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Nr. 49/2001 - 28. November 2001
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Unkorrekt, aber nicht ohne

Dass sich die FAZ für die »multimillion pound advertising campaign« (Guardian) der saudischen Regierung viermal 96 000 Mark in die Hand zählen ließ, verwundert ja nun nicht sehr - »Kim Il-Sungish« (Guardian) genug kam sie weißgott daher, die farbenfrohe Sure zu König Fahds 20jährigem Thronjubiläum vom 23. November. Zivilgesellschaftlich vom Feinsten war es dann aber, ausgerechnet im FAZ Business-Radio zu hören, der Jahrestag sei erst im nächsten Juni ein runder. Rätsel des Orients: Fürchtet der üppige Autokrat um seine Party? Wer sind die Spielverderber? Etwa kluge Köpfe, die sich von eher transatlantisch orientierten Erläuterungen wie der folgenden beleidigt fühlen: »Ganz eigene Herausforderungen an das Volk und den Monarchen ergeben sich aus der enormen Größe Saudi-Arabiens; das Land ist dreieinhalbmal so groß wie Texas« (Anzeigentext)?

Von anderen Fronten nämlich droht keine Gefahr, sieht die saudische Propaganda Fahds Regime doch weder durch die »rasante Umwälzung« der vergangenen Dezennien »erschüttert« noch etwa »traumatisiert« - im Gegenteil: »Die Neuerungen verliefen friedlich und bruchlos.« Klar, bei einer sich »auf Beratung und Konsens stützenden Monarchie«, die jeden, der nicht ins Bild passt, shariamäßig einem »Saudisierungsprogramm« zuteilt. Nicht ohne allerdings vier Seiten zum Thema zu füllen, ohne den derzeit bekanntesten Sohn des Vaterlands zu erwähnen. Fanden wir erholsam.

ðStadtBlattÐ in der Krise

Da sitzen wir also in unserer linken selbstverwalteten Redaktion herum und fühlen uns ein bisschen allein, weil wir nicht alle sind, und dann gibt es Leute in Bielefeld, in der Stadt, wo der letzte linke Student herkommt, und diese Bielefelder hocken auch in ihrer linken selbstverwalteten Redaktion rum und fühlen sich noch mehr allein als wir, weil sie denken, sie seien nicht nur allein in der Stadt, aus der der letzte linke Student kommt, sondern seien auch die »letzte linke selbstverwaltete Wochenzeitung Deutschlands«.

Das StadtBlatt ist also in der Krise, in der Identitäts- und Finanzkrise. Es ist schuldenfrei, hat aber kaum Geld für die notwendigen Investitionen und Werbemaßnahmen. Ein Unterstützerkreis ist inzwischen gegründet, ein Spendenkonto eingerichtet worden (FoeBuD e.V., Kontonummer 213 41 87, Sparkasse Bielefeld, BLZ 480 501 61, Stichwort: »StadtBlatt«), aber für die Leute vom StadtBlatt bleiben noch viele Fragen: Ist »die Zeit der kritischen kleinen Zeitungen vorbei geflogen«, interessiert »sich niemand mehr für politische Diskurse« und ist »Kulturkritik längst nicht mehr seriöse Auseinandersetzung, sondern Geschmacksurteil in Barometerform«?

Aber das sind alles Fragen, die wir nicht beantworten können, das weiß nur der letzte linke Student.

Korrekt und schade

Wer isst, was auf den Tisch kommt, muss nicht weiterlesen. Wer jedoch weiß, wie verschieden das scheinbar Gleiche schmecken kann, erfährt es ungern: Die beste Supermarktpasta der Welt, die Barilla-Nudel, muss künftig im Regal bleiben - das meint zumindest die kritische Initiative No-Ocse aus Bologna. Durch verschiedene Übernahmen sei Barilla in die Rohre der Schweizer Kanonenfabrikanten Oerlikon-Buhrle gerutscht, die sich inzwischen weltweit interventionsfähig Unaxis nennt. Maccheroni con cannoni - leider, no grazie.

Melanie Thornton gestorben

Manchmal führt einen die Chronistenpflicht in Gegenden, die wirklich zynisch und menschenverachtend sind. Da stürzt ein Flugzeug der Schweizer Fluggesellschaft Cross Air ab, und 24 Menschen sterben. Unter ihnen der Vizebürgermeister von Jerusalem und die US-amerikanische Sängerin Melanie Thornton. Melanie Thornton, denkt man sich, wer ist denn das noch gleich? Sollte da nicht ein Album herauskommen? Und tatsächlich: Am Samstag ist das Flugzeug abgestürzt, am Montag sollte ihr Album erscheinen. Titel: »Ready to Fly«. Angenommen, Sie wären Manager bei Sony: Was würden Sie tun? Die Veröffentlichung verschieben und die Platte dann unter einem anderen Titel erscheinen lassen? Bei aller Trauer, so viel Realitätssinn sollten Sie haben, zu wissen, dass diese Platte schon in zwei Monaten niemanden mehr interessieren wird. Die Künstlerin kann ja keine Werbung für ihr Produkt mehr machen. Die Platte einfach so herausbringen und so tun, als sei nichts passiert? Das geht ebenfalls nicht, es ist ja etwas passiert. Die Künstlerin ist tot. Einen Aufkleber auf die Platte machen: Gewidmet den Opfern des Flugzeugabsturzes von Zürich? Pietät kann sehr schwierig sein.

Judith Hermann ausgezeichnet

Sogar in den Sprachduktus der dpa-Meldung hat sie sich schon eingeschlichen, die allgegenwärtige Frage nach der Überschätzung: Judith Hermann habe den Kleist-Preis bekommen, heißt es da, einen der bedeutendsten deutschen Literaturpreise. Dabei sei sie eine Autorin, die »bisher nur ein Buch veröffentlicht hat«. So sieht's aus. Nur ein Buch. Und das haben wir nicht mal gelesen. Weil wir es schon bei seinem Erscheinen für überschätzt hielten. Kann man vielleicht nur das für überschätzt halten, was man nicht kennt, das, von dem man glaubt es zu kennen und das man deshalb gar nicht mehr in Augenschein nimmt? Das, was man deshalb auch nie kennen wird, sondern eben nur bequem immer mal wieder als überschätzt bezeichnen kann? Ist die Überschätzung vielleicht weniger ein ästhetisches Urteil als eine Strategie der Reduktion von Komplexität, eine sehr wirksame Strategie, weil man sich so der Komplexität gar nicht erst stellen muss und sie gleich reduzieren kann? Hoffentlich ist dieser dunkle Herbst bald vorbei.



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