Der letzte linke Student XIV
Bekämpft den Faschismus!
Der letzte linke Student ist noch immer schockiert. Als die Terroristen in die Hochhäuser von New York geflogen waren, spürte er sofort Wut, Trauer und Entsetzen. Und: Er spürte eine große Angst vor dem Krieg in sich. Mehr noch: Er spürte eine große Angst in ganz Deutschland. Und dachte: Das ist nicht nur schlecht. Denn der letzte linke Student weiß: Immer, auch in höchster Not, muss man dialektisch denken. Also dachte er dialektisch: Wenn Deutschland große Angst hat, dann ist die Zeit reif für die Politik. Weil: Jetzt ahnt die Bevölkerung, wie notwendig Politik ist. Politik erklärt die Welt. Und: hilft sie zu verändern! Zumindest: Wenn man es gut meint.
Daher hat sich der letzte linke Student über die Angst auch gefreut. Und er: hat auch ganz schnell Aufrufe verfasst. »Krieg ist schlimm«, hat der letzte linke Student geschrieben, und »Terror zu Pflugscharen«. Das war mehr ironisch gemeint und natürlich polarisierend. Das hat die Vorsitzende des Asta nicht verstanden, denn sie hat ihn geohrfeigt. »Bist du etwa für Krieg?« hat er gefragt, doch sie hat nicht geantwortet. Der letzte linke Student musste erkennen: Viele haben noch nicht das vollständige politische Bewusstsein entwickelt, um mit solchen Situationen umgehen zu können.
Das hat den letzten linken Studenten ins Grübeln gebracht. Dann: hat der letzte linke Student sich selbst überprüft. Und bemerkt: Er ist sich auch noch nicht ganz klar. Also hat er sich eine Meinung verfertigt. Und die geht so: Es ist schlimm, wenn Unschuldige sterben. Und im Hochhaus in New York waren einige Unschuldige. Im Pentagon sind zwar auch Leute gestorben, aber die sind weniger unschuldig, denn sie arbeiten für die USA. Und die USA: sind imperialistisch und kapitalistisch und kriegerisch. Weil der letzte linke Student gegen den Krieg ist, ist er natürlich auch gegen die USA. Außerdem sind die USA faschistisch, weil: Die sind totalitär. Denn: Sie versuchen die ganze Welt zu durchdringen mit ihrer Ansicht. Und die Ansicht der USA ist: die der Ausbeutung. Wenn also die USA zerstört sind, dann hört die Ausbeutung bald auf, denn die Völker der Welt werden aufstehen und niemand beschützt die anderen Ausbeuter mehr und dann ... Aber das wird jetzt zu kompliziert. Jedenfalls: Die USA sind faschistisch, weil sie andere Meinungen nicht zulassen. Siehe: Vietnam. Oder: woanders. Conclusio: Sie wollen die ganze Welt beherrschen. Dass aber der Faschismus die Interessen des Kapitalismus durchsetzt, das weiß jedes Kind. Wenn jetzt also jemand aufsteht gegen die USA und ihren Angriff auf die Freiheit bekämpft ... Oh, das ist ein so großer Gedanke, dass der letzte linke Student fast erzittert.
Schnell läuft er zum Schreibpult und schreibt ganz hastig ins Goldene Notizbuch. Das schreibt er: »Die USA sind faschistisch wg. d. Kapitalism. Wenn man also den Kapitalism. der USA angreift, dann unternimmt man was gegen ihr faschist. Ganzes. Insofern waren also die Terrrorakte eine quasi anitfaschist. Tat.« Hier hält der letzte linke Student kurz inne. Das Menschliche leuchtet für einen Moment in ihm auf. Er kann es aber katalysieren: »Wenn bei den antifaschist. Attacken Unschuld. sterben, ist das schlimm, aber d. gehört leider zur Logik des antifaschist. Kampfes. Siehe RAF od. Eta und andere Freih.-Bewegungen.«
Jetzt setzt sich der letzte linke Student. Er ist ins Schwitzen gekommen. Und tatsächlich: Der Gedanke ist groß. Groß! Also schreibt der letzte linke Student sofort einen Artikel für die Studentenzeitung. Weil: Wahrheit muss ans Licht. Auch: wenn's weh tut. Und auch wir müssen uns schnell wieder der antiamerikanischen Agitation zuwenden. Weil sonst: hat dieser Anschlag die Dritte Welt und uns am Ende gar nicht gerettet.
jörg sundermeier
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