Mudschaheddin des Werts
Die aufklärerische Linke im letzten Stadium der bürgerlichen Vernunft. von robert kurz
Wenn es noch eines Beweises bedurft hätte, dass das Ende des 20. Jahrhunderts mit dem Ende der Modernisierungsgeschichte zusammenfällt, dann würde ihn der fortschreitende intellektuelle Verfall der Linken liefern. Das kritische Bewusstsein verzweifelt an der Kritik, weil es selbst immer schon integraler Bestandteil jener Welt des modernen warenproduzierenden Systems war, die sich nun schubweise aufzulösen beginnt. Es gibt kein neues Stadium kapitalistischer Entwicklung mehr, das noch einmal »fortschrittlich« besetzt werden könnte. Deshalb liegt es anscheinend nahe, sich angesichts einer drohenden Vernichtung der gemeinsamen Geschäftsgrundlagen dem Kapitalismus an den Hals zu werfen. Bei jeder neuen Wende der katastrophischen Entwicklungen und Ereignisse erleben wir auch eine neue Stampede von Restlinken, die zu den gewohnheits- und berufsmäßig massenmörderischen Hütern des Systems überlaufen.
In einer Gemeinschaft des heulenden Elends, wie es sie in Jahrzehnten westlichen Bombenregens auf größere Teile des Planeten nicht gegeben hat, wird nach den barbarischen Kamikaze-Attentaten gegen die USA von der bereits kriegsgestählten rotgrünen Regierungsgang bis zu vor kurzem noch linksradikalen Publikationen eine humane bürgerliche Zivilisation beschworen, die es niemals gegeben hat. Plötzlich gilt es als Obszönität, vom fundamentalistischen Terror der totalitären Ökonomie zu sprechen. Wer die paranoiden Taten von New York und Washington aus den Verhältnissen des vereinheitlichten kapitalistischen Weltsystems erklärt, wird bezichtigt, sie zu rechtfertigen. Die frischgebackenen Zivilisationsretter meinen, Kapitalismuskritik müsse jetzt einstweilen zurückgestellt werden, und setzen den Nato-Stahlhelm auf wie ihre diversen Vorgänger. Jeder Generation ihre Bellizisten.
Das inzwischen bis zur Unerträglichkeit ausgeleierte Muster dieser gemeinsamen ideologischen Weltinterpretation von Aufklärungslinken und offizieller Demokratenvernunft besteht darin, immer wieder die Konstellation des Zweiten Weltkriegs zu repetieren wie eine hängengebliebene CD. Der Grund dafür ist leicht erklärbar. Im Unterschied zum Ersten Weltkrieg, in dem die Raubstaaten der bürgerlichen Anti-Zivilisation sich in einer buchstäblich zerfleischenden Konkurrenz gegenseitig abschlachteten, war der Kampf gegen das Alptraumreich der Nazis der erste und einzige Fall, in dem eine innerkapitalistische Konkurrenzposition praktisch damit zusammenfiel, dem in der Wertvergesellschaftung als solcher angelegten Todestrieb vorübergehend Einhalt zu gebieten. Nur in dieser einmaligen Situation war es notwendig, mit dem Kapitalismus gegen den Kapitalismus zu kämpfen, um die bloße Möglichkeit der Emanzipation zu retten.
Die bürgerliche Vernunft selbst konnte sich weder dieser Konstellation noch deren Singularität bewusst werden. Sie veräußerlichte die Nazis ideologisch zu einer fremden, unvernünftigen, nichtkapitalistischen Monstrosität, der gegenüber »Marktwirtschaft und Demokratie« als das Reich des Guten in der aufklärerischen Tradition erschienen. Dieses Muster wurde seither legitimatorisch auf jede neue Konfliktkonstellation übertragen. In der Geschichte nach 1945 ging es dem bürgerlichen Bewusstsein nur noch darum, das außerdemokratische und außervernünftige »Reich des Bösen« zu definieren. Seitdem der staatskapitalistische Block diesen Part nicht mehr übernehmen kann, müssen in der fortschreitenden Weltkrise seit Anfang der neunziger Jahre immer abenteuerlichere Gestalten zwecks weltdemokratischer Legitimation in die Rolle von »Hitler« schlüpfen: Zuerst mit Saddam Hussein ein abgetakelter Modernisierungsdiktator, dann mit Milosevic der typische Krisenpotentat einer sich auflösenden Nationalökonomie, schließlich mit Ussama bin Laden eine mythisierte Figur der postpolitischen Banden- und Sektenstrukturen in der über den Wert rein negativ hergestellten unmittelbaren Weltgesellschaft.
Konnte das bürgerliche Denken schon in der realen Konstellation des Zweiten Weltkriegs die Nazis nicht als legitime Abkömmlinge seiner eigenen Vernunft begreifen, so muss es bei den bloß noch illusorischen Wiederholungen immer gewaltsamer Unvergleichbares gleichsetzen und so den NS in der Dimension seiner Taten verharmlosen.
Ethno-Nationalismus und religiöser Wahn in den vom Weltmarkt sozialökonomisch verbrannten Regionen sind nicht dasselbe wie die antisemitische Weltanschauung und Rassenlehre der Nazis; auseinanderfallende Zusammenbruchsgesellschaften der Peripherie bilden nicht dieselbe Grundlage wie die gleichgeschaltete Gesellschaft einer auf Weltherrschaft ausgerichteten und dazu befähigten Macht des kapitalistischen Zentrums; und militärische Abenteuer verwilderter Regimes einer gescheiterten »nachholenden Modernisierung« oder gar Selbstmordattentate religiöser Sekten und anderer Irrläufer der globalen Fetischverhältnisse haben nicht dieselbe Qualität wie der Generalangriff des als Industrieweltmacht hochgerüsteten Nazideutschlands auf die Menschheit.
In demselben Maße, wie man die in rascher Folge einander ablösenden Hitler-Stellvertreter in immer abgelegeneren Gegenden des globalen Südens und Ostens lokalisiert, wird das ideologische Konstrukt immer fadenscheiniger. Der vereinigte demokratische Sicherheits- und Ausgrenzungsimperialismus kann in der reif gewordenen Weltkrise den Todestrieb, wie er den Subjekten des Wertverhältnisses inhärent ist, nicht noch einmal auf dem Boden dieses Verhältnisses aufhalten und veräußerlichen wie beim Niederringen der Nazis. Die Reife des kapitalistischen Selbstwiderspruchs zeigt sich auch daran, dass der aus der globalen Krisenkonkurrenz freigesetzte Vernichtungs- und Selbstvernichtungswunsch sich ebenso molekular zerstreut wie die globalisierte Betriebswirtschaft. Deshalb ist es ein vergebliches Unterfangen des kapitalistischen Zentrums, die von ihm selbst erzeugten Zonen des Schreckens »draußen in der Barbarei der dritten Welt« festzubannen und sich selbst frei davon zu halten.
Die Selbstmordattentäter von New York und Washington waren negative Weltbürger und hybride postmoderne Existenzen, die in den USA hätten Karriere machen können. Ihre Geisteshaltung unterscheidet sich nicht wesentlich von derjenigen des Oklahoma-Attentäters oder jenes biederen Schweizers, der zwei Wochen später ein ganzes Kantonatsparlament niedergemetzelt hat. Diese Manifestationen des Todestriebs aus dem Inneren der universellen negativen Weltgesellschaft können nicht mehr als äußere Gegenmacht identifiziert und mit Flottenaufmärschen und Bombenhagel aufgehalten werden.
Weil das Denken der aufklärerischen Linken ebenso in der Zeitschleife der projektiv stets von neuem abgespulten Konstellation des Zweiten Weltkriegs hängen geblieben ist wie die offizielle kapitalistische Ideologie, konnte der in der »Dialektik der Aufklärung« vorgelegte theoretische Versuch nie zu Ende geführt werden. Adorno und Horkheimer hatten, obwohl sie bei ihrer Begründung radikaler Kritik in vieler Hinsicht das aufklärerische Denkmuster noch nicht überwinden konnten, dennoch die theoretische Kraft aufgebracht, den Nationalsozialismus als Resultat dieser Aufklärung selber und nicht als äußerliches »Reich des Bösen« zu begreifen. Gleichzeitig zeigten sie, dass die Entwicklung der gesellschaftlichen Strukturen sowohl im sowjetischen Staatskapitalismus als auch in den westlichen Kernländern Elemente derselben Tendenz enthielt, die in Deutschland zu den Nazis geführt hatte. Weil sie zeitbedingt noch die arbeiterbewegungsmarxistische Verkürzung der Kritik der politischen Ökonomie teilten, sprachen sie dabei von einer »negativen Aufhebung des Kapitalismus« statt von einer Entwicklungsstufe und Erscheinungsform des Kapitalismus selbst.
Die Enkel der kritischen Theorie in der radikalen Linken haben den theoretischen Ansatz der »Dialektik der Aufklärung« nicht weiterentwickelt, sondern verflacht. Während sie eine beweihräuchernde Adorno-Orthodoxie zu pflegen begannen, verfälschten die Adepten den Begriff einer vermeintlichen »negativen Aufhebung des Kapitalismus«, indem sie diese Formel im Gegensatz zu Horkheimer und Adorno ausschließlich auf Nazi-Deutschland bezogen. Damit wurde es möglich, die Frage der Emanzipation vom Wertverhältnis abstrakt für sich in Anspruch zu nehmen, um sie in Wirklichkeit beiseite zu schieben und sich auf einen ewig wiederholten Kampf zusammen mit dem (westlichen) Kapitalismus gegen den (deutschen) angeblich »negativ aufgehobenen Kapitalismus« zu orientieren.
Dieses Konstrukt als linksradikale Variante der gemeinbürgerlichen Nachkriegsideologie bot über seine Protagonisten hinaus für ein linkes Spektrum Anknüpfungspunkte, weil damit auch nach dem Ende des Arbeiterbewegungsmarxismus eine intellektuelle Nische im Rahmen der Wertvergesellschaftung gefunden schien. Dass es sich mit der wirklichen Geschichte nach 1945 nicht im mindesten zusammenreimte, musste es für ein tatsachenresistentes innerideologisches Denken umso anziehender machen. Als radikaloppositionell konnte sich diese Position gegenüber der offiziellen Nato-Vernunft nur dadurch imaginieren, dass sie die Nazi-Rolle in derselben ideologischen Farce auf die vergangene Konstellation des Zweiten Weltkriegs lediglich anders besetzte, nämlich halluzinatorisch mit dem angeblich wiedererwachten altdeutschen Nationalimperialismus eines nach Weltmacht strebenden »Vierten Reiches«.
Den gelernten Analphabeten in der Kritik der politischen Ökonomie ist der Charakter der dritten industriellen Revolution als erscheinende innere Grenze des Systems ebenso entgangen wie der daraus resultierende Prozess der betriebswirtschaftlichen Globalisierung. So konnten sie auch nicht realisieren, dass der nationalimperiale Kampf um territoriale Annexionen gegenstandslos geworden ist. Während sich die kapitalistische Macht unter dem Dach der Pax Americana und in der politisch-militärischen Organisationsstruktur der Nato längst zu einem »ideellen Gesamtimperialismus« formiert hat, der heute mit seiner High-Tech-Militärmaschine die losgelassenen Dämonen seiner eigenen Weltkrise in der Gestalt von Gotteskriegern und Schurkenstaaten nicht in die Flasche zurückprügeln kann, ließ eine verballhornte kritische Theorie in einem miserablen Fantasy-Spiel die BRD als Weltmachtkonkurrenten der USA überall dort aufmarschieren, wo die Bundeswehr real in Kompaniestärke und schwerpunktmäßig mit Sanitätsfahrzeugen agierte.
Die Auseinandersetzung mit der blutsnationalen »deutschen Ideologie« und der antisemitischen Konstitution des deutschen Nationalstaats wurde so ohne jeden ernsthaften realanalytischen Bezug auf die veränderten Weltverhältnisse in einen völlig irrealen Kontext gestellt und damit entwirklicht. Auch die beiden demokratischen Weltordnungskriege der neunziger Jahre nahmen die antideutschen Geisterseher der Weltkriegsepoche ausschließlich durch die Brille ihres anachronistischen Konstrukts wahr.
So wurde der Golf-Krieg gegen den Irak einzig deswegen befürwortet, weil die BRD nicht direkt - sondern nur finanziell - beteiligt war, und daraus die originelle Schlussfolgerung gezogen, die Kohl-Regierung rüste sich unter ideologischer Führung der Friedensbewegung zur Wiederholung von Auschwitz durch ihren Strohmann Saddam Hussein. Auf diese Weise gelang es mit traumwandlerischer Sicherheit, auch die Kritik am tatsächlich aufkeimenden Linksnationalismus, völkischen Denken und klammheimlichen Antisemitismus in der Friedensbewegung grotesk zu entwirklichen. Von der offiziellen demokratischen Version des Hitler-Spiels unterschied sich diese nur noch durch die Betonung des angeblichen deutsch-nationalimperialen Hintermanns.
Umgekehrt genügte die subalterne militärische Beteiligung der BRD im Kosovo-Krieg, um nicht nur plötzlich wieder Kriegsgegnerschaft zu spielen, sondern auch den staatskapitalistischen Mafia-Paten Milosevic zum Friedensstaatsmann gegen den deutschen Imperialismus zu ernennen und ebenso wie diverse Neonazis bierselig die faschistischen Cetniks hochleben zu lassen. Diese völlige Verblendung führte dazu, allen Ernstes den USA vorzuwerfen, sie führten auf der falschen Seite Krieg. Der Höhepunkt dieser verschwörungstheoretischen Ergüsse bestand schließlich darin, in den gottverlassenen Schluchten des südlichen Balkan den strategischen Show Down zwischen der völkischen »Supermacht« Deutschland und den armen, über den Tisch gezogenen, die aufklärerischen Ideale repräsentierenden USA anzusiedeln.
Derart närrische Interpretationsleistungen von sonst intelligenten Leuten rühren aus einer Art Kategorienfehler: Weil sie keinen Begriff der fetischistischen Konstitution von Gesellschaft haben, die stets in blinde Objektivierung und subjektiv-ideologische Repräsentation auseinanderfällt, verwechseln sie die Realität von weiterwirkenden ideologischen Traditionen und Stimmungen mit der anderen, wenngleich damit vermittelten Realität von objektivierten Prozessen auf der Ebene der kapitalistischen Struktur und ihres »automatischen Subjekts«. Das antisemitische Stereotyp im Kopf von deutschen Friedensbewegten wird dann kurzgeschlossen mit dem Strukturprozess des Kapitals und den globalen Kräfteverhältnissen, die Entwicklung der Weltverhältnisse genau verkehrt herum aus »Ideologiebildungen« abgeleitet (und damit die angebliche Ideologiekritik selber in eine Ideologie verwandelt). Hinter dem Denkfehler verbirgt sich ein bestimmter Reflex, nämlich der panische Rückzug auf die kapitalistische Ontologie und deren abgründig verlogene aufklärerische Legitimation, sobald die Lage unübersichtlich und gefährlich wird.
Der zusammen mit der kapitalistischen Weltkrise reif gewordene Realitätsverlust dieses Denkens fand nun Gelegenheit, anhand der Ereignisse des 11. September 2001 seine wahre Natur zu offenbaren. Nur noch nebenbei wird die bisherige Fantasy-Story weitergesponnen, wonach natürlich die islamischen Kamikaze-Terroristen ausführende Organe des deutschen völkischen Nationalimperialismus in seiner Götterschlacht gegen die USA gewesen seien und letztere folglich Hamburg-Harburg samt der dortigen Hochschule als Brutstätte des deutsch-islamischen Terrorismus mit Cruise Missiles dem Erdboden gleich machen müssten.
An dieser Stelle wird das ganze Konstrukt jedoch in seiner Absurdität derart überdehnt, dass es wie eine Seifenblase platzt, um sogleich einer anderen, kaum weniger absurden Version zu weichen: Plötzlich wird uns »der Islam« als die eigentliche Wiederkehr des Nazi-Reiches aufgetischt, der Koran als die neue Lesart von »Mein Kampf« entdeckt, der Kamikaze-Terrorakt mit Auschwitz analog gesetzt; und die antisemitischen Deutschen sehen sich von allein in Frage kommenden Haupttätern zu wankelmütigen Helfershelfern oder gar bloßen Sympathisanten des neuen »Reiches des Bösen« heruntergestuft (wie man den schrillen Erklärungen der Bahamas-Redaktion entnehmen kann). So ganz nebenbei löschen die intellektuellen Amok-Flaneure alle bisherigen Essentials über die Singularität der Nazis und ihres Menschheitsverbrechens von ihrer ideologischen Festplatte. Enzensberger übergipfelnd, der in Saddam Hussein den Wiedergänger Hitlers zu sehen wähnte, hat man nun glücklich die deutsche Geschichte in den Orient expediert.
Dazu passt es, die Ereignisse nicht mehr im Licht der Kapitalismuskritik zu betrachten, sondern im Gegenteil vom Standpunkt eines Abfeierns der kapitalistischen Moderne gegen eine halluzinierte »Vormodernität« des Islamismus, der ungefähr so mittelalterlich ist wie die Propheten der New Economy. In einem übelriechenden Schwall kommt der ganze Herrenmenschen-Rassismus eines Kant oder Hegel und die alte kolonialistische Arroganz zusammen mit dem irrationalen Hass der postmodernen Konsumfetischisten gegen das Phantasma einer ruralen Bedürfnisarmut hoch, um die genuin kapitalistisch-moderne Pest des Antisemitismus in einen imaginären vormodernen Raum zu veräußerlichen. Während man in einem Nebensatz noch vorgibt, von der Modernität des Terrors in der Einen Welt des Kapitals zu wissen, verwandeln sich die per Internet kommunizierenden terroristischen Einser-Studenten in Repräsentanten eines aufständischen globalen »Dorfdeppentums«, dem der Warenfetisch erst noch in die Köpfe gebombt werden müsse.
Die Simulanten der kritischen Theorie entpuppen sich als Mudschaheddin des Werts. Einerseits tun sie so, als wären die Taliban gerade dabei, aus den Bergen Afghanistans im Westen einzumarschieren und ein globales Schreckensreich nach dem Muster der Nazis zu errichten; und als stünden die islamischen Heerscharen mit ihren Krummsäbeln bereits kurz vor Berlin, wird die lächerliche Alternative aufgemacht, wir müssten nun hierzulande dringend eine Entscheidung zwischen der drohenden Herrschaft der Sharia und dem guten alten Kapitalismus treffen, die dann natürlich aufatmend zugunsten des letzteren ausfällt. Die von Wahnvorstellungen getriebenen Terroristen werden plötzlich als dessen eigentliche »Feinde« deklariert, während die abgeklärten jüngsten Nato-Linken sich nicht mehr so sehr als »Feinde des Kapitalismus« fühlen.
Andererseits kommt es so heraus, dass den ungewaschenen Vormodernen, denen der Kapitalismus in Wirklichkeit höchstselbst das Taliban-Regime verpasst und denen er keine schönen Auswahlmöglichkeiten gelassen hat, erst mal kapitalistische Manieren in die Seele geprügelt werden sollen. Man wünscht sich die Wertkritiker, die es jetzt erst recht sein wollen, »nach Afghanistan«, damit sie mal sehen, wie lebensunwert eine Welt ohne TV ist. Den Rest mag die US-Army erledigen.
Während Adorno und Horkheimer in einer Situation, die wirklich eine US-Uniform für die kritische Vernunft erforderte, dennoch die Wurzeln des mörderischen Wahns in der aufklärerischen Ideologie nachwiesen, möchten die über die Aufklärung unaufgeklärten sekundären Dorfdeppen des Warenfetischs in der heutigen Situation, die für die kritische Vernunft alles andere als eine US-Uniform erfordert, ganz platt mit den bürgerlichen Illusionen des 18. Jahrhunderts ihre eigenen Illusionen retten und noch einmal einen Kindergeburtstag jener Aufklärung feiern, die nicht einmal mehr eine stinkende Leiche ist.
Am Ende der Modernisierungsgeschichte fallen Fortschritt und Reaktion, Aufklärung und Gegenaufklärung in der zerbrechenden gemeinsamen Form der Wertvergesellschaftung unmittelbar zusammen. Und es erweist sich, dass »pursuit of happiness« nie etwas anderes gemeint hat als die Erlaubnis, in der kapitalistischen Vernichtungskonkurrenz dem Selbsterhaltungstrieb zu frönen, die Kantsche »reine Form apriori« nie etwas anderes als ein Weltvernichtungsprogramm und sein »ewiger Friede« nichts anderes als die Friedhofsruhe einer vom Wert verwüsteten Welt. Das Transzendentalsubjekt studiert in Hamburg-Harburg und anderswo High-Tech und den Koran oder die Bahamas; sein kategorischer Imperativ ist das reale oder intellektuelle Selbstmordattentat.
Mit der Projektion eines angeblich nie in der wunderbaren Modernität angekommenen Islam als Reinkarnation der Nazis ist das linksradikale ideologische Revival der Anti-Hitler-Koalition zwar nicht intelligenter, dafür aber endlich deckungsgleich geworden mit der gemeindemokratischen Version. Ein Unterschied besteht nur noch in der Intensität des von der Verdrängung eigener Widersprüche geprägten Willens zum Losschlagen: Die Position der verkürzten Kritik ist umgeschlagen in die Position von Hardlinern und Huntingtons hoch drei, die dem Westen »Appeasement-Politik« und unverzeihliche Skrupel gegenüber dem gesamtislamischen »Reich des Bösen« vorwerfen. Indem man den Deutschen und der rot-grünen Regierung noch antisemitisch bedingtes Zögern vorwirft, lässt man schon durchblicken, sie könnten sich durch die Bombardierung der moslemischen Slums im Krisenbogen zwischen Indonesien und Mauretanien womöglich von Auschwitz befreien.
Ohne es zuzugeben, ist die angebliche Ideologiekritik auf diese Weise mit dem aktuellen Aggregatzustand der »deutschen Ideologie« durchaus intim geworden. Im Bewusstsein der deutschen völkischen Weltbürger hat sich das Moment des offenen oder versteckten Antisemitismus längst widersprüchlich amalgamiert mit einem antiarabischen Rassismus. Einerseits werden bekanntlich die Deutschen den Juden Auschwitz nie verzeihen (sekundärer Antisemitismus). Weit davon entfernt, deswegen mit irgendeinem Islamismus zu sympathisieren, pflegte andererseits das deutsche Autofahrerbewusstsein schon zu Zeiten der Ölkrise seine Wut auf »die Scheichs«; und es erkennt jetzt in jedem irgendwie orientalisch aussehenden Zeitgenossen einen potenziellen Kehlenaufschlitzer, ohne zu merken, dass es selbst am Rand des Überschnappens steht. Volkes Stimme ist auch gegen »Appeasement«. Am besten die Atombombe drauf, damit die da unten endlich Ruhe geben.
Das eher mittelständische und intellektuelle Bewusstsein von »Marktwirtschaft und Demokratie« dagegen zaudert weniger wegen seiner durchaus vorhandenen antisemitischen Ressentiments, sondern vielmehr aus Angst vor einer unbeherrschbaren Eskalation der Krisenprozesse. Die grausame Wirklichkeit soll sich wieder in einen »Film« zurückverwandeln, den man anschauen kann oder auch nicht; die Realexistenz von Elend, Hass und Todessucht soll ein folkloristisches Studienobjekt für Hauptseminare und ein Gegenstand für Nato-Friedenstruppen bleiben, aber nicht als fliegende Bombe in die eigene Lebenswelt einschlagen. Das weltzerstörende System der Wertverwertung muss um jeden Preis erhalten werden, aber wir haben Verständnis für alle Sorgen und Nöte und »Kulturen«. Die Besinnungslosigkeit selber ist es, die nach »Besonnenheit« ruft.
Was die bellizistischen linken Spätaufklärer absondern, stellt allerdings so ziemlich die dümmste und dumpfeste ideologische Reaktion auf die akut drohende Weltbarbarei dar. Schon in der Vergangenheit hatten sie die Reformulierung der Marxschen Krisentheorie als lästig abgewehrt und überhaupt die konsequente Wertkritik als eine Art »ökonomistisches Spezialistentum« bewusst miss-verstanden, um die eigene theoretische Befangenheit in der Subjektform des Warenfetischs und in der dazugehörigen aufklärerischen Geschichtsmetaphysik unangetastet zu lassen. Jede Kritik an der kapitalistischen Form des Reichtums wurde denunziatorisch mit einer Propaganda für konservativen Konsumverzicht gleichgesetzt. Jetzt holt der dramatische Zerfall der bürgerlichen Subjekt- und Politikform eine schon immer bloß halbe und deshalb unwahre Kritik ein.
Den wenigsten, die auf dieser schiefen Bahn eines Identitätszusammenbruchs mit davongewirbelt werden, ist wohl bewusst, dass sie sich von der Kritik bereits verabschiedet haben. Alle, die jetzt für den Krieg gegen die angeblich »vormodernen, außerkapitalistischen Barbaren« stimmen, werden nie mehr unbefangen gegen die brutalisierte Ausländer- und Asylpolitik des demokratischen Sicherheits- und Ausgrenzungsimperialismus auftreten können.
Für radikale Kritik kommt es jetzt darauf an, sich von der eigenen unreflektierten Angst nicht kriegshetzerisch machen zu lassen. Es war von Anfang an richtig, in den Weltordnungskriegen seit Beginn der neunziger Jahre jede positive Parteinahme zu verweigern. Auch wenn die Möglichkeit einer gesellschaftlichen Wirksamkeit als schwach erscheint, gilt es dennoch, gegen die falschen Alternativen dieser an ihren Selbstwidersprüchen zugrunde gehenden Welt von »Marktwirtschaft und Demokratie« eine eigenständige wertkritische Position zu behaupten und weiterzuentwickeln.
Kritische Vernunft weiß schon längst, dass die Erniedrigten und Beleidigten nicht die besseren Menschen sind und dass das »automatische Subjekt« der Moderne nicht mit seinen persönlichen Repräsentanten verwechselt werden darf. Erst recht, dass es kein Zurück hinter die Waren produzierende Moderne geben kann, sondern nur die Transformation über ihre destruktive Form hinaus. Gerade weil wir Produkte der Aufklärung sind, müssen wir die emanzipatorische Kritik der Aufklärungsideologie angesichts ihrer verheerenden Resultate zu Ende führen. Deshalb: Mitgefühl ohne den Beigeschmack des Ressentiments für alle Opfer; für die unter den Trümmern des World Trade Center begrabene Brokerin ebenso wie für den von Nato-Bomben zerfetzten Namenlosen. Und nicht das kleinste Zugeständnis an dieses System.
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