Jungle World Banner
Nr. 42/2001 - 10. Oktober 2001
Im Archiv suchen:
Inhalt
Inland
Antifa
Euro
Dossier
International
Feuilleton
Heim & Welt
Medien
Sport
Junk Word
Rubriken
Nachrichten
Inland
Nachrichten
Euro
Nachrichten
International
Nachrichten
Feuilleton
Deutsches
Haus
action
Sonstiges
Archiv
Jungle Abos
Impressum
Jungle World in Österreich
Kleinanzeigen
Ausgewählte
Texte und Vorträge
E-Mail
Redaktion
Webmaster

»Zivilisation ist Völkermord«

In Deutschland unterscheidet sich der Ruf nach Frieden nur unwesentlich vom Ruf nach Krieg. von deniz yücel

Der Kreuzzug hat begonnen. Zwar lässt der militärische Gegenschlag auf sich warten, zivilgesellschaftliche Reaktionen aber werden aus fast allen Teilen der westlichen Welt gemeldet. In Großbritannien werden etliche Migranten durch Angriffe verletzt; in Dänemark, Polen und den Niederlanden fliegen Brandsätze auf Moscheen; in Australien fliegen Steine auf einen Bus mit muslimischen Kindern. In den USA kommt es zu zahlreichen Brandstiftungen, Mordversuchen und teilweise pogromartigen Übergriffen, zwei Menschen werden ermordet.

Die grenzüberschreitende Welle rassistischer Pöbeleien, Übergriffe und Anschläge zeigt, wie die Rede vom »Angriff auf die zivilisierte Welt« in weiten Bevölkerungsteilen jener Welt übersetzt wird: als Jagdschein, zumindest aber als Erlaubnis, dem Ressentiment freien Lauf zu lassen.

Wenn ein katholischer Bischof aus der Ostmark sagt, der Islam widerspreche den Menschenrechten, geht es nicht um eine Religionskritik aus universalistischer Perspektive. Wenn Silvio Berlusconi angesichts der »Überlegenheit unserer Zivilisation« dazu aufruft, rückständige »Völker zu okzidentalisieren«, spricht hier kein napoleonischer Geist. Der Klerikal- und der Salonfaschist artikulieren nur ungeniert den ganz gewöhnlichen Rassismus weißer Herrenmenschen.

In Almanya erleben wir eine dramatische Wendung im öffentlichen Reden über die Migranten. Allmählich war man dazu übergegangen, statt »Ausländerrückführung« »Integration« zu fordern. Beides meinte dasselbe: Die Kanaken sollten, wenn sie schon nicht wieder verschwinden, sich so weit anpassen, dass man nicht merkt, dass sie da sind. Plötzlich kippt dieses Leitbild. Der unauffällige, gesetzestreue, hoch qualifizierte Musterkanake wandelt sich zum gemeingefährlichen Schläfer. Integration ist Tarnung, die Bedrohung ist so unkenntlich wie perfide.

Die Polizei hat Hotlines eingerichtet und fordert die deutsche Bevölkerung dazu auf, verdächtige Personen zu melden. Der Eifer der Denunzianten ist überwältigend. In der Frankfurter Rundschau nennt der stellvertretende Leiter des LKA Baden-Württemberg »Anhaltspunkte« für Ermittlungen: »Wer ständig abends Besuch bekomme, wer durchs Treppenhaus schleiche, ohne dass man ihn hört, wer sein Auto um die Ecke parke, so dass man es nicht sieht - der sei verdächtig.«

Auf offener Straße wird Frauen das Kopftuch weggerissen; als Muslime identifizierte Personen werden angespuckt und attackiert; Mitschüler und Lehrer beschimpfen migrantische Kinder als Mörder; religiöse wie säkulare Organisationen und Einzelpersonen erhalten Briefe und Anrufe mit Schmähungen und Drohungen.

Die Lage hierzulande ist mit der in den USA dennoch nicht zu vergleichen. So verzichten US-Stellen bei der Verteilung der Hilfen für die Hinterbliebenen auf einen exakten Datenabgleich. Denn im World Trade Center kamen zahlreiche illegale Einwanderer ums Leben. Niemanden soll die Angst um seinen Aufenthalt davon abhalten, um Unterstützung nachzusuchen. Ein in Deutschland undenkbarer Vorgang.

In den USA betonen Politiker und Kommentatoren sowie die allermeisten muslimischen Organisationen, dass die dort lebenden Muslime und Araber zweifellos zur amerikanischen Nation gehören. Anders in Deutschland, wo man vorzugsweise über Sanktionen gegen Einwanderer spricht. Wie immer ist hier die Migration eine Unterabteilung der Inneren Sicherheit, die Reflexe auf den Anschlag fügen sich ein in das ungebrochene völkische Nationsverständnis.

Dass es hierzulande - trotz der rassistischen Stimmung, die Deutsche und Antideutsche aller Couleur ergreift - bislang nicht zu schweren körperlichen Gewalttaten gekommen ist, liegt daran, dass diejenigen, die gewöhnlich für die Exekution des Volkswillens zuständig sind, die Bekämpfung ihrer größten Feinde für wichtiger halten. Wenn es gegen die Juden und die USA geht, stellen Nazis - und andere Kriegsgegner - ihre Aversion gegen Kanaken zurück und verbrüdern sich mit ihren islamischen Glaubensvettern.

Man dürfe nicht vergessen, hören wir den Sprecher der Deutschen Friedensgesellschaft sagen (Jungle World, 41/01), »dass die USA nicht völlig überraschend Ziel dieser Anschläge geworden sind. Sie haben seit Jahrzehnten mit militärischen und monetären Mitteln Demokratien gestürzt, Diktaturen installiert und Staaten bombardiert.« Es folgen Beispiele: Vietnam, Chile, Nicaragua.

Viele reden so, nicht nur Linke. Und alle vollbringen eine gewaltige ideologische Verdrängungsleistung. Durch diese Aufzählung erscheinen die Terroristen in einem Kontext mit den Vietcong, der Unidad Popular und den Sandinisten. Das faschistische Massaker wird zur jüngsten Etappe des Aufstands der Verdammten dieser Erde rationalisiert. Eine infame Beleidigung der früheren Revolutionäre der Dritten Welt und zugleich eine Umkehrung der Rolle, die die Islamisten, in der verblichenen Weltordnung einnahmen: als antiaufklärerische Hilfstruppen des Imperialismus, als ausführende Schergen der Konterrevolution.

Zwar muss man den 11. September 2001 ins Verhältnis setzen zum 11. September 1973, zum Tag des Putsches gegen Salvador Allende. So leicht wie die meisten Linken den ersten Teil dieser Aufgabe meistern, so sicher scheitern sie beim zweiten, nämlich den fundamentalen Unterschied zwischen beiden Konstellationen zu begreifen. Dabei müsste ein Unterschied zwischen Ché Guevara und Ussama bin Laden sofort auffallen. Man denke etwa an das berühmte Bild Chés mit Knarre und Goethe-Band.

Auf der anderen Seite ist der Kapitalismus als abstraktes Verhältnis zwar nicht mit »dem Staat« zu identifizieren, zugleich ist der Staat eine notwendige Existenzbedingung des Kapitals. Zu den Funktionen des Staates gehört, durch repressive Gewalt und kulturelle Hegemonie den Rahmen für den Verwertungsprozess des Werts zu schaffen. Diese Funktion jedes Staates übernahm auf globaler Ebene in erster Linie die USA, der potenteste kapitalistische Staat.

Der Militärputsch in Chile und all die anderen Fälle, in denen Befreiungsbewegungen in Blut erstickt wurden, sind nicht aus einem vermeintlichen Wesen der USA, sondern aus ihrer Stellung innerhalb der kapitalistischen Weltvergesellschaftung zu erklären. Dabei waren die USA nicht die einzige imperialistische Macht, die in der ganzen Welt Verbrechen beging. Und zumeist vertraten die US-Amerikaner - nicht nur rhetorisch - die westliche Welt: Nach dem Sturz Allendes knallten nicht nur bei ITT, sondern auch bei Hoechst die Champagnerkorken; den ersten Vietnamkrieg führte Frankreich; für die Ermordung Patrice Lumumbas ist Belgien verantwortlich.

Auf der Verdrängung der Verbrechen der europäischen Kolonialmächte beruht auch so manche politische Strategie. So empfiehlt ein Reserve-Think-Tank der Bundesregierung, die Redaktion der Zeitschrift Sozialismus, zur Terrorismusbekämpfung: »Wichtig wäre eine gegenüber den USA eigenständige europäische Initiative. (...) Europa hätte auch die materiellen Voraussetzungen dafür, eine Entwicklungspolitik in Gang zu setzen, die die Lebensverhältnisse in den Ländern der Peripherie verbessert und die Kluft zwischen Nord und Süd vermindert.«

Die Autoren denken wohl wirklich, Verteilungsgerechtigkeit sei allein eine Frage des politischen Willens. Zudem glauben sie - und so geht verkürzte, hier: vulgärkeynesianistische Kapitalismuskritik nahtlos ins Ressentiment über -, ein solcher Wille wäre bei Europäern, nicht jedoch bei US-Amerikanern vorhanden.

Abgesehen von den sozialdemokratischen Ornamenten findet sich die gleiche Zielvorgabe im FAZ-Leitartikel: »Das strategische Denken in globalen Kategorien, das in Amerika gepflegt wird, gilt besonders in Deutschland immer noch als böse Machtpolitik. (...) Europa hatte schon immer Interessen jenseits seiner Grenzen. Jetzt muss es sich darüber verständigen, wie diese zu verfolgen sind.«

Zwar mag sich niemand mit den Taliban anfreunden, um so inniger ergehen Liebesadressen an die Nordallianz, die palästinensischen Selbstmordattentäter und sonstige »gemäßigt islamische« Formationen. Imperiale Interessen, die die deutsche Politik gegenüber den iranischen Mullahs bestimmen, verschmelzen mit dem Trieb, dem Judenstaat an die Gurgel zu gehen.

Der Dissens zwischen wehleidigen Friedensfreuden und lüsternen Kriegstrommlern besteht darin, dass die einen deutsche Interessen und deutschen Wahn nach einem Bruch mit Washington besser aufgehoben sehen, während die anderen auf Seiten der USA einen heißen Krieg gegen die Taliban, innerhalb dieser Allianz aber einen kalten Krieg gegen die USA führen wollen. Die gemeinsame Grundlage ist jene deutsche Ideologie, zu deren Merkmalen der Wunsch nach Homogenität im Innern ebenso zählt wie die Sympathien für identitäre Banden in aller Welt.

In den letzten Tagen fiel es mal wieder dem putzigsten Segment der Volksgemeinschaft zu, diese Ideologie auf eine Formel zu bringen. Die Losung wurde zunächst auf einem Transparent auf einer linken Berliner Anti-Kriegsdemonstration formuliert und war auch das Motto eines autonomen Demoaufrufs in der Provinz. Sie könnte, ja müsste, zum Fronttransparent der neusten deutschen Friedensbewegung avancieren. Sie lautet: »Zivilisation ist Völkermord!«

Kultur statt Zivilisation! Seit zweihundert Jahren marschiert die deutsche Gegenaufklärung unter dieser Losung. Sie bildet den ideologischen Grundkonsens dieser Gesellschaft, neben dem Differenzen wie die zwischen Bellizisten und Pazifisten zweitrangig sind. Eine Losung, der sich die UCK und die Hamas nur allzu gerne anschließen.



Jungle World, Bergmannstraße 68, 10961 Berlin, Germany
Tel. ++ 49-30-61 28 27 31
Fax ++ 49-30-61 8 20 55
E-Mail: redaktion@jungle-world.com