücken. Damit können wir leben.
Kunst wird wieder ernst genommen
Seit dem 11. September ist einiges durcheinander gekommen, das kann man als allgemein bekannt voraussetzen. Besonders stark traf es das Verhältnis von Kunst und dem, was man Wirklichkeit nennt. Da setzen sich CIA-Agenten mit Hollywood-Produzenten zusammen, um herauszufinden, was bin Laden und seine Kumpanen wohl noch planen könnten, sie halten also die Kunst für näher an der Realität als ihre Wirklichkeit. Und Karl-Heinz Stockhausen hält den Anschlag auf das World Trade Center für ein unerhörtes »Kunstwerk«.
Noch komplizierter verhält es sich rund um die ominöse Behandlung des Komponisten Pierre Boulez durch die Schweizer Polizei. Vergangene Woche wurde Boulez in Basel von der Polizei aus seinem Hotelzimmer geholt, ihm wurde sein Pass abgenommen. Dass es nicht zu einer Verhaftung kam, lag nach der Aussage der Polizisten lediglich daran, dass er keinen »gemeingefährlichen Eindruck« gemacht habe.
Wie konnte es so weit kommen? In einem Interview mit dem Spiegel aus dem Jahre 1967 soll Boulez gefordert haben, Opernhäuser in die Luft zu sprengen. Tatsächlich sagte Boulez: »Die teuerste Lösung wäre, die Opernhäuser in die Luft zu sprengen. Aber glauben Sie nicht auch, dass dies die eleganteste wäre?« Als viele Jahre später eine Journalistin eine Bombendrohung bekam, nachdem sie einen Auftritt Boulez' verrissen hatte, landete er prompt auf der so genannten Ripo-Liste der Schweizer Polizei, schließlich galt er als Sprengstoffspezialist.
Was lernen wir nun aus alledem? Das übliche Feuilletonisten-spiel, die Schweizer Polizisten doof zu finden, weil sie nicht wissen, wer Pierre Boulez ist, machen wir natürlich nicht mit. Im Gegenteil. Wir sollten uns alle darüber freuen, dass künstlerische Aussagen wieder ernst genommen werden. Dass es endlich Essig ist mit diesen billigen Provokationen, wo irgendwelche Hanseln mit gefährlichen Symbolen spielen, um dann, wenn jemand sie fragt, wie sie es denn mit der Gewalt und der Politik halten, zu sagen: Ist alles nur Kunst.
Der Euro bekommt den Karlspreis 2002
Eigentlich ist mit dieser Überschrift schon alles gesagt. Der Internationale Karlspreis der Stadt Aachen geht im kommenden Jahr an den Euro. Was gilt es noch hinzuzufügen? Die Auszeichnung wird am 9. Mai 2002 im Krönungssaal des Aachener Rathauses verliehen. Entgegegenommen wird sie vom Präsidenten der Europäischen Zentralbank, Wim Duisenberg. Und warum? Der Euro trage zu einer gemeinsamen europäischen Identität bei, so die Begründung der Jury. Mit seiner Einführung im Januar sei er weit mehr als das einheitliche Zahlungsmittel in Europa.