Koranschule I
Export und Hopp
Der Antisemitismus in arabisch-islamischen Gesellschaften basiert auf europäischen Quellen. In der islamischen Geschichte und Theologie findet er nur wenige Bezugspunkte. Von Thomas Schmidinger
Islam und Antisemitismus: Seit den Anschlägen vom 11. September wird das Verhältnis von Islam und Antisemitismus in der Linken kontrovers debattiert. Ist der Antisemitismus Ussama bin Ladens und der al-Qaida die extreme Form einer Haltung, die in den islamischen Gesellschaften schon immer vorhanden war und sich nun aggressiv äußert? Oder wurden antisemitische Stereotype aus Europa importiert und für politische Zwecke instrumentalisiert? Thomas Schmidinger eröffnet die Debatte. In der kommenden Woche antwortet ihm Götz Nordbruch.
Seit Beginn der Bombardierung Afghanistans werden westliche Politiker nicht müde zu betonen, dass es sich nicht um einen Krieg gegen den Islam handeln würde. Dieser sei ja eine friedliche und tolerante Religion, die nur von einigen Extremisten missbraucht wird. Auf Widerspruch stößt diese Aussage bei einer Fraktion der Linken, die nicht nur den Krieg befürwortet, sondern auch die Bevölkerung islamischer Staaten »dem moslemischen Götzendienst entreißen« möchte - wenn nötig, mit militärischer Gewalt.
Die Redaktion der antideutschen Zeitschrift Bahamas, die diesen Wunsch äußerte, sieht nicht allein im Islamismus, sondern im Islam selbst die aktuelle Variante des deutschen Vernichtungsantisemitismus. Diese Position knüpft an die Debatten über den israelisch-palästinensischen Konflikt an. Berechtigt ist zwar die Kritik an der Haltung notorischer linker AntisemitInnen aus dem antiimperialistischen Lager, seien es deutsche MaoistInnen oder österreichische LeninistInnen wie die RKL (Revolutionär Kommunistische Liga), die weiterhin unverdrossen stalinistische Revolutionsromantik mit völkischer Rhetorik mischen und sie auf das »kämpfende palästinensische Volk« projizieren.
Doch auch die von manchen Antideutschen propagierte These, die PalästinenserInnen seien ein zur Vernichtung der Juden entschlossenes völkisches Kollektiv, ist eine Projektion von Bildern und Vorstellungen auf den Nahen Osten, die die dortigen Verhältnisse unbeachtet lässt. Die Akteure im Nahen Osten werden nicht als handelnde Subjekte wahrgenommen, und Diskussionen, die eigentlich über die Vergangenheit, die Nation und den Antisemitismus in Deutschland und Österreich zu führen wären, werden auf einen Konflikt übertragen, der damit nur wenig zu tun hat.
Horst Pankow behauptete in der Bahamas nach dem Beginn der so genannten al-Aqsa-Intifada: »Mit den so genannten Palästinensern steht Israel das derzeit wohl aggressivste antisemitische Kollektiv gegenüber (...). Ähnlich wie der nationalsozialistische Vernichtungsantisemitismus (...) scheut auch dessen aktuelle palästinensische Variante kein persönliches Opfer und schreckt auch nicht vor der zynischen Aufopferung der eigenen Gefolgschaft zurück.« (1)
Zu Recht verweist die antideutsche Argumentation auf den Antisemitismus in der arabischen und islamischen Welt. So findet sich auch in großen arabischen Tageszeitungen immer wieder antisemitische Hetze, Staatschefs wie der syrische Präsident Bashar el-Asad oder Ali Khamenei, religiöses Oberhaupt der iranischen Schiiten mit großem politischem Einfluss, äußern öffentlich ihre antisemitischen Ressentiments.
Der arabische Antisemitismus wird jedoch zu Unrecht mit dem NS-Vernichtungsantisemitismus gleichgesetzt. Um die These von einem tief verankerten Antisemitismus in der arabischen Welt zu belegen, wird die aktuelle Entwicklung in die Vergangenheit projiziert. Einen spezifisch islamischen oder arabischen Antisemitismus gab es jedoch nicht. Während sich im Christentum die Spuren des Antisemitismus bis in die Antike zurückverfolgen lassen und »die Juden« bereits im Mittelalter als besonders gefährliche Feinde der christlichen Gesellschaft galten, wurde bis zum Auftreten des Zionismus in Palästina in der islamischen Welt nicht zwischen Jüdinnen und Juden und AnhängerInnen anderer anerkannter religiöser Minderheiten unterschieden.
Toleranz für Schutzbefohlene
Unter Historikern herrscht weitgehend Einigkeit darüber, dass in der islamischen Geschichte die religiöse Toleranz größer war als im vorbürgerlichen Europa. Im Gegensatz zum traditionellen Christentum erkannte der Islam religiöse Minderheiten als Schutzbefohlene, so genannte Dimmis, an. Dieser Status galt allerdings nur für monotheistische Religionen, die auf einem heiligen Buch beruhen.
Juden, Christen oder Zaraostrier im Iran, die als Dimmis anerkannt wurden, waren damit Staatsbürger minderer Rechte und minderer Pflichten. Sie mussten den islamischen Herrschern höhere Steuern zahlen. Ämter mit hoheitlichen Funktionen gegenüber Muslimen durften sie nicht ausüben, auch vom Kriegsdienst waren sie ausgeschlossen. Unter der islamischen Herrschaft genossen die anerkannten religiösen Minderheiten jedoch eine gewisse Autonomie. So hatten sie für Streitfälle, die Angehörige ihrer Konfession betrafen, eine eigene, vom islamischen Staat unabhängige Rechtsprechung. Ihre religiösen Oberhäupter waren zugleich politische Vertreter ihrer konfessionellen Gruppe gegenüber den islamischen Herrschern.
Der islamische Staat garantierte für die Ablieferung der erhöhten Steuern die Religionsfreiheit der verschiedenen christlichen und jüdischen Sekten. Insbesondere Gruppierungen in Ägypten und Syrien, die zuvor von der orthodoxen Kirche des byzantinischen Reiches verfolgt worden waren, begrüßten die islamischen Eroberer deshalb als Befreier. Die Angehörigen der altorientalischen Kirchen waren zuvor als Ketzer betrachtet worden, die jüdischen Gemeinschaften hatten seit der Christianisierung unter immer wiederkehrenden Verfolgungen als »Christusmörder« zu leiden. So knüpften viele Jüdinnen und Juden an die »islamisch-arabischen Eroberungen sogar messianische Hoffnungen und arbeiteten mit den Invasoren zusammen.« (2) Doch auch den meisten Christen schien die islamische Herrschaft wesentlich erträglicher als die der orthodoxen Reichskirche.
Die altorientalischen christlichen Kirchen und die jüdischen Konfessionen blühten unter islamischer Herrschaft wieder auf. Die altorientalischen Kirchen wurden von den islamischen Herrschern als Alternative zur von einer feindlichen Macht beherrschten orthodoxen Kirche sogar gefördert. Und obwohl die Angehörigen nichtislamischer Buchreligionen von staatlichen Machtpositionen ausgeschlossen waren, konnten sie als Berater von Herrschern, Wissenschaftler, Ärzte oder Händler in hohe gesellschaftliche Positionen aufsteigen.
Machtkampf in Yatrib
Im arabischen Mittelalter gab es in fast allen Teilen des islamischen Herrschaftsbereiches jüdische Bevölkerungsgruppen. Da in den letzten Jahrhunderten vor dem Auftreten des Propheten Muhammad (um 610 n. Chr.) viele arabische Stämme sowie das den Jemen beherrschende Reich der Himyariter zum Judentum konvertierten, waren Muslime von Anfang an mit jüdischen Bevölkerungsgruppen konfrontiert.
Das Christentum kannte Muhammad fast nur von seinen Handelsreisen nach Syrien. In Yatrib, dem späteren Medina, existierte jedoch bereits eine große jüdische Bevölkerungsgruppe, als Muhammad dort im Jahre 622 die Stelle des Richters (Qadi) angeboten bekam. Verschiedene Suren des Koran, die auf das Judentum Bezug nehmen, sind in dieser Phase entstanden und beziehen sich meist auf konkrete Allianzen und auf Konflikte, die Muhammad als Qadi in Yatrib zu bewältigen hatte.
Sein anfänglich sehr gutes Verhältnis zur jüdischen Bevölkerung in Yatrib änderte sich, als diese die Prophetenschaft Muhammads nicht anerkennen wollte und sich in den lokalen Machtkämpfen gegen die junge islamische Gemeinschaft wendete. Auf diesen Konflikt beziehen sich einige wenige antijüdische Stellen im Koran. Deutlicheren Niederschlag fanden diese Konflikte in den Hadithen, den überlieferten Aussprüchen des Propheten.
Während nach orthodoxer islamischer Lehre der Koran das direkte Wort Gottes ist, können die Hadithen eine solche Autorität nicht in Anspruch nehmen. Sie werden als Richtschnur für Fälle herangezogen, in denen der Koran keine eindeutigen Aussagen trifft. Doch im Gegensatz zum Koran, dessen Wortlaut allgemein als authentisch gilt, ist die Echtheit vieler Hadithen umstritten. Sie wurden erst Jahrhunderte nach Muhammads Tod schriftlich erfasst. Dabei galt eine möglichst lückenlose Kette glaubhafter Überlieferer als wichtigster Beleg für die Echtheit eines Hadith. Antijüdische Hadithen waren immer wieder Gegenstand der Debatte. Sie waren nie Auslöser antijüdischer Politik oder Pogrome, wurden bei Bedarf aber zu ihrer Rechtfertigung benutzt.
Verwirrte Geschwister
Das Christentum entstand als dissidente jüdische Sekte, der in späteren Zeiten die Existenz der älteren Konfession zu einer ständigen Quelle der Verunsicherung und Anklage wurde. Schon bald bezeichneten die christlichen Kirchen die Juden als »Gottesmörder« und Verräter (Judas). Im Vorwurf, als Geldwucherer im Tempel der Religion hätten die Juden das Heilige entweiht, ist der moderne Antisemitismus mit seiner Wahnvorstellung vom »zersetzenden jüdischen Finanzkapital« bereits im Ansatz angelegt. Der Antisemitismus ist dem Christentum immanent und war in der christlichen Geschichte eher Normalzustand als Ausnahme.
Anders als das Christentum war der Islam nicht gezwungen, sich ständig vom Judentum abzugrenzen. Auch der Islam beruft sich auf viele jüdische und christliche Traditionen, entstand jedoch inmitten einer - aus islamischer Sicht - heidnischen Bevölkerung. Muhammad war nach islamischer Lehre der letzte einer Reihe von Gott gesandter Propheten, zu denen auch Moses und Jesus gehörten. Juden und Christen konnten als verwirrte ältere Geschwister betrachtet werden, die zwar vom rechten Weg abgekommen seien, aber schon noch irgendwann zu diesem zurückfinden würden. Im Gegensatz zum Christentum ist somit im Islam die Toleranz gegenüber den monotheistischen Buchreligionen - allerdings nur gegenüber diesen - der Normalzustand, das Pogrom hingegen die Ausnahme.
Es gab jedoch auch im islamischen Herrschaftsbereich immer wieder Verfolgungen religiöser Minderheiten. Sie trafen meistens sowohl Christen als auch Juden. Es gab Verfolgungen ausschließlich gegen jüdische Bevölkerungsgruppen, aber auch Angriffe, die allein die christlichen Minderheiten trafen. Eine spezifisch gegen Jüdinnen und Juden gerichtete Verschwörungstheorie existierte in der islamischen Geschichte bis zum frühen 20. Jahrhundert jedoch nicht.
Verschwörungstheorien richteten sich zunächst eher gegen die christlichen Minderheiten. In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts wuchs der Einfluss »christlicher« europäischer Mächte im islamisch beherrschten Raum. Sie drängten unter anderem auf eine ökonomische und politische Besserstellung der christlichen Minderheiten, die sie als Verbündete ihrer beginnenden Kolonialpolitik betrachteten. Für die jüdischen Minderheiten interessierten sich die europäischen Mächte zunächst nicht, die durch die hegemoniale Politik ausgelösten Aggressionen richteten sich daher eher gegen die arabischen Christen als gegen Jüdinnen und Juden. So wurde im späten Osmanischen Reich die Verfolgung der christlichen Armenier durch die nationalistischen »Jungtürken« teilweise mit ähnlichen Stereotypen begründet wie sie der europäische Antisemitismus benutzte. Die über das gesamte Land verteilten, teilweise im Handel aktiven Armenier wurden mit Wucher und Geldgeschäften in Verbindung gebracht und im Ersten Weltkrieg als Verbündete Russlands betrachtet, die durch Deportation in die Wüste vernichtet wurden.
Sammelbecken arabische Nation
Mit dem Beginn der zionistischen Siedlungspolitik in Palästina im letzten Viertel des 19. Jahrhunderts und der direkten Beherrschung arabischer Territorien durch Großbritannien und Frankreich veränderte sich dies langsam, aber nachhaltig. Die von den Kolonialmächten vorangetriebene Modernisierung und die Verbreitung europäischer Fremdsprachen ermöglichten auch den Export politischer Ideen aus Europa in den Nahen Osten. Die neuen politischen Bewegungen, die in dieser Zeit entstanden, bedienten sich der nationalstaatlichen Ideen aus Europa - und wendeten sie gegen die europäischen Kolonialmächte.
Der arabische Nationalismus war jedoch keine einheitliche Bewegung. Bereits in seiner Entstehungsphase in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts stellte er ein Sammelbecken verschiedenster politischer Kräfte dar, die sich lediglich darin einig waren, die Kolonialherrschaft europäischer Mächte über »die Araber« abschütteln zu wollen. Die arabisch-nationalistische Bewegung spaltete sich bald in verschiedene Fraktionen und Parteien, die einander zum Teil erbittert bekämpften. Aus ihr ging ein Teil der arabischen Linken hervor, aber auch Gruppen der extremen Rechten berufen sich auf die »arabische Nation«.
Die ürsprünglich dominierenden aristokratischen Oberschichten verloren schnell an Bedeutung, Vertreter der Mittelschichten, unter ihnen nicht wenige Offiziere, übernahmen die Führung. Ein Teil von ihnen orientierte sich in den dreißiger Jahren an den erstarkenden faschistischen Bewegungen in Italien und Deutschland. Dies hatte zum Teil taktische Gründe: Deutschland und Italien waren Feinde der wichtigsten Kolonialmächte Frankreich und Großbritannien. Doch viele arabische Nationalisten orientierten sich auch am völkisch-nationalistischen Denken des europäischen Faschismus, während im frühen arabischen Nationalismus noch der republikanisch-verfassungspatriotische französische Begriff der Nation dominierend war.
Sowohl einige Philosophen und politische Theoretiker wie Sati'al-Husri (3), an dessen Theorien sich die derzeit in Syrien und Irak herrschende Baath-Partei orientiert, als auch Teile politischer Bewegungen wie die Syrisch Sozial-Nationalistische Partei (4), Misr al-Fatah (Das Junge Ägypten) oder die al-Futuwwa aus dem Irak wendeten sich zunehmend einem direkt vom europäischen Faschismus beeinflussten Denken zu. Diese Gruppierungen konnten zwar einige Erfolge verbuchen, es gelang ihnen aber mit Ausnahme von Misr al-Fatah nicht, wirkliche Massenbewegungen aufzubauen, die nachhaltig antisemitisches Gedankengut hätten verbreiten können.
In Ägypten versuchten von 1933 bis 1935 deutsche Agenten, »die Juden aus der Masse der lokalen Minderheiten auszusondern und anzugreifen«. Dagegen bildete sich jedoch rasch eine »Liga gegen den deutschen Antisemitismus, die zwar von Juden getragen war, aber Unterstützung in breiteren Kreisen der ägyptischen Gesellschaft fand«. (5) Ein Vertreter des Nationalsozialismus in Kairo musste schließlich resigniert feststellen: »Für das Verständnis der Rassentheorien ist der Bildungsgrad der breiten Masse nicht fortschrittlich genug. Das Verständnis für die Gefahren des Judentums ist hier noch nicht geweckt.« (6)
Die Versuche, faschistische Bewegungen in den arabischen Gesellschaften aufzubauen, blieben letztlich erfolglos, auch Misr al-Fatah konnte sich nicht dauerhaft etablieren. Bedeutsamer waren die Sympathien, die Hadj Amin al-Huseini, der Mufti von Jerusalem, für den deutschen Nationalsozialismus hegte. Als wichtigstes religiöses Oberhaupt der palästinensischen Muslime und Mufti der drittheiligsten Stätte des Islam hatte al-Huseini großen politischen Einfluss, auch auf Muslime außerhalb Palästinas. Al-Huseinis Positionen waren umstritten, doch in den dreißiger und vierziger Jahren wurde er zu einer der wichtigsten Integrationsfiguren der palästinensischen Nationalbewegung; auch heute noch wird er von vielen PalästinenserInnen als Nationalheld betrachtet. Al-Huseini war den Nazis nicht nur behilflich, Freiwillige für muslimische SS-Hilfsdivisionen in Bosnien zu rekrutieren (7), sondern rief während seines Besuches in Deutschland auch öffentlich dazu auf, Juden zu ermorden.
Leugnung der Shoah
Nach der Staatsgründung Israels und der Vertreibung und Flucht eines Großteils der palästinensischen Bevölkerung aus dem neuen Staat sahen sich viele PalästinenserInnen als verspätete Opfer des Holocaust. »Der jüdische Staat entstand nicht in Bayern oder Schleswig-Holstein« (8), so der arabische Knesset-Abgeordnete Azmi Bishara. Die israelische Staatsgründung sei die »Wiedergutmachung« Europas an den Juden auf dem Rücken der Araber, so eine damals wie heute verbreitete palästinensische Interpretation.
Der tatsächliche Zusammenhang der Staatsgründung Israels mit der Shoah dagegegen blieb weitgehend unbeachtet. Bis zur Shoah blieb der Zionismus innerhalb der jüdischen Diskussion noch relativ marginal, doch die industrielle Massenvernichtung der Jüdinnen und Juden bestätigte dessen These, dass auch assimilierte Jüdinnen und Juden im Ernstfall nicht vor Verfolgung geschützt sind und dass nur der von den Zionisten angestrebte jüdische Staat eine letzte Sicherheit geben könne.
Die PalästinenserInnen waren nach der von ihnen als Nakba (Katastrophe) bezeichneten Flucht oder Vertreibung nicht fähig, sich in die Opfer der Shoah hineinzuversetzen. Sie sahen nicht die zionistische Bewegung, sondern die westlichen Staaten als Gründer Israels. Eine Auseinandersetzung der PalästinenserInnen mit der Shoah fand deshalb jahrzehntelang nicht statt. Wie diese von arabischen Intellektuellen und Politikern gesehen wurde, hing von der jeweiligen »Nützlichkeit« im Konflikt mit dem israelischen Staat ab. Da kaum ein israelischer Politiker nach 1948 darauf verzichtete, die Shoah als Begründung für die Existenz Israels anzuführen, kamen viele Palästinenser auf die Idee, dass es ihnen nützen könnte, eben die Shoah zu verschweigen oder als israelischen Propagandatrick zu bezeichnen und in Frage zu stellen.
In diesem Zusammenhang fand nach 1948 der Antisemitismus in den arabischen Staaten größere Verbreitung. Je näher ein arabischer Staat dem palästinensisch-israelischen Konflikt war, desto stärker wuchs der Antisemitismus. Während jemenitische, marokkanische oder tunesische Jüdinnen und Juden wenig vom Anwachsen des Antisemitismus spürten und trotz intensiver Bemühungen Israels ihre Einwanderung bis heute nicht vollständig erfolgt ist (9), nahm der Druck auf die jüdischen Bevölkerungsgruppen Ägyptens, Syriens und des Libanon deutlich zu.
Der ehemalige General der israelischen Armee Yehoshafat Harkabi, der sich intensiv mit dem Antisemitismus in den arabischen Staaten beschäftigt hat, betrachtet den europäischen Antisemitismus überwiegend als Prä-Holocaust-Erscheinung, während er den arabischen Antisemitismus als Post-Holocaust-Erscheinung sieht (10). Es habe im arabischen Interesse gelegen, den Eindruck der Shoah abzuschwächen. »Harkabi entnimmt diesem Sachverhalt, dass der arabische Antisemitismus nicht Grund, sondern Folge des arabisch-israelischen Konfliktes sei. Die totale Ablehnung des Staates Israel geht einher mit der Verleugnung des Leidens der Juden in der Geschichte.« (11)
Antisemitische Realpolitik
Auch die Politik der arabischen Regierungen gegenüber den jüdischen Minderheiten hing nach 1948 davon ab, wie stark sie am palästinensisch-israelischen Konflikt beteiligt waren. In vielen arabischen Staaten wurde die staatliche Politik gegen Jüdinnen und Juden restriktiver.
In Ägypten war nach Anschlägen des israelischen Geheimdienstes, der offensichtlich auch einige junge ägyptische Juden rekrutiert hatte (12), die Lage der jüdischen Minderheit bereits sehr kritisch geworden. Viele verließen in der Folge das Land. »Der entscheidende Schlag kam im Oktober/November 1956 im Zuge des britisch-französisch-israelischen Angriffs auf Ägypten. Es gab Massenverhaftungen und Ausweisungen ausländischer Staatsangehöriger und Staatenloser.« (13) Die Nationalisierung der Wirtschaft unter Gamal Abd el-Nasser hatte die Existenzgrundlage vieler ägyptischer Juden zerstört, die meisten emigrierten. Heute gibt es lediglich in Kairo und Alexandria noch kleine jüdische Gemeinden.
Nach dem Krieg von 1967, als Israel die verbliebenen arabischen Gebiete Palästinas inklusive der heiligen islamischen Stätten in Jerusalem, die syrischen Golan-Höhen und die ägyptische Sinai-Halbinsel besetzte, schränkte eine Reihe von arabischen Staaten die Rechte der jüdischen Minderheit weiter ein. Insbesondere die arabisch-nationalistischen Diktaturen, die von großen Teilen der europäischen Linken als fortschrittlich betrachtet wurden, betrachteten die Juden pauschal als Verbündete des »zionistischen Feindes«.
In Libyen wurden die bis dahin noch nicht ausgewanderten Jüdinnen und Juden durch Ausschreitungen während des Junikrieges 1967 vertrieben. Aus dem Irak wanderten hingegen die meisten Jüdinnen und Juden bereits in den fünfziger Jahren nach einer Serie von bis heute ungeklärten Anschlägen auf jüdische Einrichtungen nach Israel aus. Dieser Auswanderungswelle waren Geheimverhandlungen israelischer Stellen mit der irakischen Führung vorangegangen, in deren Folge der Irak die Auswanderung ungehindert geschehen ließ.
Syrien wählte nach 1967 den gegenteiligen Weg und schloss die Grenzen für die jüdische Minderheit, um den »zionistischen Feind« nicht zu stärken. Erst in den neunziger Jahren wurde eine reglementierte Auswanderung wieder erlaubt. Trotzdem leben noch immer einige Tausend Juden in der Altstadt von Damaskus und in Aleppo, wo sie trotz ihrer formalen Anerkennung als religiöse Gruppe eine unterdrückte und verschwiegene Minderheit darstellen.
In Tunesien und Marokko, fernab vom Nahostkonflikt, existieren trotz kleinerer Auswanderungswellen auch heute noch einige aktive jüdische Gemeinden. Seit einigen Jahren kommen sogar wieder Juden aus Israel nach Marokko zu Besuch, um entfernte Verwandte zu besuchen oder zu Heiligengräbern zu pilgern.
Die PLO setzte sich immer wieder für jüdische Minderheiten in den arabischen Ländern ein und kritisierte jene arabischen Staaten, deren Politik zur Flucht der jüdischen Bevölkerung nach Israel führte. Sie erreichte unter anderem, dass der Irak in den sechziger Jahren die irakischen Juden offiziell zur Rückkehr einlud. Die Einladung hatte allerdings rein propagandistischen Charakter, und der Einsatz der PLO für jüdische Minderheiten erfolgte nicht zuletzt aus taktischen Gründen. Die PLO sah in der Masseneinwanderung der arabischen Jüdinnen und Juden eine Stärkung Israels. Sie wollte sich aber auch als linke Bewegung des Befreiungsnationalismus präsentieren und bediente sich zumindest in ihren Auslandsbeziehungen einer säkularen Argumentation.
Teilorganisationen der PLO traten immer wieder mit antisemitischer Propaganda auf. Doch obwohl manche Aktionen wie Anschläge auf Synagogen oder die Selektion jüdischer Flugpassagiere durch ein deutsch-palästinensisches Kommando in Entebbe (1976) nur als antisemitisch zu interpretieren sind, kann der PLO als Gesamtorganisation nicht vorgeworfen werden, dass sie nicht zwischen Jüdinnen und Juden einerseits und dem Zionismus oder dem israelischen Staat andererseits unterschieden hätte. So wurden besonders grausame antisemitische Splittergruppen wie der al-Fatah-Revolutionsrat Abu Nidals, der u.a. für den Anschlag auf die Wiener Synagoge und den Flughafen Wien-Schwechat verantwortlich war, aus der PLO ausgeschlossen und von dieser verfolgt. Die Aktivitäten solcher Gruppen gefährdeten das internationale Image der PLO.
Instrumentalisierung der Religion
Auch außerhalb der arabischsprachigen Welt spielte das Verhältnis zu Israel immer wieder eine Rolle im Verhältnis islamischer Staaten zu den jüdischen Minderheiten. In der Türkei hat sich durch die enge Zusammenarbeit mit Israel, die nach dem Eintritt in die Nato 1952 begann und nach dem Militärputsch 1980 intensiviert wurde, auch die Lage der jüdischen Bevölkerungsgruppe deutlich verbessert.
Im Iran war das Judentum auch in der Islamischen Republik immer eine anerkannte Religionsgemeinschaft, bis heute ist ein Parlamentssitz für einen Vertreter des iranischen Judentums reserviert. Israel wurde aber immer wieder mit dem »Großen Satan« USA in Verbindung gebracht, und auch der »gemäßigte« Präsident Muhammad Khatami hat sich für die Zerstörung Israels ausgesprochen. So geriet die jüdische Minderheit unter Druck. Im vergangenen Jahr fand ein Prozess gegen 13 Juden wegen angeblicher Geheimdiensttätigkeiten für Israel statt. Zehn von ihnen wurden zu Gefängnisstrafen zwischen vier und 13 Jahren verurteilt.
Bislang gelang den islamistischen Kräften nur im Iran eine Revolution. Von Saudi-Arabien abgesehen, das seit seiner Gründung von einer fundamentalistischen Monarchie regiert wird, kamen Islamisten nur in zwei weiteren Staaten an die Macht: Im Sudan, wo sich die Islamisten 1989 mit putschenden Militärs verbündeten (14), und in Afghanistan, wo sich im Bürgerkrieg zunächst die islamistischen Mujaheddin-Gruppen und nach 1994 die Taliban durchsetzten.
Die so genannte Islamisierung, die Instrumentalisierung der Religion für politische Zwecke, hat jedoch in den meisten islamischen Staaten an Einfluss gewonnen und auch die Sichtweise des Konflikts mit Israel und die Haltung gegenüber »den Juden« verändert. Bis 1967 dominierten in der arabischen Welt nationalistische Ideologien. Der Kampf gegen Israel wurde sowohl von der PLO als auch von den arabischen Staaten überwiegend als »nationaler Befreiungskampf« propagiert. Die Niederlage gegen Israel im Krieg von 1967 diskreditierte die nationalistischen Ideologien, islamistische Bewegungen breiteten sich aus. Der religiöse Diskurs, bald aufgenommen von den um ihre Legitimation besorgten Regierungen, verstärkte die Tendenz zu einer grundsätzlichen Feindschaft gegenüber »den Juden«.
Islamische Fundamentalisten im Iran, aber auch in Ägypten oder im Libanon, bemühten sich immer wieder, dem Antisemitismus auch einen religiösen Anstrich zu geben. Sie bedienten sich der antijüdischen Hadithen und vermischten sie mit europäischem Antisemitismus. Dies gilt insbesondere für die Muslim-Bruderschaft und ihren organisatorischen Ableger in Palästina, die Hamas (Islamische Widerstandsbewegung). Während der palästinensische Widerstand der sechziger, siebziger und achtziger Jahre fast ausschließlich von relativ säkularen nationalistischen, linken und linksnationalistischen Gruppierungen getragen wurde, hat sich die - ursprünglich von Israel als Konkurrenz zur PLO unterstützte - Hamas in den neunziger Jahren zur führenden innerpalästinensischen Opposition gegen die Führung der Autonomiebehörde und die Abkommen von Oslo (1993-95) entwickelt.
Garaudy und Irving in Kairo
Die islamistische Bewegung bemühte sich zwar um einen aus islamischer Theologie und Geschichte abgeleiteten Antisemitismus, konnte aber nur auf wenige in einem arabisch-islamischen Kontext entstandene antisemitische Stereotype zurückgreifen. Als Ersatz wurden Texte des europäischen Antisemitismus teilweise in direkter Übersetzung herangezogen. Die »Protokolle der Weisen von Zion« sind etwa in ihrer arabischen Übersetzung seit Jahrzehnten ein Kassenschlager, der in vielen ganz normalen Buchhandlungen zu kaufen ist. Nicht ganz so großer Beliebtheit erfreut sich die arabische Übersetzung von »Mein Kampf«, die erstmals 1963 erschienen ist und deren Neuauflage aus dem Jahr 1995 stammt (15).
Wichtige Debatten lösten in der arabischen Presse und unter arabischen Intellektuellen in den letzten Jahren die Bücher von Geschichtsrevisionisten wie David Irving, Fred Leuchter und insbesondere Roger Garaudy aus. Die Werke dieser selbst ernannten revisionistischen Historiker wurden teilweise ins Arabische übersetzt und finden sich in vielen seriösen Buchhandlungen in Kairo oder Damaskus. An der al-Azhar, der berühmtesten, ältesten und zugleich konservativsten islamischen Universität Ägyptens werden die Thesen Irvings und Garaudys diskutiert und als ernst zu nehmende historische Position gelehrt.
Besonderer Beliebtheit erfreut sich der ehemalige Kommunist Roger Garaudy, der seit den neunziger Jahren geschichtsrevisionistische Literatur verfasst und dafür in Frankreich zu einer Geldstrafe verurteilt wurde. Seit seinem Übertritt zum Islam wird er von vielen islamischen Intellektuellen als besonders diskussionswürdig betrachtet. Garaudy behauptet in seinem im Nahen Osten gefeierten Buch »Die Gründungsmythen der israelischen Politik«: »Der 'Mythos der sechs Millionen ermordeten Juden' wurde zum Dogma, welches alle Maßnahmen des Staates Israel in Palästina, im ganzen Nahen Osten, in den USA und durch die USA in der ganzen Weltpolitik rechtfertigte und sakralisierte (wie das Wort Holocaust selbst impliziert), indem der Mythos über das gesamte Völkerrecht gestellt wird.« (14)
Garaudys weitgehende Leugnung der Shoah ist im Nahen Osten so beliebt, weil sie sich scheinbar direkt als Waffe gegen Israel nützen lässt. Die gesamte Rezeption Garaudys in den arabischen Medien zielt auf diese vermeintliche Nützlichkeit seiner Thesen ab. Garaudys Verurteilung in Frankreich machte ihn zudem zum Helden jener, die seine Thesen für brauchbar hielten und ihn zugleich zu einem Kämpfer für die Meinungsfreiheit stilisierten. Selbst der offizielle Palästinensische Schriftstellerverband stellte sich verteidigend hinter Garaudy, ebenso wie die Union der Journalisten in Ägypten.
Gegenstimmen
Diese Unterstützung für die Holocaustleugner hat aber auch jene mobilisiert, die mit diesen Positionen nichts zu tun haben wollen. Edward Said, Antizionist und wichtiger palästinensischer Universitätsprofessor in den USA, stellt klar: »Israel ist weder Südafrika noch Algerien oder Vietnam, und die Juden sind, ob es uns gefällt oder nicht, keine gewöhnlichen Kolonialisten. Sie haben den Holocaust erlitten, sie sind Opfer von Antisemitismus, das ist unbestreitbar (...). Im politischen Denken und in den Diskussionen einer Reihe arabischer Intellektueller ist jedoch derzeit eine Zunahme von üblem Antisemitismus und scheinheiligem Purismus zu beobachten (...). Die Behauptung, der Holocaust sei nur eine Erfindung der Zionisten, ist in unerträglicher Weise immer noch in Umlauf. Wie sollen wir von der Welt erwarten, dass sie die Leiden der Araber zur Kenntnis nimmt, wenn wir zum einen nicht fähig sind, das Leid anderer anzuerkennen, auch wenn es unsere Unterdrücker sind, und wenn wir uns zum anderen weigern, uns mit Tatsachen zu beschäftigen, nur weil sie nicht in die schlichte Vorstellungswelt mancher wackerer Intellektueller passen, die den Zusammenhang zwischen dem Holocaust und Israel nicht sehen wollen!« (16)
Den Versuchen, Garaudy mit dem Argument der Meinungsfreiheit zu verteidigen und ihn in eine Reihe mit Salman Rushdie oder verfolgten arabischen Intellektuellen zu stellen, begegnet Said mit dem Hinweis auf die Meinungsfreiheit in den arabischen Staaten: »Sollten wir uns nicht besser für die Meinungsfreiheit in unseren Ländern einsetzen, um die es bekanntlich schlecht bestellt ist? In der arabischen Welt sind Zensur und Verfolgung von Presseorganen schließlich ein weitaus größeres Problem als in Frankreich«. (17)
Edward Said ist kein Einzelbeispiel. Parallel zur Infragestellung der offiziellen israelischen Geschichtsschreibung durch die »neuen Historiker« (18) in Israel entwickelten sich in den letzten zehn Jahren auch auf der arabisch-palästinensischen Seite immer vielfältigere und oft auch widersprüchliche Analysen zur eigenen Geschichte, die auch zunehmend die Shoah in die Entstehungsgeschichte Israels einbeziehen und versuchen, die Traumatisierung, die die Shoah für die überlebenden Jüdinnen und Juden bedeutete, mitzubedenken.
Erste Begegnungen und Diskussionen zwischen den »neuen Historikern« auf israelischer Seite und einigen jüngeren fortschrittlichen Historikern auf der arabischen Seite haben bereits stattgefunden und geben zumindest Anlass für eine vorsichtige Hoffnung, die jeweils andere Geschichte in Zukunft mitzudenken. Der palästinensische Intellektuelle und Knesset-Abgeordnete Azmi Bishara fordert immer wieder die Auseinandersetzung der palästinensischen Gesellschaft mit der Shoah ein und tritt zugleich allen Verharmlosern und Leugnern dieser industriellen Massenvernichtung der europäischen Jüdinnen und Juden ebenso entgegen wie jenen, die glauben Israel mit antisemitischen Argumenten bekämpfen zu müssen.
Bishara befindet sich mit seiner Forderung, dass die historischen Lehren aus dem Holocaust nicht »Eigentum« des Staates Israel seien, sondern zu universalisieren wären, zwar selbst in der Nähe der Infragestellung der Einzigartigkeit der Shoah. Dass es nicht zufällig gerade die Jüdinnen und Juden waren, die der Shoah zum Opfer gefallen sind, reflektiert Bishara nicht. Er löst aber mit seinen Forderungen wichtige Debatten aus, die in der arabischen Welt auch den eigenen Antisemitismus und die Kollaboration mancher arabischer Nationalisten mit dem deutschen Nationalsozialismus zum Inhalt haben. Auch der bekannteste palästinensische Dichter der Gegenwart, Mahmoud Darwisch, appellierte zum 50. Jahrestag der Vertreibung der Palästinenser im Jahr 1998 an die palästinensische Öffentlichkeit, die Shoah nicht länger zu ignorieren und gegen Antisemitismus in den eigenen Reihen aufzutreten.
Ein Teil der palästinensischen Schulbücher enthält antisemitische Stereotype und propagiert eine grundsätzliche Feindschaft zu Israel (Jungle World, 38/01). Doch auch hier gibt es Gegenpositionen, und die veränderten Geschichtsbilder, die aus den innerisraelischen und innerpalästinensischen Diskussionen der letzten Jahre resultieren, haben teilweise auch schon in den Geschichtsunterricht palästinensischer und israelischer Schulen Eingang gefunden. In Jerusalem und Ramallah trafen sich bereits mehrfach israelische und palästinensische Historiker, um unter dem Titel »The Bridging Narrative« eine Annäherung beider Geschichtsbilder zu diskutieren. Dieser Prozess ist nicht immer einfach, allein dass er eingesetzt hat ist jedoch ein Zeichen der Aufweichung in sich geschlossener Geschichtsbilder, deren Grenzen sich mit »nationalen Identitäten« decken. Projekte wie der gemeinsame Besuch von israelischen und palästinensischen Jugendlichen in der Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem können vielleicht nur als kleine Schritte zu einer Thematisierung des Holocaust und des Antisemitismus auf der arabischen Seite gewertet werden, könnten aber das Denken der heranwachsenden Generation beeinflussen.
Viele dieser Bemühungen haben seit Beginn der al-Aqsa-Intifada entscheidende Rückschläge erlitten. Der Einfluss der Hamas dürfte zwar nachgelassen haben, doch hat sich die Haltung der nationalistischen Kräfte verändert, die ursprünglich säkulare Haltung weicht einer schleichenden Islamisierung. Die antisemitischen Stimmen sind lauter geworden, insbesondere jene, die ihrem Antisemitismus einen islamischen Anstrich verpassen. Doch selbst bei dieser Art militantem Antisemitismus handelt es sich um eine Folge des Nahostkonfliktes und nicht um seine Ursache.
Allerdings stehen die Intellektuellen, die sich vom Antisemitismus abgrenzen, derzeit in den meisten arabischen Staaten unter starkem Druck nationalistischer und islamistischer Kräfte. Es gibt Anzeichen einer Verselbstständigung des Antisemitismus, der auch bereits in Politikbereichen auftritt, die nicht im Zusammenhang mit Israel stehen. Selbst mit einer dauerhaften Friedenslösung, die die Lösung der sozialen Probleme der Region ermöglicht, würde der arabische Antisemitismus nicht automatisch verschwinden. Dennoch steht hinter dem arabischen Antisemitismus keine so lange Geschichte wie in Deutschland und Österreich, sodass sich auch kein so in sich geschlossenes antisemitisches Weltbild entwickeln konnte.
Der arabische Antisemitismus bleibt ein europäisches, primär deutsch-österreichisches Importprodukt, das je nach Bedarf für die Auseinandersetzung mit Israel eingesetzt wird. Je länger dieser Konflikt mit Israel aber andauert und je mehr Araberinnen und Araber bereits mit den Versatzstücken aus den »Protokollen der Weisen von Zion« groß werden, desto stärker verankern sich Ideologeme, die sich irgendwann mit der Lösung des Konfliktes, für den sie ursprünglich eingesetzt wurden, nicht mehr aus der Welt schaffen lassen.
Anmerkungen
(1) Pankow, H.: Kindermörder, in: Bahamas, 33/00
(2) Bunzl, J.: Juden im Orient, Jüdische Gemeinschaften in der islamischen Welt und orientalische Juden in Israel, Wien 1989, S. 14
(3) Vgl. Tibi, B.: Vom Gottesreich zum Nationalstaat - Islam und panarabischer Nationalismus, Frankfurt/Main 1991
(4) Vgl. Mendel, M. / Müller, Z.: Fascist Tendencies in the Levant
in the 1930s and 1940s, in: Archiv Orientalni, H. 55/1987, S. 1-7
(5) Bunzl, S. 51
(6) Zitiert nach: Krämer, G.: Minderheit, Millet, Nation? Die Juden Ägyptens 1914-1952, Wiesbaden 1982, S. 278
(7) Letztlich handelte es sich um eher erfolglose Versuche, da die bosnische SS-Division Handzar nur kurz einsatzfähig war und schnell wieder zerfiel. Rund 2000 ihrer Angehörigen liefen sogar zu den Partisanen über. In der Phase ihres Einsatzes in Nord- und Ostbosnien war Handzar jedoch für eine Reihe von Massakern an der Zivilbevölkerung verantwortlich.
(8) Bishara, A.: Die Araber und die Schoa - Die Problematisierung einer Konjunktion, in: Winkel, R./Nordbruch, G.: Die Araber und die Schoa. Über die Schwierigkeiten dieser Konjunktion, Trier 2000
(9) Um sie zur Auswanderung bewegen zu können, mussten zionistische Vertreter den dortigen jüdischen Gemeinden erzählen, dass mit der Errichtung des Staates Israel das messianische Zeitalter begonnen habe, David Ben-Gurion von König David abstamme und die Rückkehr nach Israel nach der biblischen Verheißung auf Adlerschwingen (Flugzeugen) stattfinden werde. (Bunzl, S. 62)
(10) Vgl. Harkabi, Y.: Noch einmal über arabischen Antisemitismus (hebr.), Jerusalem 1980, S. 247-259; ders.: Arab attitudes to Israel, New Brunswick 1974, S. 223-304
(11) Bishara, A.: S. 15
(12) Siehe u.a. Bunzl
(13) Bunzl, S. 57
(14) Der Islamistenführer Hassan Tourabi wurde 1999 entmachtet, seitdem sucht das sudanesische Regime die Annäherung an den Westen.
(15) Vgl.: Knaul, S. in der taz vom 9. Oktober 1999
(16) Vgl.: Winkel, R. / Nordbruch, G., S. 39
(17) Said, E. in der Le Monde diplomatique (deutschsprachige Ausgabe), 14. August 1998
(18) Zu den Auseinandersetzungen mit den »neuen Historikern« sind mittlerweile auch in Europa einige Texte erschienen. Einen kurzen, aber gut zusammengefassten Überblick dazu gibt es in einem Kapitel von: Hoekmann, G.: Zwischen Ölzweig und Kalaschnikow. Geschichte und Politik der palästinensischen Linken, Münster 1999, S. 19-23
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