Inselstaat verschwindet
Alle Welt macht sich Gedanken über Staaten, die eigentlich keine richtigen Staaten mehr sind, weil ihnen das fehlt, was man gemeinhin staatliche Strukturen nennt: wie in Afghanistan oder Somalia. Ein ähnliches, aber doch ganz anderes Problem stellt sich den rund 11 000 Bewohnern des Inselstaates Tuvalu im Südpazifik. Ihren Staat wird es demnächst nämlich aus einem genauso einfachen wie dramatischen Grund nicht mehr geben: Es ist abzusehen, dass der ansteigende Meeresspiegel die neun Inseln schlucken wird, aus denen Tuvalu sich zusammensetzt. Das berichtet zumindest das Earth Policy Institute aus Washington. Die Strände erodieren, die Gewinnung von Trinkwasser ist nur noch eingeschränkt möglich, die Produktion von Lebensmitteln wird immer schwieriger - die Inseln versinken im Meer.
Was tun? Den Staat woanders hin transferieren? Aber wer stellt Territorium zur Verfügung? Wohin mit den ganzen Bewohnern, die ja dann irgendwie staatenlos sind, aber anders staatenlos als man es bisher kannte? Ganz praktisch müssen sie ja irgendwo hin. Der nächstgelegene Staat wäre Neuseeland, aber von dort gibt es widersprüchliche Signale: Erst hieß es, die Tuvaluaner würden dort aufgenommen werden, dann wurde diese Zusage wieder dementiert.
Willi Wichtig 2
Als Frauen- (insbesondere Yoko-Ono-) und Schwulen- (insbesondere Versace- und Pasolini-) Hasser hat sich Willi Winkler bereits zu erkennen gegeben. Warum nicht auch als Amerikaner-Hasser? Die Gelegenheit ist günstig. Nachdem er erst kürzlich in der Süddeutschen mit einem »Doppelporträt« von Rambo und bin Laden brillierte (»Rambo mit dem Hush-Puppie-Blick ist der rehäugige Osama bin Laden gefolgt«), goss er letzte Woche seinen Bildungsbürgerspott gleich literweise über einer Witwe aus, die eine »namhafte Kanzlei in Manhattan« aufsuchte. Die Frau ist schwanger, hat ihren Mann im World Trade Center verloren und versucht, um des Kindes willen eine Entschädigung zu erhalten. Da kam nur ein Titel in Frage: »Himmelslohn.« Wie wollen wir denn titeln, wenn Winkler erstens vor einen Bus läuft und zweitens deshalb nie wieder schreiben wird? Kombilohn? Besonders der Anwalt, der für die Frau so viel wie möglich herausholen will, symbolisiert für Winkler typische Raffgier. Allerdings: »Geld allein wird auch den Anwalt nicht glücklich machen. Vielleicht verhilft ihm sein Beruf dazu, seine Kunst, den Wert des Menschen, jedenfalls den eines toten Menschen, zu erhöhen, die Drangsal in, ja doch: Glück zu verwandeln. Viel Glück sogar.« Aber was versteht ein Frauen-, Schwulen- und Anwalt-aus-Manhattan-Hasser vom Wert eines Menschen, gar vom Glück? Zu seinem eigenen jämmerlichen fehlte wohl vor allem, dass er uns über die Konfession des Anwalts - er heißt übrigens James P. Kreindler, seine Kanzlei vertritt die Opfer von Lockerbie gegen Oberst Gaddhafi, den libyschen Winkler - aufklären darf. Vielleicht beim nächsten Mal.
Volkskrankheit soziale Phobie
Man hätte eigentlich schon vorher darauf kommen können - ein Blick aus dem Fenster, ein Gang auf die Straße, ein Tritt in eine Pfütze hätten gereicht. Nun ist es auch wissenschaftlich belegt: Des Menschen häufigste Angst, zumindest in Deutschland, ist die soziale Phobie. Das sagen zumindest die Wissenschaftler der Göttinger Gesellschaft für Angstforschung (GAF). Ein Symptom der sozialen Phobie sei etwa die Angst vor dem Leben in der Öffentlichkeit. »Es gibt Menschen mit sozialer Phobie, die in kein Restaurant gehen, weil sie fürchten, dass sie dort von anderen beobachtet werden könnten«, sagt Professor Borwin Bandelow, der Präsident der GAF und Leiter der Angstambulanz der Uniklinik Göttingen.
Hanno Harnisch Kulturchef beim 'ND'
Neues gibt es vom Neuen Deutschland zu vermelden: Gewöhnlich gut unterrichtete Kreise teilen mit, dass Peter Berger, der bisherige Chef des Feuilletons, aus dieser Funktion ausgeschieden sei und von Hanno Harnisch ersetzt werde. Wir erinnern uns, jener Hanno Harnisch, der bis vergangenen Oktober Pressesprecher der PDS war und dann von Gabi Zimmer gefeuert wurde. Harnisch gilt als derjenige, der der Rentnerpartei PDS ihr jugendlich-chaotisches Image verpasste: Mal schauen, was er jetzt im Kulturteil des Neuen Deutschland veranstaltet.
»Wahrheit« feiert
Vor zehn Jahren entschloss sich die taz zu einem sehr vernünftigen Schritt und legte sich die »Wahrheit« zu. Auf der letzten Seite, also dort, wo andere Blätter Nicht-Rubrizierbares vermischten oder abgehangene Witze versteckten, entstand ein hochwirksames Korrektiv gegen Wichtigtuerei, Verschnarchtheit und gegen eine sich als Nonkonformismus tarnende Anpasserei. Dass die Autoren der von Karl Wegmann und Mathias Bröckers konzipierten »Wahrheit«-Seite nicht die abgetragenen Lieblingsgegner der Linken übernehmen wollten, sondern sich im taz-kompatiblen Alternativmilieu ihre eigenen Feinde schufen, sorgte sowohl bei solidarisch getuneten Lesern als auch bei Redakteuren der vorderen Seiten für Verstimmung. Zum Beispiel als die Bärte von Ost- und West-Intellektuellen zusammenzuwachsen drohten und der »Barbier von Bebra« intervenierte - Riesengeschrei. Steile Karrieren können auch Kurznachrichten der »Wahrheit« machen. So die Insidermeldung, Hollywood plane, das Leben von Joschka Fischer zu verfilmen, und habe den zerknautschten Al Pacino für die Hauptrolle verpflichten können. Das österreichische Magazin Profil, die B.Z. und der Kölner Express nahmen die »Wahrheit« wörtlich und pumpten den Fake zur großen Story auf.
Am 24. November findet ab 19 Uhr im Berliner Schiller-Theater das Welttreffen der »Wahrheit« statt. Harry Rowohlt kommt auch.
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