Familienstreit Imperiale
Es ist ein Krieg innerhalb des Imperiums, sagt der italienische Theoretiker roberto bui. Ein Interview zur Geschichte der Linken, zu den Ereignissen in Genua und zum Krieg gegen Afghanistan
Roberto Bui ist einer von fünf Autoren des Schriftstellerkollektivs Wu Ming aus Bologna. Wu Ming (chinesisch: »ohne Namen«) entstand 1999 aus der No-Copyright-Bewegung und setzte das Luther Blissett-Projekt (LBP) und damit die Praxis des »kollektiven Schreibens« fort. Das kollektive Schreiben setzt gegen den Geniekult der individuellen Urheberschaft, die den Autor als originellen Erfinder seiner Geschichte reproduziert, das Schreiben als ursprünglich kollektive Praxis, als Produkt gesellschaftlicher Kooperation. Gegen das intellektuelle Privateigentum zielt das No-Copyright-Konzept auf die ununterbrochene Reproduktion von Texten für alle nicht-kommerziellen Nutzungen.
1999 erschien mit »Q« der letzte Roman unter dem Pseudonym Luther Blissett. Das Buch wurde in Italien zum Bestseller und ist mittlerweile auch in Spanien, Frankreich und Holland erschienen. Die deutsche Übersetzung ist für den Sommer 2002 geplant. Der historische Roman behandelt die Revolten des 16. Jahrhunderts gegen den Katholizismus und den Protestantismus in Deutschland und Nordeuropa, von den Bauernkriegen und Thomas Müntzer bis zum Friedensvertrag von Augsburg. Erstmalig unter dem Namen Wu Ming erschien im letzten Frühling in Italien der historische Roman »Asce di guerra« (Kriegsbeil) über die italienische Widerstandsgeschichte und ihre mysteriösen Folgen in der indochinesischen Befreiungsguerilla der fünfziger Jahre.
Wie ist das Luther Blissett-Projekt entstanden, und in welchem Verhältnis steht es zu Gruppen der italienischen Linken der neunziger Jahre?
In Italien hat es drei parallele Entwicklungslinien gegeben. Die erste ist das Luther Blissett-Projekt, das von 1994 bis 1999 existierte. Luther Blissett entstand aus vorherigen Erfahrungen wie der Besetzung der Literatur-Fakultät in Bologna 1990, aus der einige selbst verwaltete Radiosender und Kollektive hervorgingen. Die zweite Linie betrifft die Entwicklung der Centri Sociali, die mit der Carta di Milano eine Art Verfassung formuliert haben, mit der sie sich vom Ghetto und von der Verweigerung der achtziger und beginnenden neunziger Jahre befreit haben.
Nun ging es um die Bildung von freien Zusammenschlüssen, um einen Prozess von unten, der mehr von Autonomie als von der Übernahme der staatlichen Macht spricht und der die Vorstellung einer konfrontativen Kampfansage, diesen Western zwischen uns und den Polizisten, zu Ende führt und die Zivilgesellschaft außerhalb dieser imaginierten Konfrontation berücksichtigt. Die Tute bianche haben sich innerhalb dieses neuen Kontextes entwickelt. Bestimmte Erfahrungen, wie die von LBP, die noch avantgardistisch waren, wurden von immer mehr Leuten geteilt.
Ich spreche hier vor allem vom Umgang mit den Medien. Nicht mehr nur einfach sagen: »Die Journalisten lügen«, sondern versuchen, diese Lügen mit einem Angebot von alternativen Mythen zu steuern, mit der Verwendung bestimmter Wörter Sinndeplatzierungen zu produzieren, die dann von der Presse übernommen werden. Wie das geht, wurde z.B. vor Genua offensichtlich, als alle Kommentatoren auf einmal von der »Vielfalt« (multitud0) sprachen, die als Begriff von Toni Negri aus der »Ethica« von Spinoza aufgegriffen wurde. Plötzlich konnten alle auf wunderbare Weise verstehen, was Vielfalt bedeutete, ohne jemals Negri oder Spinoza gelesen zu haben.
Obwohl diese beiden Entwicklungslinien der Autonomia entstammen, hätten sie nicht miteinander kommunizieren können ohne den Einfluss des Zapatismus, die dritte Entwicklungslinie. Der Zapatismus hat gezeigt, dass man konkret agieren kann und dass man sich nicht nur damit beschäftigen sollte, seine Radikalität nach außen zu kehren, sondern damit, kommunikativ wirksam zu werden. Die zapatistische Nutzung der Mythen war dem sehr ähnlich, was Luther Blissett sich vorstellte. Man wollte dort Mythen produzieren, die sich nicht als Kristalline verfestigen, sondern einen Mythos, der sich verändert und der der reelle Ausdruck einer Gemeinschaft ist, die sich entwickelt und lebt. Ein Mythos muss lebendig sein, wie die Gemeinschaften, die ihn erzählen. Wenn er sich stilisiert, bedeutet das, dass die Gemeinschaft retardiert.
In eurem 1999 erschienenen Buch »Nemici dello Stato. Criminali, 'mostri' e leggi speciali nella società di controllo« (Staatsfeinde. Kriminelle, »Monster« und Sondergesetze in der Kontrollgesellschaft), habt ihr eine historische Analyse der juristischen Repression in Italien gegenüber der Massenbewegung in den Siebzigern, der Mafia in den Achtzigern und der Korruption in der Politik in den neunziger Jahren geschrieben. Wie würde diese Geschichte weitergehen, wenn man die aktuellen politischen Ereignisse berücksichtigen würde?
Der Titel des Buchs war ursprünglich »der postmoderne Polizeistaat«, dann haben wir entschieden, es in »Staatsfeinde« umzubenennen, da es interessanter klang. Toni Negri und Michael Hardt definieren in ihrem Werk »Die Arbeit des Dionysos« die Merkmale des postmodernen Staates und seine juristisch-theoretische Grundlage der vergangenen 30 Jahre.
Der postmoderne Staat ist »leicht«, weil er die öffentlichen Ausgaben kürzt. Seine Rolle beschränkt sich auf die Verwaltung der Raubzüge des freien Marktes und des Kapitals und auf die Repression gegen eventuelle gesellschaftliche Proteste. In den letzten 30 Jahren hat der postmoderne Staat eine eigene Rechtstheorie entwickelt, die die Figur der Arbeit aus der Verfassung, dem Recht und den Gesetzen ausschließt. Zu dieser Entwicklung gehört aber auch die Produktion bestimmter Mechanismen, die erlauben, die gesellschaftlichen Konflikte präventiv und repressiv zu kontrollieren.
Unser Buch analysiert diesen Prozess in Italien, das ein Vorbild für die Entstehung des postmodernen Staates darstellt, da hier die Massenbewegung der siebziger Jahre besonders diffus und radikal war. Als schmutzige Seite der staatlichen Repression kam die Strategie der Spannung zum Tragen, und auf juristischer Seite wurden ab 1975 Gesetze verabschiedet, die heute noch Gültigkeit besitzen. Sie schränken die Ausdrucksmöglichkeiten der Dissidenz ein, kriminalisieren politische Praktiken durch die Erfindung neuer Verbrechen und personifizieren die Strafhandlung. Unser Buch setzt diesen Prozess in den Kontext der Diktate des internationalen Kapitals gegenüber den verschiedenen Nationalstaaten seit Mitte der siebziger Jahre.
Der unmittelbare Bezug zur heutigen Situation ist, dass dieser Prozess noch nicht zu Ende ist, da das Kapital das Problem der Stabilität noch nicht gelöst hat. Die Welt wird immer instabiler, wie wir in den letzten Wochen sehen konnten. Je mehr das Kapital sich virtualisiert, das Geld sich vom Goldgegenwert in einen puren Energiefluss von Elektronen wandelt, die von einem Atom zum anderen springen, umso mehr wird der Staat zum reinen Instrument einer immer virtuelleren und gespenstischeren Ökonomie. In der Konsequenz wird die Gesellschaft immer instabiler: je globalisierter das Kapital, desto globalisierter die Ausbeutung, desto globalisierter Abweichung und Widerstand. Der Prozess, den wir in »Staatsfeinde« analysiert haben, hat sich weiter entwickelt, und wir werden eine überarbeitete Fassung schreiben, aber die von uns herausgearbeiteten Entwicklungslinien waren prinzipiell richtig.
Wie hat Wu Ming auf die Ereignisse von Genua reagiert?
Genua markiert einen Höhe- und Wendepunkt, vielleicht aber auch einen Stillstand. Es handelte sich um eine Katastrophe im physischen Sinn. Der Physiker René Thom, der die Theorie der Katastrophen begründet hat, benutzt den Begriff »Katastrophe«, um eine Topologie zu beschreiben, die von einer plötzlichen Unterbrechung geschaffen wird. Wir befinden uns heute in einem solchen gänzlich veränderten Raum, den wir erst noch durchmessen müssen. Wir haben etwas geschrieben, um verständlich zu machen, dass Genua eine Katastrophe in diesem und nicht im klassischen Sinne gewesen ist, weil es in Genua auch sehr positive Signale gegeben hat: Dass 300 000 Leute am Samstag, dem 21. Juli, unseren Arsch gerettet haben, war unvorstellbar.
In den vorausgegangenen Wochen hatten wir immer gedacht, es würden vielleicht 100 000 Leute kommen, und das war die höchste Zahl, die wir uns vorstellen konnten. Noch am Freitagabend, am 20. Juli, hatten der Präsident der italienischen Republik, Ciampi, und Regierungschef Berlusconi in Fernsehansprachen dazu aufgerufen, nicht nach Genua zu kommen, um die Arbeit der Sicherheitskräfte nicht zu behindern. Viele Leute reagierten äußerst zornig auf diese Infragestellung des Demonstrationsrechts. Nach dem Tod von Carlo Giuliani am Freitag sagte die DS (Demokratische Linke) ihre Teilnahme an den Demonstrationen ab. Zahlreiche Mitglieder der Basis fühlten sich von ihren Parteidirigenten beschissen und kamen als Einzelpersonen nach Genua.
Alle diese Leute wussten, dass, wenn sie nicht nach Genua gekommen wären, ein Massenmord stattgefunden hätte. Ich glaube, das war das positivste Signal von Genua. Aber wir haben auch über die Bewertungsfehler gesprochen. Niemand hatte z.B. eine derart brutale Reaktion der Sicherheitskräfte vorausgesehen. Die Tute bianche mussten erfahren, dass ihre sehr effektive Strategie in diesem neuen Szenario nicht mehr ausreichte, um die Leute wirksam zu schützen. Womit niemand gerechnet hatte, war ein Angriff der Carabinieri noch während des autorisierten Teils der Demo, was die Pläne der Tute bianche komplett erschütterte. Die ewige Rivalität zwischen militärischer und ziviler Polizei (carabinieri und polizia) ist kompliziert und Außenstehenden schwer zu vermitteln. Diese Konkurrenz hat sich jedoch in den letzten Jahren verschärft, weil die Spitzen der Staatspolizei von der vorherigen Mitte-Links-Regierung gewählt wurden, während die Carabinieri traditionell rechtsextrem sind.
In welchem Sinne ist der 11. September eine Katastrophe gewesen, eine plötzliche Unterbrechung, die die Konfigurationen der Macht neu bestimmt?
Was derzeit passiert, ist keineswegs ganz neu. Das, was wir »Empire« nennen, existierte ja schon vorher. Wir benutzen nicht mehr den klassischen Begriff der imperialen Macht, weil diese an den Nationalstaat gebunden ist. Empire hingegen beschreibt eine Dynamik, nicht einen Umstand, und ist auch keineswegs identisch mit den USA. Die treibende imperiale Ideologie ist der Neoliberalismus. Die Nato ist sein militärischer Arm. Die wirklichen Protagonisten sind aber die Konzerne, die juristischen Organe sind die Institutionen, die in Bretton Woods entstanden, wie IWF und Weltbank. Sie sind nur noch im klassischen Sinne imperial, weil sie sich noch auf die USA beziehen.
Die neue juristische Macht ist die WTO, die autonom von Nationalstaaten ist und als Kommission der Konzerne entstand, um die Ausbeutung von Arbeitskraft und Natur zu schützen. Die USA, als Sitz zahlreicher Organisationen und Konzerne und als Weltpolizei, sind sicherlich der Punkt des Imperiums mit der höchsten Machtkonzentration. Zum Imperium gehören aber auch die Eliten und herrschenden Klassen der armen Länder.
Was derzeit passiert, ist ein Krieg innerhalb des Imperiums. Wer die Anschläge in den USA geplant hat, wollte sicherlich das symbolische Herz des Imperiums treffen. Man kann sagen, dass die drei Hauptstädte des Imperiums getroffen wurden, New York als Wirtschafts- und Finanzmetropole, Washington als Schaltstelle der Politik und des Militärs und Los Angeles, Hollywood, als Zentrum der Propaganda und der Mythenfabrikation, die das Imperium braucht, um die Welt zu regieren. Die Anschläge wurden auch mit dem Ziel durchgeführt, ein ganzes filmisches Genre, die Katastrophen- und Actionfilme zu verteufeln, von »True Lies«, »Armageddon«, »Die Hard«, »Godzilla« bis hin zu »The Siege«, vielleicht dem prophetischsten von allen hinsichtlich der Ereignisse im September. Das Ziel war, eine Krise in der Produktion der Konsensmaschinerie und im kollektiven Imaginären auszulösen, die jetzt tatsächlich eingetreten ist. Es gibt diese Anthrax-Paranoia, die Furcht vor dem bakteriologischen Krieg. Ohne den Anschlag unterstützen zu wollen, ist er vom Standpunkt der Spieltheorie und Kriegskunst aus ein Meisterstreich gewesen.
Unter den Trümmern des World Trade Center ist aber nicht das Imperium auf der Strecke geblieben, denn die Initiatoren des Anschlages sind selbst ein Teil des Imperiums. Zu der materiellen Konstitution des Imperiums gehören auch alle illegalen kapitalistischen Strukturen, also das organisierte Verbrechen, die finanzielle Mafia, heimliche Transaktionen usw. Al-Qaida funktioniert wie eine Mafia, eine kapitalistische Organisation mit einem Fuß in der Legalität und dem anderen außerhalb davon. Al-Qaida ist ein echter Konzern und gehört zum Imperium. Zahlreiche Fonds bin Ladens wurden z.B. von der Deutschen Bank geleitet.
Kann man sagen, dass als Reaktion auf globale Bedrohungen eine Identifizierung und Personifizierung des »Feindes« stattfindet?
Ja. Aber das ist eigentlich mehr ein Erfolg von bin Laden als eine Strategie der Amerikaner. In den letzten Tagen gab es antiamerikanische Demonstrationen in vielen Ländern des Südens. Alle Augen richten sich nun auf die größte militärische Macht der Welt, die eines der ärmsten Länder der Welt bombardiert. Es ist ein unglaublicher Zynismus: Während der Bombardierung werden Lebensmittel auf Minenfelder abgeworfen. Wer sie sich abholt, wird in die Luft gesprengt. All das ist sichtbar und geschieht im Sonnenlicht. Aber die öffentliche Meinung im »Westen«, vor allem die amerikanische, ist von der Propaganda ganz narkotisiert. In den Ländern, in denen es eine Gegenpropaganda gibt, werden solche Ereignisse hingegen sehr stark betont und das zum Vorteil von bin Laden. Er hat nun einen Ruf als Robin Hood der islamischen Welt, als Verteidiger der Schwachen, der guten Opfer des Heiligen Krieges und das, obwohl er ein Stück Scheiße ist, ein Kapitalist, ein Multimillionär mit grauenhaften politischen Plänen.
Dieser Erfolg stützt sich auch auf die Tatsache, dass von einem symbolischen Standpunkt aus »sie« das Spiel des Zivilisationsstreits gewinnen werden, weil sie eine stärkere Idee ihrer Zivilisation haben. In den USA und in Europa hingegen müssen diese Identifikationen ständig durch Anabolika und Steroide gereizt werden. Eigentlich kann das Imperium nur verlieren, aber es zieht uns mit, indem es uns in dieses Spiel involviert. Wenn wir dieses System nicht kurzschließen, werden wir in den Antinomien Ost/West, Fanatismus/Zivilisation, Terrorismus/Demokratie gefangen bleiben, die schwachsinnige Vereinfachungen dessen darstellen, was gerade wirklich passiert.
Auf welche Inhalte sollte man sich konzentrieren, um aus dieser Logik rauszukommen?
Man sollte den billigen und unsinnigen Antiamerikanismus hinter sich lassen, der mit »Yankee go home« und dem Verbrennen amerikanischer Flaggen zuweilen bei Demonstrationen auftaucht. Als ob das Problem noch das des amerikanischen Imperialismus ist, als ob Europa nicht eine halbautonome Provinz des Imperiums ist, als ob bin Laden nicht selbst zum Imperium gehört. Die Formen des Handelns und der Mobilisierung sollten sich auf diese einfache Wahrheit konzentrieren: Der momentane Streit existiert ausschließlich innerhalb des Imperiums. Statt Friedensdemos zu veranstalten, die sich doch nur zum Selbstzweck haben, wäre es als Konsequenz nicht schlecht, die Bank anzugehen, die das Geld bin Ladens verwaltet.
Es wäre nicht schlecht, Initiativen gegen die Banken zu organisieren, die jedes Jahr Transaktionen zur Finanzierung der kriminellen Kreise durchführen, die von der Propaganda als »Feinde« dargestellt werden. Man sollte mehr über Ökonomie nachdenken, da sie die Wahrheit unserer Gesellschaft ist. Man sollte mehr den Wirtschaftsteil der Zeitungen und weniger den Schwachsinn der ersten fünfzehn Seiten lesen. Auf dieser Grundlage kann man Aktionsformen, Ziele und Diskurse ausarbeiten.
Wir haben zum Beispiel zu Genua einen Fehler in der Analyse gemacht, als wir nicht berücksichtigt haben, dass die argentinische Ökonomie kurz vor Genua zusammengebrochen war. Argentinien war der Musterschüler des IWF, der die radikalsten ökonomischen Sanierungspolitiken umsetzte. Der Fall Argentinien konnte voraussehen lassen, dass das Imperium der Rezession mit eisernen Fäusten begegnen würde. Wenn man die Ökonomie nicht verfolgt, ist nicht sofort klar, dass es eine direkte Beziehung zwischen den beiden Ereignissen gibt. Auch beim Streit über diesen Krieg sollte man der Ökonomie mehr folgen.
interview und übersetzung: stefania maffeis
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