Schöne Aussicht, schlechte Aussicht
Im brasilianischen Fortaleza wird Stadtentwicklung mit Bulldozern und Militär gegen die Bevölkerung der Favelas durchgesetzt. Einen Plan haben die Planer nicht. von sigurd jennerjahn, fortaleza, mit fotos von anja karen kölling
Wenn man vom höchsten Punkt der Straße Richtung Westen schaut, erblickt man die modernen Hochhäuser in den Vierteln der gehobenen Mittelschicht. Weiter hinten einige der besseren Touristenhotels und ab und zu zwischen den Häusern auch einen Streifen des Meeres. Schaut man in die andere Richtung, wird die Sicht auf den nahen Atlantik durch nichts verstellt. Linker Hand, am Fuße des Hügels, eine Ansammlung großer Öltanks und dahinter die Hafenanlagen. In unmittelbarer Nähe von uns, auf dem Hügel, der neue Leuchtturm der Stadt. Wir befinden uns mitten in einer Favela in Fortaleza, der Hauptstadt des nordostbrasilianischen Bundesstaates Ceará. Favelas sind jene städtischen Armenviertel, die ihre Ursprünge oft in Landbesetzungen haben und die sich danach in ihrer Entwicklung, von staatlichen Stellen weitgehend ignoriert, selbst überlassen bleiben.
Heute macht alles einen friedlichen Eindruck. Vor einer Hütte, in der eine Kneipe eingerichtet ist, trinken einige Jugendliche Bier, während sie auf einem abgewetzten Tisch Billard spielen. Es ist ruhig, denn in der Mittagshitze halten sich nicht allzu viele Leute in der Sonne auf. Wäre nicht die große Armut der Menschen hier, fast könnte man den Ort idyllisch nennen.
Vor gut einem halben Jahr, Anfang Februar, sah es hier ganz anders aus. Auf Anordnung der Landesregierung rückten am 31. Januar Bulldozer an, die, geschützt von einem stattlichen Polizeiaufgebot, sich daranmachten, die hier stehenden Hütten zu planieren und so die Besetzung des Geländes zu beenden.
Drei Tage lang dauert die Verwüstungsaktion. Die Militärpolizei jagt die Menschen aus ihren Häuschen und die schweren Baufahrzeuge reißen sie ohne Probleme ein. Die meisten können Möbel und andere Habseligkeiten noch retten. Aber einige haben weniger Glück. Denn die Hütten, in denen die Polizei niemanden antrifft, werden rücksichtslos mit allem, was sich darin befindet, demoliert. Eine Frau droht verzweifelt, eher sich selbst und ihre Hütte anzuzünden, als tatenlos zuzusehen, wie ihr alles zerstört wird. Versammlungen werden abgehalten, bisweilen entbrennen hitzige Wortgefechte, und insbesondere bei Einbruch der Dunkelheit kommt es auch zu vereinzelten Zusammenstößen mit der Polizei. Die greift dabei erbarmungslos durch, setzt Schlagstock und Gummigeschosse ein, um die Menge auseinanderzutreiben. Alles in allem aber regt sich nur verhaltener Widerstand. Zu groß ist das Missverhältnis der Kräfte. Auch ist man es gewöhnt, dass so mit einem umgesprungen wird.
Auf das Angebot aber, ihn vorübergehend auf einem entlegenen Territorium am Stadtrand unterzubringen, geht niemand freiwillig ein, und die wenigen, die letzten Endes doch dort abgesetzt werden, berichten, dort habe es rein gar nichts gegeben, was für die Unterbringung von Hunderten von Familien nötig gewesen wäre. Die, die das Dach über dem Kopf verloren haben, bevorzugen es, bei Verwandten oder in benachbarten Favelas um Aufnahme zu bitten.
Die einstweilige Verfügung eines Gerichts stoppt dann am 3. Februar die Bulldozer - zumindest bis auf weiteres. Zu diesem Zeitpunkt aber ist schon ein erheblicher Teil der 700 Familien, die Anfang Februar hier wohnen, obdachlos geworden. Einige haben alles verloren. Viele haben aber einen Großteil ihrer Habe vor der Zerstörung retten können. Möbel, Töpfe und andere Einrichtungsgegenstände stehen jetzt schutzlos unter freiem Himmel. Während ein Teil der Familie sie bewacht, damit nichts wegkommt, durchsucht der Rest die Trümmerhaufen nach noch brauchbaren Brettern, Dachziegeln und Plastikplanen für den Wiederaufbau der Hütten. Zuerst aber bastelt man sich notdürftig einen Schutz vor der Sonne.
Obwohl die Situation weiterhin prekär ist, begreift man das zwischenzeitliche Ende der Räumung als Sieg und gibt der Besetzung fortan den Namen Morro da Vitória. Begründet hatte die Regierung die Räumung damit, dass sie an dieser Stelle Wohnraum für Menschen schaffen wolle, die ebenso bedürftig wie die jetzigen Bewohner seien, im Unterschied zu diesen aber den vorgeschriebenen Prozess von der Feststellung der Bedürftigkeit bis zur Zuweisung eines Wohngebietes durchlaufen hätten. Es lässt sich allerdings nicht übersehen, dass in einer Stadt, die überwiegend vom Tourismus lebt, all jene Gebiete in unmittelbarer Nähe des Meeres für die Immobilienspekulation interessant sind. Armenviertel an Stellen, wo sich auch enorm profitable Projekte hochziehen lassen, stören da nur.
Begonnen hatte die Besetzung des 80 000 Quadratmeter großen Areals in den Dünen im Stadtteil, der den Namen Castelo Encantado, Zauberschloss, trägt, am 7. August 2000. Binnen sechs Monaten ist die Zahl der hier ansässigen Familien von 700 zum Zeitpunkt der Räumung auf 1 500 angestiegen.
Lidoína Lima da Silva und Lucirene Ferreira de Souza sind nur zwei der Bewohner, aber ihre Geschichten sind exemplarisch für viele. hatte vorher mit ihrem Mann und vier Kindern, von denen das älteste 24 Jahre alt ist, sowie zwei Enkelkindern eine Mietwohnung in Fortaleza bewohnt. Als das Geld für die Miete nicht mehr reichte, sind sie hierher gezogen und wohnen nun zu acht in einer selbst gebauten Hütte. Lidoína ist ebenso arbeitslos wie Lucirene und ein Großteil der Bewohner hier. Lucirene ist vor knapp einem Jahr aus dem Landesinnern gekommen. Sie hat Verwandte hier, lebt aber nur mit ihren beiden Kindern zusammen in einer eigenen Hütte.
Beide Frauen arbeiten in der Kommission, die sich gebildet hat, um die Interessen der Anwohner besser zu vertreten. Ihre große Hoffnung ist im Moment ein mit Unterstützung einer französischen NGO ausgearbeitetes Projekt. Neben der Forderung nach Legalisierung wird den zuständigen Behörden ein genauer Plan zum Bau von Häusern unterbreitet. Den Bewohnern selbst ist bei den Bauarbeiten eine wesentliche Rolle zugedacht.
Wenn Lucirene und Lidoína über die Räumung sprechen, kommt die ganze Wut und Verbitterung wieder hoch. Sie erzählen, was Nachbarn und Freunden widerfahren ist, wer was verloren hat, von der Ohnmacht, zuschauen zu müssen, wie das Wenige, das man besaß, einfach zerstört wird. Neben dem Verlust von Hab und Gut ist es vor allem die erlittene Demütigung, die schwer auf ihnen lastet. Lidoína sagt: »Schreib das in deine Zeitung: Das ist eine sehr, sehr traurige Geschichte für uns alle. Die Regierung behandelt Menschen wie Müll, wie Tiere. Wir existieren nicht in den Augen der Regierung.« Am Tag unseres Gesprächs trägt sie eines jener zu Wahlkampfzeiten von den Kandidaten in großen Mengen verteilten T-Shirts. Ihres zeigt das Konterfei des aktuellen Gouverneurs von Ceará, Tasso Jereissati.
Und selbst wenn die Situation der Ärmsten der Armen ganz oben auf seiner Prioritätenliste stünde, wäre es für den Gouverneur eine höchst diffizile Aufgabe, hier eine Wende zum Besseren herbeizuführen. Nach einer Untersuchung der Fundação Getúlio Vargas ist Ceará der viertärmste Bundesstaat Brasiliens. 55 Prozent der Bevölkerung fristen unterhalb der Armutsgrenze ihr Dasein, d.h. müssen mit weniger als 85 Reais (etwa 42 Euro) im Monat auskommen. Die besonderen Probleme Fortalezas sind ebenfalls erheblich. Es gibt kaum Industrie, und seit der immer noch amtierende Bürgermeister Jura-ci Magalhães 1999 das Instituto de Planejamento do Município aufgelöst hat, findet nicht einmal mehr der Versuch statt, die unterschiedlichen Entwicklungen der Stadt in einer Institution planerisch zu koordinieren.
Gegenwärtig existieren in Fortaleza mehr als 600 Favelas - die Angaben variieren erheblich, je nach den bei der Erfassung zugrunde gelegten Kriterien -, in denen zirka 712 000 Menschen leben, was bei einer Bevölkerungszahl von gut 2,1 Millionen bedeutet, dass ziemlich genau jeder Dritte in einer Favela wohnt.
Eine Organisation, die sich in erster Linie mit diesem brennenden Problem beschäftigt, ist die União das Comunidades da Grande Fortaleza (UCGF). 1979 gegründet, hat sie sich seither erfolgreich an mehr als einhundert Kämpfen, Landbesetzungen oder Widerstandsaktionen gegen die Räumung besetzten Landes, beteiligt. Dabei leistet sie den Betroffenen zum einen juristischen Beistand, indem sie etwa gegen politische Entscheidungen vor Gericht zieht oder die Finanzierung von Anwälten ermöglicht, zum anderen setzt sie auf politischen Widerstand.
Einen der letzten großen Erfolge gab es vor zwei Jahren, als die Umsiedlung von 5 000 Familien verhindert werden konnte. Die Gefahr für die Bewohner der Favela Pirambu ist damit aber keineswegs gebannt. Ungefähr 50 Kilometer außerhalb von Fortaleza, in Pecém, wird zur Zeit ein neuer Hafen gebaut, von dem sich Landes- und Stadtregierung eine ökonomische Aufwertung der ganzen Region erhoffen. Als Folge davon steigt auch das Interesse der Bau- und Immobilienbranche am westlichen Küstenstreifen der Stadt ganz immens. Wo sich bislang einfache Wohngebiete befinden, durchzogen von Favelas wie Pirambu, ist eine neue Verbindungsstraße nach Pecém geplant. Um Platz für Hotels und moderne Bürogebäude zu gewinnen, möchte man die bisherigen Anwohner peu à peu ins Landesinnere umsiedeln. Scheiterte dieses Vorhaben vor zwei Jahren noch am Widerstand der Bewohner und an der mangelnden Koordination zwischen Landes- und Stadtregierung, so wird von der UCGF erwartet, dass noch in diesem Monat ein neuer Anlauf zur Umsiedlung unternommen wird.
Die Pläne dafür hat das Landesparlament jedenfalls letzten Monat abgesegnet. Zwar ist der Widerstand dagegen nach wie vor verbreitet, aber es wird befürchtet, dass die Bereitschaft der Leute, die ihnen gebotene relativ bescheidene Entschädigung zu akzeptieren, unter anderem auch dadurch gewachsen sein könnte, dass die Stadtverwaltung ganz bewusst notwendige Reparaturarbeiten an der Abwasserentsorgung verzögert habe, um auf diese Weise, indem man ihnen das Leben unerträglich macht, die Leute zur Aufgabe ihrer alten Wohnungen zu bewegen.
Das größte Projekt, welches die União das Comunidades in Zusammenarbeit mit der União das Mulheres Cearenses und einer Hand voll kleinerer Gewerkschaften in den letzten Monaten auf die Beine gestellt hat, ist eine Kampagne, die den etwas komplizierten Titel Jornada da Luta para dar um Basta na Vida como Farsa e construir uma Vida de Gente trägt, den man in etwa als »Kampagne für den Kampf, das Leben als Farce zu verabschieden und ein Leben für die Menschen zu gestalten« übersetzen könnte.
Ein Grund dafür, diese Kampagne ins Leben zu rufen, waren die Probleme, die in vielen Gebieten der Stadt durch die ungewöhnlich heftigen Regenfälle im April dieses Jahres verursacht wurden. An einem einzigen Tag wurden damals mehr als 70 000 Menschen im Großraum Fortaleza vorübergehend obdachlos. Die Überschwemmungen beschädigten viele Häuser und Hütten schwer. Überall fehlte es an Baumaterialien. Außerdem herrschten ideale Bedingungen für die Mücke, die das Dengue-Fieber überträgt. Auf Maßnahmen der städtischen Behörden wartete man vielerorts vergeblich. Also wurde der Entschluss gefasst, die verschiedenen Anliegen der Bewohner der Elendsviertel in Protestaktionen zu bündeln.
Am 20. Juni hatte sich dann ein Demonstrationszug zum Rathaus aufgemacht. Mit gut 1 000 Teilnehmern war er zwar nicht gerade gewaltig, aber diese Demonstranten waren gekommen, um bis zur Erfüllung ihrer Forderung zu bleiben. Menschen aus 52 Comunidades errichteten vor dem Sitz der Stadtverwaltung ein Camp und erarbeiteten einen Katalog, in dem die spezifischen Bedürfnisse einer jeden Comunidade aufgelistet waren. Comunidade bedeutet hier etwas Ähnliches wie Favela, betont aber zusätzlich die Zugehörigkeit zu einer Gemeinschaft von Bewohnern eines bestimmten Gebietes. Die Stadtverwaltung solle Baumaterialien zur Verfügung stellen, Lebensmittelpakete verteilen, die Dengue-Mücken bekämpfen und eine bessere medizinische Versorgung gewährleisten. So lauteten die wichtigsten Forderungen.
Die Gespräche mit den Vertretern der Stadtverwaltung zogen sich hin. Auch Vermittlungsversuche der Erzdiözese führten zu keiner wesentlichen Beschleunigung. Die tägliche Routine, die sich mit Programmen für die Kinder, gemeinsamen Mahlzeiten, die aus Spenden aus der Bevölkerung zubereitet wurden, gebildet hatte, wurde dann nach gut zwei Wochen jäh durch das rabiate Eingreifen der Polizei gestört. Sie löste das Camp auf, die Teilnehmer mussten auf dem der Stadtverwaltung schräg gegenüber gelegenen Gelände der Kathedrale Zuflucht suchen. Nach insgesamt 21 Tagen kam man dann schließlich zu einer Einigung. Die Stadtverwaltung billigte den Protestierenden 2 800 cestas básicas zu, jene Lebensmittelsrationen, die von staatlichen Stellen in Notzeiten zur Linderung des Hungers vergeben werden. Zu den übrigen Forderungen wurden weitere Gespräche zugesichert.
Damit alle von den im Laufe der drei Wochen erfassten über 4 000 bedürftigen Familien in den Genuss der Pakete kommen konnten, wurde deren Inhalt halbiert. So erhielt jede registrierte Familie lediglich zwei Kilo Reis, zwei Kilo Bohnen, ein Kilo Maniokmehl, ein Kilo Zucker, ein Liter Öl, eine Packung Milchpulver, eine Packung Kaffee und eine Packung Spaghetti. Wenn man davon eine fünfköpfige Familie zu ernähren hat, reicht das etwa drei bis vier Tage. Sicherlich eine Erleichterung, aber letzten Endes doch eher ein symbolischer Erfolg gegenüber der Stadtverwaltung.
Aber auch der hat seine Bedeutung. Hoffnungen darauf zu setzen, dass der Staat die Probleme der Favelados lösen werde, ist nach Meinung von Claudinho von der UCGF auch völlig verfehlt. Der Staat und die Parteien seien selber am Ende, sagt er. Wenn für die Not leidende Bevölkerung trotzdem noch etwas abfalle, dann sei das zwar willkommen, viel wichtiger sei allerdings, dass man in der Favela lerne, dass es sich lohne, für die eigenen Belange zu kämpfen.
Auch für die Bewohner vom Morro da Vitória zeichnet sich mittlerweile eine Wende zum Besseren ab. Die Landesregierung akzeptierte ihr Projekt und erklärte sich bereit, 400 Häuser bauen zu lassen. Für den Rest der Familien soll ein Gebiet in der Nähe gefunden werden. War die Aussicht von den Dünen am neuen Leuchtturm schon immer schön gewesen, so haben sich nun auch die Aussichten für die, die hier wohnen, verbessert.
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