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Nr. 42/2001 - 10. Oktober 2001
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Sitten und Gebräuche XIV

Der Teewärmer

Frühe Achtziger, Mittwochabend, 20.15 Uhr. Die Erfindung der Spaßgesellschaft stand noch aus, denn Deutschland befand sich im Krieg. Mit seinem »ZDF-Magazin« kämpfte Gerhard Löwenthal, Kurator der World Anti-Communist League, verbissen für die Einheit der westdeutschen Heimatfront. Auf der Agenda immer das gleiche: die Gräueltaten der Roten. Beliebtestes Einsatzgebiet zu jener Zeit: Afghanistan. An Bildmaterial fehlte es selten, denn Löwenthal hatte den Mudschaheddin seinen fähigsten Propagandaoffizier samt Kameramann zur Seite gestellt.

Im Hauptberuf CDU-MdB, streunte der Tübinger Jurist Jürgen Todenhöfer als »Deutscher unter afghanischen Kriegern« zwischen 1980 und 1985 mit der Anhängerschaft der Herren Hekmatiar, Dostam und Massud durchs Land. Stilsicher gekleidet und mit dem letztlich unerfüllbaren Wunsch nach einem typischen Vollbart versehen, überbrachte er der Bevölkerung die frohe Botschaft von der unbedingten Unterstützung des freien Westens. Der Beweis des »außerordentlichen Opfermuts der Afghanen« hätte kaum eindrucksvoller geführt werden können.

Doch auch auf Heimaturlaub fand Todenhöfer keine Ruhe, rastlos widmete er sich seiner Mission. Nicht allein, dass er bereits vor 20 Jahren predigte, was heute die ganze westliche Welt zu wissen glaubt, dass nämlich die Freiheit unserer Zivilisation auf afghanischem Boden verteidigt werden muss. Ihm gebührt zugleich das Urheberrecht auf die Instrumentalisierung der NS-Verbrechen für eine deutsche Interventionspolitik. Seine Äußerung, in Afghanistan finde ein »tägliches Lidice« statt, wird Revisionisten vom Schlage eines Gerhard Löwenthal wohl überfordert haben, Joschka Fischer und Rudolf Scharping aber stuften diese Logik offensichtlich als »voll verwendungsfähig« ein.

Als der Russe schließlich weltweit besiegt war, konnte Todenhöfer beruhigt ins zivile Leben zurückkehren. Er heuerte beim Medienkonzern seines Schulfreunds Hubert Burda an und brachte es schnell zum Vorstandsvize. Doch anders als so viele, die ihre in politischem Engagement gewonnenen Erfahrungen nach 1989 in den Dienst des schnöden Mammons stellten, blieb Todenhöfer seinen Idealen treu. Und so widmet er sich nun der Aufgabe, Afghanistan für die freie Welt zurückzugewinnen. Fieberhaft arbeitet man daran, marktfähige Klone der Burda-Topseller zu produzieren. Schon in wenigen Wochen soll die Testphase in den von der Nordallianz kontrollierten Gebieten anlaufen.

Auf den Erfahrungen aus der befreiten Ostzone aufbauend, setzt man die größten Hoffnungen zunächst auf Super Illu. In den ausgebombten Gebieten dürfte sich auch Das Haus prächtig verkaufen, während Mein schöner Garten wohl noch warten kann. Die Verkaufsaussichten von Frauenzeitschriften wie Freundin oder Elle werden mittelfristig als nicht sehr hoch eingeschätzt, aber mit Meine Familie & Ich wird man auch in diesem Marktsegment einen Fuß in der Tür haben. Die Infoelite wird selbstverständlich Focus lesen, und wenn der König wieder im Land ist, werden sich auch die Investitionen in die Bunte bezahlt machen. Selbst auf dem Tageszeitungsmarkt will man es mit einem Relaunch von Super noch einmal wissen. Gut möglich also, dass ein von den Taliban befreites Afghanistan mit der Neuschöpfung jener Schlagzeile beglückt werden wird, mit der Super Kultstatus erlangte: »Gotteskrieger mit Bierflasche erschlagen - ganz Kandahar freut sich.«

beat sutter



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