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Nr. 47/2001 - 14. November 2001
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Unreife Einheit

Die gute Nachricht: Der Bundestag hat in einer Sitzung am 9. November, 63 Jahre nach der Reichspogromnacht, zwölf Jahre nach dem Fall der Berliner Mauer beschlossen, auf den Bau eines Nationaldenkmals für Freiheit und Einheit zu verzichten. Die Abgeordneten folgten damit einer Empfehlung des Kulturausschusses. Auf dem Berliner Schlossplatz Unter den Linden hätte es stehen sollen, dort, wo früher das Reiterstandbild Kaiser Wilhelms I. zu bewundern war, das bei der Sprengung der Schlossruine 1950 arg gelitten hatte.

Die schlechte Nachricht: Der Plan scheint mitnichten endgültig vom Tisch zu sein. Während FürsprecherInnen des Monuments damit das neue nationale Selbstbewusstsein der Deutschen ehren wollten, halten seine GegnerInnen lediglich den Zeitpunkt für falsch. Die Zeit für ein solches Denkmal sei noch nicht gekommen, erst müsse noch an der inneren Einheit gearbeitet werden. Vorschläge für das Standbild »Vollender der Einheit« können bei der Bundestagsverwaltung eingereicht werden.



Heiße Schlacht am kalten Buffet

An bundesdeutschen Universitäten geht es drunter und drüber. Am Abend des 8. November blockierten etwa 100 Antifa-AktivistInnen in der Humboldt-Universität zu Berlin den Eingang zum Audimax. Dort sollte der bayerische Ministerpräsident Edmund Stoiber (CSU), von Hause aus Jurist, auf Einladung des Walter Hallstein Instituts für Europäisches Verfassungsrecht die Studierenden zum Thema Europa belehren. Doch dazu kam es nicht. Dem potenziellen Kanzlerkandidaten der Union wurde der Zugang zum Saal versperrt, wo sich bereits 500 Wissbegierige eingefunden hatten.

Die Einsatzkräfte vor Ort konnten für die Sicherheit des prominenten Gastes nicht garantieren, der mit »Zieht den Bayern die Lederhosen aus!«-Gesängen attackiert wurde. Da die Blockierenden auch noch mutwillig über ein kaltes Buffet herfielen, schloss der innenpolitische Sprecher der Berliner CDU-Fraktion, Roland Gewalt: »Polizeieinsätze auch an Universitäten sind offenbar wieder notwendig geworden.« (Berliner Morgenpost). Jedenfalls hat sich einmal mehr gezeigt, dass Berlin für Stoiber ein schlechtes Pflaster ist. Erst im Sommer hatte er bei einer Kundgebung im Rahmen des Berliner Wahlkampfes auf dem Alexanderplatz ein paar Eier abbekommen.



Ärger mit der Truppe

Nein, es geht nicht nur um die nationale Schmach, die der Republik droht, wenn unsere Jungs die Qualifikation zur Fußball-Weltmeisterschaft 2002 nicht schaffen. Auch die Konjunktur könnte zusätzlich Schaden nehmen. Neben Kleinunternehmen, die Reisen zu dem Fußball-Großereignis organisieren, fürchtet etwa auch DaimlerChrysler geschäftliche Einbußen. Der Generalsponsor des DFB plant eine große Werbekampagne mit seinen Partnerfirmen Mitsubishi und Hyundai in Japan und Korea.

ARD und ZDF haben ihren Platz in der ersten Reihe schon jetzt teuer bezahlt. Für 225 Millionen Mark sicherten sie sich die Übertragungsrechte für 24 Spiele, darunter alle mit eventueller Beteiligung des deutschen Teams. Für die Fernsehanstalten könnte es ein finanzielles Desaster werden, sollte sich Rudi Völlers Truppe nicht qualifizieren. So erklärt sich auch die »größte Fan-Aktion aller Zeiten« am vergangenen Samstag beim Qualifikationsspiel Deutschlands gegen die Ukraine. »Alle helfen vorm TV-Gerät mit«, prophezeite die Bild, und im Falle von Fritz Pleitgen und Dieter Stolte dürfte sie Recht gehabt haben. Die beiden sind die Intendanten von ARD und ZDF. Aber noch ist ja nichts verloren. Das Spiel endete 1:1. Go, Ukraine, go!



Make Graffiti not War

Das war ein Anschlag auf uns alle! Am 9. November sprühte ein junger Mann eine Parole an das angeblich sicherste Gebäude Deutschlands, an das Bundeskanzleramt. Trotz Überwachungskameras, Autobarrieren, eines zwei Meter hohen Zauns und der auf dem Gelände Streife gehenden bewaffneten Beamten des Bundesgrenzschutzes gelang es dem Friedensfreund, »Make Love not War« an die heiligen Hallen zu schmieren. Daneben platzierte er auch noch ein Peace-Zeichen. Wie konnte das nur passieren? Soll das nun die viel beschworene innere Sicherheit sein? Wenn nicht mal der Bundeskanzler mehr sicher ist vor den Chaoten? Da sieht man mal, was aus der Hauptstadt wird, wenn die Roten regieren. »Die Sicherheit ist nicht gefährdet«, verharmloste Schröder das feige Attentat. Ja, wenn das mal gut geht. Unter Manfred Kanther wäre das jedenfalls nicht passiert.



Selber Schläfer

Auch die Jungle World ist nicht völlig frei von der Hysterie, die momentan in jedem Moslem einen Schläfer des al-Qaida-Netzwerkes vermutet. So behaupteten wir in unserer Ausgabe 45/01, der Bundesgrenzschutz habe am 17. Oktober auf dem Frankfurter Flughafen ein Mitglied des Kölner »Kalifatstaates« mit Utensilien für den Djihad verhaftet. Im Gepäck des 29jährigen Harun Aydin hätten sich eine Sturmmaske, ein ABC-Schutzanzug, Tarnkleidung sowie Materialien zur Herstellung eines Sprengsatzzünders und ein Abschiedsbrief befunden. So damals die Darstellung der Bundesanwaltschaft.

Inzwischen musste Aydin jedoch wieder freigelassen werden. Denn der vermeintliche ABC-Schutzanzug entpuppte sich als Regencape, der Abschiedsbrief war ein Liebesbrief und der Sprengsatzzünder doch nur ein Parfümfläschchen aus der Türkei.

Was lernen wir daraus? Erstens: Glaube niemals blindlings der Bundesanwaltschaft, auch wenn die Jungle World es nahe legt. Zweitens: Nicht jeder, der den Regen in Deutschland scheut, ist gleich ein Schläfer.



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