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Nr. 42/2001 - 10. Oktober 2001
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Tiefdenker zum Stand der Dinge I

Man hätte es ahnen und die Zeitungen rechtzeitig weglegen können. Die Äußerungen zu den Anschlägen vom 11. September gehen in die nächste Runde. Nachdem die Schnelldenker und Instantanalytiker ihre Statements abgegeben haben, sind nun die Schriftsteller am Zug. Was mag wohl Botho Strauß zu Protokoll geben, fragt man sich - geht die Oberflächenwelt endlich in die Binsen? Bingo! Der Schlag gegen die »Schwurfinger des Kapitals« wird den »leeren Beschleunigungen etwas in die Quere« stellen. Denn »die kuriose Mängelrüge, der Islam habe keine neuen Ideen hervorgebracht (Enzensberger), entspricht einem Zeitgefühl, das vor Innovationen taumelt und die Macht der Tiefenzeit nicht mehr kennt. Die Blindheit der Glaubenskrieger und die metaphysische Blindheit der westlichen Intelligenz scheinen einander auf verhängnisvolle Weise zu bedingen.« Kennen wir das nicht schon von irgendwoher? Alles Teil einer Barbarei? Aber auch für die Antideutschen unter seinen Lesern hat Strauß eine Sentenz: »Wundert es, dass ein Land, das seine Zukunftssorge immer nach seinen Vergangenheitsbelastungen ausgerichtet hat, die sichersten Ausbildungsstätten bot für die Zukunftsarchaiker des Islam?«

Tiefdenker zum Stand der Dinge II

Aber noch jemand darf nicht fehlen, wenn es darum geht, sich zur groß angelegten Zeitdiagnostik aufzuschwingen, der Verteidiger der abendländischen Vernunft, der Nobelpreisträger Günter Grass. Allerdings hört sich das, was er zu vermelden hat, gar nicht so großartig anders an, als das, was Strauß von sich gibt. »Schluss mit der Eventgesellschaft und der Verherrlichung und Ästhetisierung des Schreckens«, soll Grass auf einer Sitzung der Berliner Akademie der Künste ausgerufen haben. Außerdem machte Grass noch einmal darauf aufmerksam, dass Willy Brandt (SPD) und dessen Berichte aus der Nord-Süd-Kommission von einem großen Weitblick gekennzeichnet gewesen seien. Brandt habe schon seinerzeit eine gerechtere Weltordnung gefordert.

Im Grunde ist es ja wirklich schwer zu ertragen, den immer gleichen alten Männern dabei zuzuhören, wie sie immer wieder dasselbe von sich geben. Aber wir gestehen, wir stehen drauf. Wo sich alles ändert, ist man doch froh, ein paar Konstanten behalten zu können. Und Willy Brandt - den mögen wir ja eh.

Tiefdenker zum Stand der Dinge III

Außerdem findet man zwischen all diesen Artikeln, Interviews und Ausrufen auch immer wieder schöne Äußerungen. Etwa in der Welt, die ein Interview mit Salman Rushdie geführt hat. »Ein solches Verbrechen zu entschuldigen, indem man die Politik der US-Regierung dafür verantwortlich macht, heißt, die Grundlage aller Moral zu leugnen: die Verantwortung des Individuums für seine Handlungen.« Das sollte sich der eine oder andere auf die Stirn tätowieren. Aber Rushdie geht noch weiter: »Nicht durch den Krieg, sondern durch die unerschrockene Art unseres Lebens werden wir die Terroristen besiegen«, gegen Fundamentalismus müssten die Menschen auf Dinge setzen wie Literatur, Großmut, Gerechtigkeit, Musik, Schönheit und Liebe. »Das sind unsere Waffen.« Wort auf!

Stände für Tiefdenker

Und während die einen sich noch Gedanken machen und sich zu Wort melden, denkt der Börsenverein des deutschen Buchhandels schon weiter. Wo sich doch jedes Jahr im Herbst alle wichtigen Intellektuellen in Frankfurt treffen und es außerdem die Spatzen von den Dächern pfeifen, dass die Buchmesse als Ort für Vertragsunterzeichnungen immer unwichtiger wird: Warum nicht die Gelegenheit nutzen, die Messe mit einem Zukunftskongress zu erweitern? So was ähnliches, wie die Partys nach Vernissagen, nur für Intellektuelle eben? Ab dem kommenden Jahr wird er stattfinden und sich den großen Fragen unserer Zeit widmen: den Herausforderungen der kulturellen Identitäten durch die Globalisierung, der Gefährdung der Idee der Gleichheit im Zeitalter der Biotechnologie, der Spaltung der Welt durch den digitalen Graben, der die Kluft zwischen reichen und armen Ländern noch vertieft. Die üblichen Verdächtigen spitzen schon die Bleistifte.

Mann gestorben

Tja, wie moderiert man diese Meldung an? Sohn von Ernest Hemingway verstorben? Im falschen Körper geboren, am falschen Ort gestorben? Tatsache ist, dass Gregory Hemingway, der jüngste Sohn des Nobelpreisträgers, in der vergangenen Woche in einem Frauengefängnis in Miami, Florida, das Zeitliche gesegnet hat. Wie er da hinkam? Gregory nannte sich Gloria, war Transvestit und wartete auf die Eröffnung seines Prozesses wegen der Erregung öffentlichen Ärgernisses und wegen Widerstands gegen die Staatsgewalt. Er wurde 69 Jahre alt.

Selige Deutsche

Ein Thema, dem auf diesen Seiten traditionell viel zu wenig Raum gegeben wird, sind die Machenschaften des Vatikan. Dabei gibt es von dort interessante Neuigkeiten zu vermelden: Papst Johannes Paul II. hat in Rom sieben so genannte »Diener Gottes«, unter ihnen zwei Deutsche, selig gesprochen. Bei einem der deutschen Seligen handelt es sich um den aus Nordrhein-Westfalen stammenden katholischen Gewerkschafter Nikolaus Groß, der 1945 von den Nazis hingerichtet wurde. Außerdem sprach der Papst die Münsteraner Ordensschwester Maria Euthymia Üffing selig, die im Zweiten Weltkrieg Kriegsgefangene gepflegt hatte. Tausende von Gläubigen verfolgten die Zeremonie auf dem Petersplatz in Rom.



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