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Nr. 44/2001 - 24. Oktober 2001
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Save the Witz I

Mit Sicherheitspaketen schmeißen Innenminister aller europäischer Länder momentan nur so um sich, sodass manche schon

die Talibanisierung des Abendlands erkennen wollen. Dumpf und dumm zumindest ist, was sich Großbritannien ausgedacht hat, wo beschlossen wurde, Witze über Religionen künftig zu verbieten. Das Gesetz, das als Reaktion auf die Anschläge vom 11. September auf den Weg gebracht werden soll, versteht sich als Präventivmaßnahme. Vorgebeugt werden soll Aufrufen zum Religionshass. Zwar machen Religionsfanatiker eher selten Witze, aber die britische Security meint es offenbar ernst mit der Gesetzesidee. Öffentliches Witzeerzählen über Gott, Allah und die anderen kann schlimmstenfalls Knast bedeuten.

Keine Repression ohne Widerstandsbewegung. Die formiert sich gerade unter britischen Komikern. Mr.Bean-Darsteller Rowan Atkinson, eigentlich ein Mann, der äußerst selten den Mund aufmacht, und wenn doch, dann nur, um Unverständliches zu murmeln, protestierte mit einem in der Times veröffentlichten Brief für den Erhalt des Religionswitzes, was ein Sprecher der Regierung mit den Worten beantwortete: »Wir haben nicht vor, uns dabei von Komödianten beraten zu lassen.« Besser wäre es natürlich.



Save the Witz II

Neulich machte ein Mann, der der Einfachheit halber hier mal als Fanatiker definiert wird, obwohl er offiziell dem Beruf des Pressesprechers der Taliban in Pakistan nachgeht, schon mal die Andeutung eines Witzes. Jeder kennt ihn inzwischen, den mürrischen bärtigen Mann mit dem schwarz-glänzenden Turban, dem schwer verständlichen Englisch und der Fielmann-Brille. Auf die Frage eines Journalisten während einer Pressekonferenz in Pakistan, ob die Bin-Laden-Connection etwas mit den in den USA aufgetauchten Anthrax-Briefen zu tun habe, sagte der Pressesprecher der Taliban: »Och, nee, wir wissen ja gar nicht mal, was das überhaupt ist.« Antiimperialismus hin oder her: Wenn die Taliban demnächst bessere Witze machen als die Briten, haben wir Monthy Python-sozialisierten europäischen Fernseh-Junkies tatsächlich ein Problem.



Schützt das Hain-Veilchen

Wenn Sie ständig mit Ihren Gedanken im unwegsamen Afghanistan unterwegs sind, sich dort aber genauso schlecht auskennen wie die US-amerikanischen Bodentruppen und verwirrt und alarmiert und depressiv auf das große Durcheinander reagieren, lesen Sie bitte zur Beruhigung der Nerven diese Nachricht aus Ahrensburg: Die dort ansässige Stiftung zum Schutze gefährdeter Pflanzen hat das Hain-Veilchen zur Blume des Jahres gewählt. Die violette Blume stehe für den bedrohten Lebensraum Waldhecke, sagte Loki Schmidt, die Gründerin der Stiftung. (Falls Sie stark antideutsch eingestellt sind, lesen Sie bitte nicht weiter, das Folgende würde Sie nur aufregen.) In Deutschland wächst das Hain-Veilchen bevorzugt an Waldsäumen, in lichten Wäldern und auf nährstoffarmen Wiesen. Das Hain-Veilchen sei eine »bescheidene Blume«, sagte Frau Schmidt. Mehr unter www.gartenveilchen.de



Halb so schlimm

Sie haben schon hinter sich, was wir vielleicht noch vor uns haben: totale Überwachung, keine Privatsphäre und das Back-to-Basics-Programm mit prekären Sozialleistungen. Aber die »Big Brother«-Probanden sollen das alles einigermaßen gut überstanden haben; schwierig wurde es für sie erst nach der Entlassung aus dem Kontrollcontainer. Das ergab eine Studie von Medienwissenschaftlern der Heinrich-Heine-Universität in Düsseldorf. Von den

38 untersuchten Ex-Insassen hat aber niemand bleibende Schäden zurückbehalten, allerdings hätten Medienrummel und öffentliche Häme nach der Containerzeit an den Nerven gezerrt. Vermisst wurde in dieser Phase eine Nachbetreuung durch die »Big Brother«-Produktion.



Stopp Schläfer

Unauffällig und brandgefährlich, kaum zu stoppen und schwer zu identifizieren: die Schläfer. Für australische Wissenschaftler kein Problem. Sie entwickelten eine Anti-Schläfer-Kappe, die in zwei, drei Jahren einsatzfähig ist, aber keine Terroristen am Crashen von Hochhäusern hindern soll, sondern müde Autofahrer vor dem Einschlafen warnen will. Typisch Zivilgesellschaft? Natürlich nicht, denn neben den Berufskraftfahrern könnte die Kappe demnächst auch den Militärs verpasst werden.



Der letzte Dreck

An mahnenden Worten deutscher Intellektueller mangelt es derzeit nicht. Die US-Politik erinnere ihn an die Kanonenboot-Politik Wilhelms II, erklärte Martin Walser in der vergangenen Woche. Statt weiter im »Unisono-Chor der Betroffenheit« zu sprechen, sei es an der Zeit, »sich zu beruhigen und nachzudenken«. Die Mahnung gilt allerdings nur für die USA. Wer hingegen das selbstbewusste Deutschland kritisiert, muss mit Handgreiflichkeiten rechnen. Mit den Worten »du bist der letzte Dreck« drängte Walser bei seiner Lesung im Berliner Ensemble am Sonntag eine Besucherin aus dem Saal. Sie hatte, gemeinsam mit anderen Demonstranten, gegen Walsers Rede von der »Auschwitzkeule« protestiert.

Auch Günter Grass will die USA kritisieren, darf es aber nicht. In Deutschland werde alles mit der »Keule des Antiamerikanismus« erschlagen, klagte er der Welt am Sonntag. Zuvor war Grass vom Präsidenten des Zentralrats der Juden in Deutschland, Paul Spiegel, scharf angegriffen worden. Der Schriftsteller zähle zur Reihe der nichtjüdischen Intellektuellen in Deutschland, die die staatliche Existenz Israels in Frage zu stellen suchten. Grass hatte in der vergangenen Woche der israelische Regierung »kriminelle Handlungen« wegen ihrer Palästina-Politik vorgeworfen.



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