Haffmans Verlag pleite
Eins gleich vorweg: Wer von Verlegern erwartet, dass sie zu allen gut sind und sich nichts zuschulden kommen lassen, der versteht nichts von ihrem Geschäft. Unabhängiger Verleger sein heißt, mit einem Bein im Schuldturm zu stehen und dafür, dass schöne, schlaue und besondere Bücher in die Läden kommen, alle möglichen Untaten begehen zu müssen.
So muss man sich Gerd Haffmans vorstellen: Ein Verleger, der besessen von der Idee ist, einen ganz bestimmten Kanon zu etablieren. Im Zentrum von Haffmans Vision eines Verlagsprogramms standen zwei Konzepte: eine Arno Schmidt-Perspektive auf die Literaturgeschichte, kombiniert mit an Schmidt geschultem Nerdtum und Besserwisserei, sowie die Forderung, Literatur müsse Spaß machen. An diesen Maßgaben richtete Haffmans sein Programm aus.
Auf der einen Seite veröffentlichte er die Werke Arno Schmidts und machte sich daran, ein Paralleluniversum von alternativen Klassikern zu errichten - Joseph Conrad, Arthur Schopenhauer, Rudyard Kipling, Laurence Sterne, Edgar Allan Poe, Karl May. Auf der anderen Seite verlegte er viele Autoren der Neuen Frankfurter Schule und aus deren Umfeld: Robert Gernhardt, Eckhard Henscheid und Max Goldt sowie britische Autoren wie David Sedaris und David Lodge. Auch die historischen Romane von Gisbert Haefs erschienen bei Haffmans.
Das war ein ehrgeiziges Programm und nicht immer konnte Haffmans seine Ankündigungen einhalten: Manchmal erschienen Bücher Monate später oder gar nicht. Auch über die Geschäftspraktiken von Haffmans begannen bald Gerüchte zu kursieren. Autoren verließen den Verlag. Als die Arno Schmidt-Stiftung auf der Buchmesse im vergangenen Oktober bekannt gab, sie werde ihre Bücher künftig bei Suhrkamp veröffentlichen, war klar, dass es nicht mehr lange gut gehen würde. Nun hat Haffmans Konkurs angemeldet.
Auf eins kann man sich allerdings freuen: Die großartigen Gesamtausgaben - etwa die Erzählungen von Philip K. Dick oder die Werke von Gustave Flaubert -, auf deren Verramschung man bisher zumindest zwei Jahre warten musste, werden wahrscheinlich demnächst in den einschlägigen Läden stehen.
Luchterhand verkauft
Ganz so schlimm hat es den Luchterhand Literaturverlag nicht getroffen. Er ist nur wieder einmal verkauft worden: Diesmal an Random House, also die Literaturabteilung von Bertelsmann. Das ist nicht das erste Mal, dass Luchterhand verkauft wurde, wahrscheinlich hält sich die Aufregung deshalb auch in Grenzen - als zuletzt der Berlin Verlag von Random House geschluckt worden war, hatte es noch geheißen, der Untergang des unabhängigen Verlegertums stehe vor der Tür.
Luchterhand war in den Sechzigern und Siebzigern der Verlag von Günter Grass, Christa Wolf, Jurek Becker und Alexander Solschenizyn. Als er 1987 von der niederländischen Verlagsgruppe Kluwer verkauft wurde, gab es heftige Proteste der Autoren, woraufhin die Literatursparte an den Arche Verlag in Zürich weiterverkauft wurde. Nach diversen Firmensitzwechseln - von Darmstadt nach Frankfurt nach Hamburg - wurde der Verlag 1994 von dem Wirtschaftsanwalt Dietrich von Boettinger gekauft und landete in München. Boettinger kaufte wenig später auch noch den Verlag Volk & Welt, den Limes Verlag und die Ostberliner Wochenzeitung. Die beiden Verlage machte er zu Tochterunternehmen von Luchterhand, die Wochenzeitung verkaufte er rasch wieder.
Nun hat er den Luchterhand Literaturverlag auch verkauft. Aber es gibt Schlimmeres als bei Random House unterzukommen.
Bret Easton Ellis hat sich geändert
Es gibt Leute, die lieben Bret Easton Ellis. Spricht man mit ihnen über Literatur, kommen sie nach zwei Minuten auf Bret Easton Ellis - egal, worum es vorher ging. Auf einmal dreht sich alles nur noch darum, was eigentlich dieses oder jenes in »American Psycho« zu bedeuten hat oder warum »Glamourama« so besonders super ist.
Liebe Leute! Freundet euch mit dem Gedanken an, dass dieser Bret Easton Ellis aufgehört hat zu existieren. Es gibt ihn nicht mehr, zumindest wenn man der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung Glauben schenken darf. Die haben Bret Easton Ellis in New York besucht, um ihn zu seiner Meinung über die Anschläge vom 11. September zu befragen. Und was sagt er? (Abgesehen davon, dass er Marlboro Lights raucht und Polo-Ralph-Lauren-Sandaletten trägt, was man ja als eifriger Bret Easton Ellis-Exeget durchaus zu Statements aufpusten könnte)?
Erstens sagt er - und das macht ihn sehr sympathisch -, er habe im Sommer einen Schock erlitten, weil er seine Bücher wieder gelesen habe: »So etwas Schlechtes! Keine Spur von Talent!« Zweitens: »Die Person, die ich am 10. September war, gibt es nicht mehr. Alle meine Ängste, meine ganze Panik sind verschwunden.« Und was folgt aus alledem? Bret Easton Ellis schreibt einen Roman über einen Schriftsteller, der Romane geschrieben hat, die denen von Bret Easton Ellis nicht unähnlich sein sollen und über dessen Familie.
Ein Roman, der dann hoffentlich ohne all den Quatsch auskommt, der die bisherigen Romane von Ellis so populär und unerträglich machte: keine unmotivierten Foltereien mehr, keine menschlichen Kleiderständer, die die ganze Zeit über Marken reden, um die Oberflächlichkeit der Welt im Spätkapitalismus durch Doppelung zu demaskieren, keine zynischen Morde mehr, von denen man nicht so recht wusste, warum sie überhaupt begangen werden, die aber irgendwas mit wild gewordenen Produktivkräften zu tun hatten.
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