Burn, Milz, Burn!
Freitag, 2. November 2001, 13.54 Uhr:(dpa) Tests auf Anthrax-Bakterien an einem in Thüringen gefundenen Brief sind positiv ausgefallen. 15.14 Uhr: (dpa) In Schleswig-Holstein gibt es einen Milzbrand-Verdacht. 15.37 Uhr: (AP) Milzbrand ist eine meldepflichtige, infektiöse Krankheit, die bei Tieren vorkommt, aber auch auf den Menschen übertragbar ist . 16.46 Uhr: (dpa) Milzbrand-Verdacht: Der Kanzler erfuhr es in der Luft. 16.49 Uhr: (dpa) Am Abend tagt die so genannte Sicherheitslage im Kanzleramt. 16.57 Uhr: (dpa) Die Polizei hat das Arbeitsamt im südthüringischen Rudolstadt nach einem Milzbrandfall abgesperrt. 18.54 Uhr: (AP) Anthrax-Erreger in Schleswig-Holstein und Thüringen nachgewiesen. 19.00 Uhr: (AP) Die Deutsche Post AG hat nach den ersten deutschen Milzbrandfällen bundesweit mehrere Krisenstäbe eingerichtet. 20.33 Uhr: (AP) In Neumünster ist ein Bürgertelefon eingerichtet worden. 22.49: (Reuters) Tests auf Milzbrand brauchen Zeit. 23.29 Uhr: (dpa) Fehlalarm bei Milzbrand-Verdachtsfällen in Deutschland.
Hiebe ohne Disziplin
Will er nun Kanzlerkandidat der Union werden, oder will er nicht? Der bayerische Ministerpräsident gibt seinen Fans wieder mal Rätsel auf. Denn immerhin hat die CSU in der vergangenen Woche Wolfgang Schäuble als einen möglichen Kandidaten ins Gespräch und die CDU-Vorsitzende Angela Merkel damit zur Weißglut gebracht.
Am vergangenen Samstag, auf dem Landesparteitag der nordrhein-westfälischen CDU in Hagen, beschwerte sich Merkel darüber, dass jedes Mal, wenn die CDU wieder halbwegs im Sattel sitze, »so ein kleiner Hieb von hinten aus den bayerischen Wäldern« komme. Sinnlose Debatten würden die Partei gefährden, sagte sie und forderte uneingeschränkte Unterstützung für die Führungsspitze der CDU.
Doch auch die Spitze der baden-württembergischen CDU hat sich in der vergangenen Woche mehrheitlich gegen eine Kanzlerkandidatur Merkels ausgesprochen. Der CDU-Bundestagsabgeordnete Rupert Scholz sagte, Schäuble habe die Qualitäten eines Kanzlerkandidaten. Der Thüringer CDU-Vorsitzende Dieter Althaus findet es hingegen »disziplinlos, immer wieder neue Namen ins Spiel zu bringen«. Wir finden: Es ist nicht nur disziplinlos, sondern auch unzuverlässig, unsauber, unordentlich, unehrlich und momentan sogar unpünktlich.
Kandidat XY
Dabei hat sich Stoiber gerade in der vergangenen Woche selbst noch einmal eindringlich als Kanzlerkandidat ins Gespräch gebracht: als Kandidat der einen Hälfte der Bevölkerung - die mit den XY-Chromosomen. Den weiblichen Teil der Wählerschaft dürfte er verstört haben, als er Schilys Plan für ein Zuwanderungskonzept kommentierte. Der Plan sieht vor, dass Menschen, die in ihrem Herkunftsland wegen ihres Geschlechts verfolgt werden, in Zukunft in Deutschland zwar kein Asyl, aber einen gesicherten Aufenthaltsstatus erhalten sollen. Stoiber meinte dazu: »Das ist ein Einfallstor für alle benachteiligten Frauen dieser Welt.«
Den Wählern mit den XY-Chromosomen, die von Gleichberechtigung ungefähr so viel halten wie von der multikulturellen Gesellschaft oder der Homoehe, dürfte Stoiber damit aus der Seele gesprochen haben. Wie aber werden die Wählerinnen mit den XX-Chromosomen reagieren? Glaubt Stoiber tatsächlich, sie werden ihr X bei ihm machen?
Kandidat ohne Verfahren
Auslöser des Kandidatengerangels der vergangenen Woche waren die Berliner Staatsanwälte, die ein Ermittlungsverfahren gegen Wolfgang Schäuble eingestellt haben. Erst dadurch konnte Schäuble überhaupt als Gegenkandidat zu Schröder bei der kommenden Bundestagswahl ins Gespräch gebracht werden.
Anlass für das Verfahren war eine 100 000-Mark-Spende des Waffenhändlers Karlheinz Schreiber an Schäuble gewesen, über deren Umstände Schäuble einerseits und die ehemalige CDU-Schatzmeisterin Brigitte Baumeister andererseits vor dem Untersuchungsausschuss des Bundestages unterschiedliche Angaben gemacht hatten. Wer von beiden die Wahrheit gesagt habe, lasse sich nicht mehr klären, so die Staatsanwälte. Das Verfahren wurde wegen mangelnden Tatverdachts eingestellt. Völlig zurecht, denn was kann die Justiz schon ausrichten, wenn sie die Wahrheit nicht kennt?
Marx, Selbstmord und bin Laden
In seinem Koffer befanden sich nach eigenem Bekunden schmutzige Unterhosen, Hemden, Magazine, Bücher und Zeitungen: die Süddeutsche, Herald Tribune und das Times Literary Supplement. Trotzdem konnte der pakistanische Schriftsteller Tariq Ali am 29. Oktober in München nicht sein Flugzeug besteigen.
Nein, er hatte keine Teppichmesser im Handgepäck und auch keine Briefumschläge. Trotzdem wurde er verhaftet. Denn er hatte ein ganz bestimmtes Buch dabei. Es war ein Essay von Karl Marx mit dem Titel »On Suicide« - Über den Selbstmord. Die Polizisten hatten den Titel erspäht, dann den Autor, flugs kombiniert und die Sache war klar. »Nach dem 11. September können Sie nicht mit Büchern wie diesem reisen«, sagte der Polizist zu ihm mit einem triumphierenden Lächeln und führte ihn ab. Der Schriftsteller aber antwortete: »Vielleicht sollten sie diese dann in Deutschland nicht mehr publizieren und besser auf öffentlichen Plätzen verbrennen.« Und das war vielleicht die Antwort der Woche. Auch wenn Tariq Ali sich irrte. Nach einer kurzen Überprüfung durfte er doch noch fliegen. So liberal kann unser Rechtsstaat sein.
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