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Subtropen #7/11 - November 2001
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Panische Lösung

Kriegsökonomie im Semiokapitalismus | Franco Bifo Berardi

Die Globalisierung verbreitet Panik. Die panische Durchdringung des gesamten sozialen Lebens beschreibt Franco Bifo Berardi, ein autonomer Theoretiker und Aktivist aus Bologna. Er zeigt auf, wie die Kontrolle über Informationen und Emotionen im gegenwärtigen Kriegszustand sich gleichermaßen verdichtet und an ihre Grenzen stößt.

Wenn im Folgenden von Ökonomie der Aufmerksamkeit und digitalisierter Arbeit, von Panik und Krieg in der Globalisierung die Rede ist, dann um zu zeigen, wie dies im Verhältnis steht zu dem, was möglich wäre, angelegt in einer zukünftigen Autonomie der Arbeit. Beginnen aber möchte ich mit dem Satz: »Global processes are running out of time and space.«

Der Globalisierung gehen Zeit und Raum aus. Nun, ich würde sagen, dass die Globalisierung zugleich und gerade heute einen neuen Rahmen findet. Der 11. September war so etwas wie der Showdown, der den neuen Bedingungen der Globalisierung zum Durchbruch verhilft. Eine lang andauernde Epoche, die Epoche der Moderne, haben wir hinter uns gelassen, aber auch der erste Abschnitt der so genannten Postmoderne ist vorbei. Globalisierung und Kontrolle sind in dieser Periode zu allgemeinen Rahmenbedingungen geworden, Globalisierung und Kontrolle als Technotopia, als Grundlage der Politischen Ökonomie des Kapitals. Und nun, so scheint es, verlassen wir diesen Rahmen, der Zustand, in den wir jetzt eintreten, heißt globale Panik.

Was ist Panik? Aus der Sicht der psychologischen Forschung ist Panik ein Syndrom. Und es scheint, dass Formen dieses Paniksyndroms in jüngster Zeit weit verbreitet sind und die psychische Selbstwahrnehmung vieler Menschen besetzen. Was heißt das jetzt? Pan, darauf hat etwa James Hillman hingewiesen, ist ja ursprünglich eine positive Gestalt. Pan steht als Gottheit für die Natur in ihrer Gesamtheit, panisch meint das Verhältnis von Mensch und Natur. Doch unter kapitalistischen Bedingungen, unter dem Zwang der Kontrolle, wird Panik etwas anderes. Da Kontrolle den psychischen, den politischen und den ökonomischen Bezugsrahmen bestimmt, wird Panik pathologisch. Deshalb: Von Panik kann man sprechen, wenn einem mit Verstand ausgestatteten Organismus, der ebenso individuell wie gesellschaftlich ist, die Zeit fehlt, eingehende Informationen zu verarbeiten. Plötzlich, so ist die Situation, ist man nicht mehr in der Lage, die Fülle der Informationen zu bewältigen. Die Folge ist eine Art überanstrengte Aufmerksamkeit. Im Semiokapitalismus heißt deshalb heutzutage das ernsthafte Problem: Panik.


Die Ökonomie der Aufmerksamkeit

Es gibt ein Buch von Thomas Davenport und John Beck, Attention Economy. Es ist natürlich typische Managerliteratur. Doch interessant finde ich, wie die Autoren herausarbeiten, dass innerhalb des informatisierten Produktionsprozesses die Zeit zur Aufmerksamkeit fehlt. Das heißt, erstens fehlt bei der Arbeit die Zeit, aufmerksam zu sein. Und zweitens fehlt uns die Zeit zur Zuneigung, für den Affekt, für diese Art körperliche Aufmerksamkeit, die erotischen Charakter hat, Aufmerksamkeit für den Körper, unseren eigenen wie den anderer. Wir befinden uns also immer stärker in einer Situation, die man mit den Worten beschreibt: Uns ist die Zeit davongelaufen, und mit ihr die Aufmerksamkeit.

Colin Powell war es, der Gerüchte bestätigte, wonach es vor dem 11. September Informationen über bevorstehende Flugzeugentführungen und Anschläge gegeben habe. Er sagte, ja, das stimme, die Informationen habe man erhalten, dass irgendetwas geschehen werde, ein Bombenanschlag, etwas in der Art. Doch es gab zu viele Informationen. Das ist das Problem. Es gibt zu viele Informationen.

Aus Panik wird gesellschaftliche Panik. Und wir stehen am Beginn einer Periode, die, so meine These, Panik und Krieg miteinander verschmilzt. Die Grundlagen für den Panikkrieg sind gelegt.


Militarisierung des General Intellect

Um dies zu begreifen, sollten wir zunächst nach dem Verhältnis von Cyberraum und Cyberzeit fragen. Im Cyberraum finden wir die schrankenlose Produktivität des General Intellect, des Netzwerks, eine enorme Anzahl von Verstandes- und Denkoperationen tritt hier in Verbindung. Zugleich wird hier unermesslich viel an mentalen und intellektuellen Produkten geschaffen, an Information. Cyberzeit hingegen ist nicht unbegrenzt. Cyberzeit ist begrenzt durch die organische oder physikalische Fähigkeit, Informationen zu verarbeiten, die in unserem Hirn sind, physikalisch, emotional und affektiv. Hier, in dieser Beziehung zwischen der schrankenlosen Ausdehnung des Cyberraums und den Beschränkungen der Cyberzeit, wird plötzlich ein äußerst drängendes Problem der kapitalistischen Krise erkennbar.

Die Financial Times schrieb am 6. September über die »Informationsschwemme«. Sie benutzte diesen Ausdruck für den Crash im Bereich der Telekommunikation, den sie so erklärt: Besonders in Europa hätten die Telekommunikationskonzerne große Summen Geldes in Technologien wie UMTS investiert, die es gar nicht gibt. Auf der anderen Seite, so die Financial Times, würden die Kapazitäten der weltweit verfügbaren Glasfaserleitungen nur zu etwa zwei Prozent genutzt, die Auslastung des Telefonsystems liege im Weltmaßstab unter drei Prozent. Karl Marx entwickelte bekanntlich die These der Überproduktionskrise. Heute stehen wir vor einer Überproduktionskrise im Bereich der mentalen Produktion. Ihr Ausmaß steht in keinem Verhältnis zu den Überproduktionskrisen der Vergangenheit. Niemals gab es diese Dimension, dass nur zwei oder drei Prozent der weltweit verfügbaren Produktionsmittel genutzt wurden.

Zwei Wege stehen offen, und beide führen zum Krieg. Im ersten Fall geht der Kapitalismus den klassischen Weg: Kapitalismus bringt Krieg wie die Wolke den Regen, das wusste schon Lenin. Eine schlichte Tatsache. Die Überproduktion schafft die Notwendigkeit, alle Produktionsmittel, all diese intellektuellen Kapazitäten neu zu nutzen. Die Militarisierung des General Intellect, des intellektuellen Vermögens, ist deshalb eine der Hauptgefahren, vor denen wir stehen.

Doch zugleich entwickelt sich ein anderer Aspekt des Panikkriegs, und zwar im Verhältnis zwischen der komplexen Wirklichkeit des Cyberraums und dem Anspruch der kapitalistischen Verwertung auf Kontrolle. Das Verhältnis von ökonomischer Rationalität und schrankenloser Produktion, oder vielmehr Produktivität der vernetzten Intelligenz, das ist es, was auf dem Spiel steht.

Gilles Deleuze und Félix Guattari sprechen in Qu'est-ce que la philosophie? vom Chaos. Chaos ist demnach, wenn die Welt sich für meinen Verstand zu schnell bewegt. Das Problem liegt also im Verhältnis von Verstand und Welt, Cyberzeit und Cyberraum, und ist in erster Linie politisch. Denn es geht um Macht in diesem Verhältnis. Wenn, wie der Kapitalismus das vormacht, der Anspruch erhoben wird, die schrankenlose Produktivität der vernetzten Intelligenz kontrollieren zu können, dann passt das gut in die Welt der Panik.

Nun, ich bringe gute Nachricht. Man erzählt sich ja, dass Ussama bin Laden und George Bush, also der Vater des jetzigen Präsidenten, gute Freunde waren. Der Fundamentalismus - die neoliberale Diktatur auf der einen wie ihr religiös-fundamentalistischer Zwilling auf der anderen Seite -, Deterritorialisierung und Reterritorialisierung beginnen einen selbstmörderischen Krieg. Das ist das Ende, aber auch das Ende der neoliberalen Diktatur.

Wir stehen nun vor der alten Frage: Was tun? Ein politisches Problem, ein Problem der Autonomie der mentalen Arbeit, des General Intellect. Ich würde sagen, heute geht es darum, den globalisierten Krieg zu verwandeln; ihm die allgemeine Separation der intellektuellen Arbeit, die Sezession der Intelligenz, entgegenzusetzen. Die Bewegungen, die in Seattle, in Genua ihren Ausgang nahmen, können eine neue Phase globaler Bewegung eröffnen. Diese Bewegung gegen die Militarisierung der intellektuellen Arbeit steht am Anfang. Zweitens müssen wir die Herrschaft über die Art und Weise, wie die verschiedenen affektiven und sozialen Dimensionen der intellektuellen Arbeit verbunden sind, zerstören. Und mit ihr den Krieg.


Der Beitrag ist die überarbeitete Fassung eines Vortrags, den Franco Berardi auf dem make world festival (http://make-world.org) Ende Oktober in München hielt, übersetzt von Thomas Atzert.



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