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Nr. 44/2001 - 24. Oktober 2001
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Reif für die Insel

Für Napoleon und Korsika

In der Debatte um den Autonomiestatus verbünden sich korsische Nationalisten mit neoliberalen Politikern. Von Bernhard Schmid

Deutlicher kann man die Ziele einer so genannten nationalen Befreiungsbewegung wohl kaum negieren: Zum wiederholten Male sprachen sich kürzlich in einer repräsentativen Umfrage über 80 Prozent der korsischen Bevölkerung gegen die Unabhängigkeit der Insel aus. Zugleich stimmte die Hälfte der Befragten auf dem französischen Festland für die Unabhängigkeit der Insel. Misst man sie an ihrem eigenen politischen Anspruch, so lassen sich diese Ergebnisse nur als das völlige Scheitern einer Bewegung interpretieren, die einmal vorgab, antikolonial und emanzipatorisch zu sein.

Korsika steht im Mittelpunkt einer weitgehend ideologisch aufgeladenen Debatte. Spätestens, seitdem der französische Staat und eine Mehrheit im Inselparlament in Ajaccio im Juli 2000 ein Abkommen schlossen, das die Voraussetzungen für einen bis zum Jahr 2004 zu erreichenden Autonomiestatus der Insel festlegte, tobt der innenpolitische Glaubenskrieg (Jungle World, 34/ 00 und 22/01).

Auf der einen Seite stehen die regierende Sozialdemokratie sowie ein bedeutender Teil des liberal-konservativen Blocks. Für sie stellt das Korsika-Abkommen ein pragmatisches Mittel dar, um die Mittelmeerinsel endlich zu befrieden, nachdem sie die Republik 25 Jahre lang mit Bombenanschlägen und den Heldenritualen kapuzentragender Kämpfer in Atem gehalten hat. Auf der anderen Seite stehen die Verfechter einer national-republikanischen Linie um den ehemaligen Innenminister Jean-Pierre Chevènement sowie die autoritären Nationalpopulisten um Charles Pasqua.

Auch ein Teil der Neogaullisten des RPR (Rassemblement pour la République) zählt zu dieser Strömung. Zwar opponiert der etatistisch-nationalistische Teil des RPR gegen die Korsika-Pläne der Regierung, doch der liberale und wirtschaftsfreundliche Flügel der Partei um den ehemaligen Generalsekretär Nicolas Sarkozy und den ehemaligen Premierminister Edouard Balladur steht den Plänen sehr aufgeschlossen gegenüber. Die Gegner werfen den derzeit tonangebenden Teilen der politischen Klasse den Ausverkauf des republikanischen Modells vor.


Bruch mit der Republik?

Tatsächlich ist das bisherige gesellschaftliche Ordnungsmodell Frankreichs, das unter der Dritten Republik (1875 bis 1940) geschaffen wurde und an die revolutionären Errungenschaften der Jahre zwischen 1789 und 1794 anknüpft, schweren Krisen ausgesetzt. Die Etablierung eines europäischen Wirtschaftsblocks, in dem Deutschland eine führende Rolle einnimmt, und der Transfer klassischer staatlicher Hoheitsaufgaben wie der Währungspolitik nach Brüssel oder Frankfurt spielen dabei eine wichtige Rolle. Zugleich bilden sich in Europa Wirtschaftszentren unterhalb der nationalstaatlichen Ebene heraus.

Die Debatte um einen Sonderstatus für Korsika ist ein Teil dieser Entwicklung, auch wenn die Bedeutung möglicherweise mehr symbolischer Art ist. Schließlich besitzt die Insel nur ein geringes materielles Gewicht in der französischen und europäischen Ökonomie. In Frankreich klaffen das ökonomische und das politische Zentrum nicht so sehr auseinander wie etwa in Italien, wo die nördlichen Wirtschaftsmetropolen die zentrale Region um die Hauptstadt Rom weit hinter sich gelassen haben. Die Interessen der französischen Eliten an einer Zerschlagung der zentralstaatlichen Strukturen sind daher nicht die gleichen wie in Italien.

Aber nicht nur der französische Präsidentschaftskandidat und radikale Wirtschaftsliberale Alain Madelin - der bereits im August 2000 forderte, die zukünftige Stellung Korsikas auf sämtliche französischen Regionen zu übertragen und den »jakobinischen Zentralstaat« endlich aufzulösen - betrachtet die Insel gerne als eine Art Laboratorium für die Neukonfigurationen des politisch-ökonomischen Raums. So sicherte der sozialistische Innenminister Daniel Vaillant der liberal-konservativen Opposition im Frühjahr zu, dass nach einer Experimentierphase einige der für Korsika neu definierten Regeln auf alle französischen Regionen ausgedehnt würden.

Insofern kann man die Bedenken der Anhänger des republikanischen Modells nachvollziehen, die sie sich zum Teil auf dessen bürgerlich-revolutionäre Ursprünge - d.h. die Überwindung konfessioneller und feudaler Partikularismen - berufen und die neuere Entwicklung für einen bedenklichen Rückfall hinter die republikanischen Errungenschaften halten.

Diese Sichtweise hat allerdings einen Haken. Wie alle ideologischen Diskurse abstrahiert sie von der materiellen gesellschaftlichen Wirklichkeit. Denn tatsächlich hat es eine Gleichbehandlung der Mittelmeerinsel Korsika mit anderen französischen Regionen nie gegeben. Nicht die bloße Idee, oder gar der Wunsch nach Rückkehr hinter die revolutionären Prinzipien der Jahre 1789 bis 1794, stand am Ausgangspunkt dieser gesellschaftlichen Strömung, es waren materialistisch nachvollziehbare Ursachen. Dazu ist jedoch ein Rückblick auf die Geschichte der Beziehungen zwischen Frankreich und der Mittelmeerinsel erforderlich.


Korsika und Frankreich

Korsika hatte sich mehrere Jahrhunderte hindurch im Besitz italienischer Stadtstaaten befunden, bevor es von der verschuldeten Republik Genua im Vertrag von Versailles 1768 an die französische Monarchie verkauft wurde. Anschließend brach in der Schlacht von Ponto Novo die französische Armee den Widerstand der Inselbewohner. Der dem Denken der Aufklärung verpflichtete korsische Republikaner und liberale Revolutionär Pascal Paoli musste nach der Niederlage ins britische Exil gehen.

Doch mit der französischen Revolution begann eine neue Phase. Die Pariser Revolutionäre riefen Paoli 1790 nach Korsika zurück, die Jakobiner - der radikale Flügel der damaligen bürgerlichen Revolution - versprachen eine gleichberechtigte »Konföderation zwischen dem korsischen und dem französischen Volk«. Dies schloss übrigens für die Jakobiner auch die Idee der Gleichberechtigung der korsischen Sprache neben dem Französischen ein. Aber in den revolutionären Wirren, die von Fraktionskämpfen innerhalb des Bürgertums gezeichnet waren, entschied sich die korsische Republik für die »falsche« Seite.

Es war Napoleon Bonaparte, der, selbst aus Korsika stammend, die Insel erneut und endgültig unter die französische Kontrolle brachte. Er bediente sich dabei brachialer militärischer Mittel, mitunter wurden komplette Dörfer massakriert. Seit dem Beginn des 19. Jahrhunderts stand Korsika unter einem permanenten Ausnahmezustand.

Wenn heute auf Korsika der Zentralismus der Republik als »Jakobinertum« angeprangert und der Begriff des Jacobin in abschätzigem Sinne gebraucht wird, dann geht diese Schuldzuweisung in die Irre. Denn die obrigkeitsstaatliche Unterwerfung der Insel geht nicht auf das Konto der gleichnamigen Strömung in der französischen Revolution, sondern sie erfolgte erst in der nachrevolutionären Epoche unter dem napoleonischen Regime. Doch Napoleon Bonaparte anzuklagen, kommt für die meisten Korsen nicht in Frage. Er gilt auf Korsika nach wie vor als Volksheld, denn er ist die erste so genannte große Figur der Geschichte, die von der Insel stammt. Zahlreiche öffentliche Plätze auf der Insel tragen seinen Namen.


Das Clanwesen

Die folgenden anderthalb Jahrhunderte sind vor allem von zwei Faktoren geprägt: der vernachlässigten ökonomischen Entwicklung der Insel und der Herrschaft der »Clans«. So erhielt die französische Regierung von 1808 bis 1912 die Zollschranken gegenüber der Insel aufrecht, obwohl sie zwei französische Départements umfasste und somit theoretisch ein Bestandteil der »einen und unteilbaren Republik« war.

Die nur in einer Richtung wirksamen Zollschranken behinderten den Export korsischer Waren auf den französischen Markt und favorisierten zugleich den Import französischer Produkte auf die Insel. Bis ins frühe 20. Jahrhundert unterhielt das Festland beinahe koloniale Wirtschaftsbeziehungen zu der Insel.

Gleichzeitig zwang die Pariser Politik viele junge Korsen zur Auswanderung, denn Frankreich schloss 1780 die korsische Universität in Corte, die erst im Jahr 1975 wieder eröffnet wurde. Das Ziel war, die jungen korsischen Generationen als Rekrutierungspotenzial für die Armee und die Kolonialverwaltung in »Übersee« zu nutzen. Tatsächlich bildeten die Korsen bis in die zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts das Rückgrat des französischen Militärapparats und des Kolonialismus. Die korsische Krise spitzte sich ab 1962 mit dem französischen Rückzug aus Algerien und der Rückkehr der Siedler auf die Mittelmeerinsel zu.

Die Rekrutierungspolitik wurde abgestützt von der Herrschaft der Clans, die auf der Insel den verlängerten Arm der französischen staatlichen Herrschaft bildeten. Die korsische Gesellschaft war lange Zeit, und ist es teilweise noch heute, von Clanstrukturen geprägt.

Die Französische Republik, deren offizieller Diskurs eines staatsbürgerlichen Universalismus dieser Politik diametral widerspricht, hat jedoch die Clanstrukturen über eine lange Zeit für die politische Kontrolle der Insel genutzt. So stellen die Ableger der französischen politischen Parteien auf der Insel im Wesentlichen keine Ideen- oder Interessenvertretungen im modernen Sinne dar, sondern sie sind lediglich die Verkleidungen der dominierenden Clans.

Heute sind die zwei größten »klassischen« Parteien auf der Insel, die Gaullisten und die linksliberale Radikale Partei PRG, nach wie vor von Clanstrukturen geprägt. Hingegen haben sich die Kommunistische Partei und die auf Korsika außerordentlich schwache Sozialdemokratie inzwischen zu politischen Parteien im modernen Sinne entwickelt.

Die Clans verteilten die »Wohltaten« des französischen Staates, der sich damit eine relative Ruhe auf der Insel gesichert hat: Sozialhilfe, Pensionen und Invalidenrenten sowie meist faule Kredite für die Landwirtschaft, aber auch staatliche Arbeitsplätze.


Korsischer Nationalismus

Als Reaktion auf diese Herrschaftsstrukturen, die unter dem offiziellen Deckmantel der universalistischen Französischen Republik weiter existierten, formierte sich die zunächst autonomistische, später nationalistische Bewegung. Erste Versuche in den dreißiger Jahren diskreditierten ihre »Sache« über Jahrzehnte, da sie bereit waren, von Benito Mussolini Unterstützung anzunehmen. Mussolini hätte die Insel zu gerne »heim nach Italien« geholt, was die Mehrheit der Inselbevölkerung jedoch entschieden ablehnte. Dem faschistischen Zentralismus in Rom zogen die meisten Korsen denn doch die Republik in Paris vor.

Doch seit 1959 bildeten sich erneut Ansätze einer Autonomiebewegung. Zunächst protestierte man gegen die damals geplante Stilllegung einer der wenigen Eisenbahnstrecken. Der französische Staat antwortete darauf in den folgenden Jahrzehnten ausschließlich mit dem Einsatz seiner Repressionsmittel. Nach den Zusammenstößen von Aléria im August 1975 gründete sich am 5. Mai 1976 der FLNC (Front de libération nationale de la Corse), die »nationale Befreiungsfront Korsikas«, als bewaffnete Organisation.

Vorausgegangen war die Besetzung eines Weinkellers in Aléria, der einem so genannten Pied Noir - einem aus Algerien ausgesiedelten Kolonialfranzosen - gehörte, dem Weinpanscherei vorgeworfen wurde. Dieser Bevölkerungsgruppe hatte die Zentralregierung in den frühen sechziger Jahren oft die besten landwirtschaftlichen Nutzflächen gegeben.

Der damalige Regierungschef Jacques Chirac reagierte hart, 2 000 Polizisten und Soldaten waren im Einsatz, obwohl nur wenige Menschen den Weinkeller besetzt hatten. Der Innenminister Michel Poniatowski musste sich daraufhin von einem gaullistischen Parlamentarier die Frage gefallen lassen, ob er sich bei der Operation noch mitten im Algerienkrieg geglaubt habe. Die Episode zeigt die koloniale Prägung des französischen Staatsapparats, der seine Traditionen auch im Umgang mit den widerspenstigen Regionen im »eigenen« Land fortsetzte.

Bei der Namensgebung des FLNC ist der Bezug auf den FLN, die algerische Unabhängigkeitsbewegung (Front de libération nationale / Nationale Befreiungsfront), unverkennbar. Tatsächlich bediente sich der FLNC eines stark antikolonialen Diskurses. Und er nahm entsprechende Beziehungen zu anderen Bewegungen auf, insbesondere zum FLNKS (Front de libération nationale kanake socialiste) in der französischen Kolonie Neukaledonien.

Doch seine Ideologie war keineswegs nur progressiv, vielmehr bildete der FLNC, als einziger radikaler Gegenpol zur Herrschaft der Clans auf der Mittelmeerinsel, ein Sammelbecken, in dem sich junge Anhänger aller möglichen Ideologien wiederfanden. Denn die Nationalisten bildeten den einzigen dynamischen Gegenpol zur Herrschaft der Clans. Sie lehnen die Clans explizit ab und propagieren statt dessen eine moderne und einheitliche Kategorie des »korsischen Volkes«.

Zu Beginn schlossen sich viele Linksradikale der Bewegung an, insbesondere Maoisten, aber auch Anarchisten, während die Trotzkisten zunächst skeptisch blieben. Doch daneben waren von Anfang an auch Rechte vertreten. Der langjährige FLNC-Chef Pierre Poggioli, der Ende der achtziger Jahre abgesetzt wurde, war zuvor in rechtskonservativen Kreisen aktiv. Der hochrangige FLNC-Kader Alain Orsoni hatte sich an der Universität Nizza zeitweise im neofaschistischen Milieu betätigt.

Das Hauptmerkmal der Bewegung, neben der heterogenen ideologischen Herkunft ihrer Aktivisten, war ihre theoretische Schwäche, die sich zum Teil aus dem Fehlen von politischen Erfahrungen und kollektiven Klassenstrukturen auf der Insel erklärte. An die Stelle inhaltlicher Auseinandersetzungen trat bald der Waffenkult und der Mythos des heroischen Kapuzenträgers. Beides basierte wiederum auf den sozialen Traditionen der Insel, den Clanstrukturen, der Blutrache sowie auf dem Widerstand gegen die verschiedenen Eroberer.

Zudem entwickelte sich eine Mentalität, die die Clangesellschaft hervorgebracht hatte: etwa die Vorliebe zum leicht verdienten »schnellen Geld«. Denn von den Clanstrukturen hatte man gelernt, dass Geld nicht verdient, sondern verteilt wird.

Hinzu kam die Struktur der nationalistischen Bewegung, in der die »militärische« Struktur fast immer die politischen, legalen Vorfeldorganisationen dominierte. Die nationalistischen Parteien wie beispielsweise A Cuncolta indipentista (Sammlung für die Unabhängigkeit), dienten nur als »Schaufenster« für den FLNC.


Konkurrenz der Waffen

Eine der Hauptsorgen aller illegalen und bewaffneten Bewegungen auf der Welt ist die Geld- und Materialbeschaffung. Im FLNC wurde seit den frühen achtziger Jahren diese Beschäftigung zum wichtigsten Anliegen. Die Kontakte aus gemeinsamen Haftzeiten sowie die Notwendigkeit, Waffen zu beschaffen, führten dazu, dass mit der Zeit die Verbindungen ins kriminelle und mafiöse Milieu zunahmen, auch wenn zugleich große Rivalitäten zwischen diesen Gruppen bestanden.

In den neunziger Jahren begannen die Nationalisten schließlich, sich untereinander zu bekämpfen. Der FLNC teilte sich in mehrere Gruppen auf, deren wichtigste der Canal habituel und der Canal historique waren. Der von 1993 bis 1996 dauernde »Bruderkrieg« hat mehr Tote verursacht als die terroristischen Aktionen gegen den Staat. Neun Staatsbeamte starben seit 1975 durch die Hand korsischer Nationalisten, doch über 30 Angehörige der Bewegung wurden in den letzten zehn Jahren von rivalisierenden Nationalisten getötet.

Der am 7. August 2000 erschossene Jean-Michel Rossi, eine Art Chefideologe des FLNC, hatte im Laufe der letzten Jahre diese Strukturen kritisiert. In seinem letzten Interview, das er wenige Tage vor seinem Tod führte, erklärte Rossi unter anderem: »Was die Basis der illegalen Bewegung angeht, so ist das, was sie im Wesentlichen ausmacht, das Fehlen jeglicher Politisierung. Bis auf wenige Ausnahmen besitzen die Aktivisten keinerlei theoretisches Gepäck, ja keinerlei Bildung. Die meisten rekrutieren sich aus einer Art Lumpenproletariat«, das aus Erwerbslosen und einer subproletarischen, arbeitslosen Dorfbevölkerung bestehe. Rossi fuhr fort: »So ist es für die örtlichen Chefs einfach, sich eine unterwürfige Miliz heranzubilden.«

Rossi bildete zusammen mit François Santoni, der anfänglich eher zu den Militaristen des FLNC gehörte, ab Ende der neunziger Jahre eine Art Erneuererfraktion innerhalb des korsischen Nationalismus. Sie sprachen sich öffentlich dafür aus, endlich eine ernst zu nehmende politische Bewegung zu organisieren. Die Gründe dafür sind nicht nur hehrer intellektueller Natur. Während François Santoni von Ende 1996 bis Ende 1998 in Paris wegen eines Erpressungsfalls in Untersuchungshaft saß, hatte ihn sein Führungskollege bei der FLNC-Abspaltung Canal historique, Charles Pieri, innerhalb der Organisation seiner Führungspositionen beraubt. Hinzu kam noch verschärfend, dass Pieri seinem Rivalen dessen Freundin - Marie-Hélène Mattei, die prominete Anwältin aller korsischer Militanten - ausgespannt hatte.

Santoni sah deswegen rot und prangerte öffentlich die »mafiöse Verkommenheit« der Bewegung an. Zugleich gründeten Rossi und Santoni im Juni 1999 eine neue bewaffnete Bewegung, Armata Corsa. Hausdurchsuchungen nach der Ermordung Santonis haben nach Polizeiangaben bewiesen, dass er - in jüngerer Zeit einer der prominentesten Nationalisten - zur Führung von Armata Corsa gehörte. Zugleich soll er an einer Reihe undurchsichtiger, halbmafiöser Geschäfte, vor allem in Afrika, beteiligt gewesen sein. (Jungle World, Nr. 42/01)

Als erster der beiden »Dissidenten« musste Rossi sterben. Er wurde am 7. August 2000 in einer Bar im nordkorsischen L'Ile-Rousse erschossen. Wenige Wochen vor seinem Tod war das gemeinsame Buch »Pour solde de tout compte« (etwa: »Die Abrechnung«) von Rossi und Santoni erschienen. Darin lässt sich als stellenweise amüsante, alles in allem aber niederschmetternde Story nachlesen, wie die nationalistische Bewegung sich im Lauf der Jahre in eine Vielzahl rivalisierender Gangstergruppen auflöste.

Schonungslos stellen die beiden dar, wie sich hinter vermeintlich politischen Spaltungen und Konflikten in Wahrheit alte Familien- und Clankonflikte, Streitigkeiten um die Wahrung der Ehre und persönliche Karrierepläne ohne jegliche ideologische Dimension verbergen.

Auch der selbst ernannte Erneuerer des Nationalismus, Santoni, scheint tief in dubiose Geschäfte verstrickt gewesen zu sein. Was er den anderen Fraktionen des zersplitterten korsischen Nationalismus in den vergangenen Jahren öffentlich vorgeworfen hatte, traf größtenteils auch auf ihn selbst zu.

Armata Corsa konzentrierte ihren Kampf in der Folge darauf, die Verhaftung der Mörder Rossis und ihrer Auftraggeber zu fordern. Diese seien dem französischen Staat bekannt, der sie allein deswegen schütze, weil die Regierung den seit Dezember 1999 begonnen Verhandlungsprozess mit den Nationalisten nicht gefährden wolle. Das behauptete jedenfalls François Santoni, der lautstark seinen Widersacher Charles Pieri sowie Jean-Guy Talamoni, den wichtigsten korsischen Vertreter bei den Verhandlungen mit der Pariser Regierung, beschuldigte. Armata Corsa wird derzeit von den französischen Sicherheitsbehörden als die momentan gefährlichste Organisation in Korsika betrachtet. Sie nimmt nicht am Verhandlungsprozess teil, weil sie seit Ende 1999 innerhalb des korsischen Nationalismus eher am Rande steht - versucht aber, den französischen Staat zu erpressen, damit dieser energischer gegen ihre Widersacher in den Reihen der korsischen Nationalisten vorgehe. Im März 2001 stellte Armata Corsa ein mit Sprengstoff gefülltes Auto im 15. Pariser Bezirk ab, um ihre Forderung nach einer Verhaftung der Verantwortlichen zu unterstreichen.

Am 17. August dieses Jahres wurde François Santoni im südkorsischen Monacia d'Aullène ermordet. In den folgenden Tagen wurden weitere Mitglieder von Armata Corsa bzw. ihrer legalen Vorfeldorganisation Presenza Naziunalam getötet. Um sich nicht Untätigkeit vorwerfen lassen zu müssen, ging die französische Anti-Terror-Justiz den Hinweisen Santonis nach und verhaftete am 22. und 23. September neun Angehörige des Mehrheitsblocks der korsischen Nationalisten. Dabei folgten die Polizei und die Justiz den sehr direkten Hinweisen, die Santoni vor seinem Tod auf die angeblichen Mörder Rossis gegeben hatte.

Doch die vorübergehenden Festnahmen haben nichts ergeben. Santonis Anschuldigungen schienen sich auf bloße Vermutungen zu reduzieren.Die Koalition Corsica Nazione beschloss am 26. September, ihre Unterstützung des Abkommens mit der Pariser Regierung vorerst »auszusetzen«. Das mag Theaterdonner sein, erlaubt den nationalistischen Verhandlungsleitern aber zugleich, sich vor ihrer Basis als radikale Wortführer zu legitimieren.

Die »Erneuerer«-Fraktion Armata Corsa kämpft heute in erster Linie dafür, dass der vermeintliche Kolonialstaat ihre Widersacher in den eigenen Reihen abstraft - drastischer könnte man das Scheitern ihres politischen Projekts nicht zusammenfassen.


Die Strategien des Staates

Seit den frühen neunziger Jahren waren alle Regierungsparteien in Paris zu der Auffassung gelangt, dass es keine Ruhe auf der Insel gebe, wenn man die Nationalisten nicht einbinde. Die Sozialdemokraten versuchten eine erste Annäherung in Form der Dezentralisierungsgesetze von 1982 und des Korsikastatuts des Innenminsters Pierre Joxe von 1991, zweier Maßnahmen, die aber auf der Insel von den Clans in den traditionellen Parteien zu ihren Gunsten genutzt wurden.

Die gaullistische Rechte machte den ersten Schritt hin zu den bewaffneten Nationalisten in der Illegalität. Anfang des Jahres 1996 waren die Verhandlungen bereits weit gediehen. Der Insel sollte der Status eines »Übersee-Territoriums« (vergleichbar mit den französischen Kolonien wie Guyana und Polynesien) mit weitgehenden Vollmachten übertragen werden. Auf einer nächtlichen Pressekonferenz im Januar 1996 in Tralonca sollten die Untergrundnationalisten die Niederlegung ihrer Waffen verkünden.

Doch das nächtliche Spektakel hatte den gegenteiligen Effekt. 600 schwer bewaffnete Kapuzenträger mit modernem Kriegsgerät posierten, in der Nacht vor dem Eintreffen des Innenministers Jean-Louis Debré, vor den Fernsehkamaras und wirkten eher bedrohlich denn Vertrauen einflößend. Der rechte Premierminister Alain Juppé desavouierte seinen Innenminister und ließ den Pakt prompt platzen.

In den folgenden Jahren setzten die Regierungen Juppé und Jospin vor allem auf Repression gegen die bewaffneten Nationalisten. Das steigerte sich noch, nachdem Extremisten im Februar 1998 den Präfekten Claude Erignac - den ranghöchsten Repräsentanten des Staates auf der Insel - auf offener Straße erschossen hatten, was auch den Großteil der Inselbevölkerung gegen die Bewaffneten mobilisierte. Doch ein übereifriger Vertreter der repressiven Linie machte alle Erfolge des Staates zunichte.

Der Präfekt Bernard Bonnet, Nachfolger des ermordeten Erignac, versuchte Korsika mit radikalen Mitteln zu »normalisieren«. Im Kampf gegen die allgegenwärtige Respektlosigkeit vor dem Gesetz - eine auf der Insel weit verbreitete Mentalität - versuchte Bonnet selbstherrlich und autoritär voranzukommen. Selbst weit außerhalb der Legalität handelnd, ließ der Präfekt Bonnet illegal errichtete Holzhütten im April 1999 kurzerhand nächtens abfackeln, was ihn prompt in die Untersuchungshaft brachte.

Bereits zuvor hatte Bonnet die Inselbevölkerung gegen sich aufgebracht, da er ihr kollektiv Untreue gegenüber dem Gesetz und Subversion unterstellte. Das Ergebnis: Die korsischen Nationalisten errangen im März 1999 den größten Erfolg ihrer Geschichte bei den Regionalparlamentswahlen. Im ersten Wahlgang erhielten sie mehr als 23 Prozent der Stimmen.

In der Folge der Bonnet-Affäre suchte die Regierung Jospin einen Ausweg aus den Schwierigkeiten zu finden, die Korsika bisher jeder Regierung in den letzten 25 Jahren bereitet hat, indem sie offene politische Verhandlungen mit den Nationalisten vorschlug. In der Zwischenzeit hatte sich in der korsischen Territorialversammlung eine neue Allianz aus dem rechten »Erneuerer« José Rossi, dem Präsidenten des Inselparlaments - der seit Beginn der neunziger Jahre den Pakt mit den korsischen Nationalisten propagiert hatte - und den nationalistischen Abgeordneten gebildet.

Zu diesem Bündnis gehören auch die Mehrheit der Neogaullisten des RPR um Jean Baggioni, den derzeitigen Chef der Inselregierung, sowie die korsischen RPF-Parteigänger des Rechtspopulisten Charles Pasqua unter Robert Felicciaggi - unbeschadet der patriotischen Rhetorik, mit der die beiden Parteien in Paris gegen das Abkommen wetterten.

Ihre gemeinsame Absicht bestand darin, das auf mehr oder minder mafiöse Art erwirtschaftete Geld künftig in einer Art Freihandelszone in Korsika zu investieren. Dabei handelt es sich um Erlöse der von den Nationalisten eingetriebenen bzw. erpressten »revolutionären Steuer«, sowie um Profite, die mit mafiösen Aktivitäten korsischer Clans auf dem Festland und besonders von den Mitgliedern des Pasqua-Clans mit zwielichtigen Geschäften in Afrika erzielt wurden.


Die Ethno-Lobby

Vor dem Hintergrund des anvisierten Strategiewechsels des französischen Staates auf Korsika machte sich auch der Einfluss des Europäischen Zentrums für Minderheitenfragen (EZM) in Flensburg bemerkbar. Das Zentrum, das 1996/97 gegründet und vor allem von deutschen Politikern gefördert wurde, dient der Förderung regionaler oder ethnisch definierter Minderheiten und so genannter Volksgruppen.

Nach Informationen des Réseau Voltaire - eines Netzwerks kritischer Aktivisten und Journalisten - fand vom 25. bis zum 30. August 1998 in Marieham, Finnland, ein Seminar des EMZ statt. Das harmlos klingende Thema lautete: »Inselregionen und europäische Integration - Ein Vergleich zwischen Korsika und den Aaland-Inseln«. Wie das Réseau Voltaire in einer Publikation erläutert, handelte es sich jedoch tatsächlich um eine »paradiplomatische Initiative Deutschlands und Dänemarks«, die darauf abzielte, in unverdächtigem Rahmen Kontakte zwischen Vertretern der korsischen Nationalisten und des französischen Staates anzubahnen.

Die Pariser Regierung wurde dabei von Ex-Innenminister Pierre Joxe vertreten, aus Korsika waren unter anderem der nationalistische Anwalt Jean-Guy Talamoni (der spätere Führer der Verhandlungen mit der Regierung Jospin), aber auch der gaullistische RPR-Politiker Paul Giacobbi angereist.

Der Sonntagszeitung JDD, die von der Sache Wind bekam und den Teilnehmer Pierre Joxe befragte, erklärte der ehemalige Innenminister Anfang September 1999, er habe sich nur privat im Urlaub an dem finnischen Ort aufgehalten; er konnte aber nicht erklären, warum der französische Botschafter in Helsinki an seiner Seite war.

Das deutet darauf hin, dass es zu diesem Zeitpunkt um heikle Verhandlungen ging, die damals parallel zur repressiven Politik des französischen Staates auf Korsika eingeleitet wurden. Vermutlich machte das blamable Scheitern der Politik des Präfekten Bonnet, den der damalige Innenminister Chevènement uneingeschränkt unterstützte, den Weg für eine andere Strategie frei.

Diese Episode belegt allerdings nicht die Interpretationen mancher sich als anti-deutsch verstehender Autoren, wonach sich die Entwicklung auf Korsika auf einer gigantischen Verschwörung der Berliner Politik gegen den französischen Staat ableiten lässt. Die französische Korsikapolitik ist in erster Linie nicht aus einem von außen kommenden Komplott, sondern durch die innere Dynamik der gesellschaftlichen Widersprüche vor Ort zu erklären.

Dennoch ist festzuhalten, dass das EMZ zweifelos versuchte, den französischen Staat im Sinne einer ethnischen Regionalisierung des europäischen Raums zu beeinflussen. Insofern kann ein Ergebnis der Autonomieverhandlungen auch als Erfolg des EMZ verbucht werden.


Unpopulärer Befreiungskampf

Nur 14 Prozent der befragten korsischen Einwohner befürworteten in einer Umfrage des CSA-Instituts, die am 11. August von der Pariser Tageszeitung Libération veröffentlicht wurde, die Forderung nach Unabhängigkeit von Frankreich. Drei Prozent sind demnach mit dieser Idee »voll einverstanden«, elf Prozent »mehr oder weniger einverstanden«. Hingegen äußern sich 84 Prozent ablehnend. Dabei handelt es sich nicht um einen vorübergehenden Trend. In allen Umfragen der letzten fünf Jahre lehnten 80 bis 90 Prozent der Befragten die Unabhängigkeit Korsikas ab.

Interessant ist, dass im August 2001 fast 46 Prozent der Festland-Franzosen für die Unabhängigkeit der Mittelmeerinsel waren. Sie scheinen damit sinngemäß dem liberalen Ex-Premierminister Raymond Barre zu folgen, der im Frühjahr 1996 erklärt hatte, man habe die Schnauze voll von den Ansprüchen der Korsen. »Wenn sie ihre Unabhängigkeit wollen, dann sollen sie sie nehmen - und sehen, was sie davon haben«, erklärte er. Schließlich, so eine verbreitete Einstellung, koste die Insel den französischen Staat nur Geld.


Eine vorläufige Bilanz

Das Abkommen zwischen dem französischen Staat und einer Allianz von politischen Kräften auf der Insel, die von den Nationalisten über den ultraliberalen »Erneuerer« José Rossi bis zu Teilen der konservativen Rechten geht, ist zwar im Hinblick auf seine Ziele und seine Funktion als mögliches Experimentierfeld für andere Regionen bedenklich. Doch bei dem Abkommen handelt es sich nicht um eine Kapitulation des französischen Staates vor einem übermächtigen korsischen Nationalismus, wie das vor allem die Anhänger Chevènements und Pasquas glauben machen wollen.

Die korsischen Nationalisten befinden sich vielmehr in einer strategischen Schwächeposition, zumal ihr eigenes politisches Projekt restlos gescheitert ist. Sie wurden von den negativen Zügen des bestehenden Clansystems eingeholt, die sie einst zu überwinden antraten. Auf längere Sicht verfügen die Nationalisten, die sich selbst während der neunziger Jahre bis aufs Messer bekämpft haben, über nicht viel mehr als ihre Fähigkeit, einen Störfaktor in der französischen Politik zu bilden.

Nicht zu unterschätzen sind allerdings ihre guten Verbindungen zur EU. Nicht zufällig ist der Anwalt Jean-Guy Talamoni, der Fraktionsvorsitzende der nationalistischen Koalition Corsica Nazione im Regionalparlament von Ajaccio, zugleich Vorsitzender des EU-Ausschusses für europäische Angelegenheiten. In dieser Eigenschaft verhandelt er in Brüssel und Strasbourg über die Zahlungen aus den Strukturhilfefonds an die strukturschwache Region Korsika.

Und nicht zufällig lautete der Titel des im vergangenen Jahr erschienenen Buches Talamonis: »Une ambition européenne pour la Corse« (»Eine europäische Ambition für Korsika«). Das Vorwort hat der Europaparlamentarier und Ex-Präsidentschaftskandidat der Grünen, Alain Lipietz, verfasst. Denn die grüne Partei bleibt begeistert von der Idee eines »Europa der Regionen«, von der sie sich eine progressive Überwindung des Nationalstaats verspricht.

Tatsächlich übernimmt dabei die Ökopartei, ebenso wie die korsischen Nationalisten, lediglich die neoliberale Ideologie, die neben dem klassischen Nationalstaat weitere Regulierungsebenen bürgerlicher Politik - die EU »oberhalb« und regionale Einheiten »unterhalb« der nationalen Ebene - einbeziehen will. Damit sollen bisherige institutionalisierte Kompromisse zwischen den Gesellschaftsklassen unterlaufen oder umgangen und die Standortkonkurrenz soll verschärft werden.

Wenn die korsischen Nationalisten derzeit scheinbar einige ihrer Ziele erreicht haben, dann vor allem deswegen, weil starke konservative und neoliberale Kräfte sie in ein neuartiges Bündnis einbezogen haben. Ihr Ziel ist es, ein Laboratorium für künftige neue gesellschaftliche Regulationsformen zu schaffen, die ohne den ungeliebten »jakobinischen Zentralstaat« auskommen. Deswegen ist dieses Projekt entschieden zu bekämpfen.



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